Der höfliche Hardliner: Bruno Retailleau will ein rechtes Frankreich – ohne Marine Le PenBruno Retailleau verspricht einen radikalen Kurswechsel: weniger Migration, mehr Recht und Ordnung, mehr Volksentscheide. Damit rückt der Präsidentschaftskandidat der Konservativen seiner Kontrahentin Le Pen nahe. Eine Zusammenarbeit lehnt er jedoch ab.07.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBruno Retailleau bei einer Debatte mit anderen Präsidentschaftskandidaten in Paris am 27. August.Stephanie Lecocq / ReutersBruno Retailleau trauert um ein Huhn. Junge Füchse haben es gerissen. Der Präsidentschaftskandidat der bürgerlich-rechten Républicains hockt im blauen Hemd auf seinem Grundstück in Saint-Malô-du-Bois. Betreten zeigt er auf die Federn im Gras, die von dem Tier geblieben sind. «Es war eine Marans-Henne. Schwarz-kupferfarben», sagt er. «Sie ist nicht mehr. Das ist der Lauf der Natur.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die kleine Szene veröffentlichte Retailleau Mitte August auf seinem Instagram-Account. Die Franzosen, glaubt sein Wahlkampfteam, wüssten inzwischen gut, wofür der ehemalige Innenminister politisch stehe. Viel weniger bekannt sei der Mann dahinter. Retailleau habe das «Syndrom des Klassenbesten», sagt einer seiner Unterstützer. Er spreche eher den Verstand der Leute an als ihre Gefühle.«Kulturelle Revolution»Also zeigt sich der 65-Jährige neuerdings mit Hühnern, Schafen und Pferden auf seinem Bauernhof im westfranzösischen Département Vendée. Er schreibt ein persönliches Buch, das im Herbst erscheinen soll. Und auch an seinem Programm wird gefeilt: weniger technisch, dafür mit «mehr Wow» soll es daherkommen, so hat es das Magazin «Le Point» aus seiner Partei erfahren.Denn Bruno Retailleau hat ein Problem. Sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl liegt der Kandidat der Konservativen in den Umfragen zwischen 6 und 9 Prozent. Für einen Repräsentanten der traditionsreichen Républicains, deren politische Familie Frankreich jahrzehntelang regiert und mehrere Präsidenten gestellt hat, ist das ein desaströser Wert.Am vergangenen Montag lieferte er im wohlhabenden Pariser Vorort Boulogne-Billancourt eine Kostprobe dessen, was «mehr Wow» bedeuten könnte. Vor Eltern kündigte er eine «kulturelle Revolution» für Frankreichs Schulen an. Schulleiter sollen härter durchgreifen und gewalttätige oder mobbende Schüler in speziellen Einrichtungen unterbringen können. Klassenwiederholungen sollen wieder häufiger werden. Zudem müssten Kinder bereits nach der Grundschule stärker nach Leistung eingeteilt werden. Der Anspruch, alle Schüler gleich zu behandeln, habe echte Chancengleichheit verhindert, sagte Retailleau.Zwei Tage später sorgte er in einem Interview mit dem «Figaro» für den nächsten Paukenschlag: Er wolle die Verfassung grundlegend umbauen und Volksabstimmungen zu allen Fragen der Gesetzgebung ermöglichen, erklärte der Ex-Minister – ausdrücklich auch zur Migration. Selbst Entscheidungen des Verfassungsrats müssten unter bestimmten Bedingungen vom Volk oder vom Parlament überstimmt werden können.Dass ein solcher Umbau erhebliche verfassungsrechtliche Hürden überwinden müsste, dürfte dem erfahrenen Politiker bewusst sein. Der französische Staatsrechtler Nicolas Hervieu warnte umgehend vor einer «kopernikanischen Revolution»: Die Verfassung wäre nicht länger ein Schutzwall gegen wechselnde politische Mehrheiten. Doch genau an diesem Grundprinzip des Rechtsstaats will Retailleau rütteln: Die Wähler, erklärte er dem «Figaro», hätten in zentralen politischen Fragen wie der Einwanderung zu wenig Macht, die Richter hingegen zu viel.