InterviewPhilipp Hildebrand zu den Finanzproblemen am Kunsthaus Zürich: «Ich habe mit dieser Subventionserhöhung gekämpft»Die Museumsdirektorin Ann Demeester und der Kunstgesellschaftspräsident Philipp Hildebrand sagen, warum sie mehr Geld vom Staat verlangen. Und wie sie einem möglichen Wegzug der Bührle-Sammlung entgegenblicken.31.08.2026, 05.00 Uhr11 LeseminutenPhilipp Hildebrand und Ann Demeester: «Vielleicht hätten wir vor unserem Antritt noch intensiver über die Bücher gehen müssen.»Das wichtigste Museum der Schweiz ist in Geldnot. Seit der Eröffnung des Chipperfield-Erweiterungsbaus im Jahr 2021 sind die Betriebs- und Unterhaltskosten des Kunsthauses Zürich stark angestiegen. Nun beantragt die Museumsleitung eine Erhöhung der Subventionen um 7,3 Millionen Franken pro Jahr. Damit stiege die finanzielle Unterstützung der Stadt Zürich auf jährlich 25,8 Millionen; am 27. September kommt die Vorlage an die Urne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Gespräch mit der NZZ nehmen die Museumsdirektorin Ann Demeester und der Kunstgesellschaftspräsident Philipp Hildebrand Stellung.Frage: Herr Hildebrand, welcher Job ist eigentlich schwieriger: Nationalbankchef oder Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft?Antwort: Philipp Hildebrand: Das kommt ganz darauf an, in welcher Periode man Nationalbankpräsident ist. (Lacht.) Ernsthaft: Die beiden Rollen sind kaum zu vergleichen. Aber ich glaube, ich kann auch im Namen von Ann Demeester sagen, dass die Aufgabe am Kunsthaus sehr viel komplexer ist, als wir das im Vorfeld antizipiert haben.Frage: Sie haben einmal gesagt, es entspreche nicht Ihrem ordnungspolitischen Ideal, sich auf den Staat zu verlassen. Nun fordern Sie zusätzliche Millionen an öffentlichen Geldern. Ende September stimmen die Zürcher darüber ab. Warum der Meinungsumschwung?Antwort: Hildebrand: Ich bin kein Fan von Subventionen. Das ist weiterhin so. Weltweit sehen wir seit der Finanzkrise und insbesondere seit der Corona-Pandemie den Reflex, jedes Problem mit öffentlichem Geld zuzuschütten. Das ist schädlich. Doch die Situation beim Kunsthaus ist eine besondere.Frage: Inwiefern?Antwort: Hildebrand: Die Kunstgesellschaft beruht seit je auf einer Partnerschaft zwischen privater Initiative und öffentlicher Hand. Sie beteiligen sich hälftig an den Kosten. Diese Konstellation ist fast einmalig. Grosse öffentlich zugängliche Kunstmuseen werden in aller Regel nicht rein privat finanziert. Daneben gibt es einzelne private Sammlungen und Stiftungen wie etwa die Fondation Carmignac auf der Insel Porquerolles in Südfrankreich, die Pinault Collection in Paris oder die Fondazione Prada in Mailand. Wenn die Zürcher Bevölkerung das Kunsthaus in seiner heutigen Grösse mit dem Erweiterungsbau so will, dann benötigt es zusätzliche staatliche Unterstützung, um die paritäre Finanzierungsstruktur zu erhalten.Frage: Warum unternehmen Sie nicht mehr, um die Einnahmen zu steigern?Antwort: Hildebrand: Wir haben unsere eigenen Einnahmen überall dort erhöht, wo wir direkten Einfluss haben: bei den Ticketverkäufen, den Führungen, den Mitgliederbeiträgen, den Sponsoringeinnahmen und den kommerziellen Veranstaltungen. Um das verbleibende Defizit zu decken, müssen wir nun auch die öffentlichen Mittel anpassen. Ordnungspolitisch bin ich vollkommen im Reinen mit mir.Frage: Hätte man die