Als der grosse Hagel einsetzte, spielten Schulkinder im Freien. Nun prüft der Bund neue WarnsystemeEnde August wurden im Kanton Zürich Dutzende Kinder durch Hagelschlag verletzt. Darum wird Kritik an den Behörden laut.Vincenzo Togni09.09.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenDer Hagelsturm hinterliess im Kanton Zürich Verwüstungen an Autos und Gebäuden. Doch auch Menschen wurden von den Hagelkörnern getroffen.Claudio Thoma / KeystoneAm 28. August zog ein verheerender Hagelsturm über den Kanton Zürich hinweg. Bis zu sechs Zentimeter grosse Hagelkörner richteten grosse Schäden an. Autos, Gebäude und landwirtschaftliche Kulturen wurden in Mitleidenschaft gezogen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Menschen wurden verletzt: Über siebzig Personen mussten im Kantonsspital Winterthur behandelt werden. Unter ihnen waren rund vierzig Schülerinnen und Schüler aus den Regionen Winterthur und Bülach. Manche erlitten Prellungen und Hirnerschütterungen. Sie spielten gegen 10 Uhr während der Pause auf dem Pausenplatz, als der Hagelschlag einsetzte.Obwohl sich das Unwetter anbahnte, liessen Lehrpersonen die Kinder nach dem Pausengong ins Freie. Das habe bei einigen Eltern für Kritik gesorgt, sagt die zuständige Stadträtin Romana Heuberger (FDP) zur NZZ.Wie Heuberger sagt, verfügen die Winterthurer Schulen über ein Sicherheits- und Krisenkonzept. Mit Blick auf künftige Unwetter wolle die Stadt dieses nun überprüfen.Der Vorfall beschäftigt inzwischen auch die Politik. Drei Tage nach dem Hagelsturm reichten Mitglieder des Kantonsrats eine Anfrage ein. Sie wollen von der Regierung wissen, ob die Bevölkerung rechtzeitig und ausreichend vor dem Unwetter gewarnt wurde und wie die Warnkette rund um die vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) gemeinsam mit den Kantonen betriebene Plattform Alertswiss funktionierte. Das Anliegen ist breit abgestützt: Unterzeichnet haben es Vertreterinnen und Vertreter von SVP, FDP, Mitte, EVP, GLP, Grünen, SP und AL.Kaum Vorgaben bei UnwetternDie Bildungsdirektion stellt den Schulen ein Handbuch zum Umgang mit Gefahren auf dem Schulgelände zur Verfügung. Mit dem «Sicherheitsordner für Schulen» will die Bildungsdirektion ihnen eine Grundlage bieten, um ein eigenes Sicherheitskonzept zu erstellen oder ein bestehendes zu verbessern. Verbindlich ist der Ordner nicht.Auffallend ist jedoch, wie unterschiedlich konkret die Massnahmen je nach Gefahr formuliert sind. Für Amokläufe sind beispielsweise Schulungen vorgesehen. Da im Ernstfall die Mitarbeitenden im Zentrum stehen, müssen sie entsprechend vorbereitet werden. Dazu gehört, sie für mögliche Szenarien zu sensibilisieren und in den festgelegten Abläufen auszubilden. Mit Kindern werden solche Szenarien hingegen nicht geübt, da dies laut dem «Sicherheitsordner» traumatisierend sein kann.Auch weniger aussergewöhnliche Gefahrensituationen wie ein Feueralarm sollen regelmässig geübt werden. Laut dem «Sicherheitsordner» sind Lehrpersonen angehalten, alle zwei Jahre eine Evakuationsübung mit der gesamten Schule durchzuführen.Unwetter hingegen werden kaum erwähnt. Für Gefahren durch Umweltereignisse gibt es keine vergleichbar klaren Richtlinien.Dabei hält der «Sicherheitsordner» zur Ausbildung der Lehrpersonen grundsätzlich fest: Nur wer Abläufe vorher regelmässig geübt habe, könne sie in Notfällen und Krisen erfolgreich umsetzen. Das blosse Festhalten von Abläufen in Konzepten und Checklisten reiche nicht aus. Regelmässige Trainings würden zudem helfen, Schwachstellen in den festgelegten Prozessen aufzudecken und zu beheben.Diese sechs bis acht Zentimeter grossen Hagelkörner stürzten