Sie entwickeln das perfekte Pissoir und fragen sich, was ein Kuss ist: Forscher nehmen in Zürich den Nobelpreis der anderen Art entgegenZum 36. Mal ist der skurrile Wissenschaftspreis vergeben worden – erstmals nicht in den USA, sondern in der Schweiz.Jana Kehl04.09.2026, 06.38 Uhr5 LeseminutenEin Spektakel – und erstmals in der Schweiz: Am Donnerstag sind im Kongresshaus Zürich die Ig-Nobel-Preise verliehen worden.Claudio Thoma / KeystoneEine Pilztrophäe, ein Diplom und zehn Billionen Dollar – Simbabwe-Dollar – erhielten die Gewinner der Ig-Nobel-Preise in diesem Jahr. Bei der Auszeichnung handelt es sich um die satirische Alternative zum richtigen Nobelpreis. «Ig-Nobel» steht für das englische Wort «ignoble» – unwürdig. Ausgezeichnet werden Forscherinnen und Forscher, die kuriose Fragen beantworten und besondere Methoden anwenden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Marc Abrahams, Mathematiker mit einer Neigung zu kuriosen Forschungsprojekten, hat den Anlass 1991 gegründet. «Die ausgewählten Projekte bringen einen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken», hielt er bei der Preisverleihung am Donnerstagabend im Zürcher Kongresshaus fest.Der Austragungsort war unüblich. Die letzten 35 Jahre wurden die Ig-Nobel-Preise in den USA verliehen. Dann zeichnete sich laut Abrahams ab, dass viele Preisträger wegen der unter Präsident Donald Trump verschärften Einreisebestimmungen nicht in das Land einreisen können oder wollen. Der Anlass wurde deshalb erstmals in die Schweiz verlegt.Wie die Forschungsprojekte wurde auch dieser Umstand mit Humor in Szene gesetzt. Eine Opernsängerin sang ein Lied über den Dunning-Kruger-Effekt – die Annahme, dass Menschen mit geringer Kompetenz ihre Fähigkeiten besonders stark überschätzen. Im Hintergrund prangte das Gesicht des amerikanischen Präsidenten.Die Schweiz wurde mit schräger Jodel- und Alphornmusik gewürdigt – und hiesige Forscher erhielten einen der zehn Preise. Überreicht bekamen sie die Funghi-Trophäen von vier «richtigen» Nobelpreisträgern.Diese Arbeiten wurden ausgezeichnetDie Kunst des NasenschneuzensEin Mückenrüssel bedruckt BlutkörperchenDie Anatomie eines KussesReiche stehlen eher SüssigkeitenDas perfekte PissoirDie Kunst des NasenschneuzensBeim Schneuzen der Nase wirken viele Faktoren: Luftgeschwindigkeit, ausgeatmetes Volumen, Schneuzdauer, Widerstand in den Nasenlöchern. Ein inzwischen verstorbener japanischer Mediziner untersuchte die Aerodynamik im Atmungsorgan 1977. In der Studie «How to Blow the Nose» gibt er eine klare Handlungsempfehlung ab: Möglichst «gross und lang» sollte der Nasenstoss sein, um Sekrete herauszubefördern. Die Hemmschwelle dürfte durch diese Erkenntnis gesunken sein.Die begehrte Pilztrophäe.Claudio Thoma / KeystoneEin Mückenrüssel bedruckt BlutkörperchenMücken saugen in ihrem Leben etwa das Dreifache ihres Körpergewichts an Blut auf. Forscher aus China, Kanada und den USA haben nun die Rüssel toter Stechmücken umfunktioniert. Im 3-D-Drucker eingesetzt, konnten die ultrafeinen biologischen Druckdrüsen etwa zellhaltige Stoffe auf rote Blutkörperchen auftragen. Der Mehrwert soll auch finanzieller Art sein: Während die künstlichen Glaskapillaren bis zu 80 Dollar kosten, sind es bei der Präparation eines Mückenrüssels 80 Cent.Die Anatomie eines KussesNicht nur Menschen küssen sich, sondern auch Ameisen, Vögel oder Eisbären. Doch was ist eigentlich ein Kuss? Dieser Frage haben sich drei Forscher aus Grossbritannien und den USA angenommen. Sie definieren den Kuss als einen «friedlichen Kontakt» zwischen den «Mundteilen» zweier Tiere. Entscheidend dabei: Nahrung darf nicht übertragen werden. Damit wollen die Forscher den Vorgang offenbar weiter untersuchen. Denn welche Vorteile der