Eine Romanreihe ist eine Welt: Sie dehnt sich in die Länge und in die Breite, sie zieht immer neue Figuren, Geschichten und Ereignisse an, sie bringt Seitenstränge hervor, die sich zu weiteren Romanen auswachsen können. Sie kennt kein Ende, solange ihr Autor ihr keines bereitet. Eine Fernsehserie aber muss zum Schluss kommen. Das entspricht dem Produktionsrhythmus der Bilderindustrie, die in regelmäßigen Abständen alte Stoffe durch neue ersetzt, aber auch der Logik der kreativen Erschöpfung. Nicht nur die Darsteller vor der Kamera altern, sondern auch die Kulissen, die Kostüme, der Soundtrack, die ganze erzählerische Apparatur. Diejenigen, die sie bedienen, merken das oft schneller als ihre Zuschauer, sie sind mit den Bildern schon fertig, bevor wir uns daran sattgesehen haben.Die Serie „Babylon Berlin“ endet mit der Machtergreifung Hitlers. Das war von vornherein so geplant, sagen ihre drei Regisseure, aber jetzt, da es passiert, wirkt es wie eine Vollbremsung, ein Halt auf freier Strecke. „Babylon Berlin“ ist also nicht – so wie die Romane von Volker Kutscher, auf denen die Serie sehr lose basiert – die Geschichte des Kriminalkommissars Gereon Rath und seiner Kollegin und großen Liebe Charlotte Ritter, sondern vor allem die Geschichte der Weimarer Republik. Mit ihr war 1933 Schluss, und damit das Serienpublikum in aller Welt diese Wahrheit begreift, müssen die drei Filmemacher einen dicken filmischen Punkt setzen.Dieser Punkt ist der brennende Reichstag. Er lodert und glüht in der letzten der acht Folgen, dass die Kamera sich kaum sattsehen kann, und in seinen Flammen sterben auch die Hoffnungen der Nazi-Gegner auf eine politische Wende vor der kommenden Reichstagswahl. Mitten durch das Inferno freilich hasten vier wohlbekannte Gestalten: neben Gereon (Volker Bruch) und Charly (Liv Lisa Fries) der Polizeifotograf Reinhold Gräf (Christian Friedel) sowie jener Dr. Schmidt, hinter dessen Inkognito sich, wie wir wissen, Gereons im Ersten Weltkrieg vermisster Bruder Anno verbirgt. Die Szene ist prototypisch für das, was die Serie von Anfang an getan hat und in ihrem Finale auf die Spitze treibt: Sie schickt ihre Figuren ins Feuer der realen Geschichte und fügt zusammen, was von ihren fiktiven Existenzen darin übrig bleibt. Das hat vier Staffeln lang gut funktioniert. Jetzt, in der fünften, funktioniert es nicht mehr.Mit Hitler betritt das Nichtfiktive die BühneDer Grund dafür liegt auf der Hand, denn mit Hitler betritt das Nichtfiktive schlechthin die Bühne, die Figur, an der jede Serienlogik scheitern muss. Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries haben es dennoch versucht, und es spricht für ihren Mut, dass sie den künftigen „Führer“ nicht in die Statisterie, sondern ins Zentrum einer Mordintrige stellen.Ein Arzt, der den Gefreiten H. einst bei Kriegsende in einem Lazarett in Pasewalk behandelt hat, entkommt knapp einem Killerkommando, ein SA-Mann, der ebenfalls in Pasewalk war, wird von seinen Kameraden erdolcht, ein dritter Mitpatient liegt alsbald tot am Wannsee. Warum die Männer sterben mussten, erfährt man gleich am Anfang der ersten Folge: Da sitzt Hitler (Clemens Schick) im Lazarett vor Dr. Forster (Ulrich Noethen) und starrt in eine Kerzenflamme, die er nicht sieht, weil er bei einem Gasangriff seine Sehkraft verloren hat. Der Arzt aber ahnt, dass Hitlers Blindheit psychische Gründe hat, und ermahnt ihn, sich zusammenzureißen: „In jedem Menschen steckt ein Gott. Das ist der Wille!