Säurebäder, Waffenlager und ein Mafia-Pate: Ein Aargauer Gartenbauer soll der Schweizer Statthalter eines ’Ndrangheta-Clans seinDer Prozess am Bundesstrafgericht zeigt laut Ermittlern, wie stark die italienischen Mafia-Netzwerke in der Schweiz mittlerweile sind. Der angeklagte Italiener erzählt eine ganz andere Geschichte.01.09.2026, 10.08 Uhr9 LeseminutenDer angeklagte Gartenbau-Unternehmer betritt das Gebäude des Bundesstrafgerichts in Bellinzona.Elia Bianchi / Ti-Press / KeystoneEines muss man dem mutmasslichen Mafia-Mann lassen: Er hatte den richtigen Verdacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er äusserte ihn am 16. Februar 2020, am Steuer seines Dodge Ram mit Aargauer Nummernschild. Auf der Autofahrt vom Kanton Aargau – wo er wohnte – in den Kanton Zürich – wo er laut der Anklage der Schweizer Bundesanwaltschaft viele seiner kriminellen Geschäfte abwickelte.Mario Polli (Name geändert), damals 53 Jahre alt, schimpfte über einen engen Compagnon, einen mutmasslichen Mit-Mafioso, mit dem er gemeinsam die Schweiz-Geschäfte des mächtigen kalabrischen ’Ndrangheta-Clans verwaltete. Der andere könne einfach sein Maul nicht halten. «Ha la bocca grande», er habe eine grosse Klappe, sagte Polli. Allen möglichen Leuten erzähle er von der «mangiata» – dem geheimen Mafia-Treffen bei Wein und Brot beim Clan-Paten Rocco Anello, an dem sie beide teilgenommen hätten.Was Polli da noch nicht wusste: Beim Gespräch hörten auch Ermittler aus der Schweiz und Italien mit. Sie waren einem ’Ndrangheta-Netzwerk auf der Spur, das in Waffenhandel, Drogengeschäfte und Schutzgelderpressung involviert war. Seit Jahren versuchten sie, in den inneren Kreis vorzudringen. Nun standen sie kurz vor dem Durchbruch.Und es ist der Kumpel mit der «bocca grande», dem grossen Maul, der dabei eine zentrale Rolle spielt.Geheime Nachrichten und Waffenarsenale in PizzerienSechs Jahre später, im Saal des Bundesstrafgerichts in Bellinzona. Polli, ein massiger Mann mit blauem T-Shirt, Hornbrille und tätowierten Sternen auf dem Unterarm, sitzt mit verschränkten Armen da, die Gleichgültigkeit in Person. Gleich zwei Verteidiger hat er bei sich, die beide seine Unschuld beteuern. Hier, am grössten Mafia-Prozess, den es in der Schweiz seit langem gab.Vorgeworfen werden dem mittlerweile 59-jährigen Italiener unter anderem die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Hehlerei sowie Beteiligung an Rauschgift- und Waffenhandel. Fast zwanzig Jahre soll er für die kalabrische Mafia tätig gewesen und in dieser Zeit zum Schweizer Statthalter des mächtigen Anello-Fruci-Clans aufgestiegen sein.Der auf acht Tage angesetzte Prozess gibt Einblick in eine verschwiegene Welt, in der geheime Nachrichten mündlich an Hochzeiten übermittelt und Waffenarsenale in Pizzerien gehortet werden.Und er räumt mit einem Mythos auf: dem, dass die italienische Mafia die Schweiz nur als Rückzugs-, nicht aber als Operationsraum nutzt.Im Dodge Ram des Beschuldigten, wenige Tage nach seiner Tirade über den Mann mit der grossen Klappe: Wieder wähnt sich Polli unbeobachtet. Doch dieses Mal schimpft er nicht, sondern prahlt: Kiloweise habe er Drogen geschmuggelt, Millionen habe ihm das Clan-Oberhaupt Rocco Anello versprochen. Überhaupt sei der für ihn «mehr als ein Bruder».Es ist eine von vielen Tonaufnahmen, auf die sich die Anklage stützt. Darin gebärdet sich Polli wie ein Klischee-Mafioso. Er werde ihm Gesicht und Hände aufschlitzen, wenn er nicht bezahle, sagt er über ein Opfer. «Wie ein Schwein» will er jemand anderen abschlachten, ihn mit einer Axt spalten und ihn lebendig verbrennen. Einem dritten Mann will er zuerst alle Rippen