Wer in diesen Tagen die Berliner Wahlplakate anschaut, kann etwas Merkwürdiges beobachten: Kaum einer der Kandidaten tritt mit Krawatte an, und auch das Oberhemd scheint auf dem Rückzug. Berlins Politiker haben das T-Shirt entdeckt. Der Anteil von jungen und älteren Männerhälsen, die aus T-Shirts herausragen wie die Köpfe neugieriger Schildkröten aus ihrem Panzer, ist hoch. Nun kann sich jeder anziehen, wie er will – aber das, was dabei herauskommt, ist, ob man will oder nicht, auch eine Botschaft an die Mitmenschen. Das gilt insbesondere für Politiker, die, wie man aus zahllosen Studien weiß, meist nicht nur für ihr Programm, sondern maßgeblich auch wegen ihrer Selbstinszenierung gewählt werden. Was also bedeutet die neue Berliner Kragenlosigkeit?Wo eh keiner Krawatte trägt, ist das T-Shirt keine Provokation mehrIn einer Zeit, als alle Männer brav Krawatte und Anzug trugen, also vor etwa 75 Jahren, waren T-Shirts das Symbol aller Renegaten, die die Moral herausforderten: James Dean sprang im Unterhemd in den offenen Porsche, und alle fielen um vor Begierde, vor allem wegen der Kombination mit lockeren Jeans, die in Deutschland damals Nietenhosen genannt wurden, worin auch ein moralisches Verdikt mitklang: Hosen mit Nieten für Nieten, die keinen sinnvollen Beruf ausüben und nur Unruhe stiften wollen. Manchmal funktionierte der programmatische Bruch mit modischen Konventionen der Politik gut: Joschka Fischer sah 1985 mit Tweedsakko und weißen Turnschuhen frischer und amerikanischer aus als die üblichen Abgeordneten, und 1998 verkörperte er mit gut geschnittenen Anzügen einen professionellen Neuanfang nach den modisch biederen Kohl-Jahren. Aber wo niemand mehr Krawatte trägt, ist auch das T-Shirt keine Provokation mehr, sondern ein Kleidungsstück, das einen, wenn man nicht James Dean ist, vor allem latent verschlafen aussehen lässt.Zeiten stellt man wie Uhren und Möbel am besten im T-Shirt neu: Wahlwerbung der Grünen.ImagoDa ist der SPD-Kandidat Steffen Krach, den seine Partei, statt konkrete Inhalte auf die Plakate zu schreiben, verzweifelt als Hottie vermarktet: „Wollt ihr mit mir gehen?“, fragt ein Plakat, auf dem Krach polyamourös strahlend aus einem hautengen schwarzen T-Shirt herausschaut, und während man noch erschreckt Nein rufen will und dass man lieber wissen würde, wofür die gute alte Berliner SPD mittlerweile eigentlich steht und was sie vorhat, sieht man Krach schon auf dem nächsten Plakat unter dem Nullaussage-Slogan „Mit euch statt gegeneinander“ zwischen Bürgern im selben T-Shirt mit nackten Armen und freigelegtem Hals herumgeistern.Was nicht kämpferisch wie der im Soldaten-T-Shirt antretende Selenskyj und auch nicht nach kompetentem Tech-Nerd aussieht, sondern bloß so, als habe Krach leider den Termin mit dem Wahlkampffotografen total verpennt und sich in Panik noch schnell irgendwas übergezogen, während unten auf der Straße schon losfotografiert wurde. Welche PR-Abteilung im Willy-Brandt-Haus hatte den Einfall, den als fachlich sehr kompetent geltenden Krach als verdösten Dauerstudenten zu inszenieren? Ist die Botschaft hier: Berlin sieht insgesamt so runtergekommen und pleite aus, da ist es total egal, wenn der Regierende optisch eher eingeschränkt regierungsfähig daherkommt?Noch ein Plakat des SPD-Kandidaten Steffen Krach. Das einzige Argument dafür, mit ihm zu gehen, ist er selbst.ImagoIst die Kleidung des Kandidaten Ausdruck dessen, was Psychologen eine depressive Handlungshemmung nennen: Wir kriegen ja eh höchstens 13 Prozent, wozu sich da überhaupt noch anziehen, als sei man Bürgermeister und nicht bloß ein netter, halb nackter Bürger? Oder soll die Inszenierung besagen: Der ist so hot, der kann bestimmt auch regieren; und der will auch so sehr regieren, dass er ganz vergessen hat, sich fertig anzuziehen?Der Ruf der Politik ist offenbar so lädiert, dass es mittlerweile das oberste Ziel von Politikern ist, nicht wie klassische Politiker auszusehen. Gleichzeitig ändert sich an der Ästhetik des Politischen gerade etwas: Der individuelle Körper wird nicht mehr nur von Autokraten als Währung ins Bild gerückt; auch Präsident Macron posierte gerade in „Paris Match“ mit nackten Armen und Beinen auf einem Jetski, als sei das gekonnte Lenken des Staates auch eine