Antony Beevor ist einer jener britischen Historiker, die Geschichte kurzweilig und ohne moralisches Pathos erzählen. Er hat zahlreiche Bücher zum Zweiten Weltkrieg und zu Berlin geschrieben. Seine Stärke ist neben dem oft lakonischen Erzählton die akribische Arbeit mit Quellen. Bei Reclam erscheint am 2. September „Der letzte Akt – Rasputin und das Ende des Russischen Reiches“. Beevor entwirft das Panorama einer Zeit, in der Russland integraler Bestandteil Europas war. Was war das für eine Welt, haben wir den in London lebenden Beevor am Telefon gefragt.

Herr Beevor, warum haben Sie Rasputin als Thema für Ihr Buch gewählt?Mich haben immer die Ursprünge der Konflikte des 20. Jahrhunderts interessiert. Deutsche Historiker haben den Ersten Weltkrieg zu Recht als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Ich glaube aber zunehmend, dass eigentlich der Russische Bürgerkrieg und die Russische Revolution das Konfliktmuster für das gesamte 20. Jahrhundert schufen. Die Zerstörung, die Grausamkeit und die Rücksichtslosigkeit sowohl der Roten als auch der Weißen waren so entsetzlich, dass daraus ein Kreislauf der Angst entstand, der sich über ganz Europa und darüber hinaus ausbreitete: Rot gegen Weiß, Kommunismus gegen Faschismus und so weiter. Dieses Muster setzte sich nicht nur im 20., sondern in gewisser Weise auch im 21. Jahrhundert fort, mit Autokratien, die an frühere Diktaturen anknüpfen. Deshalb faszinierten mich Rasputins Geschichte und die Frage, inwieweit Kerenskis Bemerkung zutrifft: Ohne Rasputin hätte es keinen Lenin gegeben. Außerdem widerspricht Rasputin der sogenannten Theorie der großen Männer in der Geschichte. Er hatte keine Massenbewegung hinter sich und bekleidete kein offizielles Amt. Dennoch scheint er den Lauf der Geschichte stärker beeinflusst zu haben als fast jeder andere Mensch seiner Zeit.