Es ist eine Wahl, auf die ganz Deutschland schaut: Was steht in Sachsen-Anhalt auf dem Spiel?Die Folgen, die von der Wahl zum Landesparlament in Sachsen-Anhalt ausgehen könnten, dürften ganz Deutschland beschäftigen. Eine Analyse.Eric Matt, Berlin27.08.2026, 15.06 Uhr6 LeseminutenWer steht am Ende über wem? Die AfD mit dem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund liegt seit Monaten in Umfragen vorne.Michael Taeger / ImagoAm Mittwochabend fand das TV-Duell für die am 6. September anstehende Wahl zum Landesparlament von Sachsen-Anhalt statt. Die Moderatoren leiteten das Duell zwischen dem CDU-Spitzenkandidaten und Ministerpräsidenten Sven Schulze und seinem Herausforderer Ulrich Siegmund von der AfD mit drastischen Worten ein. Es sei eine Wahl, auf die «ganz Deutschland guckt», die Wahl habe das Potenzial, «nicht nur Sachsen-Anhalt zu verändern».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ähnlich polarisierend verlief das Duell zwischen den beiden Kandidaten dann auch. So sagte Ministerpräsident Schulze, die Menschen, mit denen sich Siegmund politisch umgebe, seien «höchstgefährlich, nicht nur für Sachsen-Anhalt, sondern auch für Deutschland». Siegmund sagte in der Debatte, er würde «jede einzelne politische Entscheidung nur nach einer einzigen Massgabe treffen: Was ist das Richtige für unser eigenes Land und unser eigenes Volk.» Die beiden Kandidaten fielen sich während der 30-minütigen Sendung oft ins Wort, machten sich gegenseitige Vorwürfe, führten eine äusserst hitzige Debatte. Gegen Ende der Sendung sagte Siegmund, Sachsen-Anhalt sei «abhängig von den völlig verrückten Entscheidungen in Berlin. Wir müssen endlich aufhören, das mitzuspielen. Damit ist jetzt Schluss.»Ist das möglich? Und was wären die Auswirkungen, sollte die AfD die Wahl gewinnen? Seit Monaten führt die Rechtspartei die Umfrageergebnisse mit enormem Vorsprung an und könnte gar die absolute Mehrheit holen. Das würde bedeuten, dass die AfD ohne Koalitionspartner regieren könnte. Dies wäre ein einschneidendes Ereignis – für die Parteien, Sachsen-Anhalt sowie die Bundesrepublik insgesamt.1. Auswirkungen für die einzelnen ParteienDie Wahl in Sachsen-Anhalt ist der Auftakt zu insgesamt drei Wahlen, die diesen Herbst stattfinden. Am 2o. September wählen auch die Bürgerinnen und Bürger von Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ein neues Landesparlament. Die Parteien hoffen darauf, mit einem möglichst guten Ergebnis Rückenwind für die nachfolgenden Wahlen zu bekommen.Wie es seit Monaten aussieht, dürfte die Wahl in Sachsen-Anhalt jedoch nur für eine Partei ein Erfolg werden: für die AfD. In Umfragen liegt die Rechtspartei bei bis zu 43 Prozent und könnte damit – je nach endgültigem Wahlergebnis – allein regieren. Dem folgt die CDU mit rund 23 Prozent, die Linke mit 13 Prozent, die SPD mit 7 Prozent und die Grünen mit 5 Prozent. Derzeit sieht es so aus, als würde das BSW knapp und die FDP deutlich die nötige Fünfprozenthürde verfehlen.Für die Frage, ob es der AfD für eine Alleinregierung reichen könnte, gilt folgende Faustformel: Umso weniger Parteien ins Landesparlament einziehen, desto wahrscheinlicher ist eine Alleinregierung. Umso mehr Parteien einziehen, desto unwahrscheinlicher ist eine Alleinregierung.Für die AfD wäre es ein historischer Erfolg, erstmals würde die Partei auf Landesebene Regierungsverantwortung übernehmen. Gleichzeitig wäre es eine enorme Belastungsprobe. Denn erstmals müsste sie Minister und Staatssekretäre stellen, müsste selbst beweisen, dass sie es besser könne als die etablierten Parteien, die sie seit Jahren kritisiert. Selbst innerhalb der AfD sind sich einige unsicher, ob das funktionieren würde oder eine Regierungsbeteiligung zu früh käme. Auch bei Siegmund, der Ministerpräsident würde, stellt sich due Frage, ob er der Aufgabe gewachsen wäre.Noch im Januar gratulierte Siegmund (links) dem Christlichdemokraten Schulze zur Wahl als Ministerpräsident. Ob er das auch bleibt?Annegret Hilse / ReutersFür die CDU, die seit 2002 ununterbrochen stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt ist, dürfte die Wahl eine Klatsche werden. Schon im Jahr 2021 zeichnete sich bei der damaligen Landtagswahl ein AfD-Sieg ab, bevor der damalige Ministerpräsident Reiner Haseloff mit einem Anti-AfD-Kurs noch aufholte und die Wahl gewann. Eine derartige Aufholjagd ist angesichts der rund 20 Prozent Vorsprung kaum vorstellbar. Für die Christlichdemokraten dürfte es bis zur Wahl nur noch darum gehen, einige Prozentpunkte aufzuholen, damit die AfD zumindest nicht allein regieren kann. Eine Koalitionsregierung mit der AfD nämlich schliessen alle sonstigen Parteien aus und auch AfD-Spitzenkandidat Siegmund sagte jüngst, er wolle nur allein regieren.Für die Linke, die drittstärkste Kraft werden