Fast überall in Sachsen-Anhalt hat die AfD gewonnen. Erstmals könnte ein AfD-Politiker Ministerpräsident werden. An dieser Stelle veröffentlichen wir das Transkript eines Audio-Essays von Robert Pausch, politischer Korrespondent der ZEIT und Host von »Was jetzt? – Der Wahlkreis«.

Der Ernstfall ist jetzt. Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik steht eine rechtsextreme Partei unmittelbar davor, politische Macht in Deutschland zu erlangen und einen Ministerpräsidenten zu stellen. Das ist keine Hysterie, keine Panikmache. Es ist eine nüchterne Beschreibung der Realität.

Die extreme Rechte führte über Jahrzehnte in Deutschland ein Schattendasein. Manche, die intellektuelleren von ihnen, trafen sich in kleinen, heimlichen Diskussionszirkeln. Irgendwo in abgelegenen Herrenhäusern, zu Lesekreisen. Sie waren eine versprengte Gruppe. Sie standen, wie sie selbst sagten, »am Rande der Gesellschaft«. Andere, eher esoterische, trafen sich zu Sonnenwendfeiern. Sie bildeten Gruppen von sogenannten völkischen Siedlern, die ihre Scholle bewirtschaften wollten, möglichst viele Kinder kriegen – und so zumindest im Kleinen ihr Gesellschaftsideal leben, das im Großen als ein Projekt von ein paar Spinnern galt. Wieder andere, die gewaltaffinen, trafen sich in Kameradschaften oder Hooligan-Gruppen. Sie jagten Linke, Leute mit anderer Hautfarbe, Fans von St. Pauli oder Carl Zeiss Jena. Sie waren gefährlich, aber auch sie standen: am Rand der Gesellschaft.