Interview«Vielen Italienern in der Schweiz fehlen die nötigen Antikörper gegen die organisierte Kriminalität»Anfang Woche begann der Prozess gegen einen Statthalter der kalabrischen Mafia in der Schweiz. Die Mafia-Expertin Anna Sergi erklärt, wie einflussreich sein Clan ist und wie stark die Ndrangheta die Schweiz infiltriert hat.05.09.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenVor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona wurde diese Woche der Fall eines Mafia-Statthalters im Kanton Aargau verhandelt. Das Urteil wird im November erwartet.Elia Bianchi / KeystoneFrage: Vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona steht ein mutmasslicher Vertreter der kalabrischen Mafia in der Schweiz: Carmelo M.* Er soll zwanzig Jahre lang für den Anello-Clan gearbeitet haben und eng vertraut mit dessen Boss gewesen sein. Wie wichtig ist die Schweiz für diesen Clan?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Die Schweiz ist fundamental für die Familie Anello. Ohne die Schweiz wäre sie nicht so stark geworden, wie sie heute ist. Und das gilt für viele Clans der Ndrangheta. Sie haben in den letzten Jahrzehnten eine doppelte Identität entwickelt: Die Führung ist unten in Kalabrien, das Geschäft oben im Norden. Der Capo, Rocco Anello, führte sein Imperium aus dem kleinen Dorf Filadelfia heraus. Seine Macht basierte aber auf Leuten wie Carmelo M., der auch aus Filadelfia stammt, aber seit vielen Jahren in der Schweiz lebt.Frage: Warum sind Statthalter wie Carmelo M., der im Kanton Aargau lebt, für die Ndrangheta wichtig?Antwort: Sie kennen die Schweiz gut. Sie wissen, wie man dort Geld investiert und wäscht. Sie können Leute organisieren, die Drogen oder Waffen von einer Seite der Grenze auf die andere bringen. Und sie wissen, wie man an wichtige Leute im Land herankommt – an Unternehmer, Anwälte, Mitglieder der Handelskammer.Frage: Und diese Vertreter der guten Gesellschaft werden dann freiwillig oder unfreiwillig auch zu Handlangern der Mafia. Wer sind sie?Antwort: Oft sind es Kalabresen, die in der Schweiz leben, oder Italiener aus anderen Regionen. Aber nicht immer. Manchmal wissen sie, dass sie es mit der Mafia zu tun haben, manchmal auch nicht. Die Schweiz ist klein, und die italienische Gemeinde im Land ist überschaubar. Man kommt einfach in Kontakt und gewinnt Zugang zu Leuten.Frage: Wieso kam der Anello-Clan Ende der 1980er Jahre ausgerechnet in die Schweiz?Antwort: Als benachbartes Land hat die Schweiz für die Ndrangheta viele Vorteile: Man kommt schnell über die Grenze, in einem Teil des Landes wird Italienisch gesprochen, und es ist ein reiches Land. Das alles erleichtert die Arbeit der Mafia. Mit der Lockerung des Schweizer Bankgeheimnisses ist es zwar schwieriger geworden, Geld zu waschen. Aber die Schweiz wird von der Ndrangheta noch immer als Land gesehen, das einfacher zu infiltrieren ist als andere europäische Staaten. Der Anello-Clan hat allerdings auch in Deutschland ein Standbein aufgebaut.Frage: Für welche Geschäfte nutzt die Ndrangheta die Schweiz?Antwort: Vor allem für die Geldwäsche. Sie investiert in Firmen und Geschäfte und bringt so illegal erworbenes Geld in den legalen Umlauf. Da geht es längst nicht mehr nur um Pizzerien, sondern auch um grössere Unternehmen. Carmelo M. hat zum Beispiel versucht, in Photovoltaikanlagen und in Fussballklubs zu investieren. Da kann man viel mehr Geld waschen als mit einem Restaurant. Und wenn man in einen Fussballklub investiert, bekommt man auch gleich Zugang zur lokalen Elite.Der Angeklagte zusammen mit seinem Anwalt vor Prozessbeginn. Er soll von 2001 bis 2020 einen Ndrangheta-Clan in der Schweiz vertreten haben.Elia Bianchi / KeystoneFrage: Mafiosi fangen meist klein an und breiten sich dann aus, wenn sie merken, dass sie in einem Kanton ungestört agieren können.Antwort: Sie machen es im Prinzip nicht anders als andere Migranten. Sie kommen irgendwo an und versuchen