dürfte, sind die stabilen Umfrageergebnisse von 13 Prozent erfreulich. Doch in Sachsen-Anhalt war die Linkspartei auch schon stärker: 2016 kam man hier auf 16 Prozent, 2011 und 2006 auf rund 24 Prozent. Für Sozialdemokraten und Grüne wird es bei der Wahl bloss darum gehen, über die Fünfprozenthürde zu kommen. Sollte das nicht gelingen, dürfte dies insbesondere für die Bundespartei der Sozialdemokraten Folgen haben. Denn dann dürfte die schon jetzt aufgeworfene Frage, ob die Parteivorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas die Richtigen sind, noch intensiver geführt werden.2. Auswirkungen für das Land Sachsen-AnhaltDer Landesverfassungsschutz stuft den Landesverband Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Partei weist diese Einstufung zurück. Sollte die AfD regieren, wäre sie selbst für Polizei und Landesverfassungsschutz zuständig, was bei Politikern Befürchtungen weckt. Sie könnte den Leiter des Verfassungsschutzes austauschen und andere Schwerpunkte setzen: weg vom Rechtsextremismus und hin zu Islamismus oder Linksextremismus.Schon heute gibt es daher im Berliner Politikbetrieb verschiedene Überlegungen, ob es möglich wäre, sicherheitsrelevante Informationen der anderen Landesverfassungsämter und des Bundesamtes für Verfassungsschutz vor Sachsen-Anhalt geheim zu halten. AfD-Kritiker warnen vor einem möglichen Missbrauch von nachrichtendienstlichen Informationen. Neben der Polizei sind zudem Bildung und Kultur Ländersache. In Schulen könnte die AfD ebenfalls andere Schwerpunkte setzen und etwa stärker auf das Kaiserreich fokussieren statt dem Zweiten Weltkrieg. Zudem spricht sich die AfD gegen Inklusionsschulen aus und möchte den öffentlichen Rundfunk umgestalten.Auch wirtschaftlich könnte sich eine AfD-Regierung auf Sachsen-Anhalt auswirken. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kommt in einer Analyse zum Ergebnis, dass mindestens 2,2 Milliarden Euro fehlen, um das AfD-Wahlprogramm umsetzen zu können. Zudem geht das Institut davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in Sachsen-Anhalt um etwa ein halbes bis ein Prozent pro Jahr sinken könnte, da es weniger Zuwanderung und weniger Arbeitskräfte geben könnte. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hatte zuletzt analysiert, dass in Ostdeutschland ohne Zuwanderung Arbeitskräfte fehlen werden. Ob sich diese Prognosen in der Realität bewahrheiten würden, müsste sich zeigen. Das Programm der AfD schwankt zwischen wirtschaftsliberalen bis hin zu sozialistisch anmutenden Forderungen.Selbst wenn die AfD nicht regieren sollte, dürfte sie mehr als ein Drittel der Sitze holen. Damit hätte sie die so genannte Sperrminorität erreicht, mit der sie zentrale Prozesse des Landesparlaments blockieren könnte – etwa Verfassungsänderungen oder Nachbesetzungen am Landesverfassungsgericht.3. Auswirkungen für die BundesrepublikWenn sich die Umfragen bei der Wahl am 6. September bewahrheiteten, dürfte das Auswirkungen für die Bundesrepublik insgesamt haben. Denn Deutschlands 16 Bundesländer stimmen sich etwa im Rahmen der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) oder den Fachministerkonferenzen ab. Im Rahmen der MPK treffen sich die Länderchefs regulär viermal im Jahr, um wichtige Angelegenheiten in Bezug auf die Zusammenarbeit und die Abstimmung von politischen Massnahmen zu koordinieren.Der neue Regierungschef von Sachsen-Anhalt steht dabei wenige Wochen nach der Wahl direkt im Fokus: Das ostdeutsche Land übernimmt vom 1. Oktober 2026 bis zum 30. September 2027 den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz. Dieser bringt einem Bundesland vor allem politisches Gewicht, Koordinierungsaufgaben und eine repräsentative Gastgeberrolle.Die Frage ist, ob sich eine AfD-Regierung hier konstruktiv einbringen und mit anderen Landesregierungen und dem Bund kooperieren würde. Ebenso stellt sich die Frage, ob und wie die Regierungen der anderen Bundesländer mit Sachsen-Anhalt zusammenarbeiten würden.Im Rahmen der MPK treffen sich die Länderchefs viermal im Jahr.dts Nachrichtenagentur / ImagoZudem haben die Bundesländer über den Bundesrat, die zweite Kammer, ein Mitsprache- und mitunter Vetorecht in der gesamtdeutschen Gesetzgebung. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hat im Bundesrat vier von insgesamt 69 Stimmen. Sie allein könnte also keine Bundesgesetze verhindern, bei engen Abstimmungen aber entscheidend sein.Falls nach einer Wahlniederlage von CDU und SPD in Sachsen-Anhalt auch Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verloren gingen, dürfte zudem der Druck auf die Bundesregierung steigen. Dann erschiene es gar möglich, dass die Koalition zerbräche und Bundeskanzler Friedrich Merz ausgetauscht würde.Passend zum Artikel
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