Analytische Engführung von Sex, Macht und Geld – die Bücher von Asta Olivia Nordenhof sind ein schmerzhaftes VergnügenDie dänische Autorin hat einen siebenteiligen Romanzyklus geschrieben, der um ein himmelschreiendes Verbrechen kreist. Es tut weh, das zu lesen, dennoch kann man kaum wieder damit aufhören. Nun sind die ersten beiden Bände endlich auf Deutsch erschienen.Timo Posselt08.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Abgründe, von denen sie erzählt, kennt sie aus eigener Erfahrung: die dänische Schriftstellerin Asta Olivia Nordenhof.Jonas Gratzer / ImagoAls auf der Fähre «Scandinavian Star» in der Nacht auf den 7. April 1990 ein Feuer ausbrach, deuteten schon die Umstände auf eine Katastrophe. Das Schiff war auf einer neuen Route von Oslo aus unterwegs nach Dänemark. Die Besatzung war völlig überarbeitet, sprach kaum Englisch und schon gar kein Dänisch, war dünn besetzt und ungeübt in der Brandbekämpfung. An Bord sollen mehrere Brände gelegt worden sein, wie später Ermittlungen ergaben, und als der Kapitän die vollständige Evakuierung des Schiffes vermeldete, stimmte das nicht. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch 159 Personen auf der Fähre. 28 von ihnen waren Kinder. Alle verbliebenen Passagiere starben in den Flammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer trägt die Verantwortung für ihren Tod? Diese Frage steht im Zentrum eines auf sieben Bände angelegten Romanzyklus der 1988 in Kopenhagen geborenen Schriftstellerin Asta Olivia Nordenhof. Als die ersten beiden Bände 2020 in Dänemark erschienen, wurden sie zu Überraschungserfolgen. Nun sind sie auf Deutsch zu lesen – und auch für diese Version gilt: was für eine erschütternd-eindringliche Leseerfahrung!Abgründige BeziehungenDer Katastrophe nähert sich Nordenhof im ersten Band «Geld in der Tasche» über ein unglückliches Ehepaar. Kurt betreibt auf einem Bauernhof in der Nähe der dänischen Kleinstadt Nyborg ein Busunternehmen, besäuft sich regelmässig mit seinen Freunden und führt eine Ehe mit seiner Frau Maggie, die weniger auf Liebe denn auf Abhängigkeit und Verachtung basiert. Maggie wiederum sitzt meist allein zu Hause und verliert sich in unguten Erinnerungen an ihr bisheriges Leben.Sie wuchs als Waise auf und wurde mit 14 Jahren das erste Mal vergewaltigt, worauf sie «lernte, dass Sex und Gewalt dasselbe sind». Fortan betrachtet sie Männer bloss noch als nützliche Gestalten mit einem «Loch, aus dem man Geld herausziehen» kann. Weil Kurt der einzige Mann bisher war, in den sie einmal verliebt war, erduldet sie nun, dass er sie anspuckt, beleidigt und erniedrigt. Als Maggie schwer erkrankt und stirbt, verzweifelt Kurt und investiert den Gewinn aus seinem Busunternehmen in ein dubioses Geschäft um die «Scandinavian Star».In die Erzählung um das trostlose Leben von Maggie und Kurt flicht Nordenhof einen zweiten Erzählstrang über die Hintergründe der Brandkatastrophe auf der Fähre ein. Sie stellt so die Katastrophe der «Scandinavian Star» der abgründigen Beziehung von Maggie und Kurt gegenüber. Der erste Band endet damit, dass Kurt einen Anruf eines gewissen T. bekommt.Der zweite Band mit dem Titel «Das Teufelsbuch» erzählt von Olivia, die als Prostituierte arbeitet und auf einer Busreise einen freundlichen Programmierer kennenlernt, den sie über ihre wahre Arbeit anlügt. Bald folgt sie ihm nach London, lässt sich in seinem luxuriösen Apartment von ihm aushalten und bekochen. Während er arbeitet, schreibt sie an einem Manuskript über die Begegnung mit