KommentarDas Kunsthaus sollte kostenbewusster denken, statt mit der Schliessung von Räumen zu drohen. Dennoch braucht es die Unterstützung der Stadt ZürichIm Vergleich mit anderen kulturellen Institutionen der Stadt steht das Museum gut da. Es muss sich aber mehr anstrengen, um in die schwarzen Zahlen zu kommen.25.08.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZZürich möchte gerne ganz vorne mitspielen, auch dann, wenn es um Kunst geht. Gross waren die Versprechen, als das Kunsthaus im Jahr 2021 den monumentalen Erweiterungsbau des renommierten britischen Architekten David Chipperfield in Betrieb nahm. Dieser werde die internationale Ausstrahlung des Museums erhöhen, Kooperationen mit den besten Häusern der Welt ermöglichen, endlich mehr Platz für die wertvollen Sammlungen bieten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fünf Jahre später hat der Erweiterungsbau den Kunstplatz Zürich tatsächlich gestärkt. Die verdoppelte Ausstellungsfläche lockt mehr Besucherinnen und Besucher an, 2025 verzeichnete das Museum die zweithöchsten Eintrittszahlen seiner Geschichte.Damit ist es aber schon vorbei mit den guten Nachrichten. Denn das Kunsthaus sorgte in den letzten Jahren weniger wegen seiner Ausstellungen für Schlagzeilen als vielmehr wegen des Streits um die Bührle-Sammlung und wegen Geldproblemen. Letztes Jahr fuhr das Museum ein Defizit von 1,4 Millionen Franken ein. In den vorhergehenden Jahren sah es nicht besser aus. Die Kosten für den erweiterten Betrieb wurden massiv unterschätzt, vor allem beim Personal. Und in den nächsten Jahren stehen Gebäudesanierungen in Millionenhöhe an.Vor zwei Jahren schlug die Kunsthaus-Führung unter der Direktorin Ann Demeester und dem Präsidenten der Zürcher Kunstgesellschaft Philipp Hildebrand Alarm: Man sei dringend auf höhere Subventionen angewiesen. Anderenfalls müssten möglicherweise einzelne Räume geschlossen und Personal entlassen werden.Mit anderen Worten: Die Stadt Zürich als grösste Geldgeberin soll das Kunsthaus retten. Nun entscheiden die Stimmberechtigten am 27. September über einen jährlichen Zusatzkredit von 7,3 Millionen Franken. Davon gehen 4 Millionen an die Zürcher Kunstgesellschaft als Betreiberin des Museums und 3,3 Millionen an die Stiftung Zürcher Kunsthaus. Als Besitzerin und Baurechtnehmerin der Liegenschaften kümmert sie sich um deren Instandsetzung und deren Werterhalt. Die Subventionen würden sich damit auf insgesamt 25,8 Millionen Franken belaufen – eine stolze Summe.Die Stadt hat das Museum in den letzten Jahren schon grosszügig unterstützt. 88 Millionen Franken zahlte sie an den Chipperfield-Bau und genehmigte höhere Subventionen. Zudem hat das Stadtparlament erst kürzlich 3 Millionen Franken für ein weiteres Forschungsprojekt gesprochen, um die Herkunft der Werke der Bührle-Sammlung zu prüfen.Die Fehlplanung muss aufgearbeitet werdenMan kann sich zu Recht fragen, warum die öffentliche Hand nun schon wieder eine Finanzspritze verabreichen soll. Zumal das Kunsthaus von Profis geführt wird: Der Ökonom Philipp Hildebrand ist ehemaliger Nationalbankchef und heute Vizepräsident des Vermögensverwalters Blackrock. Demeester ist Kulturwissenschafterin und leitete vor ihrem Wechsel nach Zürich das Frans-Hals-Museum im niederländischen Haarlem.Dennoch wäre es falsch, das Kunsthaus aufgrund der jüngsten Fehlkalkulationen fallenzulassen. Zürich wollte ein Museum mit Strahlkraft und hat es bekommen. Dass es nach der Erweiterung zum Sanierungsfall wurde, ist ärgerlich. Ins Auge sticht insbesondere der Zuwachs beim Personal, dem grössten Kostentreiber. Heute verfügt das Museum gemäss Jahresbericht über 250 Vollzeitstellen, bis zum Jahr 2027 sollen 20 weitere Stellen geschaffen werden.Auf Druck der Linken sollen 1,8 Millionen Franken in «verbesserte Arbeitsbedingungen» fliessen. In diesem Zusammenhang ist es wenig hilfreich, dass das Kunsthaus zwar Sparbemühungen beteuert, seine Direktorin aber 310 000 Franken Lohn erhält – mehr als der Stadtpräsident.Die Kunsthaus-Leitung muss mehr Kostenbewusstsein an den Tag legen, statt mit der Schliessung von Räumen zu drohen. Auch die Fehlplanung, die viele Jahre zurückliegt, gehört aufgearbeitet.Unter dieser Prämisse ist es richtig, dass die Stadt das Kunsthaus mit einem höheren Beitrag unterstützt. Im Gegenzug muss es liefern. Nur ein attraktives Museum ist ein erfolgreiches Museum. Das grosse Publikum kommt vor allem an Blockbuster-Ausstellungen. Die Schau der Performancekünstlerin Marina Abramovic erreichte im vergangenen Jahr fast 120 000 Besucherinnen und Besucher – es war die erfolgreichste Ausstellung seit zwölf Jahren.Klar ist: Experimente kann sich das Kunsthaus derzeit nicht leisten. Es ist auf Schauen angewiesen, die die Kassen klingeln