Ungeliebt und ungewollt: Für Friedrich Merz wird es nach den Wahlen in Ostdeutschland engDie Kanzlerfrage wird nach einer Niederlage der CDU in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern mit Sicherheit wieder gestellt. Doch wer soll Merz denn ersetzen?Lisa Plank06.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFriedrich Merz machte seine Gesundheitsministerin zur Kanzleramtschefin. Der Aufstieg von Nina Warken erinnert manche bereits an Angela Merkel.Annegret Hilse / ReutersFriedrich Merz wollte Kanzler werden. Nicht Parteivorsitzender, nicht Minister, nein, Kanzler. Ein Traum, der ihm viel Geduld abgerungen hat. Doch nach vielen Jahren des Wartens ging er im Mai 2025 endlich in Erfüllung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mittlerweile ist daraus ein Albtraum geworden. Buhrufe und Beleidigungen gehören für Merz zum Alltag. «Kriegstreiber», «Pinocchio» und «Rücktritt» riefen ihm dieser Tage Passanten bei einem Wahlkampfauftritt im ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern entgegen. In Sachsen-Anhalt schirmte man ihn direkt von den Bürgern ab. Nur zwei Termine hatte der Kanzler im Wahlkampf des amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze, beide nicht für die breite Öffentlichkeit.Doch der Albtraum könnte bald enden. Eine krachende Niederlage der CDU heute, Sonntag, in Sachsen-Anhalt oder am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern könnte weitreichende Folgen für Merz haben. Dann wird wieder die Kanzlerfrage gestellt. «MMW» – «Merz muss weg» – wird es heissen. Er kann es einfach nicht, werden sie selbst in seiner eigenen Partei lästern.«Die Autorität von Friedrich Merz ist bereits erheblich beschädigt. Gerade auch in den eigenen Reihen hat er viel von der anfänglichen Unterstützung verloren», sagt Oliver Lembcke, Politikwissenschafter an der Ruhr-Universität Bochum, der «NZZ am Sonntag». «Dass er sich aus diesem Tief noch einmal herauskämpft, ist nicht ausgeschlossen, ich halte es aber für eher unwahrscheinlich.»Doch was dann?Für Merz, den Mann aus dem Sauerland, gibt es bei diesen Landtagswahlen üble Szenarien und richtig üble Szenarien. Doch sein Stuhl wackelt so oder so.«Eine absolute Mehrheit der AfD in Sachsen-Anhalt wäre für die CDU eine strategische Zäsur. Sie würde nicht nur eine Wahl verlieren, sondern ihre bisherige Stellung als führende Kraft rechts der Mitte und als natürliche Regierungspartei einbüssen», sagt der Politikprofessor Lembcke. «Ein Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde in Mecklenburg-Vorpommern wäre für die CDU aber noch traumatischer. Es wäre ein Symbol dafür, dass die CDU in Teilen Ostdeutschlands ihre Stellung als Volkspartei verloren hat. Daraus würde sich sofort die Frage nach der Verantwortung der Bundespartei und ihres Vorsitzenden stellen. Das würde nicht nur eine Strategiediskussion, sondern unmittelbar auch eine Führungsdiskussion auslösen.»Merz einfach zu ersetzen, wäre jedoch nicht so einfach. Die institutionelle Hürde, dass aus einem beschädigten ein abgelöster Kanzler wird, sei ziemlich hoch im deutschen Regierungssystem, sagt Lembcke. Die eine Möglichkeit wäre das sogenannte konstruktive Misstrauensvotum durch den Bundestag; Merz würde gestürzt, weil ein Gegenkandidat die Mehrheit im Parlament gefunden hat. Doch wer sollte das sein?Die andere Möglichkeit wäre ein freiwilliger Rücktritt durch den Kanzler selbst. Letzteres vermutlich nur durch den Druck seiner Vertrauten. Einflussreiche CDU-Politiker, die ihm sagen: Friedrich, lass es gut sein.Merz würde dann als der am kürzesten regierende Kanzler in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Eine Schmach.Aber nicht ganz ohne Parallelen. Ludwig Erhard, der «Vater des