dem ehemaligen Kunden T.Vor Jahren bot ihr dieser T. viel Geld dafür, dass sie sich von ihm entführen liess, keine Fragen stellte und sich von der Aussenwelt abschottete. Sie stieg auf sein Angebot ein und lebte zwei Wochen lang in einer Hotelsuite. Tagsüber war sie allein und abends überrascht, als T. keinen Sex verlangte. Irgendwann wünschte sie sich ein grosses, scharfes Messer und vereinbarte mit dem Mann, dass damit einer von ihnen sterben soll. Jede Nacht lag daraufhin das Messer zwischen ihnen im Bett, bis sie irgendwann anfingen, sich damit gegenseitig zu ritzen. Das gefährliche Spiel drohte auszuarten, bis sie sich entschied, zu gehen. Aber warum hatte sie sich überhaupt auf diese freiwillige Entführung eingelassen?Mit Wut im BauchSchon ab der ersten Seite von Asta Olivia Nordenhofs Heptalogie um die «Scandinavian Star» ist klar: Sie hat diese rätselhaften Geschichten mit einer überbordenden Wut im Bauch geschrieben. Das zeigt sich schon daran, wie bösartig die Figuren aufeinander blicken. Als zum Beispiel eine von Kurts Saufkumpaninnen lacht, erscheint ihm ihr Gesicht wie «Teig, der zu lange gegangen ist». Es zeigt sich auch an der forensischen Kälte von Nordenhofs Sprache, wenn sie jene sexualisierte Gewalt beschreibt, die Maggie mit 14 Jahren in einem Zeltlager von einem mindestens dreimal so alten Mann erfährt. Oder wenn Olivia aus dem zweiten Band von einem Kunden penetriert wird, dieser ihr plötzlich in die Augen blickt und sagt, sie habe «das Zeug dazu, auf die Uni zu gehen».Die Abgründe, von denen Nordenhof da erzählt, kennt sie teilweise aus eigener Erfahrung. Sie stammt aus schwierigen Verhältnissen, wuchs bei einer Pflegefamilie auf, erhielt später eine Schizotypie-Diagnose (ein Sonderfall der Schizophrenie), wurde in verschiedene Psychiatrien eingewiesen, entwickelte dort eine Abhängigkeit von Medikamenten und verdiente ihren Lebensunterhalt zeitweise als Sexarbeiterin. Bis sie mit Anfang zwanzig den Weg ins Kopenhagener Literaturinstitut fand und 2011 mit einem Roman über eine lesbische Patchworkfamilie debütierte.Die Wut über die Verhältnisse schöpft sie also womöglich aus ihrer Lebenserfahrung, das erzählerische Umkreisen der Brandkatastrophe und ihr analytischer Blick auf die Hintergründe sind dagegen ihrem ausgeprägten Formwillen zuzuschreiben. Die zynische Rechnung der Verantwortlichen, die den Tod der 159 Menschen bewusst in Kauf nahmen, unbescholten und sogar mit Gewinn davonkamen, steht dem Austausch sexuellen Kapitals gegenüber, so dass selbst die Ehe nicht ohne Machtgefälle auskommt.Nur manchmal kippt der wütende Furor von Nordenhofs Erzählung ins Plumpe. Beispielsweise, wenn sie die Erzählung des zweiten Bandes mit einer Art Meta-Kommentar unterbricht, der in Versform gehalten ist. Dennoch trifft Nordenhof mit ihrer analytischen Engführung von Sex, Macht und Geld einen wahren Kern. Oder wie sie an einer Stelle schreibt: «Um etwas addieren zu können, muss woanders etwas abgezogen werden.» So liest man die ersten beiden Bände ihrer Reihe mit einer Art schmerzhaftem Vergnügen. Als pule man beim Lesen Schorf von der eigenen Haut und kratze sich mit jeder Seite eine knapp verheilte Wunde wieder auf, nur um zu sehen, ob es darunter noch blutet.Asta Olivia Nordenhof: Geld in der Tasche. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Claassen-Verlag, 2026. 174 S., Fr. 33.50. Asta Olivia Nordenhof: Das Teufelsbuch. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Claassen-Verlag, 2026. 150 S., Fr. 33.50.Passend zum Artikel