Die dunkle Seite der Mutterschaft – eine unfertige Liste von 13 PunktenUnsere Kolumnistin entdeckt nach wonnigen Wochenbett-Wochen erste Anzeichen von mütterlicher Müdigkeit.09.08.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenAnnick Ramp / NZZ1. Als Erstes demütigt dich dein Land. Während du gerade Leben schaffst, dein Körper so prall ist wie nie, musst du so tun, als wärst du krank. Dein Bauch sinkt ab, dein Becken öffnet sich. Du hoffst auf eine gute Gynäkologin. Sie schreibt dich: unfähig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.2. «Interessanterweise gibt es in Deutschland weniger postnatale Depressionen, wohl auch, weil die Frauen weniger erschöpft gebären», liest du in der Zeitung.3. Am ersten Tag nach dem Vaterschaftsurlaub merkst du, dass ein Baby eine Aufgabe für mindestens zwei Personen ist.4. Du überprüfst deine Gedanken. Bist du depressiv?5. Du wippst auf einem Gymnastikball. Du hast vier Stunden geschlafen und es frühmorgens doch zum Babymassagekurs geschafft. Performance: Acht Frauen und ein Mann tun, als hätten sie alles im Griff. Du bringst deiner Freundin eine Bolognese ins Wochenbett, dein Baby kackt in sein weisses Kleid. Du schleppst dich am Kinderwagen zurück durch die Stadt, musst spazieren, musst bald wieder fit sein. Draussen drückt der Himmel. Drinnen drückst du in schlaffe Haut. Der Himmel bricht. Die Kühle erreicht deine Wohnung nicht. Das Kind beginnt zu weinen. Wenn niemand dir beigebracht hat, dich um dich selbst zu kümmern, wie solltest du es jetzt können?6. «Was machst du so den ganzen Tag?», fragen dich die Leute. Als wärst du arbeitslos geworden.7. Dann kommt ein Brief: «Der Stadtrat von Zürich wünscht einen guten Start ins Familienleben.» Er entlässt dich in die Stadt. Sie ist perfekt gebaut – für Autos. Ihre Pneus rollen überall weich auf sanften Absätzen. Das Hinterköpflein deines Kindes holpert bei jedem Fussgängerstreifen über harte Kanten.8. Warum stinken die Aufzüge am Hauptbahnhof nach Pisse?9. Benutzt der Stadtrat diese Lifte?10. Gibt es einen grösseren Interessenkonflikt als den zwischen Babys und Männern, die ihre Töff-Auspuffe knallen lassen?11. Du bist eine schlechte Mutter, wenn du dir nichts gönnst oder wenn du mal ein Gläschen trinkst, wenn du für zu wenig Lohn arbeitest oder wenn du zu früh wieder hochprozentig beginnst. Du bist eine schlechte Mutter, wenn du dein Kind nicht abgeben willst oder wenn du es abgeben willst.12. Sei eine schlechte Mutter.13. Lerne, dich in diesen Gedanken hineinzulegen wie in ein warmes Bad.«Würde und Wahn»In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.Alle ArtikelEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Mutterschaft entzaubert: 13 Punkte, die niemand ausspricht
Unsere Kolumnistin entdeckt nach wonnigen Wochenbett-Wochen erste Anzeichen von mütterlicher Müdigkeit.