Kostenentwicklung nicht bereits vor dem Bau der Erweiterung besser antizipieren müssen?Antwort: Hildebrand: Diese Frage ist für mich nicht mehr relevant. Wir müssen nach vorne blicken.Frage: Sie sehen keine Fehler bei sich selbst?Antwort: Hildebrand: Vielleicht hätten wir vor unserem Antritt noch intensiver über die Bücher gehen müssen, um die Kostenstruktur im Detail zu hinterfragen. Die operativen Betriebskosten für die fast verdoppelte Ausstellungsfläche wurden im Vorfeld schlicht unterschätzt. Hinzu kommt, dass die Pandemie und weitere globale Entwicklungen die Preisstrukturen nachhaltig verändert haben – bei den Versicherungen, den Transportkosten und den Sicherheitsmassnahmen. Gleichzeitig haben sich unsere Besucherzahlen von rund 200 000 auf über 500 000 Eintritte erhöht. Das führt naturgemäss zu höheren Kosten für Personal und Unterhalt.Frage: Das Argument, die Vergangenheit interessiere nicht mehr, mag für die heutige Museumsleitung gelten. Bei einer Volksabstimmung spielt es aber eine Rolle, wenn die Stimmberechtigten das Gefühl haben, dass Zusagen aus der Vergangenheit nicht eingehalten wurden.Antwort: Hildebrand: Ann Demeester und ich waren beim Planungs- und Bewilligungsprozess des Chipperfield-Baus nicht dabei. Das ist keine Schuldzuweisung, sondern ein Faktum. Wir haben diese Struktur geerbt und müssen nun das Beste daraus machen. Deshalb stand die finanzielle Sanierung von Anfang an als eine unserer strategischen Säulen fest. Es war uns relativ schnell klar, dass es sowohl mehr privates als auch mehr öffentliches Geld braucht, um das Kunsthaus in dieser Form zu erhalten.Frage: Mehr staatliches Geld bedeutet oft auch mehr politische Einflussnahme. Das hat man bei der Debatte um die Sammlung Bührle gesehen, wo das Stadtparlament bezüglich der Ausrichtung der Provenienzforschung stark mitgeredet hat.Antwort: Ann Demeester: Unser Subventionsvertrag regelt klar, was das Kunsthaus tun muss und was nicht. Die künstlerische Freiheit und die Programmgestaltung sind vollumfänglich gewährleistet, und die Stadt sucht derzeit keine weitere Einmischung.Museumsleitung des KunsthausesDie gebürtige Belgierin ist seit 2022 Direktorin des grössten Kunstmuseums der Schweiz. Die Kulturwissenschafterin leitete zuvor das Frans-Hals-Museum im niederländischen Haarlem.Philipp HildebrandHildebrand ist seit 2022 Präsident der Kunstgesellschaft, des Trägervereins des Kunsthauses. Er ist Vizepräsident des Vermögensverwalters Blackrock. Zuvor war er Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank.Frage: Frau Demeester, Sie haben die Direktion des Kunsthauses vor vier Jahren mitten im Sturm übernommen. Wie sehen Sie die Situation heute?Ann Demeester: «Ich erwarte nicht, dass irgendwann Ruhe einkehrt.»Antwort: Demeester: Ein Museum ist eine dynamische Institution. Wir pflegen zwar ein jahrhundertealtes Erbe, müssen uns aber ständig an die Realitäten einer sich rasch verändernden Welt anpassen. Daher erwarte ich auch nicht, dass irgendwann Ruhe einkehrt. Als ich anfing, gab es enorme Dringlichkeiten – die heftige Bührle-Debatte, einen Brand im Haus und vieles mehr. Es war offensichtlich, dass die Organisation noch nicht bereit war für diese massive Erweiterung. Das Museum wurde «supersized». Jedes Wachstum tut weh. Wenn wir die finanzielle Basis jetzt sichern, können wir dieses Wachstum