Unterwegs mit einem «Gästebetreuer» am Fusse des Säntis.Der Tag des Rangers beginnt spät. Der Parkplatz Wasserauen bei der Talstation der Ebenalpbahn ist um 9 Uhr 30 voll, in einer langen Blechkolonne fahren die Autos auf die Wiese dahinter. Bereits jetzt ist es heiss, die echten Berggänger sind längst unterwegs. Ihretwegen ist Werner Kuratle aber auch gar nicht hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Ob jemand öfters wandert oder nicht, sieht man schon von weitem», sagt er. «Alpstein Ranger. Information & Sensibilisierung» steht auf dem blau-weissen Badge an seiner schwarzen Wanderhose. Übersetzen lässt sich dieser Jobbeschrieb als Wanderhilfe für Amateure.Werner Kuratle steht neben der grossen Wanderkarte, die das Säntisgebiet mit seinen Gipfeln und Wegen zeigt. «Do you need help?», fragt er eine junge Frau mit schwarzem Tanktop und weissen Sneakers. «No, thanks», sagt sie, kehrt ihm den Rücken zu und starrt auf ihr Smartphone.Ashton machte den «Aescher» weltberühmtDas Berggasthaus Aescher mitten im Fels, der Seealpsee oder die Saxerlücke sind längst keine Geheimtipps für Locals mehr, sie ziehen Gäste aus aller Welt an.Als 2014 der amerikanische Schauspieler Ashton Kutcher das Restaurant auf Facebook als einen seiner «20 geheimen Orte» beschrieb, gingen die Bilder des «Aescher» um die Welt. Spätestens seit 2015, als «National Geographic» das Restaurant auf der Titelseite als «Traumdestination» bezeichnete, wird diese Ecke des Alpsteins an schönen Sommertagen regelrecht überrannt.Blech, so weit das Auge reicht: Blick vom Wanderweg hinunter zum Parkplatz Wasserauen.Auf einer Mission für mehr «xunde Mänscheverstand»: Werner Kuratle, Ranger im Alpstein.Oft reisen die Touristen nur für das perfekte Bild an. Den steilen, unebenen Bergpfad begehen sie mit Flipflops an den Füssen und dem Smartphone vor dem Gesicht. Allein 2022 starben fünf Menschen beim «Aescher», im Juni 2025 ereignete sich ein weiterer tödlicher Unfall, bei dem eine Wanderin 70 Meter in die Tiefe stürzte.Doch die Sicherheit ist nicht das einzige Problem. Die Bergidylle ist dem grossen Ansturm nicht gewachsen. Viele Gäste missachten Regeln, die einmal selbstverständlich waren. Etwa den eigenen Abfall beim Wandern mitzunehmen, auf der Alpwiese kein Feuer zu machen oder keine Kuh zu streicheln.Der Kanton Appenzell Innerrhoden schreibt in einer Mitteilung vom Mai euphemistisch von «zunehmendem Nutzungsdruck» und «Nutzungskonflikten». Man will ja keine Gäste vergraulen.Wandern in der EinerkolonneNun hat der Bergwirteverein Alpstein reagiert. Seit diesem Sommer ist Werner Kuratle einer von vierzehn Rangern, die am Wochenende und an Feiertagen im Säntisgebiet im Einsatz sind. Sie sollen die Gäste auf die Regeln hinweisen, ihnen mit Rat zur Seite stehen und für einen respektvollen Umgang mit der Natur sensibilisieren. Der Kanton Appenzell Innerrhoden bezeichnet die Ranger auf seiner Website als «Gästebetreuer».