PfadnavigationHomePanoramaFall Lindsay Clancy„Sie brauchte Hilfe“ – die verstörende Solidarität mit einer angeklagten KindsmörderinStand: 12:54 UhrLesedauer: 5 MinutenSie plädiert auf „nicht schuldig“: Lindsay Clancy vor Gericht in Plymouth, MassachusettsQuelle: Amanda Sabga/via REUTERSDie US-Amerikanerin Lindsay Clancy erwürgt ihre drei Kinder und verletzt sich selbst schwer. Nun wird ihr der Prozess gemacht. Draußen beten Frauen in rosa Kleidung für sie, in Videos beweinen andere Mütter ihre eigene Überlastung.Dieser Prozess macht aktuell in den USA Schlagzeilen: Eine Mutter schickt ihren Mann zum Einkaufen, anschließend erdrosselt sie die drei gemeinsamen Kinder des Paares (Cora, fünf Jahre alt; Dawson, drei Jahre alt; Callan, acht Monate alt) im Keller des Familienhauses. Dann versucht Lindsay Clancy, sich ebenfalls umzubringen. Sie verletzt sich selbst und springt aus einem Fenster im zweiten Stock. Seit der Tat vom 24. Januar 2023 ist die heute 36‑Jährige aus Duxbury, Massachusetts, von der Hüfte abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl.Derzeit wird ihr der Prozess gemacht, in der kommenden Woche werden die Schlussplädoyers gehalten. So traurig der Tod von drei kleinen Kindern ist, so groß ist das Echo auf den Mordfall, der in den USA eine kontroverse Debatte über Mutterschaft, Geschlechterdiskriminierung und weibliche Sorgearbeit ausgelöst hat. Vor Gericht – das Verfahren wird im Livestream übertragen – geht es aktuell um die Frage, ob Lindsay Clancy schuldfähig war oder nicht. Ihre Verteidiger bestreiten nicht, dass sie die Kinder getötet hat. Aber ihr Anwalt Kevin Reddington gab an, dass die dreifache Mutter an einer sogenannten postpartalen Psychose litt, einer schweren, plötzlichen psychischen Notlage mit Wahnvorstellungen und Depressionen, die etwa 1 bis 2 von 1000 Müttern nach der Geburt durchleiden. Auslöser sind Stress, Schlafmangel und hormonelle Veränderungen nach der Geburt. Ein von der Verteidigung bestellter Psychiater erklärte in seiner Stellungnahme vor Gericht, dass Clancy am Tag der Tötungen eine solche Psychose durchlitten habe: Die junge Mutter habe eine Stimme gehört, die ihr befahl, die Kinder zu töten: „Töte die Kinder, damit du dich selbst töten kannst.“Vor der Tat war die dreifache Mutter monatelang in BehandlungEin von der Anklage bestellter Sachverständiger kam diese Woche jedoch zu einem anderen Ergebnis. Kirk Heilbrun bescheinigte der Angeklagten zwar eine schwere Depression, jedoch keine Psychose. „Sie schilderte den Vorfall so, dass sie eine Stimme hörte, die sie zuvor noch nie wahrgenommen hatte – eine Halluzination, die auch danach nie wieder auftrat. Sie erlebte dies jedoch nur während der etwa 18 Minuten, die die Tötung der Kinder in Anspruch nahm“, sagte der forensische Psychologe laut der Nachrichtenagentur AP aus. „Gelinde gesagt wäre das ein sehr, sehr ungewöhnliches Muster oder eine ungewöhnliche Erscheinungsform für das Zustandekommen eines solchen Geschehens. Sehr ungewöhnlich“, wird er zitiert.Lesen Sie auchAktenkundig ist, dass Lindsay Clancy sich in den Monaten vor der Tötung ihrer Kinder wegen psychischer Probleme mehrfach bei Ärzten vorstellte. Sie klagte dabei über schwere Depressionen, Schlaflosigkeit und Suizidgedanken. Die ehemalige Hebamme bekam deswegen zahlreiche Medikamente verschrieben und wurde auch auf freiwilliger Basis klinisch behandelt. Auch ihre Schwiegermutter – das Ehepaar Clancy ist mittlerweile geschieden – bestätigte psychische Belastungen. „Lindsay hatte große Schwierigkeiten – wir waren alle besorgt“, sagte Susan Clancy aus.Lesen Sie auchDer Staatsanwaltschaft zufolge hat die Mutter die Tötungen geplant und ihren Ehemann gezielt aus dem Haus geschickt, indem sie ihn an dem besagten Abend beauftragt hatte, Medikamente für eines der Kinder sowie das Abendessen für die Familie zu besorgen. Handy-, Bewegungs- und