Alexander Zverev hatte gelogen. Gegenüber den Fans, gegenüber den Journalisten und wahrscheinlich sogar ein bisschen gegenüber sich selbst. Er mache sich keinerlei Gedanken darüber, dass er nun plötzlich der große Favorit auf den Sieg sei, hatte der beste deutsche Tennisspieler immer und immer wieder behauptet. Doch als er bei den French Open wenig später dann tatsächlich seinen ersten Grand-Slam-Titel gewonnen hatte, gab er zu, dass das nicht der Wahrheit entsprochen hatte. In der Nacht, nachdem der eigentliche Topfavorit Jannik Sinner sensationell ausgeschieden war, hatte Zverev beispielsweise vor Aufregung kein Auge zugemacht.Wie der Neunundzwanzigjährige vor den am Sonntag beginnenden US Open geschlafen hat, dazu hat er sich bislang noch nicht geäußert. Aber seine Situation Ende August in New York ist durchaus vergleichbar mit der Situation Ende Mai in Paris. Diesmal ist Sinner, der Weltranglistenerste und eigentliche Topfavorit, wegen einer Knieverletzung gar nicht erst am Start. Und Carlos Alcaraz, der gemeinsam mit Sinner in den vergangenen drei Jahren die Tennisszene beherrscht hat, kehrt nach einer fast fünfmonatigen Verletzungspause, in der er auch die French Open verpasst hatte, gerade erst auf den Platz zurück.Günstige Auslosung für ZverevDass die beiden Ausnahmespieler der aktuellen Tennisgeneration zuletzt mehr mit ihren Körpern als mit ihren Gegnern kämpften, hat Zverev eine ungewohnte Ausgangslage beschert. Erstmals in seiner Karriere geht er als Nummer eins der Setzliste in ein Grand-Slam-Turnier. Als erster deutscher Tennisprofi seit Boris Becker vor 35 Jahren, als erster Tennisprofi überhaupt, der zuvor noch nie die Nummer eins der Weltrangliste war.Dazu scheint die Auslosung überaus günstig. Zverevs Auftakt gegen den Italiener Lorenzo Sonego ist zwar durchaus knifflig, doch Höchstschwierigkeiten wie Grand-Slam-Rekordsieger Novak Dokovic oder Stolperfallen wie der formstarke Franzose Arthur Fils tummeln sich fast vollständig in der anderen Hälfte des Turnierbaums. Bis zu einem möglichen Finale gegen Alcaraz scheint der Weg weitgehend frei zu sein.Dass Zverev trotz alledem nicht als eindeutiger Topfavorit in das am Sonntag beginnende letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres geht, hat mit den vergangenen Wochen zu tun. Seit seinem Einzug ins Wimbledonfinale Anfang Juli hat der Deutsche gerade einmal zwei Partien gewonnen. Bei den Mastersturnieren in Montreal und Cincinnati war er jeweils früh ausgeschieden, schimpfte in Kanada sogar über das „schlechteste Match der gesamten Saison“.Viel Diskussionsbedarf mit TrainervaterDass sein Spiel noch nicht auf dem gewohnten Niveau ist, ärgert ihn spürbar. Zwar ist Grand-Slam-Tennis über drei Gewinnsätze meist nochmal etwas anderes. Doch im vergangenen Jahr war Zverev bei den US Open bereits in Runde drei und damit so früh wie zuletzt vor acht Jahren ausgeschieden.Am Donnerstag trainierte Zverev in New York in der Arthur Ashe Arena. Weil der Zugang zur Anlage kostenlos war, waren die Ränge in der imposanten Tennisarena bestens gefüllt. Zverev diskutierte ungewöhnlich viel mit Trainervater Alexander Senior und ein bisschen auch mit Bruder Mischa, testete Schläger, um die richtige Besaitungshärte zu finden. Später, als er einen Trainingssatz gegen den jungen Amerikaner Learner Tien spielte und eine einfache Vorhand verschlug, donnerte er frustriert seinen Schläger gegen eine Wand.Es gibt bereits die ersten Tennisexperten, die Zweifel daran haben, ob Zverev die neue Rolle als Frontrunner gut bekommt. Boris Becker beispielsweise äußerte in seinem Podcast mit der früheren Profispielerin Andrea Petkovic einen Verdacht. „Jetzt ist die Chance da“, sagte Becker, der selbst angab, die Rolle als „König der Löwen“ geliebt zu haben. „Aber ich spüre, dass er sich vielleicht zu viel Druck macht aufgrund dieser unglaublichen Chance.“Nun darf man davon ausgehen, dass Zverev, der von den Kommentaren Beckers zuletzt schon häufiger genervt war, dem widersprechen wird. Man darf allerdings nicht davon ausgehen, dass das auch zwingend der Wahrheit entspricht.