«Wisst ihr, wo es langgeht?», fragt Kuratle zwei junge Erwachsene, die vor der grossen Wanderkarte beim Parkplatz etwas verloren wirken. «Zu diesem berühmten Restaurant im Felsen», antwortet einer im roten Fussballshirt. Der Ranger erklärt der Gruppe den Weg, weist sie auf steile Passagen hin und mahnt zur Vorsicht. Dann macht er sich selbst auf den Weg.Wohin? Zum Berggasthaus Aescher natürlich! Der Ranger Werner Kuratle zeigt den Weg.Werner Kuratle wohnt in der Region und ist oft am Säntis unterwegs. Als freiwilliger Ranger will er «dem Staat etwas zurückgeben», wie er sagt.Kuratle schultert den Rucksack, bindet die schulterlangen braunen Haare zusammen und setzt sich einen olivgrünen Sonnenhut mit dem Schriftzug «Alpstein Ranger» auf. Er kennt das Gebiet gut, wohnt in der Nähe. Auch privat wandert er jede Woche zum Seealpsee. Oft abends, wenn weniger Leute unterwegs sind.Nun, an diesem heissen Sonntag im August, überholt Kuratle auf dem Pfad im Wald viele Wanderer. An einer Passage muss er stehen bleiben und kurz warten, bis langsamere Berggänger die enge Stelle passiert haben, an einer anderen hebt er einen Beutel mit Hundekot auf und steckt ihn in eine mitgebrachte Plastiktüte.Eine Frau mit Kopftuch sitzt schwer atmend mitten auf dem steilen Wanderweg, neben sich zwei kleine Kinder. Werner Kuratle grüsst auf Englisch. Als sie «Grüezi» sagt, wechselt er ins Schweizerdeutsche. Er fragt, ob alles in Ordnung sei, bietet der Frau Wasser an. Sie lächelt verlegen, lehnt ab. Dann kreuzt er zwei junge Männer. Am Rucksack des einen baumelt ein grosser Schlafsack, an jenem des anderen sind zwei Campingstühle festgebunden.Viele Hunde, immer mehr RangerVier Kurven und viele Schweissperlen weiter, am Rand einer Kuhweide, springt dem Ranger ein weisser Terrier entgegen. Kuratle bittet die Halterin, den Hund an die Leine zu nehmen. Jaja, sagt sie irritiert, ihr Hund tue doch niemandem etwas, und läuft weiter. Kuratle geht ihr nach, insistiert freundlich, aber bestimmt. Er sei der Ranger, und im Alpgebiet gelte strikte Leinenpflicht. Erst da gehorcht die Frau.Die Szene wiederholt sich an diesem Tag mehrmals, meist sind es vor allem kleine Hunde, die nicht angeleint sind. Werner Kuratle erzählt von einer Situation vor ein paar Wochen, als ein freilaufender Hund eine Mutterkuh mit ihrem Kalb angebellt habe. Da sei es brenzlig geworden, die nervöse Kuh habe aber davon abgehalten werden können, ihr Kalb aggressiv zu verteidigen.Viele Leute, viel Güsel, wenig Platz für Kühe: Der Alpstein ist dem grossen Andrang kaum mehr gewachsen.Nicht immer wird Kuratle sofort in seiner Funktion erkannt und ernst genommen. Weisungskompetenz wie Polizisten haben die Ranger nicht. Sie dürfen keine Bussen verteilen, können einzig auf Regeln und Verbote hinweisen. «Wir appellieren an die Vernunft der Leute. Die meisten sind vernünftig und befolgen unsere Ratschläge», sagt Kuratle. Aggressive Begegnungen habe er noch nie gehabt, die Menschen kämen ja in ihrer Freizeit in die Berge, um zu entspannen. Und doch hat der Ranger schon viel gesehen.Zum Beispiel einen Mann, der sein Stand-up-Paddle-Board den steilen Bergweg hochträgt. Oder ein Pärchen, das im lichten Wäldchen am Seealpsee seinen Trieben freien Lauf lässt.