PfadnavigationHomeKulturLetzte Staffel „Babylon Berlin“Auf der Jagd nach der Akte Adolf H.Stand: 15:27 UhrLesedauer: 4 MinutenTanz im Vulkan: Liv Lisa Fries und Volker BruchQuelle: ARD Degeto Film/Foto: Christine SchroederDas Finale von „Babylon Berlin“ erzählt vom rasanten, unaufhaltbaren Absturz Deutschlands in die Diktatur. Ein erzählerisches Meisterwerk, das mit dem Sieg der Wahrhaftigkeit über die historische Wahrheit endet.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenDer Mann, der sich da auf den körnigen, schwarz-weißen Bildern im November des Jahres 1918 an einer Mauer des Reservelazaretts Pasewalk entlangdrückt, ist eine elende Gestalt. Wir sind mittendrin in der fünften und finalen Staffel von „Babylon Berlin“, jener Serie, die von der Zeit erzählt, die Hitler möglich machte, und seltsam genau auch von der heutigen.Einen Simulanten nennen sie ihn. Traumatisiert ist er wie alle im Lazarett von den Schlachten im Westen. Der Mann an der Mauer kann nichts sehen nach dem Senfgas an der Somme, sagt er. Er will nicht sehen, sagt sein Psychiater Edmund Forster und diagnostiziert: hysterische Blindheit. Ein kranker Mann, aber nicht blind. Ein guter Untertan, sagt Forster noch. Aber voller Starrsinn. Dass im Innern des Menschen ein Gott wohnt, hat Forster dem Gefreiten in der Therapie suggeriert. Und dieser Gott ist der Wille. Der erwachte Gotteswille in Adolf Hitler lässt ihn wieder sehen und führt ihn in den Größenwahn.War alles nicht so – nicht so, wie Hitler seine (Selbst-)Wunderheilung in „Mein Kampf“ als (politisches) Erweckungserlebnis später schilderte. Nicht so, wie es Ernst Weiß in seinem Forster-Roman „Der Augenzeuge“ erzählt. Muss es auch nicht. „Babylon Berlin“ hat die Art, wie in Filmen und Romanen mit (Zeit-)Geschichte umgegangen wird, nicht durch dokumentarische Genauigkeit revolutioniert. Sondern weil dieser erzählerische Kraftakt diese ihrem Untergang entgegenzitternde Ära in eine Phantasmagorie verwandelt, voller Brüche, Wahnsinn, Glamour und Desaster. Und Wahrhaftigkeit.„Babylon Berlin“ ist ein wirbelnder Tanz von Dutzenden von Geschichten und (fiktiven und historischen) Figuren vom Rand eines demokratischen Vulkans in den Krater der Diktatur. Lesen Sie auchDem absehbaren Sturz in die Katastrophe in der finalen Staffel sah man allerdings auch mit Erleichterung entgegen – endlich werden die „Babylon“-Think-Tanks Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries nach gut 13 Jahren wieder Zeit für Non-„Babylon“-Filme haben. Aber vor allem mit Bangigkeit. Es wehten am Ende der vierten Staffel noch so viele bunte Fäden lose in der Luft wie in handelsüblichen Hitler-Filmen frischgebügelte Hakenkreuzfahnen. So viele scheinbar völlig nebensächliche Typen ließen Tykwer und Co. seltsam beharrlich herumlaufen, dass man deren dramaturgischen Sinn am Ende doch noch gern begriffen hätte.Lesen Sie auchFür alle Bangenden die gute Nachricht: Das Finale des „Babylon“-Epos ist ein erzählerisches Meisterwerk. Alle Kreise schließen sich, alle Biografien runden sich. „Babylon Berlin“ liefert einen weiteren Beweis dafür, dass Serien die Romane des 21. Jahrhunderts sind.Wir schreiben das Jahr 1933. Hitler wird Reichskanzler. In Dr. Forsters Berliner Praxis wird eine Leiche gefunden. Wenige Wochen sind es bis zur Reichstagswahl. Wochen, in denen die Demokratie an die Wand gefahren wird. Um eine Akte geht es – Forsters Hitler-Akte aus Pasewalk. Die könnte alles ändern, würde man sie unters Volk bringen. Weil dort nicht das drinsteht, was in „Mein Kampf“ steht. Weil der Führer entzaubert würde, bevor er Führer wird. Die Jagd nach der Akte hält alles zusammen. An diesem Handlungsbogen hängen Tykwer, Handloegten und Borries alles andere auf. Das Entsetzen in den GesichternDen letzten schweren Walzer, den Berlin tanzt. Die Machtübernahme der Nazis vor der Machtübernahme – in den Rundfunksendern, in den Polizeibehörden, im Leben. Die irren Ideen jener Industrie- und Medienmagnaten, die Hitler unterstützten und glauben, ihn nach der Wahl – so zitiert einer von ihnen Franz von Papen, Hitlers Vorgänger im Amt des Reichskanzlers – notfalls an die Wand drücken zu können, „dass er quietscht“, wenn er nicht tut, was sie sich wünschen.Erzählt werden auch die verzweifelten Versuche, die sich selbst zerfleischende Linke zu vereinen gegen den wahren Gegner. Die Geschichten von Kommissar Gereon Rath und Charlotte Ritter, die sich verlieren und finden. Das letzte Aufflackern der Queerness in den Berliner Klubs und wie auch sie von der SA okkupiert wird. Lesen Sie auchEs ist noch einmal alles drin. Die waghalsigen Schnitte, die irrsinnige Ausstattung, der Aberwitz der Geschichten, die Blenden, der Witz, die Musik. Und der Cast, der spielt, als ginge es ums eigene Überleben.Das Entsetzen über das, was geschieht, gräbt sich immer tiefer ein in ihre Gesichter. Sie können es einfach nicht fassen. Menschen fliehen, werden entführt, gefoltert, Menschen sterben, der Reichstag brennt – eine gigantische filmische Vision. Historiker werden Sturm laufen. Die Wahrheit ist das vielleicht nicht. Aber es ist, mit allem, was ihre Schöpfer in dieses Fanal münden lassen, von einer grandiosen, überwältigenden, zeichenhaften Wahrhaftigkeit.„Babylon Berlin“, ab 10. September 2026 in der ARD-Mediathek, am 19. und 25. im Ersten.