Pro ArtikelWas ein AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt für Europa bedeuten würdeVier Szenarien zeigen, wie die Wahl in Sachsen-Anhalt die Bundesregierung, die deutsche Ukraine-Politik und Deutschlands neue Führungsrolle auf dem Kontinent beeinflussen könnte.04.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWahlplakate zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt von den Grünen, der AfD und der SPD.Karin Hofer / NZZSachsen-Anhalt zählt lediglich zwei Millionen Einwohner. Deutsche Aussenpolitik wird in der Landeshauptstadt Magdeburg nicht gemacht. Über Waffen für die Ukraine und die Aufrüstung der Bundeswehr entscheiden Bundestag und Bundesregierung, über Sanktionen gegen Russland die Europäische Union und über Europas Verteidigung die Nato.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dennoch könnte die Landtagswahl am Sonntag Folgen haben, die weit über das ostdeutsche Bundesland hinausreichen. Die Wahl könnte zeigen, wie belastbar die innenpolitische Grundlage des strategischen Kurses noch ist, den Deutschland seit dem russischen Überfall auf die Ukraine verfolgt.Es geht dabei um die Modernisierung der Bundeswehr, die Hilfe für die Ukraine, die Abkehr von Russland und den Anspruch, selbst zu einer militärischen Führungsmacht in Europa zu werden.Die AfD liegt stabil bei rund 40 ProzentSeit Monaten liegt die in Teilen rechtsradikale AfD in den Umfragen bei stabilen 40 Prozent und mehr. Doch ob das für eine Regierungsmehrheit reicht, hängt davon ab, ob SPD und Grüne die Fünfprozenthürde schaffen und wie viele Stimmen auf Parteien entfallen, die nicht ins Parlament einziehen können. Dazu zählen mutmasslich die FDP und das Bündnis der Linkspopulistin Sahra Wagenknecht (BSW).Was also geschieht mit Deutschland, mit seiner Sicherheitspolitik, der Hilfe für die Ukraine und seiner Rolle in der Nato, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt tatsächlich auf rund 40 Prozent kommt und vielleicht sogar allein regieren kann?Diese Frage stellen sich nicht nur deutsche Politiker, Wissenschafter und Medien. Auch das Ausland macht sich darüber Gedanken.Die amerikanische Denkfabrik Carnegie Endowment schreibt in einer Studie, die Wahl in Sachsen-Anhalt würde die deutsche Aussenpolitik nicht unmittelbar verändern. Ausreichend wäre schon ihre Wirkung auf jene Parteien, die diese Aussenpolitik in Berlin bestimmten. Eine Regierungsübernahme aber durch die AfD, schreibt Carnegie weiter, würde bei den internationalen Partnern besonders in Nato und EU erhebliche Unsicherheit über die verlässliche Ausrichtung der deutschen Aussen- und Europapolitik auslösen.Vier Szenarien, was die Wahl in Sachen-Anhalt sicherheitspolitisch für Europa bedeuten könnte.Szenario 1: Der Schock wird absorbiertIn diesem Szenario gewinnt die AfD die Wahl, verfehlt aber die absolute Mehrheit. Das könnte bei einem Ergebnis von 35 bis 40 Prozent der Fall sein. CDU, SPD und Grüne, die bisher regierten, schneiden besser ab als erwartet und besitzen eine Mehrheit. Sie könnten damit ihre Koalition fortsetzen. Doch angesichts der Umfragen gilt das als unwahrscheinlich.Kanzler Merz könnte argumentieren, dass die AfD dramatisch gewonnen habe, dass aber die Strategie der Abgrenzung weiterhin funktioniere. Seine Autorität würde ein weiteres Mal beschädigt, aber nicht grundsätzlich infrage gestellt. Es bestünde für ihn und seine Regierung kein Grund, die Strategie zu ändern. Aufrüstung, Ukraine-Hilfe, Aufbau der Litauen-Brigade, die Nato-Ziele – alles bliebe beim Alten.Ein AfD-Sieg in diesem Szenario hätte keine politische Gegenzeitenwende zur Folge. Deutschland hielte Kurs.Szenario 2: Die Linke rettet die CDUDer deutsche Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz.Thomas Niedermüller / GettyDieses Szenario kommt den jüngsten Umfragen am nächsten. Die AfD erzielt rund 40 Prozent, die CDU gut die Hälfte, die Linke 11 bis 13 Prozent. SPD und Grüne schaffen knapp den Einzug ins Parlament. Die AfD