InterviewDer CDU-Vordenker Andreas Rödder über wechselnde Mehrheiten mit der AfD: «Ich erkenne nicht, wo das Problem ist»Der Historiker plädiert dafür, den politischen Wettbewerb mit der AfD aufzunehmen. Ein Gespräch über die Brandmauer und die Zukunft bürgerlicher Parteien.05.09.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenAndreas Rödder will die Auseinandersetzung mit der AfD nicht länger über die Brandmauer führen, sondern im politischen Wettbewerb.Imago / ImagoDas politische Pendel schwingt nach rechts. Entscheidend sei nun, ob die CDU es in der rechten Mitte auffangen könne, sagt der Historiker Andreas Rödder im NZZ-Podcast «Machtspiel».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frage: Sie haben eine Geschichte der deutschen Wiedervereinigung geschrieben. Wenn Sie heute auf Ostdeutschland schauen: Ist das, was wir dort erleben, eine Spätfolge der Wiedervereinigung? Oder sind wir schon in einer ganz neuen Phase?Antwort: Ich glaube, das ist lediglich ein Zusatz zu einer Entwicklung, die wir in allen oder fast allen westlichen Gesellschaften im frühen 21. Jahrhundert beobachten. Sosehr es in Ostdeutschland Spezifika aus der Zeit der deutschen Teilung gibt, glaube ich eher, dass wir es hier mit einem gesamtwestlichen Phänomen zu tun haben, bei dem der Osten in Deutschland dem Westen im Moment voraus ist.Frage: Was ist dieses Phänomen?Antwort: Ich erkläre – und nicht nur ich – den Aufstieg der AfD und der neuen rechten Parteien in hohem Masse als Reaktion auf die postmodern-grüne beziehungsweise postmodern-linke Kulturrevolution seit den siebziger und achtziger Jahren. Diese Kulturrevolution hat Ordnungsvorstellungen der bürgerlichen Moderne grundsätzlich infrage gestellt: die Nation, die Marktwirtschaft, die Geschlechterordnung, auch den Westen als kulturelles Modell an sich. Stattdessen hat sie das soziale Spektrum in Täter und Opfer eingeteilt. Das Ergebnis ist die vulnerable Gesellschaft, in der Opfer ausgleichsberechtigt sind und Täter diesen Ausgleich zu leisten haben. Und die Täter sind in erster Linie weiss und männlich. Diese postmodern-grüne Revolution hat in den 2010er Jahren kulturelle Hegemonie gewonnen. Dagegen hat sich eine neurechte Gegenbewegung formiert. Dass die AfD in Ostdeutschland noch einmal besonderen Anklang findet, ist eine Unternote davon, aber nicht das tragende Erklärungsmoment.Frage: Sie haben schon 2023 für CDU-Minderheitsregierungen plädiert, die sich wechselnde Mehrheiten suchen – auch mit Stimmen der AfD. Wäre das nach der Wahl in Sachsen-Anhalt eine Lösung?Antwort: Ich finde, dass das mehr denn je gilt. Schauen Sie auf die CDU. Sie ist die entscheidende Kraft in dem ganzen Spiel, weil sie die Scharnierpartei in dieser Konstellation ist. Wenn AfD und BSW zusammen keine absolute Mehrheit gewinnen, wird die Union grundsätzlich vor der Wahl stehen, ob sie eine Allparteienkoalition gegen die AfD bildet oder eine Minderheitsregierung, die auch auf Stimmen der AfD zurückgreifen würde. Aber was soll die Union machen? Sie hat Unvereinbarkeitsbeschlüsse zu zwei Parteien, die, davon dürfen wir wohl ausgehen, gemeinsam eine absolute Mehrheit der Sitze im Landtag gewinnen werden. Wir haben es mit einer absoluten Sackgasse zu tun. Ignoriert die Union den Unvereinbarkeitsbeschluss zur Linkspartei und bildet eine Allparteienkoalition, wird ihre Erosion nach rechts weitergehen. Kooperiert sie in irgendeiner Weise mit der AfD, droht ihr die Spaltung nach links.Frage: Sie sitzt in der Falle.Antwort: Ganz genau genommen gibt es daraus gar kein Entkommen. Ich persönlich finde die Idee, rote Linien zu formulieren und auf dieser Basis um einzelne Mehrheiten zu kämpfen, also auch auf eine Minderheitsregierung zu gehen, den politisch saubersten Ausweg. Und wenn man einmal «out of the box» denkt, bieten solche Minderheitsregierungen übrigens eine Chance für den Parlamentarismus, weil man im Parlament um Mehrheiten für einzelne Fragen kämpfen kann. Wenn alle gezwungen sind, sich an der Sache zu orientieren, kann man in einem solchen System sogar Chancen erkennen.Frage: Aber wechselnde Mehrheiten funktionieren nur, wenn es tatsächlich unterschiedliche Mehrheiten gibt – und wenn auch SPD und