brechen, bevor er ihn in Beton giesst.Einem vierten droht er gleich mit einer ganzen Reihe grausamer Todesarten: Kopfschuss, Zerstückelung oder Auflösen in Säure bei lebendigem Leib. Dass er das auch wirklich zu tun gedenke, so Polli in den von der Anklage zitierten Aufnahmen, schwöre er bei seiner Mutter.All das sagte er nicht in Süditalien, sondern auf Autofahrten zwischen Orten wie Knonau und Mettmenstetten, Muri und Niedergösgen. Das Quartier Seebach nennt er in einer Aufnahme «crimine di Zurigo» – einen Ort, an dem verschiedene Mafia-Familien tätig seien. «Drogenhandel . . . Waffen . . . alle sind dort in Seebach, diese Mistkerle!»Im Juli 2020 durchsuchten Ermittler während der Anti-Mafia-Aktion «Imponimento» das Restaurant Bella Vista in Muri.Alexandra Wey / KeystoneBei Geheimtreffen direkt neben Anello gesessenDass der Mann nicht nur wie ein ’Ndrangheta-Mitglied tönt, sondern auch eines ist, soll eine ganze Reihe weiterer Straftaten zeigen, deren Polli beschuldigt wird. Die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft reichen vom Handel mit mehreren Kilogramm Kokain über den Verkauf teilweise gestohlener Waffen bis zum Versuch, eine Viertelmillion Euro an Falschgeld in die Schweiz zu bringen.Dazu kommen auffällige Bargeldbezüge: Insgesamt 1,3 Millionen soll er zwischen 2001 und 2020 in der Schweiz abgehoben und nach Italien transferiert haben. Im Juni 2016, bei einem Besuch in Kalabrien, fanden die italienischen Behörden bei einer Durchsuchung am Flughafen 12 000 Euro in bar bei ihm und 8000 bei seinem mitreisenden Compagnon.Davon stammten mehrere Scheine aus einem Wechselgeschäft, das ein verdeckter Ermittler mit besagtem Compagnon – dem mit dem «grossen Maul» – getätigt hatte.Das Geld des kriminellen Netzwerks soll der Italiener auch in diverse legale Tätigkeiten investiert haben – etwa Bauvorhaben oder Nachtklubs in Bülach, Winterthur und Schaffhausen.Polli sei dabei mehr als ein blosser Handlanger gewesen, so die Anklage. Bei der geheimen «mangiata» im Sommer 2019 im Örtchen Gianbarella habe er direkt neben dem Oberhaupt Rocco Anello sitzen dürfen – ein Umstand, mit dem er später prahlte.Dem Chef habe Polli auch Schweizer Mobiltelefone zur unauffälligen Kommunikation zukommen lassen. Sogar das Beschaffen einer Aufenthaltsbewilligung über eine Scheinanstellung und Investitionen im Gastrobereich soll er ihm angeboten haben.Anello war gemäss Anklage oft in der Schweiz zu Besuch. Mindestens einmal wohnte er dabei beim Beschuldigten. Ein anderes Mal liess er sich von ihm herumchauffieren. In Dietlikon besuchten die beiden einen Drogenhändler, in Zug einen zweiten.Salami, Käse und «ganz spezielle Pfannen»Für die Ware hatten die Italiener eine Reihe kreativer Codewörter: Von saftigen Kirschen und guter Schokolade sprachen sie, die sie für einen Freund kaufen wollten. Als ein Kurier mit dem Auto in den Süden geschickt wurde, um eine Tasche – mutmasslich mit Bargeld – abzuholen, hiess es: einmal Salami und Käse abholen.«Warum schickt man jemanden sieben Stunden mit dem Auto quer durch zwei Länder, um etwas Salami und Käse abzuholen?», fragt die vorsitzende Richterin in Bellinzona Mario Polli. «Ich weiss es nicht», sagt der. «Ich weiss nichts.»Kreativ ist auch die Begründung für die Reise eines Anello-Bruders in die Schweiz: Er habe von Mario Polli Pfannen kaufen wollen. «Das müssen aber sehr spezielle Pfannen gewesen sein», so die Richterin.Treffpunkt der Mafiosi in der Schweiz war eine Pizzeria im aargauischen Muri, die der Compagnon von Mario Polli betrieb. Dort, wo eine Razzia später 22 Schusswaffen samt Munition zutage förderte, hatte Rocco Anello offenbar