«Die Zahl der Schadensmeldungen ist beispiellos», sagt der Fahrzeugexperte im Hagel-Drive-in. Die Unwetterfolgen dürften Hunderte Millionen Franken kostenNach dem zerstörerischen Hagelsturm über dem Kanton Zürich arbeiten die Versicherungen am Anschlag. Im Schadenszentrum zeigt sich: Für manche Betroffene ging mehr kaputt als nur ein Auto.Vincenzo Togni (Text), Silas Zindel (Bilder)06.09.2026, 05.01 Uhr5 LeseminutenMehr als hundert Beulen zeugen auf diesem Autodach vom Hagelschlag, der am 28. August über grosse Teile des Schweizer Mittellandes zog.In seinem braunen Tesla fährt ein Kunde am Standort der Zurich Versicherung in Seuzach bei Winterthur vor. Dem Wagen ist anzusehen, was am vergangenen Freitagmorgen über grosse Teile des Schweizer Mittellandes zog. Hunderte von Beulen überziehen die Karosserie, die zersplitterten Scheinwerfer funktionieren nicht mehr, und die Frontscheibe ist zerschlagen. Der Tesla-Fahrer möchte von seiner Versicherung wissen, wie schwer der Hagel sein Auto beschädigt hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach einer kurzen Begutachtung kommt ein Schadenexperte zu dem Schluss: Totalschaden. Der Fahrzeugbesitzer ist den Tränen nahe. «Als meine Tochter vom Schaden erfuhr, musste sie weinen», sagt er mit zittriger Stimme. Sie habe während des Studiums auf «ihr erstes schönes Auto» gespart und den Tesla nach ihrem Diplom den Eltern abkaufen wollen. «Doch eine höhere Gewalt hat nun ihren Traum zerstört.»Als der Hagel am vorletzten Freitag gegen 10 Uhr auf Seuzach niederprasselte, stand der Tesla nur unweit des Versicherungsstandorts. Auch den Häusern rund um das Areal ist der Hagelschlag anzusehen: Solaranlagen sind zerschlagen, Fensterscheiben zerbrochen.Eine Woche später stehen auf dem Gelände noch immer beschädigte Fahrzeuge. Nur zwanzig Stunden nach dem Unwetter eröffnete die Zurich Versicherung im Industriequartier ihren ersten temporären Drive-in mit Hagelscanner für Autos. Der Fahrzeugexperte Joël Ryavec sagt: «Die Zahl der Schadensmeldungen und die Nachfrage nach Analysen sind beispiellos.»Der Fahrzeugexperte Joël Ryavec arbeitet momentan fast immer. Auch am Sonntag begutachtete er unzählige zerschlagene Scheinwerfer und Rücklichter.KI-Analyse der AutosIn der grossen Halle einer Garage nahe dem Firmensitz steht nun der Hagelscanner. Seit drei Jahren setzt die Versicherung solche Geräte ein. Hier nimmt Ryavec die Kundschaft in Empfang. Seit Samstag stehe er praktisch im Dauereinsatz, erzählt der Fahrzeugexperte. Dies, während er schon den nächsten Familienwagen übernimmt, die Länge ausmisst und Scanner wie Computer auf das Auto abstimmt.Nun steuert Ryavec den BMW langsam durch das längliche schwarze Tor. Während rund zwanzig Sekunden wandert eine schmale grüne Lichtschleife von der Seite und von oben über das Fahrzeug. Kameras erfassen die Karosserie, eine künstliche Intelligenz wertet Beulen, beschädigte Scheiben, Scheinwerfer und Rückspiegel aus. Innerhalb einer Minute ist das Auto so weitgehend automatisiert auf Schäden untersucht.Beim geprüften Wagen stellt der Scanner allein auf dem Dach mehr als hundert Einschläge fest. Wahrscheinlich ist auch an diesem Auto ein Totalschaden entstanden. Ryavec prüft das Ergebnis anschliessend von Hand nach. «Einzelne Bereiche, etwa die Heckspalten, erfasst die Maschine nur schlecht», erklärt er. Dennoch beschleunige die Technik die Schadenanalyse erheblich. Und mache es überhaupt erst möglich, das enorme Aufkommen zu bewältigen.Das Kamerasystem unter der grünen Lichtschleife erfasst jeden Schaden: Der Hagelscanner der Zurich Versicherung dokumentiert die Karosserie eines BMW.Ryavec wertet die Analyse der künstlichen Intelligenz aus. Anschliessend überprüft er das Ergebnis manuell.Personeller EngpassDer Schaden, den der Hagelsturm angerichtet hat, ist schwer zu beziffern, dürfte insgesamt aber mehrere hundert Millionen Franken betragen. Weder Schätzungen zur