Der Film «Fatherland» widmet sich Thomas Manns schwieriger Rückkehr nach DeutschlandIn Cannes verdichtet der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski die Nachkriegskrise der Familie Mann zu einem stilisierten Schwarz-Weiss-Drama über Schuld, Heimatlosigkeit – und die Unfähigkeit zur Nähe.16.05.2026, 12.00 Uhr6 LeseminutenErika (Sandra Hüller) und Thomas (Hanns Zischler) auf Deutschlandbesuch.Kino Swiat / IMDbKaum eine andere deutsche Familiengeschichte ist so umfassend dokumentiert wie die der Familie Mann. Allen voran das Oberhaupt Thomas, der in seinen akribisch geführten Tagebüchern selbst datierte, wann er sich leicht den Magen verdorben hatte, und zahlreiche Briefwechsel mit internationalen Intellektuellen führte. Die Forschungsliteratur über die Mitglieder der Künstlerfamilie ist Legion, zum Thomas-Mann-Gedenkjahr 2025 (150. Geburtstag) kamen zahlreiche Publikationen und Neuauflagen hinzu.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun feierte mit «Fatherland» im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes einer der am meisten erwarteten Beiträge dieses Jahrgangs seine Premiere. Er widmet sich dem Verhältnis von Vater Thomas zu seiner Erstgeborenen Erika und ihrem jüngeren Bruder Klaus. Und der Frage, wie die Familie nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Vorstellung von Heimat umgehen soll, wo ihre frühere – materiell wie geistig – in Trümmern liegt.Entscheidung zwischen «Mickey Mouse und Stalin»Es ist kaum Zufall, sondern eher ein zirkuläres Ereignis, dass der Film in Cannes läuft. Hier, im Hotel «Pavillon Madrid», starb Klaus Mann 1949 an einer Überdosis Tabletten, gebrochen und gleichgültig dem Leben gegenüber. Mit ihm beginnt der Film, wie er mit dem Telefonhörer in der Hand am Boden vor seinem Bett hockt. Im Hintergrund schleicht sich still ein vager Liebhaber davon, den man ob der langen Haare zuerst für eine Frau halten könnte.Klaus (August Diehl) telefoniert mit seiner geliebten Erika, ein inniges, vertrautes Gespräch, das seine gesamte Misere in nur wenigen Sätzen zusammenfasst. Die Abhängigkeit vom Vater, der ihm permanent Geld gibt, aber Achtung und echte Zuneigung versagt. Die Unmöglichkeit, aus dem Schatten des Zauberers, so der familiäre Spitzname des Vaters, zu treten. Buchpläne, die nur stockend vorangehen, die Sprache zwischen Deutsch und Englisch verlorengegangen. «I do not wish to survive this year», heisst es am Neujahrstag im Tagebuch.Nun, da Hitler tot ist und der Kampf gegen die Nationalsozialisten entschieden, fragt sich der ehemalige Angehörige der US-Army, wo er stehen soll in einer Welt kurz vor dem nächsten, dem Kalten Krieg. Und wie er sich zwischen «Mickey Mouse und Stalin» entscheiden könnte. Der Vater indes plant, zum ersten Mal aus Kalifornien zurück nach Deutschland zu reisen, das er bei früheren Einladungen nach Europa bewusst gemieden hatte.In Frankfurt, der Geburtsstadt des deutschen Dichterfürsten, erhält Thomas Mann den Goethepreis Westdeutschlands. Nur wenige Tage später in Weimar wird er mit dem ostdeutschen Pendant geehrt. Johannes R. Becher (Devid Striesow), der neue Kulturverantwortliche der Sowjetzone, selbst Dichter und Texter der künftigen DDR-Nationalhymne, versucht, den Schriftsteller für die sozialistische Sache zu gewinnen, lässt einen Chor