hat keine absolute Mehrheit, CDU, SPD und Grüne aber auch nicht. Die Linke wird zum Königsmacher.In der CDU wird über eine Konstellation wie diese seit Monaten diskutiert. Merz erteilte Koalitionen mit der Linken und der AfD erst am vorigen Wochenende erneut eine Absage. Es dürfte daher eher auf eine Duldung einer CDU-geführten Regierung durch die Linkspartei hinauslaufen.In der Folge würde die CDU wieder mit linken Parteien kooperieren, obwohl die Wähler eine klare Mehrheit rechts der Mitte favorisieren. Wie soll es Merz da mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen und in mehreren anderen westdeutschen Ländern sowie 2029 im Bund gelingen, AfD-Wähler zurückzugewinnen?Die Zeitenwende gerät unter DruckInnenpolitisch müsste sich die CDU stärker nach rechts profilieren mit Schwerpunkten bei Migration und Wirtschaft sowie einem stärkeren Fokus auf nationale deutsche Interessen. Zugleich müsste die in Berlin an der Regierung beteiligte SPD noch stärker ihre Kernthemen wie den Sozialstaat und die Umverteilung des Wohlstands betonen.Damit gerieten die Verteidigungsausgaben und die Ukraine-Hilfe möglicherweise in den Hintergrund. Das ist exakt das, was AfD und Linkspartei wollen. Aussenpolitisch wäre damit noch kein Kurswechsel verbunden. Aber die sicherheitspolitische deutsche Zeitenwende würde unter Druck geraten.Die mögliche Folge: Tempo und Sprache verändern sich. Aus verlässlichen Zusagen für die Ukraine und die Rüstungsindustrie werden Einzelfallentscheidungen. Aus dem deutschen Führungsanspruch in Europa wird Lastenteilung. Neben die Abschreckung gegenüber Russland tritt wieder stärker die Diplomatie.Dieses Szenario bedeutet nicht das Ende der deutschen Zeitenwende. Aber sie könnte eine innenpolitische Bremse bekommen.Szenario 3: Die AfD regiert alleinDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski an einer Pressekonferenz anlässlich der deutsch-ukrainischen Konsultationen im April dieses Jahres in Berlin.Liesa Johannssen / ReutersIn diesem Szenario erreicht die AfD eine absolute Mehrheit und stellt erstmals eine Alleinregierung in Deutschland. Die Schockwellen treffen die Bundesregierung hart. Doch zu ihrem Sturz wird es wahrscheinlich nicht kommen. Denn die Alternative wäre eine bundespolitische Krise mit womöglich vorgezogenen Neuwahlen. Unmittelbar nach einem AfD-Wahlsieg wäre das in ganz Deutschland äusserst riskant.Doch mittelfristig beginnt die Debatte um die Brandmauer. Die Abgrenzung der CDU zur AfD hat ihren wichtigsten Zweck nicht erfüllt und eine AfD-Regierung nicht verhindert. Erstmals besitzt eine Partei exekutive Macht in Deutschland, deren Aussenpolitik sich fundamental von der deutschen Zeitenwende unterscheidet.Die AfD gewichtet die deutschen Interessen höher als die europäischen freiheitlichen Werte. Sie verfolgt eine multipolare statt eine freiheitlich-westlich geprägte Ordnung. Sie hofiert in ihren westdeutschen Mitgliedergruppen den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, während sie im Osten eine starke Nähe zu Russland präferiert.Kurzfristig wird sich die deutsche Aussenpolitik kaum verändern. Merz könnte sogar erst recht auf Nato, Ukraine und europäische Führung setzen. Mittelfristig aber geraten die Zeitenwende und ihre Prämissen unter starken Legitimationsdruck. Wenn eine AfD-Landesregierung einigermassen funktioniert, verändert sich in der Bevölkerung möglicherweise die Vorstellung davon, wer in Deutschland grundsätzlich regierungsfähig ist. Nach den Bekundungen ihrer Vordenker ist genau das auch der Plan der AfD: die Regierung in Sachsen-Anhalt übernehmen, gute Arbeit leisten und sich für weitere Bundesländer empfehlen.Dieses Szenario sorgt für eine kurzfristige Stabilisierung der Bundesregierung in Berlin. Langfristig aber dürfte es eine fundamentale Richtungsdebatte über die deutsche Aussen- und Sicherheitspolitik zur Folge haben.Szenario 4: Die Antizeitenwende beginntSoldaten eines deutschen Aufklärungsbataillons im nordrhein-westfälischen