70 000 flohen nach Ceuta. Und noch viel mehr wollen Marokko verlassen. Reise durch ein Land, das seine Jungen verliert.04.09.2026, 05.31 Uhr22 Leseminuten1 Karim: Die Idee im NordenEs ist jetzt vier Jahre her, dass Karim in den Ferien in den Norden von Marokko fuhr und dort ein Gespräch führte, das sein Leben verändern sollte. Karim war 19 und unzufrieden. Er war in Casablanca aufgewachsen, hatte dort gerade das Gymnasium beendet und nun zu studieren begonnen. Jura. Aber wieso er das getan hatte und warum ausgerechnet dieses Fach, wusste er selbst nicht so genau. Sowieso gefiel ihm das Studentenleben nicht. Viele Mitstudenten rauchten, und die Tage an der Universität fühlten sich frei, ja unstrukturiert an. Karim mochte Struktur.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als das Semester endete, beschloss er, einen Roadtrip zu machen, und fuhr übers Land, bis hoch ans Mittelmeer, an die Strände von al-Hoceima und Nador. Dort traf er einen Freund und erzählte ihm von seiner Unlust und davon, dass er nicht gewusst habe, was er mit seinem Leben habe anfangen sollen. Der Freund wusste Rat.«Lerne Deutsch», sagte er zu Karim. «Ich mache das auch. Danach bewerbe ich mich für ein Studium in Deutschland.»Karim fand die Idee nicht besonders realistisch. Er dachte an jenem Tag nicht weiter darüber nach, sondern fuhr zurück in den Süden nach Casablanca zu seinem Sommerjob in einem Fast-Food-Restaurant.«Ich war sehr gelangweilt», sagt Karim, ein inzwischen 24-jähriger Mann mit einem sehr langen, sehr aufrechten Körper. In einem Café in Casablanca erzählt er, der in Wirklichkeit anders heisst, seine Geschichte so knapp und präzise wie jemand, der zwar über Gefühle spricht, diese aber nicht spüren will.«Irgendwann sagte ich mir: Du musst etwas tun, du musst jetzt einfach irgendetwas tun.» Karim erinnerte sich an das Gespräch im Norden und begann zu recherchieren: Wo gibt es Deutschschulen, wie kommt man überhaupt legal nach Deutschland? Er entschied: «Ich gehe auch nach Deutschland, irgendwann.»Wir denken nicht an Menschen wie Karim, wenn in Europa von Migration die Rede ist. Sondern an überfüllte und kenternde Gummiboote. Und seit fünf Wochen an die Bilder von Menschenmassen, die ins Meer steigen und in Ceuta die Grenze umschwimmen, weil es auf Social Media hiess, Europa lasse sie herein. Wissen wir überhaupt, wer da alles kommt – und warum?Die einfachste Erklärung geht so: Im Norden liegt das Land der Träume, im Süden das Elend. Nur: Marokko ist kein Elendsland. Es ist stabil, die Lebenserwartung liegt bei 75 Jahren, extreme Armut betrifft weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Und vor allem: Marokko boomt.Das BIP hat sich in 25 Jahren vervierfacht, immer noch wächst es jedes Jahr um 3 bis 5 Prozent. Und Marokko hat sich verwandelt und modernisiert. Die Regierung hat Autobahnen gebaut, Hochgeschwindigkeitszüge, riesige Häfen und ganze Stadtviertel neu errichtet.Trotzdem sagen – je nach Umfrage – 40 bis 70 Prozent aller marokkanischen Jugendlichen: Wir wollen weg. Auswandern. Nach Europa, in die USA. Einfach weg von Marokko. Sogar Menschen wie Karim, die kein elendes Leben führten. Wie kann das sein?2 Der glücklichste FlüchtlingEin kleiner Teil von Tanger Med, dem grössten Containerhafen Afrikas und des Mittelmeers, im Norden Marokkos.Ganz im Norden Marokkos hat der König seinem Volk ein Tor zur Welt bauen lassen. Einen Hafen, so gross wie sonst keiner im Mittelmeer und keiner in Afrika. Vier Kilometer Hafenkräne, Containerterminals, 300 Hektaren voll Öl- und Gastanks. Lager- und Fabrikhallen. Eine richtige Hafenstadt, einfach ohne Stadt, nur Hafen. Und natürlich Rampen, die auf Fähren führen, mit denen man, ein Visum vorausgesetzt, Europa erreichen kann.Renault ist hier und Siemens und Huawei. Mehr als hunderttausend Arbeitsstellen sollen in Tanger Med entstanden sein – aber für wen?Im Dorf gleich neben dem Hafen sitzt vor einem kleinen Café auf einem Plastikstuhl ein junger Mann, ihm fehlt ein Zahn, und dem T-Shirt fehlt ein Waschgang, aber ihn kümmert das nicht, er ist glücklich, «gesegnet», wie er sagt. Denn Zakaria ist zwar erst 24, gleich alt wie Karim, aber Zakaria hat es geschafft.Er ist gerade in den Ferien, eigentlich lebt er in Spanien, seit er vor zehn Jahren illegal mit einem Boot übergesetzt hat. Das war damals für ihn vor allem eine strategische Abwägung. Eigentlich hätte er ein Touristenvisum für den Schengenraum gehabt, so wie seine ganze Familie. Nur: Wäre er damit eingereist und danach in Spanien untergetaucht, hätte das auch seine Eltern und Geschwister deren Visa gekostet. Also ging er illegal, ohne Visum und ohne seine Papiere.Mit 14 Jahren schon über Visa und Reiseeinschränkungen nachzudenken, mutet vielleicht etwas frühreif an. Aber nur, wenn man es, etwa als Schweizer oder Deutscher, gewohnt ist, sich ein Leben lang nie solche Gedanken machen zu müssen, weil man ohnehin praktisch unbegrenzt die Welt bereisen darf.Der marokkanische Pass ist nur der 62.