in Seuzach bei Winterthur herab.Silas Zindel für NZZBeim aussergewöhnlich intensiven Hagelsturm vom 28. August zeigte sich nun, dass an mehreren Schulen offenbar keine entsprechenden präventiven Massnahmen ergriffen worden waren. Sie wurden vom heftigen Hagelschlag überrascht.Der Bund plant präzisere AlarmierungKritik daran äusserte der Meteorologe Jörg Kachelmann. Gegenüber den Tamedia-Zeitungen sagte er: «Dass eine 10-Uhr-Pause bei einer heraufziehenden Wand im Freien abgehalten wird, ist fahrlässig.» Dass es 2026 im Kanton Zürich zu einem derart heftigen Unwetter komme, dürfe niemanden mehr erstaunen, so Kachelmann weiter. Ähnlich wie die unterzeichnenden Kantonsräte nimmt er deshalb die Behörden in die Pflicht und fordert ein Warnsystem nach amerikanischem Vorbild.Dort sei die Bevölkerung an ein System aus frühzeitiger Vorwarnung und lokaler Alarmierung gewöhnt. In der Schweiz hingegen würden Warnungen häufig für ganze Regionen herausgegeben. Das sei zu wenig präzise.Damit rückt auch Alertswiss in den Fokus. Die App des Bundes informiert über Naturereignisse und andere Gefahren und warnt die Bevölkerung vor ihnen. In ihrer Anfrage wollen die Zürcher Kantonsräte von der Regierung wissen, wie tauglich die Alarmierungsplattform des Bundes bei Extremwetterereignissen sei – insbesondere für Schulen.Das Babs verweist gegenüber der NZZ auf die unterschiedlichen Zuständigkeiten. Alertswiss sei für die «Information, Warnung und Alarmierung der Bevölkerung im ganzen Spektrum bevölkerungsschutzrelevanter Ereignisse» optimiert. Für Warnungen vor Wetterereignissen und -gefahren sei gemäss Gesetz jedoch Meteo Schweiz zuständig.Am Tag des Unwetters wurden über die offizielle App des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie 13 Millionen Meldungen an Mobiltelefone in der ganzen Schweiz verschickt. Genau diese hohe Zahl von Warnungen sieht Kachelmann kritisch. Würden Apps ständig für ganze Kantone warnen, bestehe die Gefahr, dass die Bevölkerung abstumpfe. «Wenn es dauernd piept, nimmt es niemand mehr ernst», sagte er gegenüber den Tamedia-Zeitungen. Es brauche eine eindeutige Instanz.Beim Bund ist die präzisere Alarmierung bereits ein Thema. Das Babs arbeitet an der Einführung von Cell-Broadcast. Damit können alle Mobiltelefone innerhalb einer bestimmten Mobilfunkzelle mit einer kurzen Textnachricht gewarnt und alarmiert werden. «Damit soll die punktgenaue Warnung und Alarmierung gestärkt werden», schreibt das Bundesamt.Auch der Bundesrat unterstützt die Einführung von Cell-Broadcast. Bereits vor dem Unwetter Ende August beantragte er dafür beim Parlament einen Verpflichtungskredit von 15,8 Millionen Franken. Die Einführung war ursprünglich erst für Ende Jahr vorgesehen. Mit der Sofortmassnahme soll das Vorhaben nun beschleunigt werden. Aufbau und Betrieb sind bis 2035 geplant.Lehren aus dem HagelsturmMit Blick auf künftige Unwetter will sich das Babs mit Meteo Schweiz austauschen. «Im Dialog mit diesen Stellen wird dieser Fall und daraus resultierendes Verbesserungspotenzial besprochen», schreibt das Bundesamt.Trotz der Kritik von Eltern fällt die Bilanz der Stadt Winterthur nicht nur negativ aus. Die Stadträtin Romana Heuberger verweist auch auf positive Rückmeldungen: «Es haben sich demgegenüber bei den Schulen aber auch mehrere Eltern gemeldet, die sich für das Krisenmanagement und die rasche Elterninformation bedankt haben.»Klar ist: Die Versicherungen werden noch einige Zeit mit den Folgen des Hagelschlags beschäftigt sein. Die Schäden an Autos, Infrastruktur und Landwirtschaft dürften Kosten in der Höhe von mehreren Millionen Franken verursacht haben.Passend zum Artikel