Körperlich gezeichnet, aber innerlich gestärkt – meine Reise als RückkehrerinUnsere Kolumnistin spürt unterwegs ein verdächtiges Pochen in der Brust. Auch da ist Verlass auf ihre Hebamme.30.08.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenAnnick Ramp / NZZ«Würde und Wahn»In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.Alle ArtikelOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Elsass ist nachts überraschend spärlich beleuchtet. Ich raste mit einem Opel Astra auf eine französische Kleinstadt zu. In meiner Brust pochte es. Vermutlich verstopfte Milchkanäle. Ich drückte aufs Gas und bog auf den Parkplatz des Provinzkrankenhauses ein.Zwei Sekunden wünschte ich mir, ich würde noch rauchen. Dann hätte ich mich im Lichtkegel der grünlichen Lampe am Eingang der Permanence an die Wand gedrückt, eine Zigarette angezündet und kurz in den Himmel geatmet. Ich fühlte mich unheimlich verwegen. Das erste Mal alleine unterwegs in der Nacht. Ich hatte das Baby schlafend beim Vater gelassen, war losgebraust, einfach so, ins Ungewisse, es konnte jetzt alles gutgehen oder in einer riesigen Katastrophe enden.Die Entscheidung für ein Kind war die bestgeprüfte meines Lebens. Wir hatten die «extended version» eines Geburtsvorbereitungskurses besucht, sechs Abende, in denen es nur um Königinnenposen, Brummen und die Verbindung von Mund und Muttermund ging. Wir hatten Remo Largo gelesen und bei meiner kleinen Cousine eine Ladung Grundausstattung abgeholt. Ich wunderte mich noch über die Menge an verschiedenartigen Tüchern, die sie mir nachschmiss. Inzwischen haben wir jedes einzelne gebraucht.Auch Instagram kapierte früh und begann, mich mit Mom-Influencern und Schlafpäpstinnen zuzuspammen. Am Ende hatte ich sogar einige Romane und Essays über Mutterschaft gelesen, die schon ewig im Regal standen. Ich war trotzdem nicht vorbereitet. Heute fühle ich mich, als hätte ich ein Whiteout auf der Haute Route überlebt. Irgendwie wie eine Rückkehrerin, körperlich lädiert, aber innerlich gestärkt.Unter all den Informationsquellen war am Ende die Hebamme die mit Abstand grösste Hilfe. Die Frau, die dich gar nicht kennt und plötzlich unermüdlich und unterbezahlt ständig für dich erreichbar ist. Die dir niemals das Gefühl gibt, deine Instinkte seien falsch. Sie praktiziert die älteste Wissensvermittlung der Welt, direktes Gespräch, kein Gerät, keine Frage ist dumm, Wissbegierde trifft auf ermutigende Geduld, die purste aller Lehrbeziehungen. Als Mädchen und Frau musst du dich ansonsten viel mit Lehrern rumschlagen, Professoren, Dozenten, Chefs.Nun war da plötzlich sie. «Darf ich dir meinen Nippel schicken?», schrieb ich ihr in jener Nacht im Elsass. Da war ein verdächtiger Schmerz in meiner Brust. Sie prüfte das Foto mit grosser Ernsthaftigkeit. «Schau, der rote Streifen macht mir Sorgen», schrieb sie. «Du kannst bis morgen warten, aber es könnte dir noch in der Nacht schlechter gehen. Du könntest Fieber kriegen, und dann gehtʼs bergab.»Inzwischen war es Mitternacht geworden. Ich stiess mit dem Typen von der Notdienstapotheke mit einem Schlückchen Wasser an und spickte die Antibiotikapillen. Dabei dachte ich an Judith, meine Hebamme.Rafaela Roth, 38, ist Reporterin beim Magazin der «NZZ am Sonntag».Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Hebammen, Hürden und Selbstfindung: die Rückkehr der Mutter ins Leben
Unsere Kolumnistin spürt unterwegs ein verdächtiges Pochen in der Brust. Auch da ist Verlass auf ihre Hebamme.








