GastkommentarPro ArtikelHans GersbachEin Jahr nach dem Zollschock – sieben Bausteine für eine robustere Schweizer AussenwirtschaftsstrategieEine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz ist auf grenzüberschreitende Verflechtungen angewiesen. Resilienzmassnahmen sind dort nötig, wo Abhängigkeiten entstehen und die erwarteten Schäden die Vorsorgekosten übersteigen.03.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie USA sind für viele Schweizer Unternehmen ein zentraler Absatzmarkt. Hohe Zölle belasten einzelne Exportbranchen stark.Chriistian Beutler / KeystoneDer Zollschock von 2025 hat die Schweizer Wirtschaft nicht aus der Bahn geworfen, aber Verwundbarkeiten offengelegt. Eine robuste Aussenwirtschaftsstrategie sollte den Wohlstand unter geoökonomischen Risiken erhöhen: durch Offenheit, Handel, Investitionen und Innovation sowie gezielte Vorsorge gegen schwerwiegende Unterbrüche.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dazu braucht es sieben Bausteine: strategische Abhängigkeiten erfassen; mit den USA einen verlässlicheren Rahmen suchen; die ausgehandelte Optimierung des China-Abkommens sorgfältig prüfen und wirksam modernisieren; das Freihandelsnetz weiterentwickeln; WTO und Initiativen wie die Future of Investment and Trade Partnership (FIT) nutzen oder einen möglichen Beitritt zur Vereinbarung für eine Trans-Pazifische Partnerschaft (CPTPP) prüfen; kritische Vorleistungen absichern sowie Innovation und Technologiediffusion stärken.Offenheit und ResilienzFür eine kleine, offene Volkswirtschaft schaffen grenzüberschreitende Verflechtungen Wohlstand: Spezialisierung, grössere Absatzmärkte, günstigere Vorleistungen, Wettbewerb und Zugang zu Wissen. Sie schaffen auch Abhängigkeiten. Das ist kein Mangel, sondern eine Folge internationaler Arbeitsteilung. Problematisch werden sie erst, wenn ein Ausfall hohe Kosten verursacht, kaum Ersatz verfügbar ist und politische Instrumentalisierung droht.Resilienz ist eine Versicherung: Sie begrenzt die Schäden schwerwiegender Unterbrüche, kann aber selbst Kosten verursachen. Nicht jede Konzentration rechtfertigt Lager oder staatliche Eingriffe. Entscheidend ist, ob der Nutzen die Kosten übersteigt.Die EU ist mit Abstand der wichtigste Wirtschaftsraum der Schweiz. Stabile Wirtschaftsbeziehungen sind für Wohlstand und Resilienz zentral. Die institutionelle Ausgestaltung der Beziehungen zur EU ist nicht Gegenstand dieses Beitrags. Die sieben Bausteine betreffen die ergänzende globale Ausrichtung.Erstens die strategischen Abhängigkeiten: Strategisch relevant ist eine Abhängigkeit, wenn geringe Substituierbarkeit, hohe ökonomische Bedeutung und das Risiko geopolitischer Instrumentalisierung zusammentreffen. Zu berücksichtigen sind konzentrierte Importe, Exportabhängigkeiten und Chokepoints, bei denen ein Akteur einen zentralen Netzwerkknoten kontrolliert.Ausserhalb des militärischen und sicherheitsrelevanten Bereichs sollte die Schweiz sieben Felder prüfen: kritische Rohstoffe und ihre Veredelung, Halbleiter, Energie, pharmazeutische Vorprodukte und kritische Medikamente, internationale Finanz- und Zahlungsinfrastrukturen, digitale Infrastrukturen und Plattformen sowie maritime Logistik und globale Transportnetzwerke.Bilaterale Handelsstatistiken reichen nicht: Indirekte Abhängigkeiten und Netzwerkpositionen bleiben verborgen. Nötig sind Analysen ganzer