aufzusteigen. Erst übernehmen sie einen Kiosk, dann einen grösseren Laden. Der Unterschied bei der Mafia ist die gut integrierte italienische Bevölkerung in der Schweiz. Diese ist oft das erste Ziel der Mafiosi. Vielen Italienern in der Schweiz fehlen die nötigen Antikörper gegen die organisierte Kriminalität. Wir müssen die Leute besser aufklären, damit sie verstehen, auf wen und was sie sich da einlassen – und natürlich nicht nur die Italiener, sondern auch die Schweizer.Frage: Spielt die Schweiz auch im Drogen- und im Waffenhandel eine Rolle?Antwort: Ja, sie ist dabei vor allem Transitland. Waffen werden in Richtung Süden geschmuggelt, nach Kalabrien oder weiter nach Afrika. Drogen Richtung Norden, nach Deutschland oder Belgien. Nicht alle Drogen werden aber weitertransportiert. Die Schweiz ist auch ein grosser Markt für Kokain.Frage: Die Ndrangheta gehört zu den wichtigsten kriminellen Organisationen im Kokainhandel zwischen Südamerika und Europa. Welche Rolle spielt sie konkret?Antwort: Die Clans fungieren als Financiers, sie stellen das Geld am Anfang der Verkaufskette zur Verfügung und kassieren ganz am Ende. Sie sind also eine Art Grosshändler. Um das, was dazwischen passiert, kümmern sie sich meist nicht, das machen andere kriminelle Gruppen für sie. Die einzelnen Clans arbeiten dabei meist autonom. Sie bauen ihre eigenen Netze mit Produzenten, Brokern, Transporteuren und Geldwäschern auf. Der Schmuggel läuft teilweise über italienische Häfen wie Gioia Tauro, Genua oder Livorno, er kann aber auch von Südamerika direkt über Spanien oder andere europäische Länder abgewickelt werden. Das entscheidet der jeweilige Broker in Absprache mit den Verteilern. Damit hat die Ndrangheta oft nichts zu tun.Frage: Carmelo M. wurde im Rahmen einer grossangelegten Anti-Ndrangheta-Ermittlung verhaftet. Dutzende von Clan-Angehörigen wurden in Kalabrien bereits verurteilt, der Boss zu zwanzig Jahren Haft. Ist der Clan damit am Ende?Antwort: Nein. Ein Clan muss immer mit der Verhaftung oder der Ermordung des Bosses rechnen. Er hat für solche Fälle einen Nachfolgeplan. Rocco Anello wird aus dem Gefängnis heraus weiter die wichtigsten Entscheidungen treffen, wie alle Bosse. Die besonderen Haftbedingungen für Mafiosi in Italien erschweren die Kommunikation zwar etwas, aber sie bleibt trotz allem möglich. Und um das tägliche Geschäft kümmert sich ein vom Boss beauftragter Vertreter, eine Art Geschäftsführer.Frage: Alle wichtigen Familienmitglieder sitzen nun aber im Gefängnis. Auch Rocco Anellos Frau, sein Sohn, sein Bruder, sein Neffe und viele andere Familienmitglieder wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt.Antwort: Die Urteile sind noch nicht von oberster Instanz bestätigt. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Erst danach wissen wir, wer wirklich wie lange sitzen wird. Zudem hat der Clan viele Getreue, die nicht der Familie angehören und als ihre Vertreter in Kalabrien, in der Schweiz und in Deutschland die Geschäfte im Namen des Clans weiterführen.Frage: Das heisst, der Clan lebt auch ohne Familie weiter?Antwort: Ja, denn Macht hängt in Kalabrien stark mit gewissen Namen zusammen. Wenn jemand übrig bleibt, der innerhalb des Clans gross geworden ist und das Geschäft weiterführt, dann übernimmt er den Ruf und den Einfluss der Anellos. Die Ndrangheta-Clans sind zu einer Art Marke geworden. Wer konkret hinter dieser Marke steht, das kann sich verändern. Es ist wie bei einem Restaurant, das seit zwanzig Jahren gut läuft. Auch wenn sich das Management ändert, bleibt der Name, der sich bewährt hat. Und einige Kunden merken nicht einmal, dass die Führung gewechselt hat. So überlebt auch ein Clan unabhängig vom Boss.Frage: Wie wird ein Boss so einflussreich wie Rocco Anello?Antwort: Er muss sich den Ruf erarbeiten, mächtig und ruchlos zu sein. Er muss aber auch gut vernetzt sein und seinen Leuten helfen können. Wenn einer aus dem Umfeld