-mächtigste der Welt. Als Marokkaner wächst man im Bewusstsein auf, dass einem ein grosser Teil der Welt verwehrt bleibt. Umso kostbarer ist da ein Schengen-Visum, weil es zumindest temporären Eintritt in die Welt bedeutet – oder zumindest die unmittelbarste Nachbarschaft.Schaut Zakaria aufs Meer, erblickt er bald Hügel, und in den Hügeln erkennt er Dörfer und oberhalb der Dörfer, auf den Hügelkuppen, Windräder. Es hat Dunst, aber Spanien ist so nah, dass man sieht, wie sich die Windräder drehen. Und auch, welche stillstehen.Als minderjähriger Flüchtling hatte Zakaria in Spanien Glück. «Sie nahmen mich in einem Zentrum auf, dort lernte ich viel, Mathematik und Physik, sogar Chemie. Spanisch lernte ich in bloss vier Monaten, indem ich Lieder sang. Du musst deine Zunge lösen, weisst du!»Dann, als er 19 war, lernte er eine Spanierin kennen, sie wurde schwanger, «es passierte so schnell», sie heirateten, jetzt hat er eine Familie, einen Job in einem Shawarma-Stand, «Gott hat es mir wirklich leichtgemacht».Zakarias Plan ist aufgegangen. Seine Erzählung ist in der Sprache der Migrationsforscher ein Pull-Faktor für andere. Wer sie hört, wird ermutigt, das Risiko einer illegalen Flucht auf sich zu nehmen. Und doch liefert sie nur eine unbefriedigende Erklärung.Denn Zakaria hatte eine intakte Familie und ein Zuhause. Oder in seinen Worten: «Wir haben hier eigentlich alles. Zu essen, zu trinken, ein Auto. Uns fehlt nichts Wesentliches.» Wieso ging er überhaupt?«Schau, es ist so nah. Von meinem Elternhaus sehe ich Spanien, ich sehe nicht Rabat [Marokkos Hauptstadt]», und er zeigt aufs Meer und zu den Hügeln, wo sich die Windräder drehen.«Es ist für uns Nordmarokkaner nicht unbedingt ein Ort, wo man eine Zukunft aufbaut. Sondern einfach auch ein Ort, wo man mal hingeht und schaut, wie es ist, ein Ausflug. Wenn es nicht klappt, kommen wir nach Hause, zur Mutter. Essen ihre Tajine.»Er lächelt, fast entschuldigend. «Plötzlich kommt dieses Gefühl in dir auf, dass du einfach mal gehen musst. Es ist wie ein Trieb.»Im ersten Moment scheint hier eine Naturkraft am Werk, die jeden Marokkaner nach Norden zieht. Egal, ob er ein elendes Leben führt oder ihm gar nichts Wesentliches fehlt.Aber es ist kein unstillbares Fernweh, eher eine Neugierde, in ihrer Schlichtheit verständlich: Wer will nicht wissen, was sich hinter den Hügeln, die man ein Leben lang sieht, verbirgt?Klingt harmlos. Aber nur, wenn die Flucht gelingt.3 Der Strand der TräumeStrand im Norden Marokkos: Erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte treffen hier aufeinander.Ein paar Kilometer weiter östlich folgen Klippen und dann, fast dort, von wo die Bilder von der Massenflucht nach Ceuta stammen, ein Strand: Plage Dalia. Hier treffen erfüllte Träume und unerfüllte Sehnsüchte jeden Sommertag aufeinander.Von den Buchten zwischen den Klippen links und rechts legen die Boote ab, mit denen Marokkaner illegal nach Spanien zu gelangen versuchen; am Strand selbst liegen auf Liegen unter Sonnenschirmen aus Bast jene Marokkaner, die es – legal oder illegal, vor kurzem oder vor langer Zeit – geschafft haben und jetzt, da sie in Europa leben, im Sommer für Ferien zurückgekehrt sind.Hinter dem Strand auf einem weiten kiesigen Parkplatz treibt sich eine Gruppe Jugendlicher herum, einer von ihnen weist den Autofahrern Parkplätze zu, die anderen unterstützen, behindern, ja, was tun sie eigentlich genau?Sie sind so unglaublich aufgeregt, wie Buben, die ihre Geschichte erzählen wollen. Denn noch ist die Geschichte frisch, noch hat sie eine Bedeutung. Für sie und die Welt.«Schau uns an!», ruft einer von ihnen. «Nur einer von uns war nicht in Ceuta! Nur einer!»«Wir wollten uns beweisen, als Männer!», ruft ein anderer.