“ Und Hitler gehorcht.Am Wannsee: Liv Lisa Fries als Charlotte RitterFrédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto Film/Beta FilmDie Szene, eine Hommage an Fritz Langs „Mabuse“-Filme, ist großartig in ihrer suggestiven Kälte, aber sie gibt ein Versprechen, das die Serie nicht einlösen kann, weil ihr der Erzählstoff dazu fehlt. Den Schlüsselroman über Hitlers Krankenakte (die vielleicht nie existiert hat) hat der Österreicher Ernst Weiß im Pariser Exil geschrieben, aber nicht ihn haben Tykwer, Handloegten und von Borries für „Babylon Berlin“ ausgeschlachtet, sondern Volker Kutschers Krimi „Märzgefallene“, der von einem ganz anderen Mordkomplott handelt.So wird die Serie zum Opfer ihres eigenen Patchwork-Prinzips, mal handelt sie von realen (wie Adenauer, Thälmann, Schleicher, den SPD-Politikern Otto Wels und Rosa Helfers), mal von erfundenen oder halb fiktiven Personen, aber die Puzzleteile passen nie ganz zusammen, und die dabei entstehenden Lücken gehen auf Kosten der Glaubwürdigkeit der Erzählung. Auch Hitler wird schnell wieder zur Nebenfigur, zuletzt sitzt er als stummer Gast am Tisch des uns ebenfalls wohlbekannten Alfred Nyssen (Lars Eidinger), der die Nazis zu Erfüllungsgehilfen der deutschen Großindustrie machen will.Im Zwielicht: Volker Bruch als Gereon RathFrédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto Film/Beta FilmDer zweite Erzählstrang handelt von einem Attentat, das im Schloss ebenjenes Nyssen stattfinden soll und an dessen Planung neben Gereon Rath auch sein Bruder Anno, Nyssens Hausanwalt Wegener und der Gangsterboss Edgar Kasabian beteiligt sind. Auch dieses Motiv hätte die Handlung tragen können, aber die drei Regisseure sind so sehr damit beschäftigt, ihren gesamten Personalbestand beim Schlussspurt mitzunehmen, dass sie ihm nicht genügend Aufmerksamkeit schenken können. Schließlich wollen auch die Lebensläufe des Polizeikollegen Böhm (Godehard Giese), der Pensionswirtin Behnke (Fritzi Haberlandt), des Journalisten Katelbach (Karl Marcovics), des Anwalts Litten (Trystan Pütter) und vieler anderer Figuren erzählt werden, die in früheren Staffeln eine Rolle gespielt haben und jetzt ihren Abschied nehmen.Die Grenze zum Reich alternativer Fakten wird überschrittenZwischen diese Wiedergänger pflanzt die Serie ein historisches Gespenst, den Attentäter Marinus van der Lubbe. Seine Schuld am Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 ist bis heute umstritten, schon deshalb, weil der Brand den Nazis einfach zu perfekt ins Konzept passte. „Babylon Berlin“ aber weiß ganz genau, wie es gewesen ist: wie die Kommunisten dem Genossen aus Holland die kalte Schulter zeigen, wie ihn die SA mit einem Ausweis versorgt und wie er genau in dem Moment das Gebäude betritt, in dem die Verschwörergruppe um die Brüder Rath im Inneren die Republik zu retten versucht. Nicht durch die historische Rahmung der Fiktion (etwa in den dokumentarischen Aufnahmen vom Kölner Karneval), sondern durch diese Fiktionalisierung des Historischen überschreitet die Serie die Grenze zum Reich alternativer Fakten. Und der erzählerische Gewinn ist denkbar gering, denn die Brandszene hätte ihre dramaturgische Funktion auch erfüllt, wenn van der Lubbe im Dunkeln geblieben wäre.Aber das ist der Fluch der Rekonstruktion: Wenn man einmal damit anfängt, kann man nur schwer wieder aufhören. Deshalb haben die Ausstatter und Produktionsdesigner der Serie wieder ihren großen Tag, man sieht eine Flädlesuppe mit Hakenkreuz-Einlage, einen Bauchredner mit Hitler-Puppe und eine Ju 52 zwischen Wolkengebirgen, aber die Geschichte beginnt immer deutlicher zu humpeln, bis sie sich nur durch einen Gewaltakt über die Ziellinie retten kann.Dass „noch in hundert Jahren“ die Menschen über die erste deutsche Demokratie staunen werden, wie es zuletzt heißt, würde man gerne auch über „Babylon Berlin“ sagen. Doch dafür ist dieses Finale gleichzeitig zu krachend und zu brav. Es springt als Epos und landet als Bastelarbeit. Die Welt von Gereon Rath und Charlotte Ritter musste enden, das ist klar. Sie hätte nur einen besseren Schluss verdient gehabt.Babylon Berlin ist von Donnerstag an in der ARD-Mediathek verfügbar und läuft am 19. und am 25. September in zwei Blöcken von jeweils vier Folgen im Ersten.