erste Kuss der Evolution genau gebracht hat, bleibt rätselhaft.Reiche stehlen eher SüssigkeitenWer ein ethisch korrekter Mensch sein will, sollte auf seinen Kontostand schauen: Mit dem Wohlstand steigt nämlich auch das Risiko, dass Regeln zum eigenen Vorteil verletzt werden, wie Forscher aus den USA, Mexiko und Kanada zeigen. Wenn es um das Stehlen geht, machen Reiche offenbar auch vor den Jüngsten nicht halt. In einer der Studien griffen Versuchspersonen aus höheren Schichten eher zu Süssigkeiten, die ausdrücklich für Kinder vorgesehen waren.Das perfekte PissoirEs ist ein Problem, dem nicht nur Forscher begegnen. Physiker aus Kanada, den USA, China und Saudiarabien – mit gelben Regenmänteln auf der Bühne in Zürich – haben berechnet, welche Form ein Pissoir haben muss, damit die Flüssigkeit dort bleibt, wo sie sein soll, und nicht zurückspritzt. Entscheidend ist in erster Linie der Auftreffwinkel: möglichst flach, nicht grösser als dreissig Grad. Das perfekte Pissoir soll wie das Gehäuse einer Nautilus-Schnecke geformt sein und trägt daher auch den Namen Nautilus.Die Gewinner des Ig-Nobel-Preises für Physik (von links nach rechts): Tadd Truscott, Zhao Pan, Kaveeshan Thurairajah und Randy Hurd halten eine Rede im Kongresshaus Zürich.Claudio Thoma / KeystoneKakerlakenmilch im Kühlregal?Protein ist im Trend. In den Lebensmittelregalen häufen sich eiweissreiche Produkte, und auch die Wissenschaft ist an den Makromolekülen interessiert. Ein Team aus Indien, Frankreich, Japan und den USA griff dabei zu einer ungewöhnlichen Substanz: der Milch der Kakerlaken. Diese hat es in sich: Die Proteine enthalten laut der Studie dreifach so viel Energie wie jene in der Kuhmilch. Ob Kakerlakenmilch irgendwann im Kühlregal landet? Wenn Teenager stinkenKinder haben nach der Geburt einen angenehmen Geruch. Er aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn der Eltern und stärkt die frühe Bindung. Doch was passiert, wenn der Säugling zum Teenager heranwächst? Um diese Frage zu beantworten, mussten 235 Eltern an ihren insgesamt 367 Kindern riechen und deren Geruch bewerten. Dabei zeigte sich: Je älter die Kinder waren, desto schlechter fiel die Bewertung in der Studie von Forschern aus Polen, Deutschland und Schweden aus. Wenn ein Teenager stinkt, ist er also auf dem Weg zur Eigenständigkeit.Bis die Schlange zubeisstNicht jedes Experiment ist zum Nachahmen gedacht. Ein Forscherteam aus Brasilien und Australien wollte verstehen, wann Giftschlangen am ehesten zubeissen. Dazu traten sie bei unterschiedlichen Temperaturen und Tageszeiten vorsichtig auf verschiedene Körperstellen der Tiere. Durch die Erkenntnisse wollen die Forscher dazu beitragen, Schlangenbisse zu verhindern.Die guten Freunde sind nicht die nettenDer alternative Friedensnobelpreis ging dieses Jahr an Forscher aus den USA, Argentinien und Australien. Sie haben eine böse Vorahnung zum Thema Freundschaft bestätigt: Die guten Freunde sind nicht die netten. Vielmehr schätzen wir Menschen, die gegenüber jenen, die wir nicht mögen, bösartig sind. Ein Freund, der die eigenen Feinde gut behandelt, ist ein Sicherheitsrisiko. Ob sich mit dieser Erkenntnis der Weltfrieden retten lässt?2000 Schweizer UnterhosenIm eigens für sie kreierten Bereich «Bodenwissenschaften» gewannen auch Schweizer Forscher gemeinsam mit solchen aus den Niederlanden und Deutschland einen Ig-Nobel-Preis. Ihr Forschungsobjekt: 2000 Unterhosen aus Biobaumwolle. 1000 freiwillige Helfer vergruben sie in den Böden des Landes – nach einem und zwei Monaten untersuchten sie, wie sehr die Mikroorganismen das Stück Stoff zersetzt hatten. Dabei galt: Je mehr Löcher in der Unterhose, umso gesünder der Boden.Passend zum Artikel
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