antreten, winkt mit einem Titel.Zwei Systeme konkurrieren also um den Künstler, der sich über den Dingen stehend wähnt: «Ich kenne keine Zonen.» Er könnte zum Brückenbauer werden, doch die Vergangenheit wiegt schwer. Tief sitzen der Ekel und das Entsetzen über die Nazi-Barbarei, in der seine Bücher verbrannt und ihm die Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Hinzu kommen die Müdigkeit, das Alter, die Eitelkeit und eine gigantische Einsamkeit. So hockt Thomas Mann verloren zwischen allen Stühlen, kann sich nirgends passend einrichten.Kein Interesse an einem BiopicBeeindruckend ist die erste Autofahrt durch die Strassen des zerbombten Frankfurt; wie überhaupt die stilisierten Schwarz-Weiss-Aufnahmen von einem höchst realistischen Nachkriegsdeutschland. Visuell überwältigt Paweł Pawlikowskis international koproduziertes Drama, sind Schönheit und Zerstörung in enger Umarmung umschlungen. Doch das Bemühen um eine detailgetreue Rekonstruktion dieser Epoche wird ein Stück weit von der Erzählweise untergraben.Wenn die Dialoge sich weitgehend aus Tagebucheinträgen, Briefen oder Zeitungsartikeln zusammensetzen und dementsprechend selbst für Thomas-Mann-Verhältnisse hochgestochen klingen, lässt sich dies noch unter narrativer Verdichtung verbuchen. Alles klingt funkelnd, klug, aber auch akademischer als nötig.Schwierig ist, dass der Suizid des Sohnes mitten in die Deutschlandreise gelegt wird. Diese fand historisch im August 1949 zu Ehren von Goethes 200. Geburtstag statt, Klaus Mann starb am 21. Mai. Pawlikowski betonte zwar an der Pressekonferenz, er sei an einem Biopic nicht interessiert. Doch womöglich wäre für seine sonst so akkurate Auseinandersetzung mit der Nachkriegszeit eine fiktive Figur mit all ihren Leerstellen besser gewesen als die hell ausgeleuchtete Vita eines Nobelpreisträgers.So lässt dieser Entscheid Thomas Mann noch kälter und unrühmlicher dastehen als ohnehin. Im nur wenige Tage umspannenden Film beschwört Erika ihren Vater, die Ehrungen zu unterbrechen und nach Cannes zur Beerdigung zu fahren, die ihr Bruder Michael organisiert. Tatsächlich befand sich der Schriftsteller in Schweden mit der Familie, reiste zwar nicht an die Côte d’Azur, doch sagte in Trauer zumindest alle öffentlichen Termine ab. Das Grab ihres Sohnes besuchten Thomas Mann und seine Frau Katia nie.Manchmal jedoch taut der von Hanns Zischler behutsam und präzise gespielte Thomas auf, vor allem, wenn es mit bösem Humor gegen alte Nazis geht. So schlägt er die Bitte der beiden Wagner-Brüder Wieland und Wolfgang – die er vermeintlich nicht auseinanderhalten kann – nach einer Unterstützung von Bayreuth sarkastisch ab: «Den Ort sollte man abreissen und eure Mutter vor Gericht stellen.» Oft aber bleibt Manns Gesicht undurchdringliche Maske; wenn er gerade keine Reden hält, schläft oder schweigt der Zauberer.Seine Tochter immerhin darf Emotionen zeigen. Als grölende Besoffene nachts durch die Frankfurter Altstadt ziehen, reisst Erika das Hotelfenster auf und brüllt tränenüberströmt: «Haltet euer Maul, ihr Nazi-Pack!» Sie steht treu an der Seite des Vaters als Assistentin, Übersetzerin, Fahrerin, Dienerin. «Ein Power-Duo», sagt die befreundete amerikanische Journalistin Betty Knox. Sandra Hüller ist als kluge, empathische Erika Mann in Hochform, einmal mehr spielt sie eine Frau, die gross wird, weil sie sich unentbehrlich macht.