«Was für eine Männlichkeit?», fragt ihn einer und fügt an: «Bei Gott, du wirst es bereuen!»Hektisch reden sie durcheinander, erzählen, wie sie vor ein paar Wochen, als die Gerüchte umgingen, dass die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta, nur wenige Kilometer entfernt, offen sei, alle losrannten. Wie sie «die Schirme, die wir vermieten, liegen liessen, die Liegestühle, alles, jeder hier liess alles liegen», und nach Ceuta flohen.Wieso?«Marokko ist die Hauptstadt des Stolzes – und die Hauptstadt der Armut», sagt einer in einer Poesie, die man ihm, bekifft, wie er riecht, nicht zutrauen würde.Armut, also doch – und nicht einfach nur Neugierde, wie Zakaria sie beschrieb, banal, aber nur im ersten Moment.Einer in der Gruppe schweigt und wartet, bis die anderen sich ausgelärmt haben. Er will wirklich erzählen, wieso er ging, wieso er wieder hier ist. Weil er das Gefühl hat, wir Europäer verstünden es einfach nicht.Anwar ist 30 Jahre alt, mit 17 ging er von zu Hause weg. Seither schlägt er sich durch, arbeitet mit Leder auf den Märkten, mal in Fez, der Stadt im Landesinneren mit ihrer verworrenen Medina, mal in Casablanca. Im Sommer, «man will ja etwas Abwechslung», kommt er jeweils hoch, an die Küste.Anwar, 30, war auch in Ceuta. Er wird es wieder versuchen.Als Lederarbeiter habe er 500 Dirham pro Woche verdient. 50 Franken. Manchmal. Manchmal auch nicht. Ein fester Job war das nicht. Davon gibt es wenige, gerade für Junge. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 37 Prozent, Tendenz steigend.500 Dirham, fährt er fort, seien selbst für marokkanische Verhältnisse ein mieser Lohn, und er beginnt vorzurechnen:«In Casablanca gibt es natürlich Leute, die 7000 Dirham verdienen (600 Franken). Aber auch damit kannst du ja nicht leben. 2500 Dirham gehen für die Miete drauf. Und wenn du ein Kind hast, gibst du mindestens 4000 Dirham für Essen, Kleider, alles Nötige aus. Du willst ja leben, du willst deinem Kind etwas bieten können. Diese 7000 Dirham – die reichen für gar nichts.»Als Anwar diese Ökonomie des marokkanischen Mittelstandes darlegt, klingt er fast wie ein Zürcher, der über hohe Mieten, teure Kinderkrippen und den Preis eines Flatwhites klagt. Nur dass dieser seine Lebenshaltungskosten einfach senken kann, indem er aus der Grossstadt zieht und nicht sein Leben riskieren muss, indem er durchs Mittelmeer schwimmt.Und dass der Zürcher dann doch noch Geld für das Kino, ein paar Ausflüge, ein Sport-Abo übrig hat. Knapp 6 Prozent seines Haushaltseinkommens gibt er für Freizeit und Kultur aus, fast 500 Franken pro Monat. Im marokkanischen Durchschnittsbudget bleibt dafür ein halbes Prozent, sprich: 5 Franken pro Monat.«Ich arbeite, damit ich etwas essen kann. Ein Haus bauen? Etwas Eigenes starten? Du kannst nicht von solchen Dingen träumen. Niemals. Was glaubst du», fragt Anwar dann, «wieso alle aus Marokko wegwollen, ob sie einen Job haben oder nicht?»Was bei Zakaria ein Ausflug war, ist bei Anwar ein Projekt, an dem er seit Jahren scheitert: Damals versuchte Anwar zum ersten Mal, nach Europa zu gelangen. Über die Türkei. Aber die Türken schickten ihn zurück. Seither verbringt er seine Sommer wieder am Strand, vermietet Sonnenschirme, übernachtet im nahen Tanger bei Freunden. Weg will er immer noch.Der Versuch, nach Ceuta zu gelangen, wird nicht sein letzter gewesen sein. Auch die anderen Jungen johlen: «Wir bereuen es bereits, dass wir zurückgekehrt sind!», schreit einer wütend. Ein anderer ruft: «Das Rote Kreuz wird denen, die in Ceuta geblieben sind, helfen!»Es sind Männer wie Anwar und seine Kollegen am Strand, vor denen sich viele in Europa fürchten. 2,9 Millionen Marokkaner zwischen 15 und 29 Jahren haben weder einen Job, noch sind sie in einer Ausbildung, drei Viertel von ihnen haben – anders als Karim – nicht einmal einen Schulabschluss. Zwar sind fast 70 Prozent von ihnen junge Frauen, die zu Hause bleiben. Doch es bleiben immer noch Hunderttausende junge Männer, die nichts zu verlieren haben.Sie harren in den Hügeln an der Küste aus, warten auf einen günstigen Moment, um ihr Leben zu riskieren.Sie glauben, dass sich das lohnt.Es gibt einen zweiten Weg nach Europa, einen legalen. Er braucht kein Boot. Nur viel Ausdauer und Zeit. Sicher ist er trotzdem nicht.4 Karim: Selber putzen, selber kochen oder einfach ein TraumAushang für Stellen in der Luftfahrtbranche