«Same, Lindsay»: Hunderte solidarisieren sich mit der Frau, die ihre Kinder getötet hat – der Prozess endet vorerst ohne UrteilDie Amerikanerin Lindsay Clancy bestreitet ihre Tat nicht. Doch weil sie bei der Tötung ihrer drei Kinder unter einer Wochenbettpsychose gelitten haben soll, plädiert ihre Verteidigung auf unschuldig. Der Prozess ist nun vorerst gescheitert, weil sich die Jury nicht auf ein Urteil einigen konnte.Jana Kehl04.09.2026, 17.57 Uhr4 LeseminutenLindsay Clancy am 28. August 2026 im Obersten Gerichtshof von Plymouth, Massachusetts.Greg Derr / APDer Fall Lindsay Clancy spaltet nicht nur die amerikanische Gesellschaft, sondern auch die zwölf Geschworenen im Gericht. Sie sind sich auch nach Tagen in ihrem Urteil uneinig – obwohl kaum Zweifel am Tatverlauf bestehen. Am 24. Januar 2023 hat Clancy, damals 32, wohnhaft in einem wohlhabenden Vorort von Boston, ihre eigenen Kinder erdrosselt. Daraufhin fügte sie sich Schnitte zu und sprang aus dem ersten Stockwerk ihres Familienhauses. Sie überlebte querschnittsgelähmt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Clancy bestreitet die Tat nicht. Im Prozess, drei Jahre später, stellte sich jedoch die Frage, ob diese Frau nicht nur Täterin, sondern auch Opfer ist. Während Clancy in den vergangenen Wochen fast täglich im Rollstuhl in das Gerichtsgebäude in der Stadt Plymouth geschoben wurde, versammelten sich davor Hunderte ihrer Unterstützerinnen. Sie trugen rosa T-Shirts und Aufkleber – «Frieden für Lindsay» stand darauf. Auf sozialen Plattformen äusserten sich junge Mütter zum Fall. «Same, Lindsay», schrieben einige von ihnen, zeigten sich dabei weinend vor der Handykamera.Wie viel Empathie verdient eine Frau, die ihre eigenen Kinder getötet hat?Mit dieser Frage beschäftigte sich auch das Gericht im weitesten Sinne – denn der Fall hat die Debatte darüber wiederbelebt, wie das Rechtssystem psychisch kranke Mütter behandeln soll, die Verbrechen an ihren Kindern begehen. Unklar ist zudem nicht nur, ob Lindsay Clancy während der Tat zurechnungsfähig war – sondern auch, ob das amerikanische Gesundheitssystem in ihrem Fall versagt hat.Clancy soll kurz vor der Tat eine Stimme gehört habenDie Verteidigung argumentiert, dass Lindsay Clancy an einer postpartalen Psychose gelitten und nicht zwischen Recht und Unrecht habe unterscheiden können. Die Krankheit, auch bekannt als Wochenbettpsychose, ist im Gegensatz zur Wochenbettdepression bei Müttern nach der Geburt selten. Betroffene leiden häufig unter Halluzinationen oder Wahngedanken. Auch das Kind selbst kann Bestandteil dieser sein.Laut medizinischen Fachleuten, die im Prozess beigezogen wurden, wies Clancy nach der Geburt über Monate Symptome einer schweren Depression auf. Immer wieder suchte sie Ärzte auf. Sie klagte über Angstzustände oder das Gefühl, dass Teile ihres Bewusstseins voneinander getrennt seien. Laut Zeugenaussagen hat Clancy zweimal bei einer Suizid-Hotline angerufen. Wiederholt hat sie nach der Tat von einer Stimme berichtet, die ihr befahl, ihre Kinder und anschliessend sich selbst zu töten.Unterstützerinnen von Clancy versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude in Plymouth, in dem der Prozess stattfand.John Tlumacki / GettyClancy habe alles getan, um medizinische Hilfe zu erhalten, kommen viele Experten zum Schluss. Anzeichen für eine bipolare Störung und eine postpartale Psychose seien jedoch unterschätzt worden. Auch eine Übermedikamentierung sei hinzugekommen. Wie amerikanische Medien mit Berufung auf Gerichtsakten festhalten, erhielt Clancy in den vier Monaten vor der Tat 13 verschiedene psychiatrische Medikamente.Bei einer angemessenen