Maggie Gyllenhaal: Mit Galgenhumor gegen den Frauenmangel an den Filmfestspielen in VenedigMaggie Gyllenhaal kritisiert die Überzahl an Filmen männlicher Kollegen. Sie hat recht. Doch statt über Quoten müsste man über Chancen nachdenken. Hier liegt das Ungleichgewicht.Jens Ulrich Eckhard06.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenFordert mehr Filme von Frauen: Die Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal bei den 83. Filmfestspielen in Venedig.ImagoKommt eine Frau nach Venedig und erzählt einen Witz. Zum Auftakt der 83. Internationalen Filmfestspiele war es die Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal selbst, die vermeintlich zum Scherzen aufgelegt war. Auf die Frage einer Journalistin, ob man angesichts von nur einer Regisseurin unter 21 Wettbewerbsfilmen von einem «Backlash» sprechen müsse, antwortete sie: «Ich schätze, es ist jetzt endgültig klar, dass Männer bessere Filme machen als Frauen» – und verzog den Mund zu einem süffisanten Lächeln. Der Versuch des neben ihr sitzenden Festivaldirektors Alberto Barbera, die Bemerkung wegzulachen, wirkte eher kläglich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bezeichnend war, dass Barbera die Journalistin noch korrigierte: Es seien doch zwei Filme von Frauen im Bewerb. Tatsächlich stammt genau einer von einer Regisseurin, «Woman Unknown» der Dänin May el-Toukhy. Die nachnominierte Produktion «Naza» entstand in Co-Regie der Israelin Rachel Szor mit ihrem Kollegen Yuval Abraham. Macht in Summe anderthalb.Gyllenhaal geht von einem «systemischen Problem» aus. «Ich glaube tatsächlich, dass es für Frauen viel schwieriger ist, eine Finanzierung für ihre Filme zu bekommen», fügte sie nach ihrem sarkastischen Kommentar ernsthaft hinzu. Es gebe eine «Verwirrung» darüber, was wertgeschätzt werde – und es werde noch einige Zeit dauern, sich daran zu gewöhnen, «dass viele Frauen meiner Meinung nach Filme ganz anders drehen als Männer».Barbera beteuerte bereits im Juli, die Auswahl sei «ohne Vorurteile» getroffen worden, er habe allein nach Qualität ausgewählt. Nur 24 Prozent der eingereichten Spielfilme seien von Frauen gewesen, und diese seien nicht gut genug für den Wettbewerb gewesen. Italienische Branchenverbände reagierten damals mit einem offenen Brief.Nun ist das älteste Filmfestival der Welt weiss Gott kein Herrenklub. Im Vorjahr stammten 6 von 21 Wettbewerbsfilmen aus weiblicher Regie, 2020 lag der Frauenanteil gar bei 44 Prozent. Und zwischen 2020 und 2022 ging der Goldene Löwe dreimal hintereinander an Frauen: Chloé Zhao, Audrey Diwan und Laura Poitras.Trotzdem wiegt der kommerzielle Erfolg für Regisseurinnen deutlich schwerer als für ihre männlichen Kollegen, im Guten wie im Schlechten. Eine im Dezember im «Journal of Cultural Economics» publizierte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Verpflichtung männlicher Regisseure noch immer als sichere Wahl gilt. Selbst Flops werden eher als Ausrutscher abgetan. Erfolgreiche Regisseurinnen werden heute zwar schneller nach oben katapultiert, bei Misserfolg aber stehen sie unter Rechtfertigungsdruck. Ihr Talent wird angezweifelt, Geldgeber ziehen sich zurück.Diese Erfahrung machte die Regisseurin Gyllenhaal mit ihrem zweiten Spielfilm: Nach dem hochgelobten Erstling «The Lost Daughter» floppte «The Bride!» 2025 an den Kinokassen: Den Kosten von 90 Millionen Dollar bei Warner Bros. stand ein weltweites Einspielergebnis von nur rund 24 Millionen gegenüber. Die Konsequenzen wird sie bei ihrem nächsten Projekt zu spüren bekommen. Die Antwort auf Gyllenhaals bitteren Witz kann deshalb keine Quote sein, in Venedig so wenig wie in Berlin oder Cannes. Auch macht ein Ausreisserjahr noch keinen «Backlash». Die Bereitschaft in der Branche aber, auch Frauen teuer scheitern zu lassen und sie danach weiterzubeschäftigen, wäre ein Anfang. Gyllenhaal selbst könnte den Beweis liefern – wenn ihr doch nur noch einmal jemand 90 Millionen gäbe. Ganz ohne Witz.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Systemisches Problem: Maggie Gyllenhaal über Frauen in der Filmindustrie
Maggie Gyllenhaal kritisiert die Überzahl an Filmen männlicher Kollegen. Sie hat recht. Doch statt über Quoten müsste man über Chancen nachdenken. Hier liegt das Ungleichgewicht.