in Casablanca. Es gibt Stellen in Marokko. Bloss: Die Löhne sind bescheiden.Im Herbst 2022 entschied sich Karim in Casablanca, den Rat, den ihm der Freund im Norden des Landes gegeben hatte, in die Tat umzusetzen: Deutsch zu lernen, damit er irgendwann auswandern könnte.Er hatte recherchiert und einen Weg entdeckt, der ihn legal nach Deutschland führen könnte: Seit 2019 rekrutiert Deutschland in Marokko, Tunesien und Ägypten gezielt Fachkräfte. Das Programm klang strukturiert: Sprachkurs, dann Bewerbung, dann Vorstellungsgespräch per Video. Sind die deutschen Arbeitgeber tatsächlich interessiert, helfen sie bei der Anerkennung der marokkanischen Ausbildung und dem Visum.Fast 300 junge Menschen sind so bereits nach Deutschland gekommen, drei Viertel von ihnen als Auszubildende. Als Bäcker, Sanitäre oder Hotelleriefachkräfte. Alles Branchen, die in Deutschland verzweifelt Arbeiter suchen.In Casablanca waren deshalb Dutzende Deutschschulen entstanden. Nur: Die Lektionen waren teuer. Und Karims Familie hatte kaum Geld. Der Vater war während Covid gestorben, die Mutter war alleine.Karim fand einen Job bei Zara als Modeverkäufer und meldete sich bei einer Schule an. Von 10 Uhr bis 12 Uhr 30 hatte er Deutschlektionen, dann fuhr er mit einem E-Trottinett fast eine halbe Stunde nach Hause in ein Aussenquartier, zog sich um und fuhr zurück in die Stadt, damit er um 14 Uhr seine Schicht beginnen konnte. Um 21 Uhr war Feierabend.Die Tage waren lang und streng. Aber sie hatten das, was Karim vorher an der Uni gefehlt hatte: Struktur. Es motivierte ihn, andere zu sehen, die denselben Lebensplan verfolgten.Lange ging das gut, Karim verdiente 400 Euro pro Monat, manchmal mit Provision gar mehr, und konnte etwas sparen. Seine Ausgaben hielt er tief, noch wohnte er zu Hause. Für sein Projekt Deutschland ein Vorteil. Aber es quälte ihn auch und trieb ihn an.Deutschland verkörperte für ihn mehr als nur einen Ort, an dem er eine Arbeit finden würde. Er träumte schon immer davon, an einem anderen Ort zu leben. Vor allem: alleine zu leben. «Eine eigene Wohnung, mein Leben selbst zu organisieren, putzen, kochen – einfach ein erwachsener Mensch zu sein.»Dann wurde Karim bei Zara in ein anderes Team versetzt, plötzlich kollidierten seine Schichten mit seinen Deutschlektionen. Zudem stieg Karim auf, wurde Ausbildungsleiter, musste ein Team führen. Es war ein Job mit mehr Prestige und mehr Verantwortung, aber nicht viel mehr Lohn.Karim fühlte sich immer häufiger gestresst. Er begann, bei der Arbeit Dinge durcheinanderzubringen, hatte das Gefühl, dass er im Deutsch keinen Fortschritt mehr machte. «Sogar meine Familie spürte, dass mit mir etwas nicht mehr stimmte», sagt er heute.Karim fühlte, dass ihm der Traum von Deutschland zu entgleiten begann. Er musste eine Entscheidung fällen.5 Eine deutsche Schule und SelbstwirksamkeitDeutschunterricht in der Alalamania Deutschschule in Casablanca.Nur ein paar Strassen von Karims Zara-Filiale entfernt prangt im August 2026 an einem alten Art-déco-Gebäude am Boulevard Mohammed V eine Deutschlandflagge: Sie wirbt für die Alalmania-Deutschschule, die wie zahlreiche andere in Casablanca einen legalen Weg in den deutschen Arbeitsmarkt verspricht.«Liebe ist ein Rauschzustand – was bedeutet das?», fragt eine junge Frau, die Lehrerin, und die Schülerinnen schauen betreten auf ihre Hefte.Es ist 18 Uhr, ein Montagabend, und aus den verschiedenen Schulzimmern, beschriftet mit Berlin, München, Frankfurt, dringen deutsche Sätze.«Was finden Mann und Frau anziehend aneinander? Was bedeutet anziehend? Nein, nicht Kleider anziehen. Es bedeutet attraktiv!»In der Bibliothek, einem Raum mit ein paar wenigen Büchern, sitzen zwei Frauen, Oumaima und Khaula, 26 und 23 Jahre alt. Oumaima trägt ein eng um den Kopf geschlungenes Kopftuch, Khaula einen Blazer, das Haar offen.Sie sind, wie so viele Schülerinnen hier, keine der verzweifelten jungen Marokkaner, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu gelangen. Und anders als Karim haben sie ein abgeschlossenes Studium, ja sogar einen Job. Oumaima arbeitet bei einer Bank, Khaula bei DHL als Frachtexpertin. Trotzdem lernen sie am Abend beide Deutsch, denn beide wollen weg.Oumaima hat bereits das Niveau B1 erreicht, kann Bayrisch von Berliner Akzent unterscheiden, und wenn sie von der Pünktlichkeit und der Zuverlässigkeit und Offenheit der Deutschen schwärmt, lächelt sie verzückt, als ob sie von der Liebe ihres Lebens reden würde.Tatsächlich aber sind es Werte, die für Oumaima etwas viel Grösseres symbolisieren.Oumaima, 26, will nach Deutschland. Weil dort Kompetenzen etwas zählen würden.Sie hat in Casablanca BWL studiert, seit vier Jahren arbeitet sie nun bei der Bank. Um nach Deutschland zu gelangen, ist sie bereit, noch einmal ganz neu anzufangen. Eine Ausbildung als Buchhalterin schwebt ihr vor. Sie wiederholt dieses Wort mehrere Male. «Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung.» Es hat für sie einen mystischen Klang. Es bedeutet, dass sie sich entwickeln kann, angeleitet wird darin, einen Beruf zu erlernen, zu üben, sich zu verbessern. Deshalb ist es für sie nach dem Wirtschaftsstudium auch kein Rückschritt, sondern eine weitere Etappe, auf die noch viele folgen mögen. Genau das hält sie in Marokko für unmöglich. «Hier kann ich mich abmühen, und ich bleibe trotzdem auf der Stelle stehen.»Oumaimas Bild von Deutschland, dieser Antithese zu Marokko, ist von ihrem «Opa» geprägt. Er kämpfte im Zweiten Weltkrieg für die Franzosen, desertierte und blieb ein paar Jahre in Deutschland. «Von schönen Menschen» erzählte er. Und von einem Land, in dem Kompetenz etwas zähle.«Dort kann ein Mensch vorwärtskommen, wenn er sich anstrengt», doziert Oumaima nun und dringt damit zum Kern ihres Auswanderungstraums vor: «Zu spüren, dass das, was ich tue, wahrgenommen wird. Dass einen das weiterbringen kann.» Kennt sie das deutsche Wort «Selbstwirksamkeit»? Sie googelt kurz, dann strahlt sie: «Ja, genau. Selbstwirksamkeit.»Etwas Würde, ein Gefühl, dass man wahrgenommen wird – das erscheint schon fast erschreckend banal. Als ob man mit einem Gen-Z-Vertreter aus der Schweiz reden würde.Man könnte nun, um bei den Worten des glücklichen Flüchtlings Zakaria zu bleiben, einwenden, dass Oumaima nichts Wesentliches fehle. Zum Überleben braucht man keine Selbstwirksamkeit.Nur ist sie kein Luxus derer, die schon viel haben. Karim hat weder Bankjob noch Diplom und will eigentlich doch dasselbe: eine eigene Wohnung, das Gefühl, erwachsen leben zu können. Ihm fehlt einfach ein Wort dafür.Dazu kommt bei Oumaima etwas, das ihr unangenehm ist zu sagen. Denn sie wolle nicht schlecht über Marokko reden. Aber sie habe einfach etwas abgeschlossen mit dem Leben hier. Sie hoffe, es gebe mehr. Und erklärt dann in einfachen deutschen Sätzen: «Hier ist alles Arbeit, Arbeit. Haus, Haus. Familie, Familie. Ein sehr enges Leben.» Was genau will sie denn? «Das Leben ist doch auch . . . Leben, oder? Ist Reisen. Ist Wandern. Das will ich.»Khaula, das Mädchen im Blazer, träumt pragmatischer. Anders als Oumaima hat sie keinen germanophilen Opa, und ihr Deutsch ist noch zu simpel, als dass sie damit ihre Träume formulieren könnte. Deutsch lernt sie einfach deshalb, weil es ihr in einem Weltkonzern Karrierechancen eröffnet.Khaula hat einen Job bei DHL, arbeitete zuvor für Fedex. Da sah sie all die Jobmöglichkeiten auf der ganzen Welt. «Und ich fragte mich plötzlich: Wieso sollte nicht auch ich irgendwann einmal im Ausland leben und arbeiten?»Khaula, 23, lernt Deutsch, aus Neugierde. Und weil es ihr später die Möglichkeit eröffnet, in einem Grosskonzern irgendwo auf der Welt zu arbeiten.Sie hätte auch eine andere Sprache lernen können. Das werde sie vielleicht auch noch tun. Sie sei einfach so neugierig auf die Welt. Und ihre Mutter unterstütze sie. «Sie spricht nicht einmal Französisch, ist eine einfache Schneiderin. Aber sie sagt mir, dass sie durch mich nun noch einmal das Leben neu entdecke.»Karim, Oumaima und Khaula arbeiten nicht nur in globalisierten Branchen oder Weltkonzernen, sie teilen auch eine globalisierte Vorstellung davon, was ein gutes Leben ist. Wovon träumt eine junge Marokkanerin? Vom selben wie eine junge Schweizerin und ein junger Deutscher. Nicht nur Überleben, sondern Entfaltung, Würde, Karriere.Doch was in den Schulzimmern am Boulevard Mohammed V als individueller Aufbruch beginnt, summiert sich für Marokko zu einem systematischen Aderlass.Jedes Jahr verlassen 700 Ärztinnen und Ärzte, ein Drittel aller Absolventen der medizinischen Fakultäten, Marokko. 