Aktuelle Bestseller entdecken das Thema Reichtum – und Caroline Wahl sieht dabei alt ausGleich zwei Autorinnen erkunden die Liebe unter dem Vorzeichen des Reichtums und der ökonomischen Ungleichheit. Ruth-Maria Thomas tut das sehr viel besser als Caroline Wahl.30.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenChampagner trinken vor imposanter Bergkulisse: Etwa so sieht das Bild von St. Moritz aus, das Autorin Caroline Wahl zeichnet.Christian Beutler / KeystoneFür eine rasante Fahrt mit dem Cabrio eignen sich Alpenpässe besonders gut. Das weiss die deutsche Erfolgsautorin und Cabrio-Fahrerin Caroline Wahl, und das weiss auch ihre neue Romanheldin Samara. Beide, die Autorin und ihre Figur, fahren gerne schnell. Auf ihrer ersten Fahrt über den Julierpass hat Samara «wahnsinnig Angst». Gleichzeitig fände sie es in Ordnung, auf der Strasse über eine Kurve hinauszuschiessen. Doch Samara stürzt nicht ab, sondern landet im Milieu der Luxushotels. In einer Welt, die gegenwärtig gerade zwei deutsche Bestsellerautorinnen beschreiben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die berühmtere der beiden, Caroline Wahl, erzählt von einer Autoreise ins Engadin, die auch eine Flucht ist: Samara wirft ihren neuen Job in der PR-Agentur hin und fährt ihrer Angst davon. «1999 Meter über dem Meer» ist Wahls vierter Roman in vier Jahren. Beim Lesen denkt man: Hätte sie sich doch mehr Zeit genommen! Denn Samaras Fahrstil ist einiges rasanter als das zähe Buch.Seit Caroline Wahl mit ihrem Debüt «22 Bahnen» 2023 einen Millionenbestseller gelandet hat, schreibt sie mit Turbo und in patzig-poppigem Ton. Sie bezeichnet sich als kompetitiv und macht, anders als andere Autorinnen, kein Hehl aus ihrem Willen zum Erfolg, auch dem finanziellen. Neuerdings ist sie auch noch Mercedes-Botschafterin. Tatsächlich taucht der Markenname von Samaras Auto im Roman dreizehn Mal auf, und es bleibt nicht das einzige Product Placement. Auch Müllermilch kann sich bedanken, trinkt Samara doch dauernd Vanille-Müllermilch (in der Schweiz weicht sie auf Emmi Energy Milk Vanilla aus).Die Bestsellerautorin Caroline Wahl, 31, fährt, wie ihre Romanfigur, ein Mercedes-Cabrio.Domenic DriessenAnspielungen auf Konsumkultur sind zwar ein bekanntes Stilmittel der Pop-Literatur, auf die sich Wahl explizit bezieht, etwa indem sie Christian Krachts «Faserland» erwähnt. Doch es bringt die Handlung kaum voran, dauernd zu erwähnen, welchen Milchdrink oder Iced Chocolate Samara nun trinkt. Im Engadin erweitert sich das Getränkespektrum immerhin um Champagner und Amaretto Sour. Denn die junge Frau, die eben noch Studentin und noch nie in den Bergen war, landet auf Einladung eines «wunderschönen» Mannes im reichen St. Moritz. Sie freundet sich mit einer Gruppe superreicher Touristen an, der «Gossip-Girl-Truppe». Sie halten Samara für eine Künstlerin – und warum sollte sie sich nicht als eine solche ausgeben? Sozusagen zwangsläufig wird sie zur Hochstaplerin.Der Hype um die vermeintlich unkonventionelle Künstlerin, die die Langeweile im Bergdorf aufmischt, bringt endlich etwas Drive in die vor sich hin plätschernde Road-Novel. Das Motiv der Hochstapelei hätte satirisches Potenzial, aber Wahl schöpft es nicht aus. Der Blick auf die Parallelwelt der Reichen wird von reichlich Bergkitsch verwässert. Denn Samara muss immer wieder staunen: Die «ungeheuer hohen Berge» des Engadins versetzen