Schemenhaft ragt fast ein Dutzend Kräne aus dem Dunst über der heißen Ebene. Der graue Rohbau aus Beton nordöstlich von Casablanca lässt die marokkanischen Ambitionen erkennen. Das Grand Stade Hassan II. soll das größte Fußballstadion der Welt werden – unter einem schwebenden Dach, das an ein traditionelles Wüstenzelt erinnert. In Marokko träumt man davon, dass 2030 dort 115.000 Zuschauer das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft verfolgen.Marokko ist eine Großbaustelle. Der internationale Flughafen Mohammed V. erhält gerade ein neues Terminal und die Fünf-Millionen-Metropole Casablanca ein neues Eisenbahnnetz. „Al Boraq“, der schnellste Zug Afrikas, wird rechtzeitig bis zur WM von dort bis nach Marrakesch fahren. Richtung Norden rast der „Blitz“, wie der arabische Name übersetzt heißt, mit mehr als 300 Kilometern in der Stunde schon über Rabat bis nach Tanger ans Mittelmeer.Die Strecke führt am neuen Moulay-Hassan-Stadion vorbei. Erst im vergangenen Dezember wurde es zum Anstoß der afrikanischen Fußballmeisterschaft eröffnet. Die Arena ist eines von drei neuen Sportstadien der Hauptstadt, die ein neues Wahrzeichen hat: 250 Meter hoch ist der Mohammed-VI.-Turm. Er erinnert an eine schlanke Rakete. Das höchste Hochhaus Afrikas erhebt sich neben dem Grand Théâtre, für das sich die bekannte Architektin Zaha Hadid von arabischer Kalligrafie inspirieren ließ.Ein trauriger Rekord stellt den Boom in den SchattenDas nordafrikanische Land feiert also seine Superlative in der eigenen Entwicklung. Doch seit Ende Juli stellt ein trauriger Rekord alles andere in den Schatten: Mehr als 70.000 Menschen verließen überstürzt ihre Heimat; Fake News hatten sie in die spanische Exklave Ceuta gelockt. Die meisten von ihnen waren junge Marokkaner. Noch nie flohen so viele Menschen auf einmal aus dem Königreich.Eine Menschenmenge auf einem Berg auf der marokkanischen Grenzseite während des Ansturms auf CeutaAFPIn Spanien gibt es seit dem 30. Juli kein anderes Thema als Ceuta, in Marokko herrschte dagegen bald wieder Schweigen, trotz der 141 Todesopfer. Bis heute kam kein Wort vom König oder vom Regierungschef, nicht einmal der Außenminister äußerte sich öffentlich zu Ceuta. Interviewanfragen internationaler Medien bleiben unbeantwortet. Selbst im müden Wahlkampf spielt die Massenflucht nur eine Nebenrolle. Am 23. September wählt Marokko ein neues Parlament.„Anders als die Proteste der Generation Z vor einem Jahr hat Ceuta in Marokko keine nennenswerten politischen Debatten angestoßen. Fragen der Migration oder Jugend spielen im aktuellen Wahlkampf kaum eine Rolle“, sagt Anja Hoffmann, die in Rabat das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung leitet. Im Herbst 2025 war die Unzufriedenheit der jungen Marokkaner im ganzen Land nicht zu übersehen. Auf Demonstrationen verlangten sie „Krankenhäuser statt Fußballstadien“. Die Generation Z forderte Investitionen in das marode Gesundheits- und Schulsystem statt in teure Prestigeprojekte.Doch vor der Wahl des wenig einflussreichen Parlaments geht es nicht um Ceuta, sondern wieder nur um das Jahr 2030. Wird König Mohammed VI. nach der Wahl eine Art WM-Regierung ernennen, lautet die einzige Frage, die ein wenig Interesse erregt. Als Favorit für den Posten des Regierungschefs gilt Fouzi Lekjaa. Er ist nicht nur Haushaltsminister, sondern auch Präsident des Königlichen Marokkanischen Fußballverbands (FRMF).Verbindungen zu FIFA-Chef InfantinoDer frühere Steuerinspektor mit guten Beziehungen zum FIFA-Präsidenten Gianni Infantino ist der Architekt des marokkanischen Fußballwunders. Marokko wurde Vierter bei der WM 2022, gewann 2026 den Afrika-Cup und erreichte bei der WM 2026 als einzige afrikanische Mannschaft das Viertelfinale. Erst vor wenigen Wochen trat Lekjaa der monarchistisch liberalen PAM-Partei bei. Sie hat gute Chancen, stärkste Kraft im neuen Parlament zu werden.Der Fußballfunktionär Lekjaa soll Marokkos Modernisierung managen und Nachfolger des Milliardärs Aziz Akhannouch werden. Der bisherige Regierungschef