Michel Struthoff, vom Niederrhein stammender Goldjunge, feixte in die TV-Kamera: „Weltmeister samma, den Pott hamma.“ Eine Reminiszenz mit bayrischem Zungenschlag an einen legendär gewordenen Interviewausruf, den der Ur-Bayer Thomas Müller nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 losließ. Struthoff, am Sonntag im WM-Endspiel gegen Spanien Torschütze zum 1:0-Sieg, war damals elf Jahre alt. Und Begriffe wie „Turniermannschaft“ und „deutsche Tugenden“ waren noch opportun rund um die A-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes.Bei der famosen A-Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes kamen Sentenzen wie diese in den vergangenen zwei Turnierwochen wieder schwer in Mode. Von Bundestrainer André Henning in der Teamsitzung vor dem WM-Finale am Sonntag noch zugespitzt: Von einer „deutschen Eiche“ sprach der Zweiundvierzigjährige da, die für den Gegner aus Spanien „unüberwindbar“ sei.Nun ist offensichtlich, dass es das Trainerteam während der Titelkämpfe in Belgien nicht bei altbacken anmutenden Anleihen aus dem Fußball hat bewenden lassen. Zumal beim Hockey in einer Kabine voller Akademiker – alle deutschen Spieler treiben während der Karriere ein Studium voran oder stehen sogar schon im Berufsleben – durchaus tiefgründige Inhalte vermittelbar sind.Nun ist dieses Team nicht mit Glanz und Gloria Weltmeister geworden. Sondern hochdekorierte Spieler (Weltmeister 2023, Olympia-Silber 2024, Europameister 2025) waren bereit, eigenen Geltungsdrang auf großer Bühne zurückzuhalten und kernige, kollektive Abwehrarbeit zu priorisieren.„Die Spieler haben andere zum Wachsen gebracht“Henning sprach fast gerührt von dem Teamgeist, den diese zusammenhaltende Gruppe entwickelt hat. „Es ist atemberaubend, wie Menschen hier zusammengefunden haben. Hier war so viel Herz und Liebe in dieser Truppe, das macht mich als Coach wahnsinnig glücklich und zufrieden“, so der Bundestrainer. „Wir spielen hier wirklich für den anderen. Die Spieler haben andere zum Wachsen gebracht. Solche Spiele gewinnst du nur mit Spielern, die es dem anderen gönnen.“Ein bisschen Liebe wagen. Dieses Motiv hat Pasha Gademan eingebracht in die deutsche WM-Reise. Der Ko-Trainer geht am Montagnachmittag im Auto ans Telefon. „So komisch“ fühle es sich an, nach knapp drei Wochen „wie auf einer Insel in einer anderen Welt“ plötzlich wieder zurück in Richtung normales Leben zu fahren. Bei den ausschweifenden Feierlichkeiten in der Nacht zuvor soll sich mancher frische Weltmeister wie auf einer Insel der Glückseligen vorgekommen sein.Energie aus LiebeserklärungenEs sei ein recht spontaner Einfall gewesen, die Spieler vor versammelter Mannschaft aufzufordern, zu sagen, wessen Liebe für das Spiel und wessen Opferbereitschaft für die gemeinsame Sache man am meisten schätze, erzählt Gademan. Ausgedrückt in der Form von regelrechten Heiratsanträgen an einen Mitspieler.Aus den teils lustigen, teils sehr offenherzigen Beiträgen sei viel Energie entstanden. Emotionales, wie sich beispielsweise Christopher Rühr (weit über 200 Länderspiele) über Kapitän und Vereinskollege Tom Grambusch geäußert habe. Verbindendes, was Torjäger Justus Weigand zu Erik Kleinlein sagte, mit dem er einst in Nürnberg zusammen im Kindergarten war – und nun gemeinsam Weltmeister wurde. Momente, die eine Gemeinschaft extra beflügeln können.Grenzen zwischen Generationen abgebautWie man miteinander umgeht, sei ein wiederkehrendes, bedeutendes Thema gewesen. Bei den letzten Pro-League-Spielen vor dem Turnier in Amsterdam habe man gespürt, dass „eine besondere Kultur, eine besondere gegenseitige Unterstützung“ im Team entstanden sei, so der Niederländer Gademan, der in der Bundesliga das Topteam Rot-Weiß Köln coacht. Es sei „krass“ gewesen, zu erleben, wie die scheinbar natürlichen Grenzen zwischen Alt und Jung, Etablierten und Neulingen abgebaut worden seien.Hin zu einem Kollektiv, das keine Kraft darauf verwandte, einzelne Stars zum Leuchten zu bringen, sondern in einer wenig Angriffsflächen bietenden Balance blieb. Schwer zu sagen, wer herausragte aus diesem Team, das dem DHB den vierten WM-Titel einbrachte. Weigand vielleicht mit seinem enormen Gespür für Ball und Raum im gegnerischen Schusskreis und vier Turniertreffern.Auch der Kapitän lässt Platz für andereStruthoff vielleicht, der stürmische Youngster mit seiner technischen Raffinesse und seinem goldenen Moment im Finale. Oder Grambusch, sicher einer der besten Innenverteidiger der Welt mit ausgeprägter Führungsqualität. Ein Spieler, den jeder Trainer in entscheidenden Phasen auf dem Kunstrasen haben will. Acht Minuten vor Schluss kam Grambusch auf die Bank, um Luft zu holen für die finalen Minuten der Abwehrschlacht gegen die spanischen Angriffe.In einem der größten Spiele seiner Karriere blieb Kapitän Grambusch dann bis zum ersehnten Schlusspfiff draußen, weil das Duo Antheus Barry und Benedikt Schwarzhaupt in seinen Augen gerade so top funktionierte. „Ein besonderes Zeichen“, so Gademan, „für den Geist in dieser Truppe.“ Eine Truppe, die im Schnitt nur etwas älter als 25 Jahre ist.Und mit zwei weiteren Jahren gemeinsamer Arbeit ihre höchste Leistungsfähigkeit vielleicht erst bei den kommenden, im Hockey alles überstrahlenden Olympischen Spiele 2028 erreicht. Die nächsten Gipfel rufen. Wer weiß, vielleicht versuchen es die Allesgewinner dann wieder mit einer Mischung aus deutschen Tugenden und: etwas Liebe.
Deutsche Hockey-Herren: WM-Titel dank Teamgeist
Die deutschen Hockey-Herren werden nicht mit Glanz und Gloria Weltmeister, sondern mit der Kraft des Kollektivs. Und weil auch die Etablierten andere strahlen ließen.











