PfadnavigationHomePolitikDeutschlandArtikeltyp:MeinungPlädoyer einer jungen MutterMutterschaft ist Leid, Kinderlosigkeit maximales Glück? Das führt in die IrreVon Ronja RügerStand: 10:29 UhrLesedauer: 5 MinutenRonja Rüger mit ihrem BabyQuelle: Ella MackatStress, Dreck, Milchpumpen überall: Unsere 25-jährige Autorin blickt auf die ersten sechs Monate mit ihrer Tochter zurück – und was sie daraus gelernt hat. Dass Kinderlosigkeit oft idealisiert wird, ist für sie grundfalsch.Sechs Monate nach der Geburt meiner Tochter sieht mein Alltag aus wie ein Eskalations-Reel auf Instagram: Zwischen abgepumpter Milch in zu sterilisierenden Fläschchen und Wäschebergen, die sich wie eine eigene Topografie durch die Wohnung ziehen, versuche ich, irgendwann mal zu duschen. So weit, so bekannt. Es gibt wenig, worüber in den sozialen Medien so offen gesprochen wird wie über die Härte von Mutterschaft.Gleichzeitig eskaliert ein anderer Trend weiter: freiwillige Kinderlosigkeit, versehen mit Hashtags wie „regretting motherhood“. Wenn Kinder so anstrengend sind, ist es vielleicht rational, sie einfach nicht zu bekommen, so die Logik dahinter. Ich glaube, diese Schlussfolgerung ist falsch. Dass Kinder haben hart ist, stimmt – nur kann der Schluss nicht sein, nur deshalb keines zu bekommen, wenn man doch eigentlich eines will.Lesen Sie auchÜber Jahrhunderte lebten Menschen in Großfamilien und Mehrgenerationen-Haushalten, in denen Elternschaft nicht zwei Personen zugeschrieben wurde, sondern einer größeren Gruppe: Tanten, Großeltern, Nachbarinnen, Paten. Das „Dorf“, von dem alle reden, war keine Metapher, sondern eine reale soziale Infrastruktur. Urbanisierung, berufliche Mobilität, kleinere Haushalte und digitale Kommunikation, die physische Nähe ersetzt, aber nicht wirklich kompensiert hat, haben diese Infrastruktur verschwinden lassen. Wenn ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wer meinen Alltag mit Kind konkret mittragen soll – dann ist Kinderlosigkeit ein Selbstschutz vor genau diesen Verhältnissen.Die Antwort: Man muss sein eigenes Dorf schaffen.Die ersten Wochen mit Baby waren chaotisch, körperlich schmerzhaft und emotional überfordernd. Mehr als einmal lag ich im Schlafzimmer zwischen Milchpumpen, Baby und dreckigen Kaffeetassen, völlig fertig und nur halb angezogen. Mein „Dorf“ hat mich gerettet.Lesen Sie auchFreundinnen, die wortlos verstanden haben, was zu tun ist: vorbeikommen, das Kind mal nehmen, Essen auf den Herd stellen, mich zum Spazierengehen zwingen oder zur Rückbildungs-Gymnastik schicken. Eine Freundin hat mich buchstäblich vom Sofa gezogen, als ich dachte, ich könnte nie wieder einen Text für mein Studium an einer Filmuniversität lesen. Ein Studium, das ich natürlich nicht pausieren, sondern schnell und erfolgreich abschließen will, trotz des ganzen Stresses, den das mit sich bringt. Eine andere ist sogar aus einer anderen Stadt angereist, hat Wäsche gewaschen, Gute-Nacht-Lieder gelernt und ganz nebenbei meiner Tochter gezeigt, dass es mehr als zwei zuverlässige Erwachsene auf der Welt gibt.Ich weiß, wie privilegiert das ist. Und ich weiß, dass ein großer Teil des Problems die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit ist. Aber diese Art von Infrastruktur sollte kein Luxus sein. Jede Frau braucht sie, um nicht in der Mutterschaft überfordert zu vereinsamen. Dabei liegt die Verantwortung nicht nur bei den Müttern, von Anfang an aktiv um Hilfe zu bitten, sondern auch beim Umfeld, sich einzubringen, Verständnis zu zeigen und auf den Ruf nach Hilfe auch mit Hilfe zu antworten. Man braucht aber nicht nur das Glück eines solchen Dorfs, sondern man muss auch darüber sprechen. Das zu sagen, gilt fast als antifeministischDa helfen weder die superglücklichen Mütter, die sich auf Instagram so in Szene setzen, als würden sie das immer ganz allein schaffen. Und wer dagegen vermeintlich „ehrliche“ Einblicke ins Eltern-Dasein gibt, der inszeniert sich oft