ist nach der Königsfamilie einer der wohlhabendsten Marokkaner. Während der Gen-Z-Proteste richtete sich der Zorn der Demonstranten gegen ihn. Akhannouch gehört zu der kleinen Elite, die immer reicher wird, während junge Marokkaner kaum noch ihre Miete zahlen können. In der Ceuta-Krise war er abgetaucht. In Marokko leben drei Millionen junge Menschen, die weder arbeiten noch eine Ausbildung absolvieren. Aber ihre Regierung hat andere Prioritäten und lässt sich auch von europäischer Kritik nicht verunsichern. Zudem unterhält der König beste Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump.Viel mehr als eine WM-Regierung brauche das Land eine „Sozialregierung“, fordert deswegen der Schriftsteller Driss Jaydane. „Eine Regierung, die versteht, dass man, noch bevor man von einer Jugend verlangt, an das Land zu glauben, ihr dafür Gründe geben muss. Gründe, zu bleiben. Gründe, zu arbeiten. Gründe, zu träumen“, schreibt er in seiner Kolumne auf dem Onlineportal „Telquel“. Von einem Gehalt von weniger als 300 Euro im Monat leben zu müssen, signalisiere der jungen Bevölkerung, dass sie austauschbar und wertlos sei.Die Ungeduld der jungen GenerationDoch kritische Stimmen wie die des 1967 in Casablanca geborenen Romanautors sind selten in Marokko. Meist kommen sie in Gastbeiträgen der Onlinemedien zu Wort, wie der des Unternehmers Jamal Belahrach bei „le 360“. Für ihn steht Ceuta für „das Versagen einer marokkanischen Elite, die die tiefgreifende Entwicklung ihrer eigenen Gesellschaft nie wirklich verstehen wollte“. Politiker und Manager seien mit der Verteidigung ihrer eigenen Interessen und Machtspielen beschäftigt, während junge Menschen unter Lebensgefahr in die spanische Exklave flohen. Es sei falsch, diese ungeduldige Generation auf ein Problem der öffentlichen Ordnung zu reduzieren, denn sie seien das eigentliche Kapital des Landes.Marokko entwickelt sich in mehreren Geschwindigkeiten. Die Wirtschaft wächst mit fünf Prozent. Das Zentrum der Hauptstadt Rabat erinnert mit seinen Fünf-Sterne-Hotels, vollen Restaurants und Luxus-Residenzen an die Golfstaaten. Am Straßenrand weisen Männer in schäbigen Kleidern die schweren SUVs und großen Limousinen für ein Trinkgeld in die wenigen Parklücken ein. Nicht weit von den Boutiquen entfernt bieten alte Frauen in den schmalen Gassen der Kasbah Minzblätter und Gemüse zum Verkauf an.Menschen wie sie werden aus den glitzernden Zentren verdrängt. In Casablanca wie in Rabat verschwinden ärmere Stadtviertel, wie Océan am Atlantik, der Rand der Medina von Rabat und weiter draußen in Yacoub El Mansour. Fast 10.000 Gebäude wurden abgerissen und etwa 13.000 Familien umgesiedelt.An der Küste ein Schwellen-, im Landesinnern ein EntwicklungslandNur wenige Dutzend Kilometer von den boomenden Ballungsräumen entfernt beginnt eine andere Welt. An der Küste ist das Schwellenland Marokko eine der dynamischsten Volkswirtschaften Afrikas, im Landesinnern aber ein Entwicklungsland. Dort fehlen ausgebaute Straßen, Schulen und Krankenhäuser. Die meisten Einwohner leben von der Landwirtschaft, der zunehmende Trockenheit und hohe Temperaturen immer mehr zusetzen. Rund 100.000 Arbeitsplätze gehen jedes Jahr durch die Folgen des Klimawandels verloren.Die Autofabriken bei Tanger und Casablanca wachsen hingegen nicht schnell genug, um das mit neuen Stellen auszugleichen. Mehr als eine Million Fahrzeuge produzierte Marokko im vergangenen Jahr. Aber auch in Nordafrika machen Roboter den Menschen Konkurrenz. Und die Einstiegsgehälter in der Automobilindustrie sind oft nicht viel höher als der monatliche Mindestlohn von 320 Euro – in Spanien ist er fast vier Mal so hoch. In Marokko reicht der Mindestlohn oft nicht einmal für eine Monatsmiete.