Grüne grundsätzlich bereit sind mitzumachen. Was, wenn nicht?Antwort: Dann muss ich so risikobereit sein zu sagen: Okay, dann gibt es eine Blockade des politischen Systems. Dann passiert eben nichts, dann wird kein Gesetz mehr beschlossen. Und dann muss man im Zweifelsfall ein Parlament auflösen und mit der Frage vor die Wähler gehen: Was wollt ihr eigentlich? Wollt ihr Blockade, oder wollt ihr eine Reformpolitik? Wenn andere bei meinem Projekt nicht mitmachen, dann sollen die Wähler entscheiden. Denn das muss man immer noch einmal klarmachen: Demokratie heisst, der Souverän ist der Wähler.Frage: Machen wir den Praxistest. Eine CDU-Minderheitsregierung legt einen Haushalt vor. SPD, Grüne und Linke sind dagegen. Mit Stimmen der AfD reicht es für eine Mehrheit. Darf die CDU diesen Haushalt verabschieden?Antwort: Aus meiner Sicht ja. Parlamentarisch gesehen ja.Frage: Und wenn das im nächsten Jahr wieder passiert? Ab wann wird aus einer wechselnden Mehrheit eine Abhängigkeit?Antwort: Da gibt es natürlich keine ganz scharf gezogenen Grenzen. Ich will auch noch einmal sagen: Ich rede gar nicht von einem Modell. Aber wenn die Union einen Haushalt vorlegt, den sie nach bestem Wissen und Gewissen christlichdemokratisch und verfassungskonform formuliert hat, und Linke, SPD und Grüne sagen: Nein, mit dieser CDU stimmen wir auf gar keinen Fall – und die AfD stimmt dem Haushalt zu, dann erkenne ich noch gar nicht, wo das Problem ist. Und wenn das wieder so passieren würde, wäre es in Ordnung. Wenn es am Schluss so wäre, dass die AfD sich mässigen und verfassungskonform einer demokratischen Politik zustimmen würde, dann sollte sich das politische System über eine enorme Integrationsleistung freuen, die es dreizehn Jahre lang nicht vollbracht hat.Zur PersonDer Professor für neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz forscht unter anderem zur deutschen und europäischen Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Rödder ist Mitglied der CDU und war Vorsitzender der Grundwertekommission der Partei. 2021 gründete er die Denkfabrik Republik 21, die er leitet. Im Umgang mit der AfD plädiert Rödder dafür, den politischen Wettbewerb anzunehmen und die Auseinandersetzung inhaltlich zu führen.Frage: Dürfte ein CDU-Ministerpräsident sein Amt antreten, wenn er mit AfD-Stimmen gewählt wird?Antwort: Ich kann ehrlich gesagt nicht erkennen, wo der kategoriale Unterschied zwischen der Zustimmung zu einem Haushalt und der Wahl einer Person liegt.Frage: Ihre Formel lautet «rote Linien statt Brandmauern». Was wären für Sie die entscheidenden roten Linien gegenüber der AfD?Antwort: Die Union hat Unvereinbarkeitsbeschlüsse gegenüber der Linkspartei und gegenüber der AfD. Wenn man von roten Linien spricht, müssen diese Dinge konsistent sein. Sie müssen nach links genauso gelten wie nach rechts. Aussenpolitisch heisst das: keine Sympathie, keine Fraternisierung mit dem Putin-Regime, die Ukraine unterstützen und die Westbindung der Bundesrepublik nicht infrage stellen. Auch die europäische Einbindung Deutschlands kann für eine bürgerliche rechte Mitte nicht zur Debatte stehen. Und Verantwortung für die deutsche Vergangenheit ist unumgänglich. Das gilt gegenüber der 180-Grad-Wende von Björn Höcke genauso wie gegenüber Linken, die das SED-Regime verharmlosen. Ich glaube, eine bürgerliche Politik der rechten Mitte kann ihre eigene Position sehr deutlich formulieren und dann auch vertreten.Frage: Ein grosses Gegenargument lautet, eine Zusammenarbeit mit der AfD würde die Partei normalisieren. Ist das für Sie ein ernstzunehmender Einwand?Antwort: Ich würde es genau anders formulieren: Nicht eine Zusammenarbeit normalisiert die Partei, sondern eine Normalisierung macht die Zusammenarbeit möglich. Denn die AfD hat hinter der Brandmauer nie einen Anreiz gehabt, darüber nachzudenken, ob sie sich weiter radikalisieren will, wie das Schnellroda und viele andere im rechten Flügel wollen, oder ob sie sich mässigen will. Insofern ist die Brandmauer ein Instrument gewesen, um die AfD zu solidarisieren, und hat ihre Radikalisierung noch befördert.Frage: Haben Sie den Eindruck, die AfD wolle sich mässigen?Antwort: Ich habe doch keine Ahnung. Niemand von uns kann sagen, was wäre, wenn die AfD mit der Frage konfrontiert wäre, ob sie sich mässigen will und dann auch politisch mitreden kann oder ob sie sich weiter radikalisieren würde. Die einzige Antwort, die ich habe, ist, dass die Brandmauer immer weiter radikalisiert hat. Wenn die roten Linien diese Radikalisierung auch nicht aufhalten würden, wenn sich die AfD trotzdem weiter radikalisieren würde, dann würde ich sagen: Es wäre den demokratischen Versuch wert gewesen. Man hat damit gar nichts zu verlieren, sondern etwas zu gewinnen.Frage: Sie haben jüngst für ein Verbotsverfahren gegen die AfD plädiert. Warum wollen ausgerechnet Sie die Frage vor das Bundesverfassungsgericht bringen?Antwort: Weil ich glaube, dass die Gesellschaft das Verhältnis zur AfD klären muss. Wenn die AfD gesichert und nachvollziehbar verfassungsfeindlich agiert, dann gehört eine solche Partei verboten, egal, wie viel Prozent sie hat. Wenn man das aber nicht gesichert feststellen kann, dann muss man mit der AfD anders umgehen. Was man nicht tun kann, was nicht redlich ist, ist das, was im Moment passiert: dass man vonseiten der Parteien der sogenannten Mitte immer so tut, als gehöre die AfD eigentlich verboten. Aber man scheut das Verbotsverfahren, weil man Angst hat, dass es nicht erfolgreich sein könnte. Das finde ich unredlich. Wir müssen die ganze Sache klären. Deshalb bin ich für ein Verfahren im Sinne dieser Klärung.Frage: Nehmen wir an, das Verfahren findet statt, das Bundesverfassungsgericht prüft die AfD – verbietet sie aber nicht. Was müsste sich am Montag darauf ändern?Antwort: Dann müsste man vielleicht mit roten Linien mit der AfD umgehen, aber man könnte nicht ständig «Brandmauer, Brandmauer, Brandmauer» sagen. Dann müsste sich die demokratische Mitte tatsächlich fragen, ob sie etwas falsch gemacht hat und etwas anders machen sollte. Und man müsste mit einer solchen Partei stärker so umgehen, wie das in anderen Ländern auch der Fall ist.Frage: Machen Sie damit aber nicht aus einer juristischen Frage eine politische? Ein nicht ausgesprochenes Parteienverbot ist schliesslich noch kein demokratisches Gütesiegel.Antwort: Nein, natürlich ist das kein politisches Gütesiegel. So ist es auch nicht gemeint. Das Parteienverbotsverfahren klärt ja nur eine Bedingung dafür, überhaupt am demokratischen Wettbewerb teilzunehmen. Gerade das Verbotsverfahren gibt uns die Möglichkeit zu klären, ob man die Partei verbietet oder ob man mit ihr in den politischen Wettbewerb eintritt. Und wenn man mit der AfD in den politischen Wettbewerb eintritt, weil man die Brandmauer abgebaut hat, bleiben die roten Linien als inhaltliche Abgrenzung zu 100 Prozent bestehen. Die roten Linien sind gerade der Versuch, die Auseinandersetzung auf die politische Ebene zu ziehen und hier nicht mit falschen Formalien oder falschen Pauschalitäten zu arbeiten.Frage: Wenn wir auf die Wahl in Sachsen-Anhalt schauen: Sollten wir das als Entwicklung in einem kleinen ostdeutschen Land betrachten – oder sehen wir dort die Zukunft des deutschen Parteiensystems?Antwort: Sehr entschieden würde ich das als ein allgemeines Paradigma ansehen. Wenn Sie auf die gesamtdeutsche Entwicklung schauen: Die AfD steht jetzt in Umfragen bei 30 Prozent. Das sind nicht 30 Prozent gesichertes Wahlergebnis. Aber es zeigt doch, dass wir es hier nicht mit einem ostdeutschen Regional- oder Sonderphänomen zu tun haben. Wir sind auf dem Weg in einen Paradigmenwechsel des politischen Systems. Ich habe vor einiger Zeit schon gesagt: Das Pendel schwingt nach rechts. Die entscheidende Frage ist, ob es der Union gelingt, das Pendel in der rechten Mitte abzufangen, oder ob es nach rechts aussen durchschwingt. Genau an dem Punkt stehen wir jetzt. Die Situation hat sich für die Union in den letzten Monaten nicht verbessert. Ich glaube, es ist nicht zu spät. Aber es wäre höchste Zeit, diese Auseinandersetzung in aller gebotenen Deutlichkeit anzunehmen.
CDU-Mehrheit mit AfD-Stimmen? «Ich erkenne nicht, wo das Problem ist», sagt Andreas Rödder
Der Historiker Andreas Rödder erklärt, warum die CDU in Sachsen-Anhalt auf eine Minderheitsregierung setzen sollte und weshalb AfD-Stimmen kein Tabu sein dürften.