«Kommen Sie bald wie ein guter Arzt»Üblicherweise ist die Kürze eine grosse Stärke des polnischen Regisseurs Pawlikowski. Und auch «Fatherland» ist in einem Festival-Wettbewerb, bei dem einige Filme über zweieinhalb Stunden dauern, mit rund achtzig Minuten eine Wohltat. Doch wird hier so extrem verdichtet, dass wesentliche Teile nicht vertieft werden. Etwa die Debatte um die innere Migration, die auf einer Pressekonferenz nur kurz angesprochen wird. Dabei ist sie diejenige, die Mann nachhaltig beschäftigte.«Kommen Sie bald wie ein guter Arzt, der nicht nur die Wirkung sieht, sondern die Ursache der Krankheit sucht», hatte ihm der Schriftsteller Walter von Molo bereits bei Kriegsende 1945 geschrieben. Doch für Thomas Mann war der Patient Deutschland unheilbar. Noch schlimmer: Diejenigen Künstler, die im Deutschen Reich geblieben waren, versuchten in seinen Augen ihre Schuld umzudeuten.Innere Emigration nannten die Wortführer um den keineswegs so unbescholtenen Autor Frank Thiess ihre Haltung, die für Thomas Mann Mittäterschaft war. Thiess hingegen stellte den amerikanischen Exilanten als bequemen Bourgeois dar, der vom sonnigen Logenplatz aus dem Nazi-Treiben risikolos hatte zusehen können. Ausserhalb von Alltagszwang, Lager und Bombenhagel.Eine über Jahre mit Zeitungsartikeln und Briefen geführte, verhärtete Debatte, aus der niemand als Sieger hervorging. Und die dazu beitrug, dass Thomas Mann endgültig heimatlos wurde. «Der Dichter rettet sich in ein rhetorisches Weltbürgertum, das aber doch den Nachteil hatte, dass eine bestimmte Heimat damit nicht verbunden war», schreibt der Biograf Hermann Kurzke.Echte Thomas-Mann-Aficionados werden sich über die Auslassung dieses Aspekts im Film wundern. Ein internationales Publikum hingegen gibt sich überrascht, wenn es erfährt, dass der von Joachim Meyerhoff exaltiert-überdreht gespielte Gustav Gründgens Erika Manns Ex-Mann war. «Fatherland» setzt viel Wissen voraus. Kulturpessimisten könnten unken, etwas zu viel, um ein breites Publikum mitzureissen. Zumindest die Kritiker in Cannes sind bisher grösstenteils begeistert.Unterkühlte UnversöhnlichkeitMan kann «Fatherland» als Abschluss einer meisterlichen Trilogie von Paweł Pawlikowski sehen, die konzentrierte Schlaglichter auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs wirft. Vermittelt durch Figuren, die sich auf Roadtrips begeben, Grenzen überschreiten müssen. Im ersten Teil, «Ida», 2014 prämiert mit einem Oscar, stellt sich eine Klosterschwester mit ihrer Tante der jüdischen Vergangenheit in Polen und ihrem Glauben. «Cold War» (2018) ist ein modernes «Casablanca», eine wild-traurige Liebesgeschichte über persönliche Opfer, inspiriert von Pawlikowskis Eltern.Und auch «Fatherland», der einige Themen und Motive der beiden früheren Filme rezykliert, ist eine Art verquerer Liebesgeschichte, eine der unterkühlten Unversöhnlichkeit. Es scheint, als habe sich der Film die bürgerlichen Distanzierungsversuche der Manns, das Schweben im geistigen Olymp, ein Stück weit selbst zu eigen gemacht. Grosse Gefühle gibt es hier keine – bis zum sakralen Schlussbild. Das Vaterland im Titel bezeichnet nicht nur Deutschland, sondern auch das emotionale Brachland von Thomas Mann.Passend zum Artikel