Wertschöpfungsketten und sektorale Stresstests. Das Ziel ist eine Rangordnung, die gezielte Massnahmen auslöst und Überversicherung vermeidet.Zweitens die Wirtschaftsbeziehungen mit den USA: Die USA sind ein zentraler Absatzmarkt, Investitionsstandort und Technologiepartner. Die hohen Zölle von 2025 belasteten einzelne Exportbranchen stark. Seit dem 24. Juli 2026 führt ein variabler Zusatzzoll zusammen mit dem Meistbegünstigungszoll für viele Waren grundsätzlich zu einer Gesamtbelastung von 12,5 Prozent; für patentgeschützte Pharmaprodukte gilt seit dem 31. Juli ein Zusatzzoll von höchstens 15 Prozent. Ausnahmen und firmenspezifische Regelungen ergeben ein komplexes Zollbild.Ein rechtsverbindlicher Rahmen sollte kurzfristige Änderungen erschweren und den Marktzugang stabilisieren. Zu prüfen sind die Belastung im Vergleich zur EU und zu anderen Konkurrenten, Produktabgrenzungen, sektorale Regeln, transparente Ursprungsregeln und Konsultationsmechanismen. Auch die Kosten Schweizer Gegenleistungen zählen. Politische Risiken verschwinden nicht; Investitions- und Standortentscheide würden aber planbarer.Drittens das Freihandelsabkommen mit China: China ist ein wichtiger Absatzmarkt und Lieferant von Vorleistungen. Eine Modernisierung des Freihandelsabkommens kann Marktzugang und Ursprungsregeln verbessern, Dienstleistungen stärker erfassen und Verfahrenskosten senken. Nach mehreren Runden sind die Verhandlungen abgeschlossen; Rechtsbereinigung, Unterzeichnung und Genehmigung stehen noch aus.Bei kritischen Vorleistungen ersetzt ein Abkommen jedoch weder diversifizierte Bezugsquellen noch eine eigenständige Krisenvorsorge – und sicherheitspolitische Aspekte sollen immer auch mitbedacht werden.Viertens das Freihandelsnetz: Die Schweiz verfügt über ein breites Netz von Freihandelsabkommen. Sein Wert hängt nicht allein von ihrer Zahl ab. Entscheidend ist, ob die Abkommen Handelshemmnisse abbauen, zeitgemässe Regeln enthalten und von den Unternehmen tatsächlich genutzt werden.Priorität verdienen dynamische, offene Märkte mit Interesse an stabilen und regelbasierten Beziehungen. Beim Mercosur-Abkommen laufen die parlamentarischen Verfahren; mit dem Vereinigten Königreich und Vietnam wurden Verhandlungen abgeschlossen, das Abkommen mit Indien ist seit Oktober 2025 in Kraft. Entscheidend sind einfache Umsetzung und hohe Nutzung.Moderne Abkommen sollten Waren, Dienstleistungen, digitalen Handel, geistiges Eigentum und effiziente Verfahren erfassen. Arbeits-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsbestimmungen gehören ebenfalls dazu. Ein gutes Netz schafft Wohlfahrtsgewinne und verteilt Risiken breiter.Fünftens WTO, FIT und möglicher CPTPP-Beitritt: Die WTO bleibt der zentrale Rahmen für offenen, regelbasierten Welthandel. Nichtdiskriminierung, Transparenz und gebundener Marktzugang erhöhen die Berechenbarkeit und begrenzen Eskalationsanreize. Weil umfassende Fortschritte schwer erreichbar sind, braucht es offene plurilaterale Kooperationen, die auf Reziprozität beruhen, WTO-kompatibel sind und späteren Beitritt ermöglichen.Die von der Schweiz mitbegründete Future of Investment and Trade Partnership (FIT) zeigt das Potenzial flexibler Koalitionen. Sie bietet nun einen Rahmen, um Risikobeurteilungen, Konsultationen zur wirtschaftlichen Sicherheit und Koordination bei Lieferkettenstörungen zu erproben.Ein Beitritt zur