Als Charlotte Ritter (Alice Dwyer) am 3. Juli 1932 aus Paris zurückkehrt, steht kein Gereon Rath (Ole Lagerpusch) am Bahnsteig. Rath, so heißt es, ist in Königsberg und hat „irgendwas mit Schnaps zu tun“. In Berlin tragen alle Bubikopf, Betrunkene fallen Ritter in den Weg. Vermutlich die gestern noch Vergnügten, noch immer nicht Ernüchterten. Stimmen- und Geräuschegewirr begleiten Charlotte heim.„Berlin, deine Nächte fressen dich“, so singt die Stadt. Bald werden auch die Tage die Menschen fressen, steht die SA der Berliner Polizei offiziell als Hilfs- und Vollstreckungsorgan zur Seite, gibt in Wirklichkeit aber den Ton an. Der stellvertretende Polizeipräsident wird drangsaliert, abgeführt und durch einen strammen Nazi ersetzt. Im Januar 1933 ernennt Hindenburg Hitler zum Reichskanzler, die große Verhaftungswelle beginnt. Systematisierte Folter in Spezialgefängnissen, Morde, nicht nur an Juden, Verfolgung von Andersdenkenden, Anwälten, Pressevertretern. Und das ist bloß der Anfang des offenen Terrors des neuen Regimes. Die meisten Berliner amüsieren sich erst einmal weiter.Der Rachefeldzug eines geheimnisumwitterten SerientätersMit „Haus Vaterland“ steht in der Audiothek „ARD Sounds“ und den ARD-Hörspielwellen begleitend zur Ausstrahlung der finalen Staffel von „Babylon Berlin“ in der kommenden Woche die vierte WDR-Radioserie nach den Romanen „Die Akte Vaterland“ und „Märzgefallene“ zur Verfügung. Während die Hörspielserien vom Autor Volker Kutscher selbst stammen (Regie Benjamin Quabeck), steht die Fernsehserie von Achim von Borries, Tom Tykwer und Henk Handloegten für sich, mit ähnlichen Motiven, anderen Handlungssträngen, anders akzentuierten Rollenzeichnungen und neuen dramatischen Proportionen. Zum Abschluss stellt die Fernsehserie eine in Schwarz-Weiß abgesetzte Rahmenhandlung rund um den Gefreiten Adolf Hitler und dessen nach 1918 verschwundene Krankenakte als zentrale Handlungsmotivation dar.In „Haus Vaterland“ dagegen dreht sich die Kriminalhandlung zwar ebenfalls um eine Mordserie, doch hier ist es ein abscheuliches Kriegsverbrechen deutscher Soldaten in Frankreich im Ersten Weltkrieg, das zum Rachefeldzug eines geheimnisumwitterten Serientäters führt. Die Aufklärung führt Gereon Rath in die Sümpfe Masurens, in die Nähe von Köln und anderswohin. Mit seiner Verlobten Charlotte nimmt er in Berlin verfolgte Kinder auf und bekommt es wieder mit den Ringvereinen zu tun.Die Pracht des EskapismusCharlotte dagegen versucht mit ihren Jurakenntnissen einem ehemaligen Soldaten aus den afrikanischen deutschen Kolonien zu helfen, der als Schwarzer im Cowboy-Kostüm an der Western-Bar im „Haus Vaterland“ den Alkoholverkauf ankurbelt. Leider muss er das Luisenbrand-Gesöff anpreisen, obwohl er lieber stilecht amerikanischen Whiskey ausschenkte. Authentizität? Da stehe die nationale Idee vor. Deutsche, besauft euch deutsch. Kurz zuvor lag ein toter „Luisenbrand“-Vertriebler im topmodernen Aufzug. Ertrunken. Deswegen ist Gereon nach Treuburg gefahren.Im namengebenden Vergnügungstempel „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz reisen die Berliner derweil Nacht für Nacht um die ganze Welt, vom nachgebauten Spiegelsaal ins japanische Teehaus, von der Western-Bar zu den Rheinterrassen, wo, wenn man Glück hat, abends ein Gewitterspektakel mit Blitz und Donner inszeniert wird. Das Herz, eigentlich schon in Heidelberg verloren, geht auf, angesichts der Pracht des Eskapismus, angesichts der hier schon symbolisch vollzogenen Welteroberung.Ein eindrücklicher EffektMit Platz für 8000 Gäste ist für fast jeden Geldbeutel ein Vergessen erhältlich. Seit der Neueröffnung Ende August 1928 überstrahlt das Gebäude aus Stahl und rotem Sandstein mit seiner Glaskuppel die Stadt, und seine Ruine wird bis 1976 stehen. Bis in die Zwanziger Sitz der Ufa, beherbergte das damalige Gebäude der jüdischen Unternehmerfamilie Kempinski einst auch ein riesiges Lichtspieltheater. Siegfried Kracauer nannte das Etablissement ein „Asyl für die geistig Obdachlosen“.Wie die vorhergehenden Hörspielserien „Der nasse Fisch“, „Der stumme Tod“ und „Goldstein“ (in ARD Sounds abrufbar) baut auch die letzte Staffel auf das Prinzip der Collage. Wie in Karl Kraus’ epochalem Weltkriegsdrama „Die letzten Tage der Menschheit“ gibt es hier eine Fülle von Sprechern, Schauplätzen, Begebenheiten und Charakterisierungen der Figuren durch ihr Sprechen (allein). Der Ablauf ist chronologisch, samt Epilog aus der Feder des halben Analphabeten und Straßenjungen Fritze, der unbedingt Hitlerjunge werden möchte. Die stockende Lesung des eigenen schwärmerischen Briefs wird begleitet von geifernder Rede Hitlers als akustischem Beiwerk und zeitgenössischem Hintergrund. Die stimmenüberlagernde, unterscheidende und erhellende Gleichzeitigkeit des Hörens ergibt nicht nur an dieser Stelle einen eindrücklichen Effekt, eindringlicher vermutlich – insbesondere für heutige Schüler –, als es eine Analyse etwa von Hitlers Rede an die Jugend auf dem Nürnberger Parteitag 1935 wohl vermag.Haus Vaterland steht von Donnerstag an in der Audiothek „ARD Sounds“ zur Verfügung. Die Radio-Erstsendung läuft am 6. September um 18 Uhr bei Radio Bremen Zwei.