28 000 fehlten inzwischen im Land, sagt das Gesundheitsministerium.Marokko verliert nicht nur jene, die niemand zurückhält. Sondern auch jene, die es dringend brauchte. Wie kommt ein Land an diesen Punkt?6 Karims BewerbungIm April 2024 setzte Karim alles auf eine Karte, kündigte seinen Job als Teamleiter bei Zara und beschloss, von seinem Ersparten zu leben. Statt zur Arbeit ging er in ein Café, lernte dort mit einem Kollegen und versuchte, sich auf die Sprachprüfung vorzubereiten. Am Abend besuchte er die Deutschstunden, doch dann tauchte plötzlich die Lehrerin nicht mehr auf. Der Kurs «löste sich auf».Karim mit seinen Papieren in einem Café in Casablanca.Monatelang verlor sich Karim im Nichts, sass frustriert zu Hause herum, erst eine Arbeit in einem Warenlager gab seinem Tag wieder eine Struktur.Dann entdeckte er auf der Website der staatlichen Arbeitsvermittlungsagentur etwas: Stelleninserate, für Jobs in Deutschland. Teil ebenjenes staatlichen Programms, das er vor ein paar Jahren recherchiert hatte. Es waren Stellen, von denen er glaubte, dass er Chancen hätte. Verkäufer in einer Bäckerei? Ob Kleider oder Brötchen, was für eine Rolle spielte das? Verkaufen konnte er!Fast ein Jahr verging, dann, im Mai 2025, wurde Karim zu einem Zoom-Interview eingeladen. Danach folgte eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch in einem Hotel in der Nähe der Strandpromenade von Casablanca. Zwanzig Stellen als Verkäufer in Bäckereien waren zu vergeben. Ausser Karim waren fast nur junge Frauen dort.Ein Mann aus Deutschland interviewte Karim. Er hatte selbst einen Migrationshintergrund, Deutsch-Afghane, erinnert sich Karim heute. Er lächelt, als er das erwähnt. «Als ich nach Hause ging, hatte ich ein gutes Gefühl. Ich hatte ja bei Zara sogar ein Team geleitet. Ich sagte mir: Hoffentlich klappt das.»7 Der seltsame KönigIm Dunst: Spanien, Europa.Marokko ist eine merkwürdige Monarchie mit einem sehr seltsamen König. Man erzählt sich viel über diesen König, Gerüchte, natürlich, hinter vorgehaltener Hand und nur, wenn man sich sicher ist, dass niemand mithört, den man nicht kennt. Es wäre gefährlich, den König zu kritisieren oder über ihn zu spotten. Und was der König als Spott empfinden könnte, ist schwer abzuschätzen.Er ist jetzt dann fast dreissig Jahre an der Macht. Dabei habe er gar nicht regieren wollen, erzählen sich die Marokkaner. Ein Playboy sei er gewesen, was den Vater erzürnt habe. So, dass der damalige Prinz eine Wohnung oberhalb eines Nachtklubs gekauft habe und einen Lift habe einbauen lassen, der direkt in den Klub geführt habe, damit die Spione seines Vaters ihn nicht feiern gesehen hätten.Ein Tyrann wie sein Vater ist er nicht. Lange war er im Volk beliebt, liess politische Gefangene frei, führte Frauenrechte ein, gab sich als «König der Armen». Er reiste in den vernachlässigten Norden und kündigte Sozialprogramme an. Die Marokkaner schätzten ihn; was nicht gut lief im Königreich, lasteten sie nicht ihrem jungen Herrscher, sondern seinen Beratern und den Politikern an. Dem Hofstaat, «Makhzen» genannt, der alles im Land zu kontrollieren schien, ein Geflecht aus Palast, Beratern und Notabeln.Aber in den letzten Jahren veränderte sich das. Nun verschwand der König monatelang, ohne dass die Marokkaner wussten, wo er sich aufhielt. Seine plötzliche Liebe für kongolesische und französische Banlieue-Rapper, die er extra einfliegen liess, feierten sie; Spott erntete er für seine Freundschaft mit einem marokkanischstämmigen deutschen Kampfsportler, der im Palast gar ein Gym eingerichtet haben soll.Ein abgelenkter König ist schlecht für das Land. Denn auch wenn Marokko auf dem Papier ein Parlament mit gewählten Politikern hat – entscheiden tut am Schluss alles der König. «Nichts, rein gar nichts geschieht, ohne dass es der König befiehlt», erklärt ein Unternehmer, der anonym bleiben will.Wie sehr immer schon alles von seinen Launen abhing, erzählt man sich mit Anekdoten. Jemand, der den Palast gut kennt, teilt folgende Geschichte: Kurz nach seiner Krönung soll der Aussenbeauftragte der EU, ein Mann namens Javier Solana, dem jungen König die Aufwartung gemacht haben. Solana sass im Empfangszimmer und wartete. Doch Seine Majestät schlief. Niemand getraute sich, den König zu wecken. Irgendwann, nach beträchtlicher Zeit, überwand sich der wichtigste Berater des Königs und informierte seinen Herrn, dass Herr Solana auf ihn warte. Der König hatte einen Wutanfall, machte seinen Berater zur Sau und schickte ihn weg – um sich dann wieder hinzulegen. Solana