des Clans ein Problem hat, kann er auf Rocco Anello zählen. Der Capomafia hilft ihm bei finanziellen Engpässen, kann ihm einen Anwalt besorgen oder Kontakte zu Politikern herstellen. Die kalabrischen Clans sind nur so einflussreich, weil sie gute Beziehungen haben – in Kalabrien, aber auch in Norditalien, in der Schweiz, in Deutschland oder Belgien.Frage: Haben die Ermittlungen gegen die Anellos das Machtgleichgewicht zwischen den Clans verschoben?Antwort: Soviel wir heute wissen, nein. Die Anellos mussten sich die Macht über das Gebiet rund um Filadelfia in einer blutigen Fehde gegen die Mancusos erkämpfen, einen anderen Clan in der Gegend. Um das Jahr 2000 herum haben sie die Vorherrschaft übernommen. Seither ist die Situation in der Region, dem sogenannten Vibonese, recht stabil. Vier Clans – die Anellos, Mancusos, Accorintis und Razionales – haben sich das Territorium aufgeteilt, und trotz mehreren Prozessen gegen diese vier Clans hat es kaum Machtverschiebungen gegeben.Frage: Sind auch die anderen Clans in der Schweiz präsent?Antwort: Ja, all die Clans im Vibonese hatten Erfolg, weil sie ihr Business in die Schweiz und nach Deutschland verlagert haben. Sie sind ausgewandert nach Lugano, Zürich, Singen oder Frankfurt und haben sich dort Geschäftsfelder erschlossen. Sie haben sich auf ihre eigenen Schmuggelrouten und Gebiete für Investitionen spezialisiert.Ein Restaurant in Muri diente dem kalabrischen Anello-Clan als Treffpunkt und Waffenlager. Der Wirt wurde 2024 in Italien zu siebzehn Jahren Haft verurteilt.Britta Gut / CH MediaFrage: Wenn ein Handlanger wie Carmelo M. in der Schweiz verhaftet wird, was passiert dann?Antwort: Im Drogen- und im Waffenhandel ändert sich dadurch nicht viel. Wenn ein Individuum in der Kette wegfällt, springt am nächsten Tag ein anderes ein.Frage: Wenn ein Prozess wie jener gegen Carmelo M. kaum etwas ändert, ist der Kampf gegen die Ndrangheta dann aussichtslos?Antwort: Nein, so dürfen wir nicht denken. Der Staat muss aufmerksam bleiben und immer wieder Zeichen setzen. Aber klar, solche Prozesse lösen das Problem nicht endgültig – weil der Staat nur an einzelne Mafiosi herankommt, nicht an das «System Ndrangheta».Frage: Wie muss man sich dieses System vorstellen? In Kalabrien gibt es rund 170 Clans. Wie arbeiten diese zusammen?Antwort: Die italienische Justiz behandelt die Ndrangheta aus juristischen Gründen als eine einheitliche Organisation. Dies hat aber wenig mit der Realität zu tun. Die Ndrangheta besteht aus vielen autonomen Organisationen, die einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben und sich zu einem Netz zusammenschliessen können, wenn es notwendig ist. Wenn ich irgendwo bin, weiss ich, wer dort die Kontrolle hat, und kann mich an diesen Clan wenden. Es ist aber noch nie vorgekommen, dass die Clans gemeinsam Entscheide fällten, die dann von allen umgesetzt wurden.Frage: Dann ist die Ndrangheta also anders organisiert als die Cosa Nostra in Sizilien, wo es eine gewisse Hierarchie und eine oberste Führungsriege gibt?Antwort: Ja, in Kalabrien funktioniert die Mafia anders. Es gibt keinen Boss oberhalb von Rocco Anello. Es gibt nur viele andere Bosse neben ihm. In gewissen Gegenden gibt es zwar Treffen oder Übereinkünfte von sogenannten «Locali». Darüber hinaus geht es aber nie. Die Clans sind eigenständige Organisationen, man würde deshalb eigentlich besser im Plural von ihnen reden – von den Ndranghete.Zur PersonPDAnna Sergi – Mafia-ExpertinDie Juristin Anna Sergi ist Professorin für Rechtssoziologie und Kriminologie an der Universität Bologna. Die 1985 in Kalabrien geborene Sergi ist auf das organisierte Verbrechen und Strafjustiz spezialisiert. Sie fungierte bei verschiedenen Ndrangheta-Prozessen auch als Expertin.* Der volle Name des Angeklagten darf in der Schweiz wegen des Persönlichkeitsschutzes nicht genannt werden.Passend zum Artikel
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