deutschen Wirtschaftswunders», war populär als Wirtschaftsminister, doch seine Kanzlerschaft Anfang der sechziger Jahre wurde ein Desaster. Nach drei Jahren verliess er zermürbt das Kanzleramt. Erhard war zu freundlich, sein Vorgänger Konrad Adenauer intrigant, und dann kamen noch Rezession und Haushaltsloch dazu.Merz gilt heute als ähnlich, wenn auch anders ungeschickt beim Regieren und im Umgang mit den Bürgern.Ob ein Kanzlerwechsel eine Lösung wäre, die der Bundesregierung neue Beliebtheit schenkt, ist jedoch fraglich. Denn die gegenwärtigen Mehrheiten bleiben bestehen, eine schwarz-rote Koalition, in der die Unionsparteien ziehen und die SPD bremst. Und Neuwahlen würden niemandem helfen ausser der AfD.Und es gibt bei der Kanzlerfrage noch ein anderes, grösseres Problem: die fehlenden Alternativen.Im politischen Berlin sind schlicht kaum Politiker zu finden, denen man im Moment Spitzenämter zutraut. Auf der Ersatzbank fehlen die Einwechselspieler.Das zeigt sich auch an den mitunter überraschend schnellen Politikerkarrieren, die sich unter Merz vollzogen haben. So wurde Philipp Amthor, der 33-jährige, vielleicht ehrgeizigste Jungpolitiker der CDU, zu Beginn der Legislatur Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung. Im vergangenen Monat setzte ihn Merz an eine strategische Schaltstelle und machte ihn zum Staatsminister für Bund-Länder-Beziehungen. Noch mehr Aufmerksamkeit fand der Aufstieg von Nina Warken.Die bisherige Gesundheitsministerin ist nun Chefin des Kanzleramts. Eine Schlüsselrolle. Die 47-Jährige gilt als besonders loyal gegenüber Merz, eine mässig begabte Rednerin, aber erstaunlich erfolgreich in der Parteihierarchie. Warken wird deshalb bereits mit Angela Merkel verglichen, die sich still in den letzten Jahren der Kanzlerschaft von Helmut Kohl hochgearbeitet hatte. Doch sowohl für Warken als auch Amthor scheinen ernsthafte Kanzleraspirationen zu früh zu sein.Bis vor kurzem wurden als potenzielle Nachfolger von Merz regelmässig drei Namen genannt: Jens Spahn, Markus Söder und Hendrik Wüst.Markus Söder hat seine Ambitionen auf das Kanzleramt aufgegeben. So sagt es der bayerische Ministerpräsident wenigstens.Frank Hoermann / Sven Simon / ImagoJens Spahn wurden seine Ambitionen auf ein höheres Amt genommen, als der Skandal über seine Leihmutter in den USA über ihn hereinbrach. Leihmutterschaft ist in Deutschland nicht erlaubt, und Spahn selbst hatte sich früher als Minister und an Parteitagen dagegen ausgesprochen.Markus Söder wiederum schwört mittlerweile Stein und Bein, dass das Kapitel Kanzlerkandidatur für ihn abgeschlossen sei. Er sieht seine Zukunft weiter als Ministerpräsident in Bayern.Wer bleibt, ist Hendrik Wüst. Der Reservekanzler. Der 51-Jährige regiert Nordrhein-Westfalen, das grösste deutsche Bundesland, in einer Koalition mit den Grünen; die AfD hält er auf Abstand, in Umfragen liegt sie im Bundesland 15 Prozentpunkte hinter der CDU. Sein Interesse am Amt des Bundeskanzlers hat Wüst schon häufiger durchblicken lassen.Der Reservekanzler: Hendrik Wüst, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, wird als potenzieller Nachfolger von Merz gehandelt.Mike Schmidt / ImagoDoch ob Wüst die Chance packen würde, jetzt das Amt zu übernehmen, ist nicht so sicher. Sein Kalkül mag anders sein: Im nächsten Frühjahr ein weiteres Mal die Landtagswahlen gewinnen, seine Position als dann erfolgreichster Landeschef in der Partei festigen – und dann zuschlagen.Es ist also gut möglich, dass Merz sich hält und die immer lauter werdenden Zweifel an seiner Person erträgt. Wahldebakel in Ostdeutschland hin oder her. Der Traum vom Bundeskanzler ginge dann noch ein bisschen länger.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel