Die britische Altphilologin Emily Wilson ist 2017 berühmt geworden als erste Frau, die die „Odyssee“ ins Englische übersetzt hat – also genau genommen natürlich nicht die „Odyssee“, sondern die „Ὀδύσσεια“ –, und dann noch ein bisschen berühmter, als sie Christopher Nolans Verfilmung in einem Text in der „London Review of Books“ vor drei Wochen gründlich verrissen hat. Dem Film fehle es an „psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe“, seine Erzählstruktur sei „effekthascherisch“, sein Schreibstil „bodenlos“ – oder wie auch immer man „abysmal“ übersetzen will.Nun will Wilson das Epos noch einmal neu übertragen, wie die Nachrichtenagentur AP vergangene Woche meldete, nachdem sie die Übersetzerin per Zoom interviewt hatte, und dabei geschickt offen ließ, dass diese Information keineswegs neu und das Projekt auch keine Reaktion auf den Film ist. Schon im August 2025 hatte Wilson in einem Post die Neuübersetzung angekündigt, und sehr viel Neues hatte sie nun auch nicht zu sagen: Ihre Methoden seien raffinierter geworden, begründete sie die ungewöhnliche Entscheidung, außerdem seien ihr ein paar Schwächen aufgefallen, zum Beispiel habe sie das Wort „slave“ zu oft benutzt. Trotzdem berichteten viele Medien über das Interview, woraufhin sich Wilson auf Bluesky laut darüber wunderte, „was heute alles als ‚News‘ gilt“, zum Beispiel: „‚1. Hollywood-Film erhält sowohl begeisterte als auch negative Kritiken.‘ 2. ‚Begeisterte Übersetzerin klassischer Literatur setzt ihr mehrjähriges Projekt fort.‘ Als Nächstes: 3. ‚Die wahre Religionszugehörigkeit des Papstes.‘“Es bleibt kompliziertMan kann auch diese Reaktion Wilsons wahlweise für Bescheidenheit oder für Koketterie halten und sich fragen, warum sie sich nicht freut, dass der lange Zeit dick verstaubter Stoff auch dank ihrer Arbeit wieder ein sogenanntes Ding ist. Dass sich, wie schon bei Erscheinen ihrer Übersetzung, an der Frage, wie man den, nun ja, ziemlich polytropen Begriff polytropos aus der ersten Zeile des Werks übersetzt, heftige Kulturkämpfe entzünden, hatte man auch nicht unbedingt auf der Bingokarte. Nicht auszudenken, wie die Medien reagiert hätten, wenn sie nun angekündigt hätte, ihre inzwischen zu Blockbuster-Ehren gekommene Entscheidung zu überdenken, daraus einen „complicated man“ zu machen, statt etwa einen „of many ways“ oder „of twists and turns“ wie ihre englischen Vorgänger vorschlugen, beziehungsweise einen „vielgewandten“ oder „wandlungsreichen“, um nur zwei deutsche Beispiele zu nennen. Sie hat aber bestätigt, dass sie an der ersten Zeile nichts ändern wird.Wobei, man muss ja genau sein: In ihrem Post vor einem Jahr hieß es noch: „Viele Sätze werden gleich bleiben, einschließlich, selbstverständlich, ‚kompliziert‘.“ Jetzt sagte sie der Agentur aber, sie werde diese Stelle „wahrscheinlich“ so lassen. Die Sache bleibt also wandlungsreich, bis das Buch kommt, soll es noch ein paar Jahre dauern. Schade, dass es nie auf Deutsch erscheinen wird.
Emily Wilson will die „Odyssee“ neu übersetzen
Die Altphilologin Emily Wilson will die „Odyssee“ neu übersetzen – noch einmal. Ist das eine Nachricht? Und was wird aus dem einen Begriff, an dem sich schon Kulturkämpfe entzündet haben?