einen reservierten Parkplatz. Zeitweise arbeitete auch seine Schwester hier. Der Name des Lokals: «Bella Vista». Schöne Aussichten.Die Verbindungen waren eng, ein eigentliches zweites Machtzentrum des Clans soll das Örtchen im Aargau gewesen sein. Einmal, als in Italien ein Streit zwischen Mafia-Figuren mit Übernamen wie «Diavolo», «Lupo» und «Cristo» ausbrach, soll Polli höchstpersönlich Teufel, Wolf und Christus wieder versöhnt haben.Im Gegenzug habe Rocco Anello seinen Schweizer Statthalter grosszügig beschenkt. Bei der Party zu seinem 50. Geburtstag habe er die Hälfte der Kosten getragen. Ebenso bei einer Magenband-Operation, der sich Polli vor ein paar Jahren unterzog.Die habe gut funktioniert, sagt der Angeklagte vor Gericht. Er habe 80 Kilo abgenommen und wiege nun nur noch 125.Mafiöse Netzwerke auf dem VormarschDass sich mafiöse Netzwerke in der Schweiz immer stärker ausbreiten, davor warnt der Bund seit Jahren. Die Fedpol-Direktorin Eva Wildi-Cortés wählte unlängst deutliche Worte: «Wenn wir keine Schiessereien und Strassenkämpfe wie in den Niederlanden, Belgien oder Schweden wollen, muss die Schweiz jetzt handeln.»Der Fall des Aargauer Unternehmers ist nicht der einzige, der diese These stützt. Im März wurden in einer international koordinierten Aktion drei Männer und eine Frau verhaftet, die ihren Wohnsitz in Roveredo im Misox hatten. Sie sollen in den Kokainschmuggel von Südamerika nach Europa involviert sein.Im Januar 2025 machten Ermittler einen gesuchten Mafioso in der Schweiz ausfindig. Der 29-jährige Bruno V. war den italienischen Behörden entkommen und fast ein Jahr lang untergetaucht. Unterschlupf fand er in einer Wohnung in Wetzikon.Laut Schätzungen von Strafverfolgern und Mafia-Beobachtern gibt es in der Schweiz rund 20 Mafia-Zellen, zu denen insgesamt etwa 400 Personen zählen. Sowohl die neapolitanische Camorra als auch die sizilianische Cosa Nostra sind vertreten. Am stärksten ist aber die Präsenz der ’Ndrangheta aus Kalabrien.Der Anello-Fruci-Clan gehört zu den einflussreicheren der 170 Clans, aus denen das Verbrechersyndikat besteht. Dies nicht zuletzt wegen seiner Beziehungen zur Schweiz. Der Clan-Chef Rocco Anello hatte bereits Ende der 1980er Jahre ein Kontaktnetz ins Land geknüpft, wo er laut einem Mafia-Aussteiger, der mit den Justizbehörden kooperiert, mit Drogen- und Waffenhandel «ein Vermögen verdiente».Vor dem Bundesstrafgericht beteuert der Italiener seine Unschuld.Elia Bianchi / Ti-Press / KeystoneMafioso mit notorischem RufDer «Capo» Rocco Anello ist ein Mafioso mit notorischem Ruf: Er stieg in den vergangenen Jahrzehnten im Gebiet zwischen Catanzaro, Lamezia Terme und Vibo Valentia zum mächtigen Boss auf. Bestach Beamte und Politiker. Hatte Maulwürfe bei der Finanzpolizei.Mit ihrer Hilfe machte er sich in etlichen Wirtschaftssektoren breit – von Klassikern wie Bau und Abfallentsorgung bis hin zu Tourismus und Waldbewirtschaftung.Beim Aushub von Grossprojekten hatte Rocco Anello in der Region ein faktisches Monopol. Auch für den Bau von Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden liess er sich gut bezahlen. Ebenso wie für die fachgerechte Entsorgung toxischer Abfälle, die er dann illegal in Naturreservaten verscharren liess.Immer wieder sass Anello im Gefängnis. Zweimal, als seine Frau während eines solchen Aufenthalts eine Affäre begann, soll der Gehörnte die jungen Liebhaber bestraft haben – mit dem Tod. Justizkollaborateure haben ausgesagt, dass in beiden Fällen Anellos jüngerer Bruder das Todesurteil vollstreckt habe. Verurteilt wurde für die Morde allerdings nie jemand.2020 gelang den Ermittlern schliesslich ein schwerer Schlag gegen den Clan. Bei der Operation «Imponimento» wurden 158 Personen verhaftet und 169 Millionen Euro beschlagnahmt. 