Ahlen während ihrer Grundausbildung.Leon Kügeler / ReutersDieses Szenario reicht weiter als die anderen und erfordert die meisten Voraussetzungen. Sachsen-Anhalt allein reicht dafür nicht aus, aber es wäre der Auslöser. Wenn die AfD allein regieren könnte oder die CDU nur mit der Hilfe der Linken, dann wäre die erste Bedingung erfüllt. Die zweite wären weitere Wahlergebnisse mit AfD-Erfolgen, etwa Ende September in Mecklenburg-Vorpommern oder im nächsten Jahr in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.Erst dann würde aus dem Sonderfall Sachsen-Anhalt eine gesamtdeutsche Richtungsfrage. Merz und seine Regierung könnten in eine Führungsdebatte geraten. Personal lässt sich austauschen. Doch problematisch würde es, wenn die Regierung aus der Krise programmatische Konsequenzen zöge.In ihrer Studie argumentiert die Denkfabrik Carnegie Endowment, dass AfD-Positionen schon längst in den deutschen Mainstream eingesickert seien. Die Union wäre möglicherweise gezwungen, nationale Interessen stärker zu betonen – und die Ukraine-Hilfe zurückzufahren. Die SPD könnte fordern, dass die Aufrüstung den Sozialstaat nicht belasten dürfe.Mit diesem Szenario geht auf, was AfD und Linkspartei seit längerem fordern: mehr vermeintlich rein deutsche Interessenpolitik, weniger automatische Westorientierung, mehr Distanz zur Ukraine und langfristig eine wirtschaftliche Wiederannäherung an Russland.AfD und Linkspartei wettern schon lange gegen die Ablösung von Moskau und die ihrer Ansicht nach dadurch bedingten hohen Energiepreise. Deutschland habe sich damit selbst geschadet, argumentieren sie und finden damit in der Bevölkerung immer grösseren Anklang.Vielleicht geschieht auch gar nichtsUnd nun? Vielleicht geschieht nach der Wahl am Sonntag erst einmal wenig. Merz bleibt Kanzler, die SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas bleiben auf ihren Ministerposten. Deutschland liefert weiter Waffen an die Ukraine und investiert weiter Milliarden in die Bundeswehr.Eine Landtagswahl kann die strategische Orientierung der Bundesrepublik nicht über Nacht verändern. Aber sie kann sichtbar machen, ob deren politische Grundlage zu erodieren beginnt.Für Deutschlands Verbündete ist am Ende weniger entscheidend, wer in Magdeburg regiert. Wichtiger ist, ob die Bundesrepublik auch in fünf oder zehn Jahren bereit sein wird, die politische und militärische Führungsrolle in Europa zu übernehmen, die sie unter Merz gerade beansprucht.Russland stellt sich dieselbe Frage – mit dem entgegengesetzten Interesse.16 KommentareHolm Ay 05.09.20266 EmpfehlungenWürde die CDU intelligent und vorausschauend handeln, so würde sie mit der AfD koalieren und weitgehend deren Ideen zur Migrations- und Bildungspolitik übernehmen, während sie der AfD die Zustimmung zur Westbindung, einer starken Verteidigungspolitik und einer verantwortungsvollen Sozialpolitik (Rente mit 70 usw.) abtrotzt. In der Wirtschaftspolitik sind die Übereinstimmungen sowieso groß, auch Entbürokratisierung, ein Stopp der NGO-Förderung, der staatlich verordneten Wokeness und ein Umbau des öffentlichen Rundfunks wären im Interesse beider Seiten. So könnten beide profitieren, vor allem aber das Land. Trotz des unvermeidlichen medialen Aufschreis würden die Wähler es honorieren, wenn CDU und AfD das mehrere Jahre konsequent durchziehen würden.Jakob Krose 05.09.20264 EmpfehlungenWürde die deutsche Regierung endlich ernsthaft das Migrationsthema angehen, konkret Rückführungs-Hubs in Afrika einrichten und mit entsprechender Konsequenz Nichtaufenthaltsberechtigte dorthin verbringen, würde das Thema alles überlagern und bei vielen anderen Themen Entlastung bringen.Passend zum Artikel
Was ein AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt für Europa bedeuten würde
Vier Szenarien zeigen, wie die Wahl in Sachsen-Anhalt die Bundesregierung, die deutsche Ukraine-Politik und Deutschlands neue Führungsrolle auf dem Kontinent beeinflussen könnte.