Schadenssumme noch die Zahl der eingegangenen Meldungen veröffentlicht die Zurich Versicherung. Roland Pfister, Leiter der Fahrzeugexperten und Unfallanalysen, begründet dies so: «Was heute noch aktuell ist, ist morgen wegen der vielen neuen Meldungen bereits überholt.»Andere Versicherungen nennen konkretere Zahlen: Bei der Mobiliar gingen schweizweit 20 000 Schadenmeldungen ein, mehr als 15 000 davon betreffen Fahrzeuge. Sie rechnet mit Schäden im dreistelligen Millionenbereich. Die Vaudoise verzeichnet über 2000 Meldungen und schätzt die Schäden auf 10 Millionen Franken. Die anderen Versicherungen werden mit Drive-in-Einrichtungen wie jener in Seuzach nachziehen.Schwer getroffen wurden auch Gebäude. Bei der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich gingen 14 900 Meldungen ein, die Schadenssumme schätzt sie auf 200 Millionen Franken. Zusätzlicher Wind verstärkte den Hagelschlag und beschädigte Dächer, Fenster, Photovoltaikanlagen und Storen. Die Schweizerische Hagelversicherung schätzt die Schäden bei versicherten landwirtschaftlichen Kulturen auf bis zu 10 Millionen Franken.«Wir mussten alle personellen Ressourcen mobilisieren», sagt Pfister von der Zurich Versicherung. Der Hagelschlag sei der schwerste in der Schweiz seit zwanzig Jahren gewesen, vor allem seine Intensität sei aussergewöhnlich. «Bei Autos stellen wir viele Totalschäden fest.» Der Ansturm geschädigter Autobesitzer auf die Drive-ins ist gross, entsprechend viele hat die Versicherung eingerichtet. Neben Seuzach betreibt die Zurich Versicherung fünf weitere in den Kantonen Aargau, Solothurn, Thurgau und Zürich. Alle sind bis Mitte Oktober ausgebucht.Untersucht würden derzeit vor allem schwer beschädigte Autos. Allein einzelne Ersatzteile wie Scheinwerfer können laut Pfister knapp 10 000 Franken kosten. Bei Hagelkörnern mit einem Durchmesser von sechs bis acht Zentimetern, wie sie in der Region Winterthur niedergingen, lohnt sich eine Reparatur deshalb häufig wirtschaftlich nicht mehr. «Um das Ausmass solcher Hagelbälle zu veranschaulichen, haben wir einige, die in Seuzach herabstürzten, eingefroren und zeigen sie unseren Kunden.»Roland Pfister veranschaulicht der Kundschaft der Zurich Versicherung die Schäden mit im Kühlschrank eingefrorenen Hagelbällen: Die 6 bis 8 Zentimeter grossen Kugeln gingen direkt beim Firmensitz in Seuzach nieder.«Hühnereigrosse Hagelkörner waren enorm laut»Im Wartebereich des Drive-ins in Seuzach wartet ein älterer Herr auf die Auswertung der Schäden an seinem Auto. «Glücklicherweise fuhr ich gerade von der Fahrzeugprüfung weg, als der Hagelschlag losging.» So habe er das Auto rasch unterstellen können.Dennoch habe ihn das Gewitter erschreckt. «Plötzlich war es, als würden Eisenhämmer auf das Autodach schlagen. Die hühnereigrossen Hagelkörner waren enorm laut», erinnert er sich. Der Peugeot-Lenker hat Glück: Laut Scan ist sein Auto weiterhin fahrtüchtig und kann repariert werden.Neben der Zeitersparnis erleichtere der Scanner auch die Vermittlung der Ergebnisse, sagt Ryavec. «Der Hagelscanner veranschaulicht die Schäden sehr gut, was zu weniger Diskussionen führt.» Der Peugeot-Fahrer kann das Ergebnis auf dem Bildschirm unmittelbar nachvollziehen.Weniger zufrieden ist der Fahrer des braunen Teslas mit der Summe, die ihm die Versicherung auszahlen will. «Ich werde sehr nett bedient, und ich verstehe, dass wir in einem harten Business sind, gerade nach einer solchen Katastrophe.» Doch für ihn sei die Situation schwierig. Die Preise für gebrauchte Teslas seien in den vergangenen Jahren stark gefallen. «Heute erhalte ich nicht einmal mehr die Hälfte der 42 000 Franken, die ich 2022 bezahlt habe.»Der Mann zündet sich eine Zigarette an. Er bittet den Schadenexperten, den Fall noch einmal anzuschauen. Seiner Tochter möchte er den Traum vom eigenen Auto doch noch ermöglichen.Passend zum Artikel
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