sie in einen Zustand, «wie wenn man Koks genommen hat». Ja, diese erhabenen Gipfel, und erst die frische Luft! Das liest sich wie Tourismuswerbung.Dass man sich in epischen Dialogen erklären lassen muss, was Ricola und SAC-Hütten sind und wie Gemsen leben, mag besonders für Schweizer Leser ermüdend sein. Aber richtig ärgerlich an Wahls Erzählweise sind wortwörtliche Doppelungen. Denn oft denkt Samara zuerst etwas und spricht dasselbe gleich nochmals aus. Das liest sich dann so:«Alles gut!», sage ich. Ich wüsste auch nicht, was wir jetzt zusammen machen könnten, wenn er nicht arbeiten müsste.Ich: Ich wüsste auch nicht, was wir jetzt zusammen machen könnten, wenn du nicht arbeiten müsstest. Nein, knallen lässt es Caroline Wahl in keiner Weise. Sie verbleibt in den stereotypen Erzählmustern eines märchenhaften Happy Ends. Samaras Liebesgeschichte kann man nicht anders als klischiert nennen: Der schöne Mann aus Berlin taucht in der St. Moritzer Wohnung auf. Ihretwegen! Er hat, wie die Männer in Wahls früheren Romanen, blondes Haar und «eisblaue» Augen. Und Samara macht in der Galerie Hauser & Wirth Furore. Auch «1999 Meter über dem Meer» wird wohl Furore machen, zumindest was die Verkaufszahlen angeht. Der von Caroline Wahl gepflegte Fankult garantiert dafür. Wen interessiert da schon die literarische Qualität?Dabei könnte die scharfe Beobachtung des Milieus der Reichen nicht nur für Serien wie «The White Lotus», sondern auch für die Literatur spannender Stoff sein. Das beweist ein anderer Roman einer jungen Autorin, der derzeit ebenfalls oben auf der «Spiegel»-Bestsellerliste steht. In «Die zweitgrösste Liebe» erforscht Ruth-Maria Thomas eine Beziehung zwischen einem Mann aus einer reichen Familie und einer Frau aus prekären Verhältnissen, die wegen eines pandemiebedingten Konkurses verschuldet ist.Die Autorin Ruth-Maria Thomas, 33, fragt, was ökonomische Ungleichheit mit einer Liebe macht.Jonas HolthausDie beiden treffen sich in einer schicken Hotelbar in Hamburg – dass Michelle im Hotel arbeitet und nicht zu Gast ist, weiss Henry da noch nicht. Sie verlieben sich, und Henry lässt Michelle an seinem privilegierten Leben teilhaben. Michelle geniesst das, und doch sind da auf beiden Seiten unausgesprochene Selbstverständlichkeiten, all die feinen Unterschiede, wie Pierre Bourdieu sie nannte. Ganz zu schweigen vom einen grossen Unterschied: dass Michelle gelernt hat, um ihre Existenz zu kämpfen, und Henry nicht.Thomas, die auch Sozialarbeiterin ist, beobachtet das nicht satirisch, sondern ergründet ihre Figuren mit grossem psychologisch-soziologischem Gespür und fragt: Kann Liebe ökonomische Ungleichheit ausgleichen? Und was macht diese mit unseren Gefühlen und unserer Identität? Dass «Die zweitgrösste Liebe» einen ungeheuren Lesesog entfaltet, liegt zudem an Ruth-Maria Thomas’ Sinn für Sex und Dramaturgie. Ihr gelingt die fesselnde Tiefenbohrung einer Liebe. Sie leuchtet seelische und gesellschaftliche Realitäten aus, während uns Caroline Wahl ein banales, mit Statussymbolen gewürztes Märchen auftischt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Zwei Bestsellerautorinnen erkunden die Liebe unter dem Vorzeichen des Reichtums. Und Ruth-Maria Thomas tut dies sehr viel besser als Caroline Wahl
Caroline Wahl und Ruth-Maria Thomas: Zwei Bestsellerautorin beschreiben die Welt der Reichen. Thomas sehr viel besser als Wahl