nachhaltig bewältigen.Antwort: Hildebrand: Historisch gesehen waren Museen ab dem späten 19. Jahrhundert unantastbare kulturelle Bastionen, ähnlich wie die Kirche. Diese Zeiten sind vorbei, heute steht fast alles zur Disposition. Hier sehe ich einen grossen Vorteil unserer direkten Demokratie. Es ist für uns zwar anstrengend, wir müssen intensiv kommunizieren. Aber es ist absolut richtig und wichtig, dass diese Debatte offen geführt wird und die Stimmberechtigten der Stadt Zürich über die höheren Subventionen abstimmen können.Frage: Sie sagen, wenn die Vorlage abgelehnt werde, müssten Räume geschlossen und Leute entlassen werden. Das klingt nach einer Drohkulisse.Antwort: Hildebrand: Das Wort «Drohkulisse» weise ich entschieden zurück. Es ist schlicht die finanzielle Realität. Wir müssen unser Budget und das Eigenkapital ins Gleichgewicht bringen. Wir können dieses vergrösserte Museum bei aller Steigerung der privaten Mittel nicht in der gewohnten Qualität betreiben, wenn die öffentliche Hand ihren Beitrag nicht anpasst.Frage: Frau Demeester, welche Räume würden Sie bei einem Nein konkret schliessen, welche Ausstellungen kippen? Antwort: Demeester: Wir haben einen detaillierten Plan B ausgearbeitet. Dieser sieht vor, dass wir das Ausstellungs- und Vermittlungsangebot reduzieren, Ausstellungsflächen verkleinern, die Bibliothek schliessen und Personal entlassen müssten. Dies ist keine Drohung, sondern eine pragmatische wirtschaftliche Konsequenz. Es ist unmöglich, über 11 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche ohne das entsprechende Personal und Budget zu bespielen.Antwort: Hildebrand: Wir haben intern bewusst entschieden, kein «negative campaigning» zu betreiben, sondern die positiven Aspekte des Kunsthauses zu betonen: für die Bevölkerung, den Tourismus, die Kultur. Aber wenn wir gefragt werden, sagen wir offen, dass ein Nein einschneidende operative Konsequenzen zur Folge haben wird, auf die wir uns vorbereiten müssen.Frage: Im Kunsthaus hängt das Geld buchstäblich an den Wänden. Warum verkauft man nicht einige Bilder aus der riesigen Sammlung, um die Finanzierung des Betriebs zu sichern?Antwort: Demeester: Das Kunsthaus ist wie die anderen führenden Museen der Welt Mitglied bei Icom, dem grössten internationalen Branchenverband im Bereich Museen und Museumsarbeit. Dessen Ethikcode schreibt vor, dass der Verkauf von Kunstwerken nicht der Finanzierung des Betriebes dienen dürfe. Zulässig ist ein Verkauf nur, um den Erlös wieder in die Sammlung zu investieren. Wenn wir gegen diese Regeln verstiessen, würden wir international zum Paria. Konkret erhielten wir keine Leihgaben mehr für unsere Ausstellungen, könnten nicht mehr an internationalen Forschungsprojekten teilnehmen und verlören unsere weltweiten Partnerschaften, die wir uns seit 1910 aufgebaut haben. Das wäre das Ende des Kunsthauses als international renommiertes Haus.Frage: Sie fordern von der Stadt mehr Geld. Aber wo haben Sie in letzter Zeit gespart?Antwort: Demeester: Wir haben in den letzten Jahren laufend Massnahmen umgesetzt. So haben wir die Zahl der Ausstellungen reduziert und interne Prozesse effizienter gestaltet. Die zwei zuvor separat geführten Museumsshops haben wir beispielsweise fusioniert. Wir prüfen in der Geschäftsleitung jedes Quartal, wo wir Kosten senken oder Einnahmen steigern können.Antwort: Hildebrand: Man darf bei der Spardiskussion auch die Einnahmenseite nicht vergessen: Wenn wir aufgrund eines Neins das Angebot verkleinern und Bereiche schliessen müssen, sinken die Besucherzahlen und damit auch die Ticketeinnahmen dramatisch. Das wäre eine negative Abwärtsspirale.Frage: Sie begründen die zusätzlichen Subventionen auch mit den verbesserten Arbeitsbedingungen für das Personal. Dazu gehören ein jährlicher Lohnausgleich von einem Prozent und neu fünf Wochen Ferien. Sind solche Bedingungen für einen hochsubventionierten Betrieb wirklich angemessen?Antwort: Hildebrand: Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) des Kunsthauses wurde seit 2006 nicht mehr angepasst. Im Vergleich zum restlichen öffentlichen Sektor, der für uns den Benchmark darstellt, besteht ein massiver Nachholbedarf. Zudem gibt es keinen Automatismus beim Lohnausgleich, dieser bleibt von der jeweiligen finanziellen Lage des Hauses abhängig. Übrigens sind die Subventionen an die Kunstgesellschaft befristet, und der Stadtrat muss dem Parlament Bericht über die Entwicklungen am Kunsthaus ablegen.Antwort: Demeester: Unser zusätzlicher Finanzbedarf betrifft nicht nur den GAV, sondern auch den Umstand, dass wir seit der Erweiterung 2021 schlicht mehr Personal benötigen. Wenn wir qualifiziertes, mehrsprachiges Personal gewinnen wollen, das unsere internationalen Gäste professionell betreut, müssen wir unseren Mitarbeitenden faire und zeitgemässe Arbeitsbedingungen bieten. Fünf Wochen Ferien sind heute bei Anstellungsgesprächen absoluter Standard.Frage: Frau Demeester, Ihr eigener Lohn beträgt 310 000 Franken und liegt damit über dem Gehalt eines Zürcher Stadtrats. Ist das nicht zu viel?Antwort: Hildebrand: Diese Antwort übernehme ich. Frau Demeester gibt sich den Lohn ja nicht selbst. Der Vorstand ist absolut davon überzeugt, dass dieser Lohn angemessen ist. Ann Demeester leistet hervorragende Arbeit. Sie ist eine Führungspersönlichkeit, die auf internationalem Topniveau agiert und das Kunsthaus in der europäischen Museumslandschaft positioniert.Frage: Sie konnten die privaten Gönnerbeiträge in den letzten Jahren um 25 Prozent steigern. Allerdings fehlt nach wie vor der angekündigte dritte grosse Hauptsponsor neben der UBS und der Swiss Re. Haben Sie dieses Ziel aufgegeben?Antwort: Hildebrand: Ich habe nie explizit von diesem einen Ziel gesprochen, sondern davon, dass wir die privaten Mittel erhöhen wollen. Die Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Es wäre naiv, zu glauben, dass wir uns dauerhaft auf drei riesige Corporate Sponsors verlassen können. Unsere Strategie basiert auf Diversifikation. Wir sind stolz darauf, dass wir mit Unterstützung der Haefner-Stiftung einen Kapitalfonds von 30 Millionen Franken anlegen können.Antwort: Demeester: Dieser Mix erfordert viel persönliche Arbeit und ein Programm, das unterschiedliche Menschen und Sponsoren anspricht. Aber das Engagement lohnt sich. Die Installation von Jeffrey Gibson, die in der Eingangshalle zu sehen und kostenlos zugänglich ist, hat etwa eine Stiftung ermöglicht. Zardoz, die Skulptur im Garten, wurde vollständig privat finanziert.Frage: Gibt es denn Künstlerinnen oder Künstler, bei denen Sponsoren sofort bereitstünden, um eine Ausstellung zu finanzieren?Antwort: Demeester: Nein. Wenn Sie auf Blockbuster-Ausstellungen hinauswollen: Diese benötigen extrem viel Vorschusskapital. Es gibt keine Einzelpersonen, die mal eben 6 Millionen Franken für eine Ausstellung hinlegen. Wir arbeiten derzeit an einer Picasso- und einer Albert-Anker-Ausstellung – das benötigt eine jahrelange Vorlaufzeit für das Fundraising.Antwort: Hildebrand: Fundraising ist auch in einem reichen Land wie der Schweiz harte und professionelle Arbeit. Wir mussten diese Kompetenz im Haus zuerst gezielt aufbauen. Dazu gehört, dass wir kommerzieller geworden sind und das Haus für Firmenanlässe vermieten. Das stösst gelegentlich auf Kritik, wenn nachmittags die Umbauarbeiten für einen Fundraising-Event am Abend beginnen, gehört aber zur heutigen Realität eines privat-öffentlichen Betriebs.Frage: Wäre ein glamouröser Event im Stil der New Yorker Met-Gala in Zürich denkbar?Antwort: Demeester: Die Met-Gala ist phantastisch, aber sie beruht auf einer amerikanischen Celebrity- und Charity-Kultur, die sich nicht eins zu eins auf Europa übertragen lässt. Hier haben wir keine Beyoncé. Wir machen Fundraising auf schweizerische Art.Antwort: Hildebrand: Wir organisieren jedes Jahr ein Dinner, das indirekt für das Fundraising gedacht ist. Das funktioniert sehr gut, aber eben auf die zürcherische, zurückhaltende Art. Das British Museum organisiert einen Ball, der an die Met-Gala angelehnt ist. Aber das sind Anlässe, die in Städten mit Millionen von Einwohnern stattfinden. Hier wäre das unmöglich.Frage: Mit dem neuen Subventionsvertrag können die Zürcherinnen und Zürcher noch öfter gratis ins Museum als heute schon. Sie haben einmal pro Woche freien Eintritt in die Sammlung und viermal jährlich in die Ausstellungen. Ist das nicht ein Schuss ins eigene Bein, wenn Sie gleichzeitig die Einnahmen steigern wollen?Philipp Hildebrand: «Ein Nein wird einschneidende operative Konsequenzen zur Folge haben, auf die wir uns vorbereiten müssen.»Antwort: Hildebrand: Das ist ein politischer Entscheid, den wir zur Kenntnis nehmen. Im British Museum ist der Eintritt immer gratis, weil die Politik das so will. Der Subventionsvertrag mit der Stadt Zürich enthält eine ganze Reihe von Pflichten. Manche sind mühsam, andere begrüsse ich sehr – etwa die Bemühungen, mehr Jugendliche ins Museum zu bringen. In einer Partnerschaft mit dem Staat muss man mit solchen Rahmenbedingungen und Spannungsfeldern leben können. Dafür bietet sie Stabilität in Krisenzeiten. In den USA wurden viele Institutionen während der Pandemie einfach weggeblasen. Die kommen nicht mehr zurück.Frage: Lassen Sie uns über zwei grosse Unsicherheitsfaktoren sprechen: Bei der Bührle-Sammlung reisst die Kritik nicht ab; die Stiftung liebäugelt mit einem Wegzug aus Zürich. Und um die Sammlung Merzbacher tobt ein Erbstreit. Warum sollte die Stadt mehr Geld für das Kunsthaus sprechen, wenn die Zukunft dieser wichtigen Dauerleihgaben ungewiss ist?Antwort: Demeester: Dauerleihgaben wie die Sammlungen Bührle oder Merzbacher sind eine hervorragende, hochkarätige Ergänzung, aber sie sind nicht unsere Essenz – diese ist unsere eigene Sammlung. Ein seriöses Museum darf sich nicht ausschliesslich auf Leihgaben verlassen.Frage: Das klingt jetzt so, als ob Sie sich gedanklich bereits von den privaten Sammlungen verabschiedet hätten.Antwort: Demeester: Nein, absolut nicht. Aber als Museum muss man bei grossen Dauerleihgaben immer darauf