reiste ab, ohne den König gesehen zu haben.Später soll dieses launige Gemüt tödliche Folgen für sein Volk gehabt haben. Als vor wenigen Jahren im Atlasgebirge die Erde bebte und Tausende unter Trümmern lagen, sollen die Ambulanzen gewartet haben. Auf den Einsatzbefehl des Königs.Junge Männer in Casablanca.Kritisiert wird der König trotzdem nicht direkt. Das wäre gefährlich. Und vielleicht ist ja doch der «Makhzen» schuld, dieser Deep State, der womöglich gar gegen den armen König arbeitet? Wie soll da ein gewöhnlicher Bürger vorwärtskommen, wenn schon der König ohnmächtig scheint?Gegen den «Makhzen» kommt niemand an im Land. Oder wie die Marokkaner sagen: Ein Diplom ist nichts wert, nur die richtige Telefonnummer zählt. Im Idealfall von jemandem, der mit dem Palast oder der Regierung verbunden ist. Eine «Makhzen»-Verbindung! Dort ist das Geld. Und die Jobs.Die Holding der Königsfamilie besitzt Banken und Minen und Supermärkte. Des Königs Vermögen soll mehr als fünf Milliarden Dollar betragen. Und nicht nur das: Auch des Königs Getreue besitzen Konzerne und Unternehmen, die Marokkos Wirtschaft dominieren. Der Premierminister höchstpersönlich befehligt siebzig Unternehmen.Die Zahl der Millionäre hat in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent zugenommen; extreme Armut hat unter der Regentschaft des Königs zwar abgenommen, aber fünf Millionen seiner Untertanen leben heute in struktureller Not, können mit ihrem Einkommen gerade so überleben. Offiziell gehören sie zum Mittelstand, aber wie lange noch?Immer wieder kommt es deswegen zu Protesten. Letztmals vor einem Jahr, als acht Frauen nach Kaiserschnitten in einem öffentlichen Spital starben. Innerhalb von Tagen wuchs auf einer Chat-Plattform eine Bewegung heran, die als Gen Z 212 bekannt wurde. Hunderttausende gingen auf die Strasse. Sie waren ja nicht gegen die Fussball-WM und auch nicht gegen die Häfen und Züge, die der König errichten liess. Aber gegen die Korruption, den Filz, der alles lähmt. Und wieso baut man Stadien, während in Spitälern Frauen sterben?Drei Jugendliche sind bei den Protesten ums Leben gekommen, 2000 Demonstranten wurden angeklagt, Rapper, die sich kritisch äusserten, wurden verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt.Der König versprach mehr Geld, 15 Milliarden, bloss: für was und für wen?Ein Mann, der in Marokko grosse Unternehmen besitzt, fragt: «Fussballstadien, eine Weltmeisterschaft? Toll, Brot und Spiele für die Massen wie schon bei den Römern, aber die Jungen wollen eine Schule, wo unterrichtet wird, ein Spital, wo sie geheilt werden. Niemand kann in einem Fussballstadion leben oder dort Kinder aufziehen.»Der Mann hat selbst Kinder. Er besitzt Unternehmen, die in Marokko Güter verkaufen. Sein Markt: Marokko. Wenn man ihn fragt, was er einem jungen Mann in Marokko heute rate, sagt er: «Geh, pack deine Sachen und geh!»8 Pablo EscobarWenn alle weggehen, wer bleibt dann noch?Pablo Escobar! Nein, nicht der kolumbianische Drogenboss persönlich, sondern eine Instagram-Figur, gespielt von Mohammad Said.Said, 27 Jahre alt, sitzt in einem zwei auf drei Meter grossen Raum auf schlichten Kissen, der Stube seines Elternhauses, in dem er auch geboren wurde, «da, hinter diesem Vorhang», wobei Haus ein grosses Wort ist für diese verwinkelten Gebilde aus einfachsten Mauern mit Wellblechdach im Slum von Sidi Moumen. Es ist eines der ärmsten Viertel der Stadt, umso erstaunlicher ist die Aufstiegsgeschichte, die Said erzählt.Sie fing damit an, dass Said zunahm.Said war damals Anfang zwanzig, und als seine Freunde sahen, wie er an Gewicht zulegte, sagten sie ihm: «Jetzt siehst du aus wie Pablo Escobar, mach Videos, nutze das!»Said studierte damals Jus, nicht besonders motiviert, und verdiente Geld als Gemüsehändler auf dem Markt. Er kannte Leute, die mit Werbefilmen Geld verdienten, also dachte er sich: Wieso nicht?Schon sein erstes längeres Video ging viral.Mohammad Said, 27, befreite sich dank Instagram aus der Armut.Es war am Valentinstag vor fast fünf Jahren. Man sieht Said in seiner Rolle als Pablo Escobar, wie er einen Strauss schenkt. Aber nicht Blumen, sondern Minze. Und nicht einer Freundin, sondern seiner Mutter.Minze fand er als Gemüsehändler einleuchtend, die Mutter ist für ihn der wichtigste Mensch. Pablo Escobar interpretiert er vor allem als Familienmensch, der sich