Frage der Oberarmmuskulatur.Nimm den Wähler auf den nackten ArmNun gab es schon 1998 Fotos des joggenden, sportlichen Joschka Fischer in der Presse, aber auf seinem Wahlplakat posierte er selbstverständlich im Anzug und strahlte eine Form von unberührbarer Professionalität aus, die ihre Ursprünge in dem hat, was der Historiker Ernst Kantorowicz in seinem Werk „Die zwei Körper des Königs“ beschreibt: Der Politiker verkörpert als Figur ein Amt, das von individuellen körperlichen Zuständen unabhängig ist, er stellt in seinem Auftreten immer auch die Würde des Staates dar, für den er einsteht. In Berlin gibt es nur noch einen Körper, der keine Form von Regierungswürde mehr repräsentieren möchte, nur sich selbst. Werden die Wähler sich von nackten Politikerarmen über das Fehlen inhaltlicher Ideen und jeder Idee formaler Repräsentation hinwegtrösten lassen?Nicht in allen Fällen hilft die Anwesenheit eines Oberhemdes gegen den leicht bis schwer desolaten Eindruck, den die Berliner Politik macht. Kai Wegner, der scheidende Bürgermeister, gönnt sich auf seinen Plakaten immerhin noch ein weißes Hemd, aber bei CDU-Kandidaten ist man so sehr an die Krawatte gewöhnt, dass jemand wie Wegner ohne sie seltsam entkleidet und seiner Machtinsignien beraubt aussieht, wie ein Mann auf dem erzwungenen Absprung ins Private. Auch der neue CDU-Kandidat Stefan Evers posiert krawattenlos.Villen, Autos, Konten weg, die Krawatte und die eigentliche Botschaft auch: beschädigtes Wahlplakat der CDU mit Spitzenkandidat Stefan EversImagoDie Hälfte eines seiner Plakate wird immerhin von einer politischen Forderung eingenommen, von dem Slogan „Kriminelle Clans enteignen“; unter Evers’ Gesicht steht dazu „Villen, Autos, Konten weg!“ Das bezieht sich natürlich auf die Clans, ein paar lustige Berliner haben sich aber den Spaß gemacht, die linke Hälfte des Plakats abzureißen, und ohne die Hauptforderung sieht das Plakat wie eine eigenartige Selbstanklage von Stefan Evers aus: Leute, ich bin leider pleite – Villen, Autos, Konten, alles weg. Und die Krawatte auch.Die oberste Maxime ist rücksichtslose BequemlichkeitDas Bekleidungsproblem ist kein exklusives der Politik. Der viel beklagte Ärger mit dem deutschen Stadtbild wird nicht verringert durch die modischen Entscheidungen derjenigen, die es durchstreifen. Anders als in Italien oder Japan gibt es keinen Konsens darüber, dass man mit seiner Kleidung zur Schönheit der Stadt, in der man lebt, beitragen könnte. Die deutsche Durchschnittskleidung entspricht dem Aussehen deutscher Fußgängerzonen und wird vom Imperativ funktionaler Bequemlichkeit geprägt: Egal, wie der Fuß aussieht, er muss beim Durchschreiten der Stadt gelüftet werden, ebenso der sich unter dem T-Shirt hervorwölbende Bauch.Dass Zivilisation auch damit zu tun haben könnte, andere Nutzer des öffentlichen Raums nicht mit dem Anblick von Körperteilen, die sie womöglich nicht sehen wollen, zu belästigen, ist eine ebenso verblassende Erkenntnis wie die, dass das Hineinschlurfen in Büros oder Restaurants im Bequemlook respektlos sein könnte gegenüber den Anstrengungen anderer, dort eine schöne Atmosphäre zu erzeugen; wenn man nicht will, dass der Kellner einem die Nudeln mit der Hand auf den Teller wirft, könnte man sich als Anerkennung dieser Anstrengungen umgekehrt ein wenig Mühe beim Anziehen geben.Klar, man kann Krawatten spießig finden und auch im offenen Hemd gute politische Entscheidungen treffen, aber dass etliche Berliner Politiker in einem verschärften Ich-hab’-es-eigentlich-schon-aufgegeben-Look antreten, ist nicht nur ein ästhetisches, sondern, als subkutane Botschaft an den Wähler, auch ein politisches Problem: Die im zu engen T-Shirt vor allem unausgeschlafen und zerknüllt wirkende Berliner Politikelite erweckt den Eindruck, den Ernst der Lage buchstäblich verpennt zu haben und das Regieren für eine nebensächliche, formlose Sache zu halten, die man letztlich auch im Nachthemd vom Laptop aus dem Bett heraus erledigen könnte oder vom Tennisplatz aus. Über diese Einstellung stolperte zuletzt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. Was helfen würde, wären mehr pointierte politische Inhalte auf den Plakaten. Dann fielen auch die seltsamen Selbstinszenierungen der Kandidaten weniger auf.