Der Osten ist eine Erfindung der DDR. Mecklenburger sind Norddeutsche, und Thüringer sind eigentlich Mitteldeutsche. Die Abtrennung des alten deutschen Ostens jenseits von Oder und Neiße und die DDR-Herrschaft konnten und können über Jahrhunderte gewachsene Identitäten nicht auslöschen.Aber diese so unterschiedlichen, in eine sowjetische Besatzungszone gepressten Deutschen, die DDR-Bürger, teilten über vier Jahrzehnte das Schicksal dieser Fremdherrschaft, die mit Unrechtsstaat nur unzureichend beschrieben ist. Nein, staatlichen Massenmord gab es nicht, aber Gefangenschaft und Ausbeutung, Bespitzelung, Folter und Todesschüsse auf jene, die auf jede nur erdenkliche Weise aus dieser undemokratischen Republik fliehen wollten. Wer dieses Regime schönredet, weiß entweder nichts, lügt sich in die Tasche oder hat eine Sympathie für Diktaturen.Dort haben freilich Millionen Deutsche gelebt. Sie mussten es. Sie wurden nicht gefragt. Und natürlich hat jeder seine ganz persönlichen Erinnerungen, auch schöne. Und die will sich niemand im Nachhinein von Nachgeborenen und Nicht-dabei-Gewesenen nehmen lassen – auch wenn das im Grunde niemand kann. Niemand will sein Leben so abstempeln lassen.Niemand will sein Leben abstempeln lassenDie Wiedervereinigung hat allen Freiheit und ein besseres Leben gebracht. Das ist aber nicht alles. Der Mensch lebt auch von Anerkennung. Offenbar gehört auch das Vergleichen, gerade im Westen übrigens, zum menschlichen Dasein. Objektiver Wohlstand und eine Fülle von Möglichkeiten stehen so gegen persönliche Empfindungen von Benachteiligung, gar Demütigung. Das ist zutiefst menschlich und keine Undankbarkeit.Überhaupt, was heißt hier Dankbarkeit? Die Wiedervereinigung war Verfassungsauftrag. Darauf hinzuwirken, war Pflicht. Solidarität war und ist Pflicht. Die Bundesrepublik hat schon zu Zeiten der Teilung Hilfe geleistet, hat aber auch damals schon an der DDR verdient. Nach der Wiedervereinigung, die mitnichten nur das Werk von Staatslenkern war, erhielten viele Bundesbürger gute (neue) Jobs mit schönen Pensionen, die sie sonst nie bekommen hätten. Eine Aufstiegs- und Wohlstandsgeschichte sondergleichen. Auch wenn viele sich leider nicht wirklich auf ihr neues Umfeld einließen. Bis heute.Die Debatte über Solidarität und Undankbarkeit ist alt. Aber gut, wenn man das denn so gegenüberstellen will: Wie die Vertriebenen aus dem alten deutschen Osten haben auch die DDR-Bürger ein großes Sonderopfer gebracht. Anders allerdings als bei der immensen Integrationsleistung der Eingliederung der Vertriebenen nach dem Krieg, als Flüchtlinge bei den Ansässigen zwangsweise einquartiert wurden, haben die Westdeutschen nach der Wiedervereinigung kein wirkliches Opfer gebracht. Wer hier den Solidaritätszuschlag anführt, den freilich alle zahlten und der für alles Mögliche verwendet wurde, der weiß nicht, was ein Opfer ist.Spaltung durch VerbotsantragZusammenstehen ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Umso peinlicher ist es, wenn verantwortliche Politiker im Osten irgendeine DDR-Nostalgie bemühen. Peinlich ist es aber auch, wenn der Westen hier eine neue, alte Front aufmacht und so der DDR und der alten Sowjetmacht zu einem späten Sieg verhilft. Am besten einfach mal hinfahren. Wer lebt denn schon wirklich dort? Es stimmt, viele Kluge und Entschlusskräftige haben die DDR und die ehemalige DDR im Laufe der Jahrzehnte verlassen. Aber von denen, die mit hohen Ämtern und Gehältern zureisten, wurden viele nie heimisch. Der Osten als Melkkuh und Witzfigur.Der offenbar ernst gemeinte Vorstoß des SPD-Verteidigungsministers und des grünen Vorzeige-Ministerpräsidenten, die sich ihre Popularität in Umfragen zugutehalten, ausgerechnet die stärksten Landesverbände der AfD verbieten zu lassen, also die, in denen die AfD stärkste Kraft ist, zeugt nicht nur von politischer Kurzsichtigkeit. Hier scheint auch die alte Arroganz gegenüber anderen Teilen Deutschlands durch, zu denen man überhaupt keinen Bezug hat. Auch so wird aufs Schlichteste eine Spaltung des Landes betrieben, gegen die jeder Patriot aufstehen sollte.„Wenn dein Bruder vor der Tür steht, dann fragst du auch nicht, was er dich kosten wird, sondern du lässt ihn ein.“ Diesen Satz Ernst Jüngers zur Wiedervereinigung zitierte der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel. Der Bruder ist hier kein Kostgänger, sondern ein Geschenk. Der lange verlorene Verwandte, der im Übrigen selbst arbeitet. Er schuldet dem Westen nichts. Wenn er wie ein Bruder behandelt würde, würde er sich auch anders verhalten.