«Wir brauchen hier oben in den Bergen einfach xunde Mänscheverstand!»Die «Gästebetreuer» sind keine Appenzeller Erfindung. Die Folgen von Social-Media-Hypes sind überall im Schweizer Alpenraum spürbar, weshalb immer mehr Tourismusorte Ranger einsetzen. Gemäss SRF sind in der Schweiz bereits rund 300 Rangerinnen und Ranger im Einsatz. Im Mai suchte die Gemeinde Obergoms per Stellenanzeige nach einer Person, die gegen Wildcamper auf den Pässen Furka, Grimsel und Nufenen vorgehen soll. Auch an anderen Hotspots wie dem Oeschinensee im Berner Oberland oder der Rheinschlucht in Graubünden sind seit ein paar Jahren bezahlte Naturwächter im Einsatz.Am Bildungszentrum Wald in Lyss im Berner Seeland kann man sich berufsbegleitend zum Ranger oder zur Rangerin ausbilden lassen. Da die Ausbildung auf grosses Interesse stösst, soll der Job bald auch durch den Bund anerkannt werden.Das Projekt im Alpstein ist vorerst auf drei Jahre befristet. Ende 2028 will der Bergwirteverein Bilanz ziehen. Anders als in anderen Regionen haben die Ranger im Alpstein aber keinen offiziellen Lehrgang absolviert. Appenzellerland Tourismus hat die Projektadministration übernommen und die vierzehn Freiwilligen an einem Informationsanlass geschult. Dabei ging es darum, wie die Patrouillen auf den verschiedenen Routen ablaufen sollen, welche Regeln im Wandergebiet gelten oder wie man mit schwierigen Begegnungen umgeht.Werner Kuratle in seinem liebsten «Jagdrevier», dem Seealpsee.Auf einer Anhöhe über dem Seealpsee holt Werner Kuratle den jungen Erwachsenen im roten Fussballshirt vom Parkplatz wieder ein. Einer seiner Freunde hält eine Musikbox in den Händen, lauter Hip-Hop übertönt das Bimmeln der Kuhglocken. Der Ranger muss zweimal höflich darum bitten, dass die Musik ausgemacht wird. Dann fragt ihn einer der Gruppe noch: «Sie, gits do eigentli kei Güselchübel?»Fäkalien und verbotene FeuerEin paar Meter weiter kramt Kuratle einen Feldstecher hervor und blickt hinunter zum See. Steht am Seeufer ein Zelt? Steigt Rauch von einer Feuerstelle auf?Diesmal entdeckt der Ranger nur eine Entenmutter mit ihren Küken auf dem Wasser. Und viele Badegäste.Baden ist im Seealpsee erlaubt. An diesem heissen Sommertag ist das Ufer übersät mit Badetüchern. Doch am kleinen Bergsee gibt es keine Infrastruktur wie in einer Badi, keine Abfalleimer, keine WCs. Unter den Bäumen am Waldrand, ein paar Schritte vom See entfernt, findet der Ranger regelmässig Fäkalien und Toilettenpapier. Die Behörden haben das Problem offenbar erkannt. In der Nähe der beiden Berggasthäuser am Seeufer gibt es seit kurzem zwei öffentliche Toiletten.Auf jeder Tour findet Kuratle herumliegenden Abfall. Was er sieht, nimmt er mit, doch viel öfter weist er Wanderer und Badegäste darauf hin. Er dreht mehrere Runden um den See, warnt Sneaker- und Badelatschenträger vor unebenen Wegen und verteilt Abfallsäcke.Stilsicher statt trittfest: das vermeintlich perfekte Schuhwerk für eine Bergwanderung.Am Wochenende ist ein Platz am Seealpsee heiss begehrt. Der Ranger zählt am Sonntagnachmittag im August mehr als 200 Personen.Überall an wichtigen Wegkreuzungen sind weisse Plastiksäcke deponiert, damit Wanderer ihren Güsel darin ins Tal tragen können. Farbige Blumen umrahmen die Aufschrift «Mitnee nüd liggeloo» auf den weissen Säcken. Die Wegweiser auf den Wanderwegen entlang des Seealpsees sind zugepflastert mit Verboten und Verhaltensregeln in der Natur. Auf Deutsch, aber genauso gross auch auf Englisch.Mehrmals spricht Werner Kuratle auf seinen Runden von den «drei wichtigsten Buchstaben»: XMV. «Wir brauchen hier oben in den Bergen einfach xunde Mänscheverstand!»Doch der scheint manchen zu fehlen. Bei den Feuerstellen kontrolliert Kuratle, ob die Kohlen kalt sind. Wegen der anhaltenden Trockenheit gilt im Kanton Appenzell Innerrhoden