lassen. Der Kulturtourismus kann ein einträgliches Geschäft sein. In Paris stehen die Leute vor dem Louvre Schlange, um einmal im Leben die «Mona Lisa» zu sehen. Auch in Zürich hängen immer wieder Schätze an den Wänden. Doch die grossen Namen gehen ins Geld. Um Abramovic nach Zürich zu holen, zahlte das Kunsthaus 2,3 Millionen Franken.Selbstverständlich ist es nicht allein die Aufgabe der Stadt, den Betrieb wieder auf Kurs zu bringen. Auch der Effort der Kunstgesellschaft ist gefragt. Seit Jahren sucht man nach einem dritten grossen Sponsor – bis jetzt ohne Erfolg, obwohl Philipp Hildebrand über Kontakte in die höchsten Wirtschaftskreise verfügt. Immerhin stieg das Spendenvolumen im vergangenen Jahr.Hat das Modell der Public-private-Partnership, die hinter dem Kunsthaus steht, versagt? Im Gegenteil. Fast die Hälfte der Kosten von 200 Millionen Franken für den Erweiterungsbau hat die Kunstgesellschaft bei privaten Spendern gesammelt. Ohne dieses Engagement gäbe es das Kunsthaus in seiner heutigen Form wohl nicht – oder die Stadt hätte es ganz allein finanzieren müssen und müsste Defizite allein tragen. Auch im laufenden Betrieb teilen sich die Kosten etwa hälftig auf. Das gibt es selten im Kulturbereich.Trotzdem sind solche Kooperationen im rot-grünen Zürich ungern gesehen. Jüngst haben die Linken den Bau einer Leichtathletikhalle verhindert, weil ein privater Sportverein die Hoheit über die Anlage gehabt hätte.Der Furor gegen Public-private-Partnerships verwundert, denn gerade beim Kunsthaus hat sich gezeigt, dass das Parlament in solchen Gemeinschaftsprojekten Einfluss nehmen kann – nicht immer zum Besten. Auf Geheiss der rot-grünen Mehrheit untersucht ein Forschergremium zum x-ten Mal die Herkunft der Bührle-Sammlung. Im Fokus stehen Werke, die während der Zeit des Nationalsozialismus den Besitzer wechselten. Seit der Eröffnung des Erweiterungsbaus wird sie mehr wie ein wissenschaftliches Projekt denn wie ein Kunstschatz behandelt. Momentan präsentiert das Kunsthaus die Dauerleihgabe dicht gedrängt auf engem Raum.Auch bei den höheren Subventionen hat das Parlament mitgeredet. Es verlangt bei der Vorlage, die nun im September an die Urne kommt, dass die öffentlichen Gelder sorgsam eingesetzt werden. Der Stadtrat muss dem Rat Bericht darüber ablegen. Die Beiträge an die Kunstgesellschaft sind bis 2033 befristet. Zudem sollen die Zürcherinnen und Zürcher viermal im Jahr gratis die Ausstellungen besuchen können. Schon heute ist der Zutritt zur Sammlung jeweils am Mittwoch kostenlos.Die Gratiseintritte für die gesamte Bevölkerung im Kanton sind im Kampf gegen das Defizit wenig hilfreich. Doch grundsätzlich ist es richtig, dass die Stadt Bedingungen stellt, wenn sie so viel öffentliches Geld spricht. Das tut sie längst nicht überall. Pro Jahr verteilt sie rund 150 Millionen Franken an Kultursubventionen.Mit Abstand am meisten Geld erhält das Schauspielhaus, nämlich 40 Millionen Franken. Im Gegensatz zum Kunsthaus kann es sich zurücklehnen, wenn es schlecht läuft. Denn die Gelder fliessen unbefristet, obwohl die frühere Intendanz mit ihrem Kurs das Publikum vergrault hat. In der Saison 2024/25 betrug die Auslastung nur 53 Prozent. Die Beiträge der Stadt machen über 80 Prozent der Betriebserträge aus.Das Kunsthaus muss effizienter werdenIm Vergleich wirtschaftet das Kunsthaus deutlich erfolgreicher und benötigt weniger Mittel vom Staat. Es kann etwa die Hälfte seines Betriebs selbst finanzieren – mit Eintritten, Mitgliederbeiträgen, dem Shop oder Kunstverkäufen. Das ist ein gutes Fundament. Nun muss das Kunsthaus effizienter werden und sich noch stärker engagieren, um private Gönner zu gewinnen. Bis Ende 2027 will die Leitung eine ausgeglichene Rechnung präsentieren.Um dies zu erreichen, steht die Kunstgesellschaft in der Pflicht. Sie selbst profitiert davon, wenn der Kostenschlüssel zwischen Privaten und dem Staat bei 50/50 bleibt. Bei höheren Subventionen wird das rot-grüne Parlament noch mehr Mitspracherecht einfordern. Wohin das führt, hat man bei der Bührle-Sammlung gesehen. Aufgrund des andauernden Hüst und Hott mit der Sammlung denkt die Stiftung Bührle laut darüber nach, die Bilder abzuziehen. Für das Museum wäre dies fatal.Das erweiterte Kunsthaus hat die Unterstützung der Stadt verdient. Mit dem Chipperfield-Bau ist ein architektonisches Schmuckstück entstanden. Nur schon durch die Räume zu gehen, ist ein Genuss. Endlich kann das Haus seine Sammlungen in einem würdigen Rahmen präsentieren und verfügt über mehr Fläche und Flexibilität für grosse Ausstellungen. Das Kunsthaus muss seine Grandezza bewahren können, auch wenn es etwas kostet – eine Light-Version ist keine Alternative.Passend zum Artikel
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