InterviewPro Artikel«Ich glaube, dass Putin zunehmend von der Realität entkoppelt ist»Der Russland-Kenner Matthias Uhl hält die militärische Stärke des Putin-Regimes für überschätzt. Europa müsse sich dennoch auf die neue geopolitische Ära vorbereiten.02.09.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenRussische Militärparade am 9. Mai dieses Jahres in Moskau.Shamil Zhumatov / ReutersDer deutsche Historiker Matthias Uhl kennt Russland nicht nur aus Büchern und Geheimdienstberichten. Zwanzig Jahre lebte und forschte er in Moskau, arbeitete in russischen Militärarchiven und schrieb mit «GRU» ein Standardwerk über den russischen Militärnachrichtendienst. Vor drei Jahren wurde sein Institut aus Russland ausgewiesen, und er zog nach Helsinki. Dort erreicht ihn die NZZ per Video.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In seinem neuen Buch «Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit über Putins Militärmacht» widerspricht Uhl einer zentralen Annahme der gegenwärtigen europäischen Sicherheitspolitik: Russland, sagt er, sei militärisch gefährlich, aber längst nicht so stark, wie es im Westen und in der Nato häufig dargestellt werde.Frage: Herr Uhl, wie kommen Sie zu dem Schluss, dass der Westen Russlands militärische Stärke überschätzt?Antwort: Ich habe über viele Jahre einen Eindruck davon bekommen, wie das russische Militär tatsächlich funktioniert. Wir haben unter anderem in einem grossen Projekt Akten des Zentralarchivs des russischen Verteidigungsministeriums digitalisiert. Selbst bei diesem denkbar kleinen Ausschnitt der russischen Armee konnte man sehen, dass sich hinter der vermeintlich prächtigen Fassade der Streitkräfte zahlreiche Probleme verbergen. Deshalb wollte ich die militärische Stärke Russlands anhand von Informationen und Daten untersuchen, die in der öffentlichen Debatte häufig nicht berücksichtigt werden. Die russischen Streitkräfte sind gefährlich. Aber sie sind derzeit nicht zu Leistungen fähig, die die Nato unmittelbar militärisch bedrohen würden.Frage: Damit widersprechen Sie der Nato und zahlreichen westlichen Sicherheitsexperten. Russland rüstet doch seit Putins Machtantritt massiv auf. Womit belegen Sie Ihre These?Antwort: Das bestreite ich nicht. Russland rüstet seit der Jahrtausendwende stark auf, lange bevor es 2022 die Ukraine überfallen hat. Aber der Krieg zeigt eben auch, wie wenig effektiv diese Aufrüstung tatsächlich war. Man ging davon aus, dass die Ukraine innerhalb weniger Tage oder Wochen wie ein Kartenhaus zusammenbrechen werde. Das ist nicht geschehen. Russland erreicht bis heute seine strategischen Ziele nicht. Zugleich präsentiert Putin immer wieder neue Waffensysteme, um den Westen zu beeindrucken. Bei manchen handelt es sich eher um Propagandawaffen oder um Systeme von sehr begrenztem strategischem Wert.Frage: Welche Waffen sind das?Antwort: Ein Beispiel ist der nukleargetriebene Torpedo «Poseidon». Man kann ihn nicht von den vorhandenen Atom-U-Booten der russischen Marine aus abfeuern, weil er viel zu gross ist. Deshalb müssen für viel Geld extra zwei spezielle U-Boote gebaut werden, um diese Waffe zum Einsatz zu bringen.Frage: Ist der Ukraine-Krieg also der grosse Beleg dafür, dass der Westen die russische Armee überschätzt hat?Antwort: Man muss vorsichtig sein, aus dem Ukraine-Krieg unmittelbar auf einen Krieg zwischen Russland und der Nato zu schliessen. Nato-Generäle argumentieren beispielsweise, dass die Allianz ihre Luftüberlegenheit nutzen und russische Truppen aus der Luft bekämpfen würde. Ob das tatsächlich so funktioniert, wissen wir nicht. Aber die Ukraine revolutioniert gerade bestimmte Vorstellungen von Kriegführung. Drohnen haben eine enorme Bedeutung bekommen. Die Todeszone hinter der Front reicht inzwischen über Dutzende Kilometer. Das entspricht nur begrenzt dem, was wir bis jetzt aus manchen Nato-Übungen und -Planungen kennen.Zur PersonNZZUhl, geboren 1970, ist Russland-Kenner, Historiker und Buchautor. Er lebte und forschte rund zwanzig Jahre in Moskau und arbeitete