um seine Liebsten gekümmert habe.Said machte mehr Videos. Er wollte, dass man sich für das Leben im Slum nicht schämen muss. Er brachte es so zu mehreren hunderttausend Followern, ging Kollaborationen mit Stars ein und drehte Filme in den USA. Das machte ihn im Slum zum Vorbild vieler Jugendlicher. Und es befreite ihn von der Armut.35 000 Franken habe er zur Seite legen können. Das ist in einem Land, in dem ein Büroangestellter oder ein Lehrer 700 Franken im Monat verdient, ein beachtlicher Betrag.Said zeigt nun auf seinem Handy das Foto eines Grundrisses. Das Haus, das er bauen lässt, mit dem Geld aus seinen Werbekooperationen. Sechs Zimmer, auch für seine Eltern ist Platz. In sieben Monaten könnten sie einziehen.Said hätte auch einfach warten können. Bald werden die Behörden seinen Slum abreissen, wie so viele vor der Fussball-WM. Den Bewohnern wurden Wohnungen versprochen. Aber auf das Versprechen des Staates wollte sich Said nicht verlassen.Er hat es ja auch selbst geschafft. Dank Social Media zwar, aber Said ist überzeugt, dass es ihm auch sonst gelungen wäre. «Ich habe auch als Gemüsehändler manchmal einen Umsatz gemacht, den andere in ihrem Bürojob nicht erreichen.» Auswandern hat er deshalb nie wirklich erwogen. Er hat dazu seine eigene Theorie.Es gebe in Marokko Leute, die eigentlich alles hätten. Und trotzdem nach Europa wollten. Einfach, weil das schon immer ihr Traum gewesen sei. Dabei hätten sie gar nie wirklich kämpfen müssen in ihrem Leben. «Aber jeder hat seine eigenen Gründe.» So wie die illegalen Europäer . . .Pablo in einem Video, gedreht in Los Angeles.Illegale Europäer?Ja, diejenigen, die mit einem Touristenvisum hier seien und dann aber in Marrakesch ein Riyad, ein traditionelles Hotel, betrieben.Said verurteilt das nicht. Es ist für ihn Beleg dafür, dass Migration ein Wunsch jedes Menschen sei. Er hätte ja auch gerne eine Green Card, um einfacher in die USA zu reisen und dort Videos zu drehen. Und dann aber auch wieder legal nach Marokko zurückzukehren, in sein neues Haus, zu seiner Familie.Drei Monate im Ausland ein Projekt realisieren und dann ins eigene Haus zurückkehren. Ein Traum, den auch viele junge Europäer teilen. Sabbatical oder eine Workation in Bali – oder in einem der Surfdörfer an der marokkanischen Küste. Ist es wirklich überraschend, dass sich solche Lebensmodelle auch in den Köpfen der Menschen festsetzen, denen sie vorgelebt werden?Said hat es zwar dank Instagram geschafft, und man könnte ihn deswegen für einen Ausreisser halten. Aber er ist in einem bestimmten Sinn repräsentativ für jene, die bleiben. Er wartet nicht, bis ihm jemand hilft. Weil er nicht glaubt, dass ihm jemand helfen wird. Said hat es nicht dank Marokko geschafft, sondern trotz Marokko. Ohne Ausbildung, ohne reguläre Stelle, ohne Diplom.9 Inschallah, KarimIm August 2026 stellt Karim sein Mofa an einer Seitenstrasse im Herzen Casablancas ab und betritt das Gebäude mit dem violetten Logo der Arbeitsvermittlungsagentur.Der Strand in Casablanca: Freizeitvergnügen, das nichts kostet.Karim hat alles vorbereitet: Prüfungszertifikate und Arbeitszeugnisse säuberlich in einem beigen Couvert geordnet und unter seinen Arm geklemmt.Die Stelle bei der Bäckerei vor einem Jahr hat er nicht erhalten. Die Stellenvermittler haben ihm keinen Grund genannt. Seither fragt er sich, was er falsch gemacht hat. Lag es daran, dass er noch keine Sprachprüfung absolviert hatte? Dabei sprach er doch ganz passabel Deutsch.Inzwischen hat er das nachgeholt. B1, mit Zertifikat.Die Frau in der Arbeitsvermittlungsagentur schaut ihn erstaunt an. Sie erinnert sich an ihn und fragt, was beim Bewerbungsgespräch im Hotel schiefgelaufen sei. Sie fragt ihn, was er denn damals angezogen habe. Stellt ihm ein paar Fragen, wie sie der Deutsch-Afghane auch gestellt hatte. Dann sagt sie, sie verstehe das nicht. Sie werde sich erkundigen, was falsch gelaufen sei, und sich wieder bei ihm melden.Karim verlässt die Agentur. Er wird nicht aufgeben. Ein Freund von ihm hat inzwischen ein Visum erhalten. Er wird noch diesen Monat nach Deutschland fliegen, Inshallah. Nach Hannover.Karim wird morgen wieder in die Agentur zurückkehren. Er will nachschauen, ob neue Jobs ausgeschrieben sind. Als Verkäufer in einer Bäckerei in Deutschland.Strand in Casablanca.Passend zum Artikel
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