Vereinbarung für eine Trans-Pazifische Partnerschaft (CPTPP) sollte ergebnisoffen geprüft werden. Vorteilen bei Dienstleistungen, Investitionen, digitalem Handel und regionalen Wertschöpfungsketten stehen Überschneidungen, mögliche Agrarkonzessionen und Anpassungskosten gegenüber. Vor einer Empfehlung braucht es Sondierungen und sektorale Kosten-Nutzen-Analysen. Attraktiv wäre er nur, wenn der Zusatznutzen für Wohlfahrt und Resilienz substanziell ist.Sechstens der Zugang zu kritischen Vorleistungen und Rohstoffen: Bei Rohstoffen, Halbleitern, pharmazeutischen Ausgangsstoffen, Energie und spezialisierten Zwischenprodukten können Unterbrüche über mehrere Produktionsstufen hohe Schäden verursachen. Die Schweiz sollte Absicherungswege kombinieren: Partnerschaften mit Produzentenländern, offene Initiativen und die weiteren Schritte im Aktionsplan zwischen den USA und der EU sorgfältig prüfen, diversifizierte private Beschaffung, Recycling, Substitution und – wo begründet – strategische Lagerhaltung.Eine Kooperation muss den Zugang verlässlicher machen und die Bezugsquellen verbreitern. Mindestpreise, Zölle oder exklusive Regeln sollten Schweizer Weiterverarbeiter nicht unangemessen belasten oder neue Blockabhängigkeiten schaffen. Eine Rohstoffpartnerschaft ist eine Versicherung, und ihre Prämie kann in höheren Beschaffungs- und Administrativkosten bestehen.Siebtens Resilienz und Produktivität durch Innovation und Technologiediffusion: Langfristige Absicherung bedeutet nicht nur, Abhängigkeiten zu verringern. Ebenso wichtig ist, dass Schweizer Unternehmen hochwertige und international schwer ersetzbare Güter, Technologien und Dienstleistungen anbieten. Innovation erhöht Produktivität und Anpassungsfähigkeit und stärkt die Verhandlungsposition der Schweiz.Die Schweiz hat gute VoraussetzungenMit Grundlagenforschung, Hochschulen, Wissenstransfer und einem flexiblen Innovationssystem hat die Schweiz gute Voraussetzungen. Neue Technologien entfalten ihren gesamtwirtschaftlichen Nutzen aber erst durch breite Diffusion. Besonders wichtig ist der Zugang der KMU zu Know-how, Fachkräften und digitaler Infrastruktur.Vorrang haben gute Rahmenbedingungen für Wettbewerb, Gründungen, Weiterbildung und den Transfer zwischen Forschung und Wirtschaft. Gezielte, befristete Förderung kann bei klar belegten Wissens- oder Koordinationsexternalitäten sinnvoll sein; dauerhafte Abschirmung oder breite Subventionspolitik nicht. Investitionsprüfungen und Exportkontrollen sollten eng begrenzt, transparent und regelmässig evaluiert werden.Eine robuste Aussenwirtschaftsstrategie zielt auf hohen Wohlstand unter geoökonomischen Risiken. Sie verbindet Marktzugang, tiefere Handelskosten, Investitionen und Innovation mit Vorsorge gegen schwerwiegende Unterbrüche.Beides ist nicht kostenlos. Sinnvoll ist deshalb eine doppelte Kosten-Nutzen-Prüfung. Resilienzmassnahmen sind dort angezeigt, wo Abhängigkeiten konzentriert und schwer ersetzbar sind und die erwarteten Schäden die Vorsorgekosten übersteigen. Zusätzliche Öffnung ist vorrangig, wo Marktzugang, Wettbewerb und Produktivität substanzielle Wohlfahrtsgewinne erwarten lassen. Einen Schutz vor jedem Schock gibt es nicht. Die Schweiz kann ihre Offenheit aber so absichern, dass sie auch unter geoökonomischem Druck Wohlstand schafft.Hans Gersbach ist Co-Direktor am KOF-Institut der ETH Zürich.Passend zum Artikel