als einsam Leidende: Es gibt Threads über Schlafmangel, Reels über Wutanfälle, lange Captions über das Gefühl, sich als Mutter selbst zu verlieren.Das ist zwar auch wichtig, weil es Stigmata aufbricht – aber es hat Nebenwirkungen. Je sichtbarer die Härten von Mutterschaft werden, desto einfacher wird es, sie zu meiden. Wer ohnehin um sein eigenes Lebensglück bangt und sich durch Vergleiche auf Instagram eher gefährdet fühlt, wird nicht ausgerechnet in dieses vermeintliche Unglück sehenden Auges hineinlaufen wollen.Wenn ich jeden Tag sehe, wie kompliziert Stillprobleme, Kita-Suche oder Mental Load bei anderen sind, und gleichzeitig die vermeintliche Alternative – kinderlos durch Europa reisen, Karriere machen, abends spontan in die Bar – in Hochglanz präsentiert wird, erscheint Mutterschaft wie eine Einladung zum Unglücklichsein. Die Informationsgesellschaft sorgt dafür, dass wir die kurzfristigen Kosten maximal ausgeleuchtet sehen, und blendet die langfristigen Gewinne systematisch aus.Lesen Sie auchMutterschaft erscheint als Leid, Kinderlosigkeit als langfristig maximiertes Glück. Und das auch, weil wir zu selten öffentlich darüber diskutieren, dass es auch unglücklich machen kann, keine Kinder zu bekommen. Mutterglück liegt dabei Studien zufolge weniger im einzelnen stressigen Moment, sondern entsteht im Rückblick, schaut man sich das Lebensglück-Empfinden von Müttern an. Das zu sagen, gilt fast als antifeministisch. Dabei sollten sich Frauen, um wirklich emanzipierte Entscheidungen treffen zu können, weder von der einen, noch von der anderen Seite und deren zu kurz gedachten Argumenten zu stark beeinflussen lassen. Eine emanzipierte Mutterschaft wäre eine, in der Verantwortung geteilt wird: mit dem Partner, aber sehr stark auch mit dem eigenen Dorf, der erweiterten Gemeinschaft im Alltag.Stattdessen erzeugt die aktuelle Kombination aus hohem Anspruch an Gleichberechtigung, fehlender Infrastruktur und realer Vereinzelung manchmal das Gegenteil von Emanzipation: Frauen, die auf dem Papier alles dürfen und praktisch noch mehr allein machen als frühere Generationen in Großfamilien.Die Folge ist nicht nur Erschöpfung, sondern eine Art kollektive Abschreckungskampagne für alle, die bei der Familienplanung noch unentschlossen sind. Die sinkende Fertilität weltweit wird unsere Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten radikal verändern. Aber sie ist nicht nur ein abstrakter demografischer Trend, sondern eine Summe individueller Entscheidungen. Wer sich bewusst gegen Kinder entscheidet, soll das tun, ohne sich rechtfertigen zu müssen.Lesen Sie auchDoch wer zögert, weil die eigene Instagram-Timeline Mutterschaft als Dauerkrise inszeniert, sollte wissen: Es liegt nicht an den Kindern. Es liegt an unseren fehlenden Dörfern. An der Art, wie wir Städte planen, Arbeit organisieren, Nachbarschaften leben – und an der Art, wie wir in der Informationsgesellschaft ständig voneinander sehen, was uns Angst macht, und seltener, was wir schaffen könnten.Vielleicht wäre der erste Schritt, – im sozialen Sinne – wieder Dorfbewohner zu werden, bevor man Mutter oder Vater wird: Freundschaften pflegen, Verpflichtungen eingehen, Verlässlichkeit trainieren. Damit machen wir das eigene Leben besser und die Entscheidung für ein Kind leichter.Ronja Rüger, 25, ist gebürtige Berlinerin und lebt dort. Sie studiert Digitale Medienkultur an der Filmuniversität Babelsberg und hat zuvor im Medienbereich gearbeitet, unter anderem als Marketing-Managerin, in der Social-Media- und Video-Redaktion von The Pioneer, das wie WELT zu Axel Springer gehört, und als Hospitantin bei der „Zeit“.
Mutterschaft ist Leid, Kinderlosigkeit maximales Glück? Das führt in die Irre - WELT
Stress, Dreck, Milchpumpen überall: Unsere 25-jährige Autorin blickt auf die ersten sechs Monate mit ihrer Tochter zurück – und was sie daraus gelernt hat. Dass Kinderlosigkeit oft idealisiert wird, ist für sie grundfalsch.







