Boris Herrmann hat keine Zeit. Vor allem hat er keine zu verlieren. In etwas mehr als zwei Jahren möchte der bekannteste deutsche Hochseesegler zum dritten Mal in seiner Karriere im Rahmen der Vendée Globe um die Welt segeln. Allein, nonstop und am besten in weniger als 80 Tagen.Zum dritten Mal wird der 45 Jahre alte Hamburger dabei mit einer anderen Yacht an den Start gehen. Und genau deshalb hat Herrmann den Mittag des 12. November 2028, wenn er abermals von der Atlantikküste von Les Sables D’Olonnes im Nordwesten Frankreichs mit 39 Konkurrenten seine Solo-Weltumsegelung beginnt, schon im Hinterkopf.Rennen mit 50:50-Regel für Männer und FrauenDenn die Yacht, mit der Herrmann dann bei der Vendée Globe wie schon 2020 abermals unter die Top fünf segeln will, erlebt nun ihren ersten großen Härtetest. An diesem Dienstag beginnt das etwa 3200 Seemeilen (rund 5920 Kilometer*) lange Ocean Race Atlantic. Es führt innerhalb von acht bis neun Tagen von New York einmal quer über den Atlantik bis ins westfranzösische Lorient und ist das erste größere internationale Segelrennen, das bei der Besetzung der vierköpfigen Crew eine 50:50-Regel für Männer und Frauen eingeführt hat.Dazu bietet es ersten Wetterprognosen zufolge komplizierte Windbedingungen, welche die sechs teilnehmenden Teams möglicherweise den 24-Stunden-Meilen-Rekord für Imoca-Boote unterbieten lassen. Die vor allem aber auch brandneue Yachten wie die Malizia 4 oder die DMG Mori Global One von Skipper Kojiro Shiraishi aus Japan direkt einer harten Bewährungsprobe unterziehen.„Es ist kompromissloser und schwieriger zu segeln“Etwa 6500 Trainingsseemeilen hat die Malizia 4 seit ihrem Launch vor etwa zwei Monaten hinter sich gebracht. Zuvor waren zwei Jahre lang mehr als 150 Mitarbeiter an dem mehrere Millionen Euro teuren Projekt beteiligt. „Wir haben ein wirklich leistungsstarkes Boot gebaut, bei dem wir aber noch viel lernen müssen, um das Optimum herauszuholen“, sagt Herrmann gegenüber der F.A.Z. „Es ist kompromissloser und schwieriger zu segeln als das vorherige Boot. Aber wenn wir es richtig beherrschen, wird es deutlich schneller sein.“Mit Blick auf seine Teammitglieder Cole Brauer aus den USA, die Schweizerin Justine Mettraux und den Franzosen Julien Villion erklärt er: „Mit dieser Crew fühle ich mich sehr sicher. Während der Testfahrten haben wir viel Zeit miteinander auf dem Wasser verbracht. Ich glaube, dass wir gemeinsam ein sehr starkes Team bilden werden.“Deutlich kleiner: Blick ins Cockpit der neuen „Malizia 4“Flore Hartout/Team MaliziaEtwa 85.000 Arbeitsstunden hat es gedauert, bis die Malizia 4 – von der es zwei baugleiche Schwesterschiffe gibt, weil sich das Team Malizia bei der Entwicklung mit den Teams TR Racing und Banque Populaire zusammengeschlossen hatte – für die ersten Trainingsfahrten bereit war. Die neue Yacht ist nun deutlich schmaler und mit einem flacheren Rumpf ausgestattet als ihre Vorgängerin.Mit jener Yacht hatten Herrmann und seine Crew jeweils einen dritten und einen vierten Platz beim Ocean Race 2023 und beim Ocean Race Europe 2025 und bei diesen Rennen lediglich einzelne Etappensiege erreicht. Zudem wurde Herrmann bei seiner zweiten Vendée Globe 2024 nur Zwölfter. Ein eher enttäuschendes Ergebnis, nachdem vier Jahre zuvor bis kurz vor Schluss sogar noch der Sieg möglich war und es am Ende – auch wegen einer nächtlichen Kollision mit einem Fischerboot – „nur“ zu Platz fünf reichte.Boris Herrmann im Juli vor dem Rumpf seiner neuen Malizia-Yacht© Ricardo Pinto | Team MaliziaDazu wurde die Rumpfunterseite der Malizia 4 mit einer Art Klinge ausgestattet, und die tragflächenähnlichen Foils, auf denen die Yacht mit Geschwindigkeiten von fast 40 Knoten (etwa 74 Kilometer pro Stunde) über die Wellen fliegen soll, wurden neu konzipiert. Auch das Cockpit wurde deutlich verkleinert, um zwei seitliche Steuerstände zu schaffen, die eine häufigere manuelle Steuerung ermöglichen sollen.Einen radikalen Gegenentwurf zur Malizia 4 stellt die in New York ebenfalls an den Start gehende Yacht von Kojiro Shiraishi dar. Die DMG Mori Global One ist mit einem laut Experten revolutionären Design ausgestattet.Unter anderem soll aufgrund einer „Bustle“ genannten Ausbuchtung unter dem Rumpf die Geschwindigkeit schon bei geringem Wind schnell erhöht und gleichzeitig die Fluglinie der Yacht relativ nah an der Wasseroberfläche gehalten werden. „Die DMG Mori soll vor dem Wind besonders schnell sein. Unser Boot funktioniert hingegen sehr gut am Wind. Das könnte einen wirklich interessanten Vergleich geben“, sagt Herrmann.Neben dem Duell mit dem viel beachteten Boot aus Japan segeln Herrmann und seine Malizia-Crew über den Atlantik unter anderem auch gegen das Team von Ocean-Race-Europe-Gewinner Paul Meilhat – und pikanterweise damit direkt gegen ihre alte Yacht. Im vergangenen Jahr hatten Herrmann und sein Team die Malizia Seaexplorer an Francesca Clapcich verkauft.Die US-Italienerin gehört beim Ocean Race im kommenden Jahr auch zur Malizia-Crew, startet nun aber gemeinsam mit dem 11th Hour Racing Team ihre eigene Kampagne und hat sich für das nun anstehende Atlantikrennen neben dem alten Herrmann-Boot noch dessen jahrelangen Kompagnon Will Harris ins Team geholt.Der 32 Jahre alte Brite gehört bereits seit Langem zur Malizia-Crew, segelt dort aber zumeist im Schatten von Herrmann. Nun kann Harris sein ihm von vielen Experten attestiertes Ausnahmekönnen auch außerhalb des Malizia-Kosmos unter Beweis stellen, sich selbst ins Schaufenster für eine mögliche zukünftige Vendée-Globe-Kampagne stellen – und es zudem natürlich kaum erwarten, Herrmann und die Malizia 4 womöglich hinter sich zu lassen.„Wenn Francesca und Will mich schlagen, wäre das natürlich eine Katastrophe für mich“, sagt dieser und lacht. Wobei nicht ganz klar ist, ob Herrmann sich wirklich einen Spaß erlaubt hat. Denn dafür hat der Weltumsegler eigentlich keine Zeit.