Nach der Katastrophe in Nepal kursieren unzählige Videos. Ob sie echt sind, ist für das Publikum zunehmend zweitrangigFür den Betrachter wird die Unterscheidung echter und künstlich erzeugter Bilder immer schwieriger. Damit verändert sich die Rolle des Bildes.31.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEines der unzähligen KI-Videos, die zurzeit in sozialen Netzwerken kursieren.Screenshot Instagram; Bearbeitung NZZInnert Stunden hatte die halbe Welt von der Sturzflut in Nepal erfahren und die Aufnahmen davon gesehen. Fast gleichzeitig verbreiteten sich KI-Videos ebendieses Ereignisses. Bis vor kurzem hätte man Bildmaterial unmittelbar nach einer Katastrophe für echt halten müssen, schlicht, weil niemand in so kurzer Zeit derart realistische Bilder hätte erstellen können. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Echtes und Erfundenes erreichen uns gleichzeitig, im selben Feed. Und das immer häufiger.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Feuerwehrmann rettet ein Kind – doch er existiert nichtBehörden rechnen nach Unglücken fest mit gefakten Inhalten. Nach dem Erdbeben von Kumamoto, Japan, im vergangenen Juli warnten sie die Bevölkerung vor Falschmeldungen, weil diese Rettungseinsätze behindern könnten. Sie riefen dazu auf, sich nur auf Meldungen offizieller Stellen und etablierter Medien zu verlassen. Die nepalesische Polizei bat letzte Woche darum, «sich ausschliesslich auf offizielle Quellen für verifizierte Informationen zu verlassen».Mit jeder technischen Entwicklung der KI-Modelle nimmt auch die Menge solcher Falschmeldungen zu. Der Hurrikan «Melissa» traf im Herbst 2025 auf Jamaica, wenige Wochen nachdem Open AI seine Videosoftware Sora 2 veröffentlicht hatte. Sofort kursierten künstlich erzeugte Aufnahmen von Haien in einem Hotelpool und vom zerstörten Flughafen in Kingston. Jamaicas Bildungsministerin Dana Morris Dixon wandte sich noch während des Sturms an die Bevölkerung. Sie sei in zahlreichen Whatsapp-Gruppen und sehe dort lauter solche Videos. Man solle sich bitte über die offiziellen Kanäle informieren.Doch wieso existieren diese Inhalte überhaupt?Die naheliegende Antwort lautet: Täuschung. Nach dem Erdbeben in der Türkei und in Syrien 2023 kursierte ein künstlich erzeugtes Bild eines Feuerwehrmanns, der ein Kind aus den Trümmern trägt. Damit wurde zu Spenden aufgerufen, die aber auf privaten Konten landeten, wie die BBC berichtete.Manchmal stehen aber auch andere Absichten dahinter. Nach dem Erdbeben von Jajarkot in Nepal 2023 verbreiteten Prominente, Politiker und sogar Hilfsorganisationen künstlich erzeugte Trümmerbilder. Diese Leute wollten niemanden hereinlegen, sondern Aufmerksamkeit für das tatsächliche Leid der Betroffenen generieren.Ein Hochhaus kollabiert, Passanten schauen zu. Diese Szene hat nie stattgefunden.Screenshot Instagram; Bearbeitung NZZHinter KI-Bildern verstecken sich unterschiedliche Absichten. Sie alle zielen aber auf eine bestimmte Reaktion des Publikums ab. Diese Bilder wollen nicht in erster Linie für echt gehalten werden; sie wollen berühren. Sie zeigen Leid und Zerstörung und ergreifen, bevor irgendjemand über ihre Herkunft nachdenken kann. Und manchmal bleiben die wichtigen Folgefragen zu Urheber, Aufnahmeort und -zeitpunkt aus.Ob es einen Unterschied macht, wenn diese Fragen gestellt werden, lässt sich messen. Fabienne Bünzli und Martin J. Eppler von der Universität St. Gallen haben rund 2580 Personen künstlich erzeugte Katastrophenbilder vorgelegt. Einige der Teilnehmenden hielten sie für echte Aufnahmen, andere vermuteten, es handle sich um KI-Erzeugnisse. Einer dritten Gruppe sagten die Forscher ausdrücklich, die Bilder seien künstlich erzeugt worden. Der Versuch sollte aufzeigen, ob es einen Unterschied macht, was die Betrachter über die Herkunft des Materials annehmen.Das Gefühl bleibt, das Handeln gehtDie Gefühlsreaktion