vorbereitet sein, dass sie eines Tages abgezogen werden könnten. Wir sind auf verschiedene Szenarien vorbereitet. Das Fundament und das Herzstück eines jeden Museums ist seine eigene Sammlung. Unsere Sammlung ist unglaublich reichhaltig und epochenreich. Wenig bekannt ist beispielsweise, dass das Kunsthaus die wichtigste Giacometti-Sammlung der Welt besitzt oder den bedeutendsten Bestand an Munch-Gemälden ausserhalb Skandinaviens beherbergt. Das breite Publikum und insbesondere ausländische Gäste suchen nach Highlights wie Monet, Picasso oder van Gogh. Ob Monets Wasserlilien dem Kunsthaus gehören oder als Dauerleihgabe bei uns hängen, ist dem normalen Besucher letztlich egal. Wir wollen und müssen diese eigene Sammlung künftig viel stärker in den Vordergrund rücken.Antwort: Hildebrand: Die Beziehung zur Bührle-Stiftung ist exzellent. Ich hoffe natürlich, dass die Sammlung noch sehr lange hierbleibt. Wir haben mit unserer neuen Provenienzstrategie eine systematische und transparente Basis geschaffen. Diese Arbeit ergibt absolut Sinn – unabhängig von der Frage, ob die Sammlung über das Jahr 2034 hinaus im Kunsthaus bleibt.Frage: Frau Demeester, als Sie Ihr Amt antraten, fassten Sie den Auftrag, das Kunsthaus neu zu positionieren. Ist Ihnen das nach vier Jahren gelungen?Antwort: Demeester: Eine solche Neupositionierung ist nie vollständig abgeschlossen. Aber ich hoffe, es ist uns gelungen, zu zeigen, dass das Kunsthaus ein Bilderpalast ist, aber auch ein lebendiger Ort der Gegenwart. Dazu gehören unsere gesellschaftlichen «Impact»-Projekte, bei denen wir in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich und Institutionen die positiven Effekte von Kunst auf die Gesundheit realisieren – etwa durch Programme für Menschen mit Demenz, Parkinson oder für Jugendliche in schweren psychischen Krisen. Die Besucherzahlen haben sich erfreulich entwickelt.Frage: Dennoch gibt es immer wieder harsche Kritik. Es gebe zu wenige Blockbuster-Schauen etwa. Die «NZZ am Sonntag» schrieb letztes Jahr, das Kunsthaus sei ein «Museum der Langeweile» – mutlos, uninspiriert.Antwort: Demeester: Man kann uns vieles vorwerfen, aber langweilig sind wir sicher nicht. Mit Marisol haben wir eine einst weltberühmte, später beinahe vergessene Künstlerin wiederentdeckt. Vilhelm Hammershøi ist in Skandinavien eine kulturelle Ikone höchsten Ranges, vergleichbar mit Hodler in der Schweiz. Mit Kerry James Marshall, einem der bedeutendsten Maler der Gegenwart, haben wir erstmals in der Geschichte des Kunsthauses einem schwarzen Künstler eine Ausstellung gewidmet. Das waren alles mutige Projekte, doch gerade mit Kerry James Marshall konnten wir ein neues, deutlich jüngeres Publikum ansprechen. Unser Programm setzt bewusst auf den Mix aus kanonischen Meisterwerken und spannenden Neuentdeckungen. Das ist unser Weg, um das Publikum der Zukunft zu erreichen. Diesen Weg gehen wir weiter.Frage: Und finanziell? Bis Ende 2027 streben Sie eine schwarze Null an. Können Sie garantieren, dass es so passieren wird?Antwort: Hildebrand: Wenn die Vorlage am 27. September angenommen wird, ist dieses Ziel absolut realistisch und erreichbar. Ich habe mit dieser Subventionserhöhung gekämpft. Aber sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir das Kunsthaus nachhaltig und stabil für die Zukunft aufstellen können.Passend zum Artikel