Herr Zischler, wie verwandelt man sich in Thomas Mann?Es gibt ein gewisses Bild, es gibt zeitgenössische Fotos, an denen man sich orientieren kann. Sie zeigen eine durchgehende Seriosität, eine freundliche Unzugänglichkeit.Haben Sie sich in Ihrer Rolle wohlgefühlt?Wohlgefühlt eigentlich nicht. Die Anzüge sind schwarz und schwer. Da schlüpft man nicht so leicht raus.In „Vaterland“ kämpft der Nationaldichter und Repräsentant, der Thomas Mann sein will, mit dem Privatmenschen, der er auch ist. Wie haben Sie es geschafft, diese Zerrissenheit darzustellen?Wie ich es gemacht habe, weiß ich nicht (lacht). In diesem Film ist vieles vorgegeben, mehr als sonst. Der Rahmen, das Bild, ist so exakt vorherbestimmt, vom Licht her, der Kulisse, den Objekten, dass man darin seinen genauen Platz hat. Und die Szenen sind nicht durch viele Schnitte gegliedert, der Film kommt mit sehr wenigen Einstellungen aus. Dadurch hatte ich viel mehr Zeit, da hineinzufinden.Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?Nein. Diese Art von Konzentration ist mir noch nie begegnet. Bei Spielberg sind die Szenen auch sehr genau vorbereitet, aber dann wird alles in nahe und halbnahe Einstellungen aufgelöst, die die Dramatik erst erzeugen. Pawel Pawlikowski legt gar keinen Wert darauf, an die Schauspieler heranzuspringen oder schnelle Gegenschüsse zu machen. Und dazu die Kamera, das Licht. Das habe ich in dieser Intensität nur noch bei Robby Müller erlebt.Dem langjährigen Kameramann von Wim Wenders.Der hatte auch einen so genauen Blick für die Erzählung des Lichts. Das ist bei Łukasz Żal, dem Kameramann von „Vaterland“, ähnlich.Dennoch gibt es Momente, in denen alles von Ihnen abhängt. Bei der Feier mit den russischen Offizieren vor Goethes Gartenhaus in Weimar geben Sie durch winzige Veränderungen Ihres Mienenspiels zu erkennen, dass Ihnen die lärmende Veranstaltung allmählich lästig wird. Machen Sie das intuitiv oder genau kalkuliert?Beides schließt einander nicht aus. Ich sitze ja plötzlich auch nicht mehr den anderen zugewandt, sondern leicht abgekehrt. Das reicht. Einer der Russen will mir noch etwas sagen, aber ich antworte: „Tut mir leid, aber wo ist Erika?“ Das ist eigentlich der Kern der Szene.In einer anderen Szene sieht man, dass Thomas Mann völlig überfordert ist, als ein Mann in sein Weimarer Hotelzimmer stürzt und ihm vom Weiterbetrieb des Konzentrationslagers Buchenwald als Straflager für politische Häftlinge erzählt. Der Dichter will das nicht wahrhaben.Das Einzige, was er in dem Augenblick tun kann, ist, vor die Tür zu gehen. Es ist ein Debakel, eine Niederlage noch vor seinem großen Auftritt. Das, was Erika ihm vorhergesagt hat, ist eingetreten: Der Preis, die Festveranstaltung, alles ist nur Kulisse.In Frankfurt, im ersten Teil des Films, schlägt ihm ganz unverhohlen die Verachtung der Westdeutschen für den Emigranten entgegen.Das hat mich bei der Vorbereitung auf die Rolle sehr beschäftigt: So ungebeten zu sein. In Frankfurt geht es gleich mit Pfeifen los. In der DDR wird zwar applaudiert, aber dahinter steckt reines politisches Kalkül.Wie hat das im Zusammenspiel mit Sandra Hüller funktioniert: die langsam dämmernde Erkenntnis, dass der Dichter instrumentalisiert wird, während seine Tochter alles schon durchschaut hat?Für mich war eins wichtig: Ich darf es mir nicht anmerken lassen. In dem Moment, wo ich die beiden Preise annehme, muss ich das Spiel erst einmal mitspielen, auch wider besseres Wissen. Mit Sandra ging das sehr gut, weil sie eine Art von nicht nachlassendem Widerstand hatte. Sie lacht genau einmal im Film, wenn ich den Zaubertrick mache.Der Dichter sitzt auf der Rückbank: Hanns Zischler als Thomas Mann in „Vaterland“Neue VisionenIst sie denn sonst am Set eher heiter?Sie ist unglaublich gut vorbereitet. Deshalb mussten wir nicht erst umständlich verabreden, wie wir die Szenen spielen. Die Grundspannung zwischen den beiden, die Krise, war ja von Anfang an gesetzt. Dieser Zirkus, der ja nicht auszuhalten ist, weil alles in der Familie bleiben muss: der Suizid von Klaus, das von Störgeräuschen verzerrte Telefonat mit der Mutter über den Atlantik …In Wirklichkeit ging es damals weniger familiär