intensiv in russischen Archiven. Mit seinem Buch «GRU» legte er ein Standardwerk über den russischen Militärnachrichtendienst vor. Seit Ende 2024 forscht Uhl in Helsinki. In seinem neuen Buch «Wie stark ist Russland wirklich?» setzt er sich kritisch mit der im Westen verbreiteten Einschätzung der russischen Militärmacht auseinander.Frage: Sie führen die enormen russischen Verluste als Zeichen militärischer Schwäche an. Sind sie nicht zugleich ein Zeichen bemerkenswerter Stärke? Russland kann Hunderttausende Ausfälle hinnehmen und trotzdem weiterkämpfen. Welche westliche Gesellschaft könnte das?Antwort: Wahrscheinlich keine. Das ist eine Stärke Russlands. Sein Mobilisierungssystem schafft es immer wieder, neue Kräfte bereitzustellen. Allerdings funktioniert dieses System ausgesprochen verschwenderisch. Wir sehen Fälle, in denen Soldaten wenige Tage nach der Unterzeichnung ihres Vertrages bereits gefallen sind. Sie werden kaum ausgebildet und praktisch direkt an die Front geschickt. Das zeigt, wie gross der Personalbedarf ist.Russische Soldaten bei der Ausbildung in der Oblast Leningrad. Auf dem Plakat im Vordergrund steht das russische Wort für «Sieg».Alexander Galperin / Sputnik via ImagoFrage: Auch die russische Rüstungsindustrie wirkt nicht so, als sei sie an ihrer Grenze angelangt. Wie passt das zu Ihrer These, Russland werde im Westen militärisch überschätzt?Antwort: Es stimmt. Teile der russischen Rüstungsindustrie sind weiterhin leistungsfähig. Russland kann Marschflugkörper und ballistische Raketen herstellen, die ukrainische Städte massiv bedrohen. Aber die Vorstellung, dass Tausende neue Panzer vom Band laufen und eine russische Militärmaschinerie Europa überrollen könnte, halte ich für falsch. Russland hat sehr viel Material verloren. Russische Angriffstruppen benutzen inzwischen häufig ungepanzerte Fahrzeuge wie alte Lada- oder Buchanka-Kleinbusse für ihre Vorstösse, was zu entsprechenden Verlusten führt.Frage: Aber Russland kann seine Soldaten offenbar leichter ersetzen als seine Panzer. Ist diese Rücksichtslosigkeit gegenüber dem eigenen Personal nicht ein militärischer Vorteil?Antwort: Bis zu einem gewissen Punkt. Aber hohe Verluste begrenzen auch den Wert der Kampferfahrung. Wenn wir von rund 700 000 russischen Soldaten an der Front ausgehen und zugleich davon, dass seit Kriegsbeginn eine sehr hohe Zahl von Soldaten ausgefallen ist, haben wir einen erheblichen personellen Durchlauf. Es gibt einen Kern kampferfahrener Soldaten, aber viele müssen diese Erfahrung immer wieder neu sammeln. Deshalb würde ich auch die Behauptung relativieren, Russland verfüge inzwischen über eine riesige, durchgehend kampferfahrene Armee.Frage: Russland müsste die Nato gar nicht militärisch besiegen. Es könnte darauf setzen, dass Deutschland, Frankreich oder die USA nicht bereit sind, wegen Estland einen Krieg zu führen. Unterschätzen Sie die politische Schwäche des Westens?Antwort: Diese Frage beschäftigt die Nato seit ihrer Gründung. Deshalb müsste sie heute wieder so deutlich wie während des Kalten Krieges zeigen: Wir sind bereit, unsere Verbündeten mit allen Mitteln zu verteidigen. Wir weichen keinen Schritt zurück. Das ist der Kern der Abschreckung. Wir haben während der langen Friedensperiode verdrängt, dass die nukleare Abschreckung niemals aufgehört hat. Russische Raketen waren weiterhin auf westliche Ziele gerichtet und amerikanische auf russische. Moskau muss wissen, dass ein grosser Krieg nicht kontrollierbar wäre und in einem nuklearen Inferno enden könnte. Russland spielt sehr gezielt mit dieser nuklearen Drohung. Der Westen hat dagegen in diesem Bereich doch erhebliche Berührungsängste.Frage: Wenn man sieht, wie das russische Regime seine Soldaten behandelt, könnte man allerdings fragen, ob es sich von der Aussicht auf einen Atomkrieg überhaupt abschrecken lässt.Antwort: Sobald es um das eigene Leben geht, ist die russische Führung sehr empfindlich. Man sieht, wie vorsichtig Putin selbst mit möglichen Gefahren umgeht. Und bei einem Atomkrieg