„Hier seht ihr mich, wie ich das System schamlos ausnutze und in meiner Pause eine Stulle esse“, schreibt die Nutzerin „schwesterjule1“ auf der Plattform Instagram. Sie bezieht sich damit auf ein Gespräch zwischen Kanzler Friedrich Merz und der Kinderärztin Bea Merscher in der RTL-Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz“. Dort diskutierten sie vor einigen Tagen über das Gesundheitssparpaket der Regierung.Merscher warf Merz vor, durch das Sparpaket „menschenverachtende und zerstörerische Gesetze“ zu erlassen und damit seinen Amtseid zu brechen. Merz reagierte darauf entrüstet: „Das geht jetzt ein bisschen über das normale Maß der Kritik hinaus.“ Der Regierung eine gezielte Zerstörung des Gesundheitssystems vorzuwerfen, ginge zu weit. „Uns und mir persönlich einen vorsätzlichen Bruch meines Amts vorzuwerfen, das ist schon harter Tobak“, sagte Merz bestimmt.Für besonders viel Aufsehen sorgte jedoch eine aus dem Interview herausgelöste Aussage, die online zahlreiche Reaktionen nach sich zieht. Merscher warf Merz vor, durch die Kürzungen das Signal zu senden, dass Kinder und alleinerziehende Mütter nicht wichtig seien. Dabei thematisierte sie unter anderem die Streichung des Kindersofortzuschlags von 25 Euro. Merz lenkte direkt ein: „Wir kürzen nicht. Wir erhöhen den Kinderfreibetrag. Wir haben die ärztlichen Budgets in den letzten Jahren um 40 Prozent erhöht“, und dann: „Wir geben über 500 Milliarden Euro für unser Gesundheitssystem aus. Und da sind Sie als Teil dieses Gesundheitssystems auch Nutznießerin. Sie als Ärztin.“ Diese Aussage – vor allem das Wort „Nutznießerin“ – löste im Netz eine Debatte aus.„Sehen Sie uns Nutznießern dabei zu, wie wir Menschenleben retten“Der Arzt Michael Dördelmann, der auf Instagram „paedicus.derkinderarz“ heißt, definiert in einem Video den Begriff „Nutznießer“: „Jemand, der einen Vorteil aus etwas zieht, was ein anderer erarbeitet hat. Als Synonyme findet man im Wörterbuch: Schmarotzer, Parasit, Abstauber.“ Unbeantwortet bleiben dürfe so eine Aussage nicht.Seit 35 Jahren sei er Kinderarzt, sagt er, und wisse, wer das System trägt: „Die Kinderkrankenpflegerin, die nachts um drei die Verantwortung für ein 600-Gramm-Frühchen trägt; die Hebamme, die zwei Geburten gleichzeitig betreut, weil die dritte Kollegin längst gekündigt hat; die Kolleginnen im Nachtdienst, die telefonieren, ob 100 Kilometer weiter ein Intensivbett frei ist.“ Merz solle doch selbst mal eine Klinik besuchen, sagt Dördelmann. „Sehen Sie uns Nutznießern dabei einfach nur zu, wie wir alles geben, Menschenleben zu retten.“Auch andere praktizierende Ärzte, Pflegekräfte oder Medizinstudenten reagieren erzürnt, belustigt bis frustriert. Etwa Instagram-Nutzerin „jeanskaa“. In einem Video sitzt sie am Schreibtisch, es läuft romantische Musik im Hintergrund. Sie schreibt: „Hi, ich bin eine Nutznießerin. Ich studiere seit sechs Jahren Medizin und habe insgesamt 18 Monate unbezahltes Praktikum hinter mir. Meine Zukunft wird ein Traumjob sein inklusive Arbeiten an Weihnachten, 24 Stunden lang Verantwortung für Patienten tragen und einen Großteil meiner Freizeit abgeben. Danke Merz, ich habe fast vergessen, dass Arbeit mit dem größten Gut der Menschen (Gesundheit) bedeutet, Nutznießer zu sein.“„Ärzte sind keine Nutznießer, sondern ein zentraler Teil des Systems“Die Ärztekammer Nordrhein teilte auf Instagram derweil ein Statement ihres Präsidenten Sven Dreyer zur sogenannten „Nutznießer-Debatte“: „Ärztinnen und Ärzte sind keine Nutznießer unseres Gesundheitssystems. Sie sind ein zentraler Teil davon.“ Es sei klar, dass darüber gesprochen werden müsse, wie wir unser Gesundheitswesen dauerhaft finanzierbar halten. Dabei sei nicht zu vergessen, dass Ärzte die tragende Säule dieses Systems seien.Auch andere Personen aus dem Gesundheitssystem melden sich in den sozialen Medien zu Wort, so wie die Krankenschwester „katha9020“: „Ich glaube, ich bin mittlerweile nur noch beleidigt.“ Als Nutznießer bezeichnet zu werden, sei eine Frechheit. Denn wer sei denn wichtig für die Gesellschaft, fragt sie und liefert die Antwort gleich mit: „Die Nutznießer sind wichtig. Ich habe Menschen die Hand gehalten, während sie gestorben sind. Ich habe Leute reanimiert. Ich bin gerannt, um Leute zu retten.“Der Arzt und Aktivist „aljosha“ äußert sich ebenfalls dazu. Während der Corona-Zeit wurde für die systemrelevante Arbeit von Ärzten noch auf Balkonen applaudiert, jetzt würde man sie Nutznießer nennen, also „Menschen, die von etwas profitieren, ohne selbst irgendwie was reinzugeben“, sagt er. „Ich sehe, wie das Personal im Krankenhaus massenhaft Überstunden leistet. Fast die Hälfte des ärztlichen Personals in Kliniken fühlt sich überlastet, in der Pflege ist es noch schlimmer.“Dies sind nur einige von vielen Videos, die binnen kürzester Zeit hochgeladen wurden. Merz’ Wortwahl, die aus Sicht der vielen Nutzer missglückt ist, steht im Vordergrund. Dass die Kritik der Kinderärztin eher oberflächlich war, Merz aber durchaus versuchte, die Argumente für seinen Sparkurs detailliert darzulegen – ob man diesen nun befürwortet oder nicht –, fällt dagegen in der Debatte in den sozialen Medien hinten runter.