124 Grundstücke, 116 Häuser und 45 Firmen waren betroffen. Rocco Anello wurde 2022 zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. Bei seinem Bruder sind es 30, bei seiner Frau 12 Jahre.Geheimnis um Geheimnis verratenNoch kurz vor dem Fall hatte Mario Polli laut einer Tonaufnahme über die «pentiti di merda», die verdammten Mafia-Aussteiger, geschimpft, die einem anderen Clan Probleme bereiteten. Zum Glück, meinte er, gebe es das nicht, wo er herkomme.Was er da nicht wusste: Er selbst war es, der in dem Moment Geheimnis um Geheimnis verriet. Und zwar nicht nur auf Tonaufnahmen, sondern auch gegenüber einem verdeckten Ermittler.Zwei von ihnen setzten die Behörden gegen die Aargauer Mafia-Zelle ein – mit Erfolg. Mario Polli selbst soll einem Polizisten eine gestohlene Waffe übergeben haben, die dieser kaufen wollte. Gegenüber demselben Mann prahlte er mit seiner Nähe zu Rocco Anello.Noch um einiges unvorsichtiger war Pollis Compagnon mit dem grossen Maul, seines Zeichens Pizzaiolo in der notorischen Pizzeria Bella Vista. Seine Aussagen gegenüber dem Ermittler belasten beide Männer stark und sind ein zentrales Element der Anklage. Die Verteidigung macht derweil geltend, die verdeckten Einsatzkräfte hätten das kriminelle Verhalten, das nun verfolgt werde, selbst provoziert.Der Compagnon seinerseits wurde in Italien bereits zu einer hohen Freiheitsstrafe verurteilt, ebenso wie der Cousin des Angeklagten.«Das sage ich besser nicht»Im Gerichtssaal in Bellinzona weiss Mario Pelli derweil nichts, gar nichts. Und eigentlich will er auch nichts sagen zu den Vorwürfen gegen ihn.Er sei bloss ein selbständig arbeitender Gartenbauer. Auch Baugruben hebe er aus, sagt Polli. 5000 Franken im Monat, mehr verdiene er nicht. In Italien geboren, habe er die Schule nach fünf Jahren abgebrochen. In den 1980er Jahren, mit 16, sei er dann in die Schweiz gekommen, zu seinem Vater, der bereits hier gelebt habe. Zu verbergen habe er nichts.Als die Richterin allerdings Fragen zu seinen mutmasslichen kriminellen Machenschaften zu stellen beginnt, nimmt Polli einen Zettel zur Hand. Nuschelnd, mit schwerem süditalienischem Akzent liest er die Sätze ab: «Ich hatte nie etwas mit der organisierten Kriminalität zu tun.» – «Seit meiner Kindheit verdiene ich mein Geld mit Arbeit.» – «Vielleicht ist es meine lebendige Art zu kommunizieren, die den Eindruck erweckt hat, ich hätte etwas mit der ’Ndrangheta zu tun.»Es ist das Konkreteste, was Polli an Erklärendem sagen wird: Er mache viele Witze, reisse Sprüche, gerade wenn er wütend sei. Wer ihn seit Kindheit kenne, verstehe das. Alle anderen hörten dann Dinge, die so nicht gemeint seien.Mit anderen Worten: All das Gerede über aufgeschlitzte Schweine, Schutzgeldzahlungen und Säurebäder – es soll bloss dahingesagt sein, die Prahlerei eines Erfolglosen, der ein bisschen teilhaben will am schaurigen Ruf der kriminellen Clans in seiner kalabresischen Heimat.Einer seiner Verteidiger sagte es so: «Nur weil er Leute kannte, die in Italien verurteilt wurden, ist er nicht automatisch Teil des organisierten Verbrechens. Die Sippenhaft wurde mit gutem Grund abgeschafft.»Zu den einzelnen Vorwürfen wolle er sich nicht mehr äussern, sagte der Angeklagte vor Gericht. Mit seinem Statement sei alles gesagt.«Wer hat dieses Statement eigentlich geschrieben?», fragte da die Richterin, «Sie selbst?» – «Nein, ein Freund.» – «Ein Freund? Welcher Freund?» – «Das», sagte der mutmassliche Mafioso aus dem Aargau, «sage ich wohl besser nicht.»Passend zum Artikel