würde eben nicht irgendeine unbedeutende Stadt im Fernen Osten getroffen. Moskau und Sankt Petersburg wären unmittelbar bedroht. Das weiss auch die russische Führung. Das Regime ist trotz seiner martialischen Rhetorik nicht selbstmörderisch.Frage: Trotzdem hat Russland Fähigkeiten, gegen die Europa schlecht geschützt ist. Was geschieht, wenn Moskau statt mit Panzern mit Tausenden Drohnen angreift?Antwort: Das halte ich tatsächlich für eine beträchtliche Gefahr. Stellen Sie sich vor, Russland schickt 2000 oder 3000 Shahed-Drohnen auf Nato-Gebiet. Ein erheblicher Teil könnte durchkommen, weil die europäische Luftverteidigung für einen solchen Massenangriff nicht ausgelegt ist. An technischen Lösungen wird gearbeitet, aber vieles ist noch nicht einsatzbereit.Frage: Rüstet die Nato also für die falschen Szenarien?Antwort: So weit würde ich nicht gehen. In vielen Bereichen rüstet sie richtig, und ich kenne die internen Nato-Planungen nicht ausreichend. Aber wir müssen sehr genau prüfen, welche Erfahrungen aus der Ukraine wir übernehmen. Bei der Drohnenabwehr geht es in die richtige Richtung. Wenn manche Systeme, wie der Flugabwehrpanzer Skyranger, allerdings erst Anfang der dreissiger Jahre in grösserer Zahl verfügbar sein werden, stellt sich die Frage, ob wir so viel Zeit haben.Der russische Präsident Wladimir Putin am 12. August dieses Jahres während eines Manövers an Bord des Raketenkreuzers «Warjag» im Pazifik.Gavriil Grigorov / Sputnik via ReutersFrage: Für wie wahrscheinlich halten Sie einen konventionellen russischen Angriff auf die Nato?Antwort: Solange der Ukraine-Krieg andauert, für relativ unwahrscheinlich. Ein grosser Teil der verfügbaren russischen Landstreitkräfte ist dort gebunden. Russland fehlt derzeit die konventionelle Gruppierung, mit der es zusätzlich einen Krieg gegen die Nato beginnen könnte. Ich erwarte deshalb eher weitere hybride Angriffe. Bei aller Kriegsrhetorik sehe ich nicht, dass Moskau einen offenen konventionellen Krieg mit der Nato vom Zaun brechen will. Putin wägt Risiken sehr genau ab.Frage: Die Nato warnt jedoch davor, dass Russland seine Verluste nach einem Ende des Krieges in der Ukraine innerhalb weniger Jahre ausgleichen könnte. Halten Sie das für übertrieben?Antwort: Ja. Russland ist mit einem riesigen sowjetischen Materialbestand in diesen Krieg gegangen: mit Tausenden Panzern und Zehntausenden gepanzerten Fahrzeugen in den Depots. Ein beträchtlicher Teil dieses Bestandes ist inzwischen zerstört oder aufgebraucht. Diesen Grundstock kann Russland nicht einfach wiederherstellen. Zum Vergleich: Bei Kriegsbeginn standen ausschliesslich moderne Versionen der Panzer T-72, T-80 und T-90 im Truppendienst. Heute stammt jeder vierte Panzer in den aktiven Verbänden mit dem T-55 oder dem T-62 aus der Zeit vor 1965.Frage: Dafür laufen doch seit einigen Jahren immer neue Panzer vom Band, was die russische Propaganda auch immer gern berichtet.Antwort: Die Behauptung, Russland produziere jedes Jahr tausend neue Panzer, halte ich nicht für plausibel. Bei wirklich neu produzierten modernen Panzern liegen die Zahlen sehr viel niedriger; vieles, was als Produktion erscheint, ist aufgearbeitetes älteres Material. Zugleich fährt die westliche Rüstungsindustrie ihre Produktion hoch, und wirtschaftlich ist der Westen Russland weit überlegen.Frage: Könnte die westliche Aufrüstung nicht wiederum Russland dazu bringen, seinerseits weiter massiv zu rüsten?Antwort: Nach einem Kriegsende in der Ukraine müsste Russland erst einmal die enormen Kriegsfolgen bewältigen. Ich halte es deshalb nicht für selbstverständlich, dass anschliessend weiterhin uneingeschränkt immer mehr Geld in die Aufrüstung fliesst.Frage: Sie gehen in Ihrem Buch mit westlichen Sicherheitsexperten wie Carlo Masala und Claudia Major hart ins Gericht. Warum wird die russische Militärmacht Ihrer Ansicht nach falsch eingeschätzt?Antwort: Teils fehlt der tiefere Einblick, teils werden bestimmte Quellen zu wenig berücksichtigt. Hinzu kommt ein historisches Bild, das wir seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit uns herumtragen: die russische oder sowjetische Militärmaschine, die irgendwann über Europa hinwegrollt. Dieses Bild ist eingängig und eignet sich hervorragend, um eine Gefahr zu verdeutlichen.Frage: Aber?Antwort: Russland ist nicht mehr die Sowjetunion. Ihm fehlt ein umfangreicher Teil des wirtschaftlichen, demografischen und militärischen Potenzials, über das die Sowjetunion verfügte. Wir müssen deshalb auch fragen, wie lange Russland diesen Krieg wirtschaftlich durchhalten kann.Frage: Und?Antwort: Die russische Gesellschaft ist erheblich leidensfähiger als westliche Gesellschaften. Zugleich darf man aber nicht glauben, sie nehme alles widerspruchslos hin. Protest wird brutal unterdrückt, deshalb sehen wir keine umfassende Protestbewegung. Aber Kriegsmüdigkeit existiert. Angriffe auf Raffinerien und andere Infrastruktur sowie die daraus entstehenden Versorgungsprobleme bringen den Krieg zunehmend in den russischen Alltag. Gerade deshalb ist die Frage einer neuen Mobilisierung politisch heikel. Die Führung weiss, dass sie damit die Stimmung weiter verschlechtern könnte. Russland kann enorme Belastungen aushalten, aber daraus folgt nicht, dass die Bevölkerung bereit wäre, unbegrenzt jeden Preis für diesen Krieg zu zahlen.Frage: Gleichzeitig scheint Putin weiterhin daran zu glauben, die Ukraine militärisch besiegen zu können. Wie gut weiss er überhaupt, was an der Front geschieht?Antwort: Ich glaube, dass Putin zunehmend von der Realität entkoppelt ist. Wir sehen immer wieder Erfolgsmeldungen seiner Generäle über angebliche Eroberungen, die sich mit einem Blick auf die tatsächliche Frontlage nicht bestätigen lassen. Putin mag keine schlechten Nachrichten. Entsprechend stark ist der Anreiz seiner Umgebung, ihm positive Meldungen vorzulegen. Bei seinen Audienzen sieht man häufig diese gehefteten Erfolgsbroschüren mit Diagrammen und schönen Bildern. Eine echte Fehlerdiskussion findet kaum statt. Probleme werden kleingeredet. Dadurch entsteht ein System, in dem auch die Führung selbst Schwierigkeiten hat, die tatsächliche Lage realistisch einzuschätzen.Frage: Welche Folgen hat das?Antwort: Dieser Krieg wird nicht mit den Ergebnissen enden, die Putin ursprünglich vorgeschwebt haben. Sein strategisches Ziel war letztlich, die Ukraine politisch zu kontrollieren und in Kiew eine Moskau genehme Regierung zu installieren. Davon ist Russland weit entfernt. Und selbst wenn die russischen Streitkräfte am Ende den gesamten Donbass besetzen sollten, wäre das gegenüber den ursprünglichen Zielen ein sehr bescheidener Erfolg – erkauft mit enormen Verlusten und der Eroberung teilweise völlig zerstörter Gebiete. Russland hat bereits eine strategische Niederlage erlitten, die das Land über viele Jahre belasten wird.Frage: Heisst das, Europa kann sich wieder etwas entspannen?Antwort: Nein. Europa sollte robust auftreten und Russland zeigen, dass es zur Verteidigung bereit ist. Aber wir müssen mit Augenmass aufrüsten und sehr genau überlegen, was wir tatsächlich benötigen. Brauchen wir einfach immer mehr Panzer und Artilleriegeschütze? Oder müssen wir stärker aus den Erfahrungen dieses Krieges lernen?Frage: Was bedeutet das für Deutschland?Antwort: Deutschland befindet sich in einer neuen Rolle. Die Bundeswehr steht geografisch nicht mehr in der ersten Reihe wie im Kalten Krieg. Deutschland muss für Polen und die baltischen Staaten zugleich Rückzugs-, Logistik- und Durchhalteraum sein, in dem zusätzliche Kräfte gesammelt und nach Osten verlegt werden können. Dieser Krieg zeigt, dass moderne Kriege wieder mehrere Jahre dauern können und Ressourcen sehr schnell verbraucht werden. Darauf müssen wir uns einstellen.12 KommentareFrank Marks 03.09.20264 EmpfehlungenGuten Morgen allseits 😊
«Putin ist zunehmend von der Realität entkoppelt», sagt der Historiker Matthias Uhl
Der Russland-Kenner Matthias Uhl hält die militärische Stärke des Putin-Regimes für überschätzt. Europa müsse sich dennoch auf die neue geopolitische Ära vorbereiten.