zu: Nicht Erika, sondern ein Schweizer Bekannter der Manns saß am Steuer, überall warteten Empfangskomitees und Gastgeber. Im Film hat man das Gefühl, die beiden bewegen sich durch einen kafkaesken Albtraum von Deutschland: hier die Borniertheit des Westens, dort die versteckte Gewalt des Ostens, zwischendrin die kaputte Familie Mann.Was visuell besonders interessant ist: Der Buick, das Auto, wird zum Protagonisten. Das ist die Blase, in der sie sich bewegen. Ein Roadmovie der besonderen Art.Der Film von Pawel Pawlikowski wirkt fremd im deutschen Kino. Ein polnischer Film über ein urdeutsches Thema …… in Schlesien gedreht …Was bedeutet „Vaterland“ für unser historisches Bildergedächtnis?Ich kann nur versuchen, mir das vorzustellen, die Rezeption steht ja noch aus. Aber ich finde, dass der Film auf faszinierende Weise den Augenblick der Krise Deutschlands im Jahr 1949 erfasst. In Form einer Familiengeschichte und in dieser Figur Thomas Mann, die sich selbst symbolisch überhöht. Plötzlich wird etwas viel Allgemeineres daraus. Man kann sich fragen: Was ist denn dieses Deutschland? Wie ist es so geworden, dass es in zwei Teile zerbrach, was für Thomas Mann eine Katastrophe war? Der Film beharrt ja auf einer Episode, die nicht gerade ein historisches Riesenereignis war. Aber dadurch, dass sie in Frankfurt und Weimar spielt, dass sie durch deutsche Städte und Landschaften führt, die vom Krieg gezeichnet sind, bekommt das Ganze eine andere Dimension. Es geht auch um die Frage, was Heimat ist. All dieses neuerdings wieder aufkommende dumme Gewäsch darüber, was deutsch zu sein hat, ist am Anfang des Films bereits thematisiert. Ich wüsste nicht, welcher deutsche Regisseur das in dieser konzentrierten Form machen könnte.„Es geht auch um die Frage, was Heimat ist“: Sandra Hüller als Erika Mann mit Hanns ZischlerNeue VisionenSie haben in fast sechzig Jahren mit sehr vielen Regisseuren gedreht, großen und kleinen. Wann merken Sie, dass bei einem Film alles stimmt?In diesem Fall habe ich es vor Drehbeginn gewusst. Ich kannte die beiden Schwarz-Weiß-Filme von Pawlikowski („Ida“ und „Cold War“, d. Red.), und im Gespräch mit ihm wurde mir klar, dass er weiß, was er will. Das ist sehr beruhigend. Man spürt dann, dass man keine Einwände vorbringen muss.Machen Sie oft Einwände?Es kommt schon vor. Wenn Dialoge schlecht geschrieben sind oder wenn sie austauschbar sind, beliebig, was noch schlimmer ist. Wenn etwas nicht funktioniert, ist das grausam, denn der Film wird ja gemacht.Haben Sie nie eine Rolle abgebrochen, weil Sie wussten, es geht schief?Nein. Ich habe gelegentlich widersprochen, aber nie mit Ausstieg gedroht. Nicht nur, weil es vertraglich schwierig ist. Man hat ja das Buch vorher gelesen, da kann man nicht so tun, als wäre einem alles neu.Sie haben mit Sohnesrollen angefangen und sind bei Väterrollen gelandet, viele davon im dunklen Anzug oder in Uniform. Wann hat der Wechsel vom einen zum anderen stattgefunden?Ich würde sagen, es war „Hitlerjunge Salomon“ von Agniezska Holland. Da bin ich ein deutscher Offizier. Oder „Die Hetzjagd“ von Laurent Jaoui, wo ich Klaus Barbie spiele, in Südamerika. Danach kann man kein Sohn mehr sein.Haben Sie nicht manchmal gegen diesen Rollentypus aufbegehrt, besonders da, wo sie den Bösewicht geben mussten?Na ja, eine gewisse Infamie für sich zu entdecken, kann durchaus interessant sein. Das gilt auch für die Rolle in „Vaterland“: Viele Menschen aus meiner Generation haben ein bestimmtes Bild von Thomas Mann, einer Figur, die er auch sein wollte und an der er gearbeitet hat. Es ging mir nicht darum, in die Haut dieser Figur zu schlüpfen, sondern um Haltungen, die dieser seltsame Schriftsteller entwickelt und die er eingesetzt hat. Und aus denen er am Ende doch herausgerissen und erschüttert wird. „They won’t believe it, Thomas Mann cries“, sagte Pawel Pawlikowski zu mir nach dem Dreh der Szene.
Ein Gespräch mit Hanns Zischler, der Thomas Mann im Film „Vaterland“ spielt
Er hat mit Godard, Wim Wenders und Steven Spielberg gedreht, jetzt spielt Hanns Zischler den Dichter Thomas Mann in Pawel Pawlikowskis Film „Vaterland“. Ein Gespräch mit dem deutschen Schauspieler.