war in allen drei Gruppen gleich stark. Wer wusste, dass er ein künstliches Bild vor sich hatte, empfand nicht weniger Schrecken und Mitleid als jemand, der es für eine Fotografie hielt. Was dagegen einbrach, war alles Übrige: das Vertrauen in den Absender und die Bereitschaft, zu handeln. Die Forscher führen das auf einen Abwehrreflex zurück. Wer eine künstliche Herkunft vermutet, fühlt sich gelenkt und sträubt sich dagegen. Am stärksten war dieser Effekt dort zu beobachten, wo die Herkunft nicht offengelegt worden war.Zweifel reduzieren nicht Gefühle, sondern Handlungsbereitschaft. Die europäische AI-Act schreibt seit Anfang August vor, täuschend echte KI-Inhalte offenzulegen. Die St. Galler Daten legen nahe, dass ein solcher Hinweis die Täuschung unterbindet, nicht aber die Wirkung.Auch dieses Video ist KI-generiert. Die Szene erinnert stark an real existierende Aufnahmen des Unglücks.Screenshot Instagram; Bearbeitung NZZWer durch seinen Feed scrollt, reagiert auf ein Bild, bevor er eine Kennzeichnung wahrnimmt. Das Gefühl kommt vor der Prüfung, nicht umgekehrt. Ein Hinweis kann zwar verhindern, dass jemand das Gezeigte für bare Münze nimmt. Ob er das tut, hängt aber davon ab, wie aufmerksam der Betrachter und wie wichtig ihm die Echtheit des Bildes überhaupt ist. Weitergegeben werden solche Inhalte am Ende nicht von Bots, sondern von Menschen.Wie weit das führen kann, zeigte sich 2024, als die Republikanerin Amy Kremer nach dem Hurrikan «Helene» das Bild eines weinenden Mädchens mit einem Welpen im Hochwasser verbreitete. Kremer sitzt im Nationalkomitee ihrer Partei und griff damit die Katastrophenhilfe der Biden-Regierung an. Kurz darauf versah X den Beitrag mit dem Hinweis, das Bild sei KI-generiert. Die Politikerin löschte den Beitrag nicht. «Leute, ich weiss nicht, woher dieses Foto stammt, und ehrlich gesagt spielt das keine Rolle», schrieb sie. Es gebe Menschen, denen es weit schlechter gehe, als das Bild suggeriere. Für sie verkörperte es den Schmerz vieler Betroffener sinnbildlich. Das Bild musste nichts belegen, sondern nur für etwas einstehen, das ohnehin wahr war.Diese Entwicklung hat eine Kehrseite. Wo alles erzeugt sein könnte, gerät auch das Echte unter Verdacht. Nach der Flutkatastrophe von Valencia 2024 fotografierte der spanische Fotojournalist Biel Aliño in Sedaví Dutzende ineinander verkeilte Autos. Zahlreiche Nutzer hielten das Bild für das Erzeugnis einer künstlichen Intelligenz. Fabienne Bünzli und Martin J. Eppler regen deshalb in ihrem Paper an, man solle auch über die Kennzeichnung echter Fotografien nachdenken. Verschiedene Initiativen in der Fotobranche sind damit bereits beschäftigt. Zum verbreiteten Standard geworden ist bis anhin keine.Ein Anwohner fotografiert am 30. Oktober 2024 im spanischen Sedaví Fahrzeuge, die das Hochwasser aufeinandergeschoben hat. Die Aufnahmen des Fotografen Biel Aliño hielten viele Nutzer im Netz für künstlich erzeugt.Biel Aliño / EPAVisuelle Inhalte bekommen zunehmend neue Aufgaben und büssen ihre zentrale Funktion als Beweismedium ein. Diese Dynamik zeigt sich auch bei den Bildern aus Nepal. Dort ist die Lage allerdings noch unübersichtlicher.Der Faktenprüfdienst Lead Stories untersuchte ein Video, das die Sturzflut von letzter Woche auf einen Bombenangriff zurückführte. Der erste Teil war künstlich erzeugt und kursierte laut den Rechercheuren bereits seit Mai 2026 im Netz. Der zweite zeigte verifiziertes Überwachungsmaterial vom Grenzübergang Gyirong.Diese Vermischung von Echtem und Erfundenem ist eine Zäsur, die dem Betrachter nur zwei Möglichkeiten offenlässt. Er kann alles bezweifeln, auch das, was tatsächlich geschehen ist. Oder er tut es jener Nutzerin gleich, die unter einem Zusammenschnitt echter Aufnahmen aus Nepal schrieb: «Praying for Nepal , AI or not AI.»Passend zum Artikel
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