Zeitdaten belegen auch, dass Patrick Clancy zum Tatzeitpunkt nicht zu Hause war. Nach seiner Rückkehr war er es, der den Notruf alarmierte. Die Schlussplädoyers werden in der kommenden Woche gehalten. Die 36-jährige Lindsay Clancy hat auf „nicht schuldig“ plädiert. Bei TikTok beweinen andere Mütter ihre ÜberlastungInmitten dieser persönlichen Tragödie ist der Fall Lindsay Clancy auch zu einem Kristallisationspunkt einer gesellschaftlichen Debatte über Geschlechterrollen und geschlechtliche Diskriminierung geworden. Vor dem Gerichtsgebäude in Massachusetts versammeln sich regelmäßig Frauen, die ihre Solidarität für die dreifache Mutter bekunden. Viele von ihnen sind in Rosa gekleidet und tragen Transparente, die Clancy als Opfer darstellen. Die Schilder trugen etwa Aufschriften wie „Believe“ (Glaubt ihr), „She Needed Help“ (Sie brauchte Hilfe) und „Peace For Lindsay“ (Frieden für Lindsay). In den sozialen Medien häufen sich zudem Solidaritätskundgebungen, die auf Beobachter teils pietätlos und geradezu geschmacklos wirken: Mütter, die selbst Videos für die sozialen Medien erstellen, in denen sie, teils in Anwesenheit ihrer ebenfalls kleinen Kinder, vor der Kamera in Tränen ausbrechen, über ihre Überlastung durch die „Sorgearbeit“ klagen oder darüber sprechen, wie sie selbst in psychischen Ausnahmesituationen schon einmal daran dachten, zum Äußersten zu gehen – sprich, ihre Kinder oder sich selbst zu verletzen. Die Unterstützerinnen nutzen bei TikTok und Instagram Hashtags wie „Same, Lindsay“ oder „Me Too, Lindsay“ um sich untereinander zu solidarisieren.Andere Schreiberinnen und Schreiber kritisieren genau diese Frauen als durchgeknallte Feministinnen, als prototypische „white liberal women“, die einem zumeist städtischen, weißen Akademikermilieu entstammen, in dem Frauen und insbesondere Mütter häufig als Opfer von physischer und struktureller männlicher Gewalt dargestellt werden. Lindsay Clancy sei in dieser Interpretation quasi ein „Opfer“ eines berufstätigen Mannes, der sich lieber um die eigene Karriere kümmerte als um Frau und Kinder. Kritiker dieser „These“ verweisen darauf, dass die Familie tageweise ein Kindermädchen beschäftigte und Clancy auch Hilfe von anderen Familienmitgliedern wie ihrer Schwiegermutter bekommen hätte. Bemängelt wird auch eine Art Täter-Opfer-Umkehr – die wahren Opfer in diesem tragischen Fall seien doch wohl die drei unschuldigen Kinder, die ihr Leben verloren hätten. Längst ist der Fall Lindsay Clancy auch zwischen die politischen Lager geraten. Anhänger der Demokraten und der Republikaner, insbesondere der Maga-Bewegung von Donald Trump, differieren grundlegend in der Bewertung des Falles. Für die Angeklagte sind mehrere Spendenaktionen durchgeführt worden. Allein bei der Spendenplattform GoFundMe wurde bereits eine Million Dollar für die Angeklagte gesammelt. Das Medieninteresse an dem Fall ist längst riesig, auch die in Rosa gekleideten Unterstützerinnen kamen in US-Medien bereits zu Wort: „Frauen werden abgetan, vernachlässigt und ignoriert, wenn sie sich zu Wort melden“, erklärte etwa April Vincent, eine Rechtsanwaltsgehilfin aus Providence (Rhode Island) den Reportern. „Wir haben Angst, weil uns niemand ernst nimmt.“ In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer die Tat erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Sollten Sie selbst das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie anonym Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.Mit AFP/AP/dpa
USA: „Sie brauchte Hilfe“ – die verstörende Solidarität mit der angeklagten Kindsmörderin Lindsay Clancy - WELT
Die US-Amerikanerin Lindsay Clancy erwürgt ihre drei Kinder und verletzt sich selbst schwer. Nun wird ihr der Prozess gemacht. Draußen beten Frauen in rosa Kleidung für sie, in Videos beweinen andere Mütter ihre eigene Überlastung.