«Vernünftige Radikalität»Es ist ein bemerkenswert radikales Programm für einen Politiker, der sonst eher zurückhaltend auftritt. Retailleau gilt als Mann der leisen Töne. Für einen Volkstribun, sagen seine Unterstützer, fehle ihm das Temperament. Er selbst bezeichnet seinen Ansatz als «radicalité raisonnable», als vernünftige Radikalität.Woher kommen seine Überzeugungen? Der Parteichef sieht sich als Kind der Vendée, jener ländlichen Gegend an der Atlantikküste, die sich während der Französischen Revolution gegen Paris erhob. Seine Familie ist dort seit Generationen verwurzelt; einer seiner Vorfahren kämpfte damals in der katholisch-königlichen Armee. Im Senat verteidigte er einmal die Aufständischen gegen den Vorwurf, Feinde der Republik gewesen zu sein: Sie hätten sich gegen den Terror der Revolution erhoben, sagte Retailleau.Als junger Mann arbeitete er beim Puy du Fou, einem Historienpark in der Vendée, der mit aufwendigen Spektakeln ein mythologisches Frankreich der Könige und Ritter wiederauferstehen lässt. Dort ritt er selbst als Stuntman mit und fiel dem Park-Gründer Philippe de Villiers auf. Der nationalkonservative Politiker machte ihn zunächst zum Regisseur der Aufführungen und später zu seiner politischen rechten Hand.Retailleau und de Villiers entzweiten sich. Gesellschaftspolitisch aber blieb der praktizierende Katholik seinen Grundsätzen treu. 2013 bekämpfte er die Einführung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und forderte darüber ein Referendum. Sterbehilfe und Leihmutterschaft lehnt er ab. Seinen Ruf als Hardliner (den er keineswegs von sich weist) erwarb sich Retailleau indes vor allem mit seinen Positionen zur inneren Sicherheit. Schon als junger Abgeordneter mahnte er, eine multikulturelle Gesellschaft werde zwangsläufig «multikonfliktuell».Spott für Le Pens Wirtschaftspläne2024 bekam er Gelegenheit, seine Vorstellungen als Innenminister in die Praxis umzusetzen. In der Minderheitsregierung von Premierminister Michel Barnier, die auf die Duldung des rechtsnationalen Rassemblement national (RN) im Parlament angewiesen war, sollte er für eine schärfere Einwanderungspolitik sorgen. Doch immer wieder machten ihm die Gerichte einen Strich durch die Rechnung. Sein Plan einer längeren Abschiebehaft für als gefährlich eingestufte Ausländer etwa wurde vom Verfassungsrat gestoppt. Der Ex-Minister reagierte ungehalten: Der Rechtsstaat sei «weder unantastbar noch heilig».Programmatisch ist Retailleau seiner Kontrahentin Marine Le Pen derweil nahe gerückt. Die Präsidentschaftskandidatin des RN fordert ebenfalls Volksabstimmungen über die Einwanderung und steht für mehr Recht und Ordnung. Dennoch zieht der höfliche Hardliner eine klare Grenze. Ein Bündnis mit Le Pen kommt für ihn nicht infrage. Er wirft ihr einen allzu nachsichtigen Kurs gegenüber Putins Russland vor und hält viele ihrer Versprechen für unseriös. Vor allem aber verspottete er ihre Wirtschaftspolitik als «sozialistisch».Während der RN weiterhin ein frühes Renteneintrittsalter verteidigt und dem Staat eine starke Rolle in der Wirtschaft zuschreibt, will Retailleau die Staatsausgaben drastisch senken und die Unternehmen steuerlich entlasten. Das Rentenalter, so sein Vorschlag, solle künftig an die Lebenserwartung gekoppelt werden, das heisst: Je älter die Franzosen würden, desto später sollten sie in Rente gehen. Ein Wahlkampfschlager dürfte das freilich kaum werden: Schon Macrons weit weniger weitreichende Rentenreform stiess in der Bevölkerung auf erbitterten Widerstand.Zudem macht Retailleau auf wirtschaftsliberalem Terrain bereits ein anderer Präsidentschaftskandidat Konkurrenz: Der ehemalige Premierminister und Mitte-rechts-Politiker Édouard Philippe setzt ebenfalls auf niedrigere Staatsausgaben und weniger Bürokratie. Bei den Républicains gibt es deshalb schon einige, die lieber Philippe folgen würden. Auch von rechts aussen wächst der Druck. Éric Ciotti, der frühere Chef der Républicains, hat sich längst mit dem RN verbündet und wirbt für eine «Union der Rechten». Retailleau lehnt ein solches Bündnis entschieden ab. Darin zeigt sich das Dilemma seiner Partei, die zwischen einer gemässigten Rechten und Le Pen zerrissen scheint.Retailleau will von einem Rückzug vorerst nichts wissen. In den kommenden Monaten solle seine Kampagne an Fahrt gewinnen, heisst es aus seinem Umfeld. Unter seinem Hühnervideo auf Instagram witzelte ein Nutzer bereits, der Kandidat sammle die Federn ein, die er 2027 lassen werde.Passend zum Artikel
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