Betreuung wäre es nie zur Tat gekommen, argumentiert die Verteidigung. Sowohl Lindsay Clancy als auch der inzwischen von ihr geschiedene Vater der getöteten Kinder haben Zivilklagen gegen die behandelnden Mediziner eingereicht: «Ich war nicht mit einem Monster verheiratet – ich war mit jemandem verheiratet, der krank wurde», sagte Patrick Clancy 2024 gegenüber dem Magazin «New Yorker». Seine Frau wolle künftig eine Stimme für andere Mütter sein, die unter postpartalen Störungen litten.Teilweise ist das bereits gelungen. Viele Frauen in den Vereinigten Staaten sind davon überzeugt, dass Mütter nach der Geburt zu sehr sich selbst überlassen sind. Ein Crowdfunding-Aufruf von Clancys Eltern hat binnen weniger Tage mehr als eine Million Dollar an Spenden eingebracht. Die öffentliche Debatte wurde dadurch verstärkt, dass der Prozess live gestreamt wurde.Psychiater und Geschworene sind sich uneinigSollte Lindsay Clancy aufgrund von Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig befunden werden, wird sie wahrscheinlich in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Einen ähnlichen Fall gab es in den USA bereits. 2006 wurde Andrea Yates, die ihre fünf Kinder ertränkt hatte, wegen Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig erklärt. Die Mutter aus Texas hatte Symptome einer postpartalen Psychose gehabt, ein erstes Urteil wurde aufgehoben.Doch im Fall Clancy gibt es auch eine andere Seite – jene, die davon ausgeht, dass die Mutter planvoll und im vollen Bewusstsein gemordet hat. Die Staatsanwaltschaft erinnerte daran, dass Clancy vor der Tat «ziemlich normal» gewirkt habe. Am selben Tag habe sie noch einen Schneemann mit den Kindern gebaut, und: Kurz bevor sie ihre Kinder tötete, hatte sie den Vater der Kinder aus dem Haus geschickt, um Medikamente in einer Apotheke und eine Bestellung in einem Restaurant abzuholen. Das beweisen laut Ermittlungen Videoaufnahmen und GPS-Daten.Während die Verteidiger im Prozess zehn Zeugen hinzuzogen, waren es aufseiten der Ankläger über siebzig. Auch einige der psychiatrischen Begutachter unterstützten die These, dass Clancy bei den Tötungen ein «moralisches Bewusstsein» gehabt habe.Kirk Heilbrun, der die Angeklagte laut Berichten im April psychiatrisch untersucht hat, zweifelte Clancys Behauptungen vor Gericht an. Zwar habe er Anzeichen einer akuten Psychose erkannt. Allerdings sei er skeptisch, wenn jemand angebe, ein Symptom sei nur während der Straftat aufgetreten. Es sei «sehr ungewöhnlich», dass Clancy, so lauten ihre eigenen Aussagen, eine Stimme gehört habe, die sie zuvor noch nie gehört habe – und seither keine ähnlichen Halluzinationen mehr erlebt habe, sagte Heilbrun.Die Einvernahmen sind beendet, Clancy selbst äussert sich nicht. Seit einer knappen Woche versuchen die Geschworenen nun vergeblich, sich auf ein Urteil zu einigen. Der Richter hatte sie zunächst aufgefordert, weiter zu beraten. Denn für ein Urteil wäre Einstimmigkeit nötig gewesen.Am Freitag erklärte Richter William Sullivan schliesslich, er habe keine andere Wahl, als den Prozess wegen der festgefahrenen Jury für gescheitert zu erklären. Die formelle Erklärung eines Fehlprozesses setzte er allerdings für eine Stunde aus, um Clancys Verteidiger Gelegenheit für einen Eilantrag zu geben, mit dem die Beratungen der Geschworenen möglicherweise fortgesetzt werden könnten. Bleibt es beim Fehlprozess, kann die Staatsanwaltschaft Lindsay Clancy erneut vor Gericht stellen.Nachdem Clancy ihre Kinder getötet hatte, wurden vor dem Familienhaus Blumen und Kuscheltiere abgelegt. Matt Stone / GettyPassend zum Artikel
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