Vom Boulevard zum Clickbait: die wilde Zeit des SensationsjournalismusZwei Filme in Venedig erzählen von den abgründigen Seiten des Journalismus: «Ink» über den Aufstieg der «Sun» und «Primetime» über die TV-Jagd auf Pädophile.07.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIm Bann der Druckmaschinen: Der energische «Sun»-Chefredaktor Larry Lamb (Jack O’Connell).NetflixImmer wenn die Medienlandschaft sich fundamental verändert, ist die Nostalgie nicht fern. Den «Blick in den Rückspiegel» nannte Marshall McLuhan das Phänomen, aktuelle mediale Entwicklungen primär über die Betrachtung der Vergangenheit zu untersuchen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Deutlich wird diese These derzeit an den Filmfestspielen von Venedig: Gleich zwei Filme im Wettbewerb drehen sich um reale journalistische Formate, die einst Millionen erreichten – und sich heute längst ins Internet verlagert haben.Auch deine Frau masturbiert!Den Anfang machte Danny Boyle mit dem Eröffnungsfilm «Ink», der im Winter auf Netflix laufen wird. Darin zeichnet der britische Regisseur den rasanten Aufstieg des Revolverblatts «The Sun» nach, das Rupert Murdoch 1969 in serbelndem Zustand übernahm.Der australische Medienunternehmer, gespielt von Guy Pearce, installiert den ambitionierten ehemaligen «Daily Mail»-Redaktor Larry Lamb (Jack O’Connell) als neuen Chef. Der interessiert sich bei einer Nachricht für vieles – nur möglichst wenig für die Frage nach dem Warum. Denn sobald das geklärt ist, ist die Geschichte vorbei.Lamb versammelt eine eigenwillige Truppe um sich und krempelt das verstaubte Blatt um. Die neue «Sun» soll berichten, was die Briten tatsächlich interessiert: Fernsehen, Fussball, Sex. Die Redaktorin Jules Davies (Claire Foy), mit der Lamb eine Affäre hat, bringt die weibliche Perspektive – und Lust – als Stoff ein: Einem ungläubigen Kollegen erklärt sie: «Auch deine Frau masturbiert!»Das neue Konzept geht eine Zeitlang gut, die Verkaufszahlen klettern stetig. Bis der Sensationalismus bei einem Kidnapping-Fall seinen Preis fordert. Boyle inszeniert «Ink» als hektischen, lauten, etwas holzschnittartigen Boulevard-Spass mit viel Nostalgie: ausschweifende Feiern, der Geruch von Handarbeit und Tinte.Geradezu auratisch wird dem Print gehuldigt, wenn Murdoch und sein Protégé die Hände auf den Asphalt legen, unter dem die mächtigen Druckmaschinen dröhnen. Beschworen wird eine Zeit, in der trotz allen Ungerechtigkeiten vieles besser schien. Etwas unschlüssig für einen Film, der diese Art von Boulevardjournalismus selbst als Vorläufer von Clickbait und Fake News zeichnet.Bemerkenswert ist auch die Darstellung von Rupert Murdoch: Denn im Gegensatz zu seinem Chefredaktor ist ausgerechnet er es, der noch Skrupel hegt, ob man wirklich jeden Grundsatz für eine knallige Schlagzeile opfern soll. Für einmal ist der Obermogul nicht der Oberschurke.Pädophile enttarnen – und blossstellenWeitaus abgründiger wird es in «Primetime», dem gelungenen, satirischen Spielfilmdebüt von Lance Oppenheim. Robert Pattinson spielt den amerikanischen TV-Moderator Chris Hansen, der in seiner Reality-Show «To Catch a Predator» (2004–2007) mit missionarischem Eifer aufdeckte, wie sich Pädophile im Internet Minderjährigen annähern.Chris Hansen (Robert Pattinson) jagt unerbittlich für die Quote Pädophile.A24Mithilfe von Decoys, jung aussehenden Schauspielern, lockt Hansen die Männer in zuvor gemietete, mit Kameras ausgestattete Häuser. Anschliessend konfrontiert er sie und übergibt sie nicht nur der Polizei, sondern stellt sie im Fernsehen bloss.Diese Methode funktioniert so gut, dass der Sender NBC die Show auf den besten Sendeplatz legt, als Konkurrenz zu «Lost». Auch hier greift das Überbietungsprinzip, und Hansen muss nach immer krasseren Fällen Ausschau halten. Pattinson ist Oscar-reif in der Rolle des aalglatten, obsessiven Erfolgsmenschen, der Monster jagt, während er so energisch wie vergeblich versucht, die eigenen Dämonen unter Kontrolle zu halten.In krisseliger Video-Ästhetik zeigt der Regisseur Oppenheim, wie die Kämpfer für das Gute selbst schnell in moralische Untiefen geraten können, zu Voyeuren und selbst zu Tätern werden können. Und auch hier ist die Brücke in die Gegenwart deutlich: sich als minderjährig auszugeben, um Pädophile zu entlarven, ist in den USA längst ein Youtube-Trend.Passend zum Artikel
Die dunklen Seiten des Journalismus: Filme in Venedig zeigen das Streben nach Sensation
Zwei Filme in Venedig erzählen von den abgründigen Seiten des Journalismus: «Ink» über den Aufstieg der «Sun» und «Primetime» über die TV-Jagd auf Pädophile.