„Nur wenige profitieren von dem Wachstum. Selbst junge Angehörige aus der Mittelschicht kommen mit dem, was sie verdienen, nicht über die Runden. Es ist eine gut ausgebildete, aber perspektivlose Generation entstanden“, sagt Anja Hoffmann von der Böll-Stiftung in Rabat. Mit dem Fortschritt und besserer Ausbildung sind auch die Erwartungen an einen Lebensstandard gewachsen, bisher ging es immer aufwärts. Doch die soziale Mobilität ist ins Stocken geraten. Einige sprechen schon frustriert von einem Kastensystem. „Ohne die Kontakte der Familie geht es kaum: beim Studium, bei guten Arbeitsplätzen und im Krankheitsfall. Nepotismus ist weit verbreitet, Korruption endemisch“, beobachtet Hoffmann.Wer kann, wandert legal ausBis zu 40 Prozent der jungen Marokkaner mit einem höheren Bildungsabschluss sind arbeitslos. Vielen macht eine dramatische „Unterauslastung“ zu schaffen, wie es der jüngste Arbeitsmarktbericht dokumentiert: Fast jeder zweite junge Marokkaner ist demnach arbeitslos, in instabiler Teilzeit oder überlebt mehr schlecht als recht am Rand des Arbeitsmarktes. Mehr als 70 Prozent aller Marokkaner arbeiten in der informellen Schattenwirtschaft. Wer kann, wandert legal aus. Ärzte und Pfleger zieht es ins französischsprachige Frankreich, nach Kanada und nach Deutschland.Nach den Jugendprotesten hat der Staat neue Krankenhäuser in Agadir und Rabat gebaut. Aber dort fehlt jetzt das Fachpersonal. Trotzdem sind die Proteste seit dem vergangenen Herbst verstummt. Mehr als 5000 Menschen seien nach den Demonstrationen festgenommen worden, unter ihnen viele Minderjährige, sagt Hakim Sikouk über das Durchgreifen des Sicherheitsapparats. Noch immer sind laut dem Vorsitzenden der Sektion Rabat der unabhängigen Menschenrechtsorganisation ADHM etwa 700 von ihnen im Gefängnis; einige wurden zu Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren verurteilt.„Es gibt keine kritischen Stimmen mehr in der Öffentlichkeit. Man wollte ihnen eine Lektion erteilen. Danach wagte sich niemand mehr raus. Es folgte die totale Überwachung“, sagt Sikouk. Die Botschaft des Staates ist unmissverständlich und lässt die letzten Freiräume schwinden; auch das trägt dazu bei, dass sie ihrem Land den Rücken kehren. Kritik wird nicht geduldet, das bekam im Juli Mehdi Lyoubi zu spüren. Auf dem Flughafen von Rabat nahmen Beamte den Rapper mit dem Künstlernamen „Mehdi Black Wind“ fest, der die Generation Z unterstützt und in ihren Reihen viele Fans hat. Nach drei Wochen Untersuchungshaft wartet er auf seinen Prozess, ohne zu wissen, ob ihm die Justizbehörden einen seiner Liedtexte oder den Instagram-Post „Fuck you all. Ihr da oben und ihr da unten“ vorwerfen. Er habe eine „Verfassungsinstitution beleidigt“, heißt es bisher nur.Marokkanische Ansprüche auf CeutaDie Menschenrechtler von ADHM haben jede Menge zu tun, obwohl sie selbst mit Restriktionen zu kämpfen haben. Zahlreiche Büros wurden geschlossen, auf der Straße vor dem Sitz der ADHM in Rabat fallen die neuen Überwachungskameras auf. Die Menschenrechtsorganisation setzt sich für den Rapper und die inhaftieren Gen Z-Demonstranten ein – und war in Marokko eine der ersten Organisationen, die sofort nach Ceuta eine „seriöse und unabhängige Untersuchung“ forderte. Erst Anfang September kündigte die Regierung in einer diplomatischen Note eine staatliche Untersuchung an.Während Spanien seit Wochen darüber streitet, ob Regierung und Sicherheitskräfte versagten, kritisierte man in Rabat die schlechte Behandlung der Marokkaner in Ceuta und versucht, vor der Wahl den marokkanischen Nationalismus zu mobilisieren. Zwei Minister bekräftigten die historischen Ansprüche auf die beiden spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla.Doch die Szenen der Massenflucht erregten international großes Aufsehen. Sie passen nicht zu dem Bild eines modernen und erfolgreichen Landes, das die marokkanische Führung vor der WM vermitteln will und das mit dem Finale im neuen Hassan-II.-Stadion in Casablanca besiegelt werden soll. Nun ist auf die marokkanische Großbaustelle ein dunkler Schatten gefallen.Die Weltmeisterschaft richtet Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal aus. Laut Umfragen machen mehr als 90 Prozent der Spanier Marokko für den Ansturm auf Ceuta verantwortlich. Fast so viele wollen von einer gemeinsamen WM mit dem nordafrikanischen Land nichts mehr wissen.