weiterhin ein Feuerverbot im Wald und in Waldesnähe. In einer Feuerstelle glimmt die Glut noch, das Schild, das auf das Feuerverbot hinweist, liegt auf dem steinigen Boden. Doch wer auch immer hier grilliert hat, hat seine Wanderung längst fortgesetzt. Der Ranger kommt zu spät.Werner Kuratle ist trotzdem zufrieden. Am heutigen Tag hat er keine wilden Feuerstellen gefunden. Vor ein paar Monaten hat er einen Mann beobachtet, wie er für sein Feuer im Pflanzenschutzgebiet ein Bäumchen fällte. Ein andermal traf er zwei Männer, die zwischen den Wurzelstöcken am Waldrand ein Feuer gemacht hatten und ihre Cervelats assen.Trotz Feuerverbot ist die Glut noch heiss. Doch der Frevler ist schon über alle Berge.Die Ranger im Alpstein sind freiwillig im Einsatz. Kosten, die für ihre Ausrüstung und die Anfahrt anfallen, teilen sich der Bergwirteverein Alpstein und der Kanton Appenzell Innerrhoden.Wer sechs bis acht Stunden patrouilliert, wird mit einem Mittagessen in einem der Berggasthäuser entschädigt. Das ist nicht viel Lohn für die Mühen der Ranger.Surrende Drohnen, dösende WildcamperImmer wieder für Diskussionen sorgen auch Wildcamper. Auf seiner Patrouille trifft Werner Kuratle mehrmals auf Wanderer mit Zelten, meist sind es Jugendliche oder junge Männer. Am späten Nachmittag begegnet er oberhalb des Seealpsees zwei jungen Deutschen, die sich in Jeans und Sneakers sonnen, ihre Schlafsäcke liegen neben ihnen auf der Alpwiese. Hundert Meter weiter surrt eine Drohne über den Seealpsee.Drohnenfliegen und wildes Campieren sind im gesamten Alpstein verboten. Die beiden Deutschen haben jedoch Glück: Sie haben kein Zelt bei sich, das Biwakieren im Freien ist grundsätzlich erlaubt. Werner Kuratle weist sie auf naturverträgliches Verhalten hin und schickt sie zu einem Alpbetrieb, der Biwakierer aufnimmt.Als sich der Ranger von den jungen Männern verabschiedet, ist die Drohne verschwunden. Vier Jugendliche machen neben einer Kuh ein Selfie.Mätteli, Schlafsack und Sneakers sind am Seealpsee öfter zu sehen als Regenjacke und Wanderschuhe.Auf dem Weg zurück zum Parkplatz, gegen 16 Uhr 30, kommen Werner Kuratle noch erstaunlich viele Leute entgegen, die zum Seealpsee wollen. Drei junge Frauen in Badelatschen mit Handtüchern über dem Arm. Eine Familie mit einem Kleinkind. «Es wird bald regnen», sagt Kuratle zu einer Mutter, die ein Mädchen auf dem Rücken trägt. Sie lächelt verständnislos, die Sonne brennt heiss vom wolkenlosen Himmel.Hundert Meter weiter haben zwei andere junge Männer grosse Rucksäcke geschultert, einer trägt ein Zelt. Der Ranger stoppt sie: «Zelten ist am Seealpsee nicht erlaubt.» Doch der Teenager ist vorbereitet: «Wir gehen zum Zeltplatz am Ende des Sees, bei der Alpkäserei. Dort darf man doch mit einer Bewilligung des Grundeigentümers übernachten.» Stolz zeigt er die 15 Franken Bargeld, die er in der Hosentasche hat. Er und sein Freund tragen hohe Wanderschuhe.Der Parkplatz Wasserauen ist noch immer gut gefüllt. Als Werner Kuratle in sein Auto steigt, beginnt es zu regnen. Zu Hause schreibt er seinen Rapport der Patrouille und reicht ihn beim Bergwirteverein ein. Ein bisschen Polizeiarbeit gehört eben doch dazu.Ein Bergpanorama, das die Menschen in Massen anlockt: Blick auf den Seealpsee, die Rossmad (links), den Säntis und die Altenalptürm (rechts).Passend zum Artikel