KommentarDer Aufstieg der AfD in Ostdeutschland ist auch ein Lehrstück für Identitätsmanagement. Vom wohligen Zurück-in-die-bessere-Zukunft-Gefühl müssen die Traditionsparteien lernen. Es reicht nicht, nur Rechtsextremismus und falsche Versprechen zu beklagen.30.08.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenDie AfD verpackt ihr Parteiprogramm in einer Wohlfühlwolke, die zuverlässig süss nach einer neuen alten Identität duftet.Imago«Ist eine derart subtile Beeinflussung des Kaufverhaltens nicht ein bisschen fragwürdig?», fragt ein Startup-Magazin den Gründer einer Firma für Raumduft. Er antwortet: «Im Gegenteil, das Kaufverhalten resultiert aus einer generellen Beeinflussung des Wohlbefindens. (. . .) Übrigens: Die New Yorker und die Pariser U-Bahn werden mit Vanille beduftet, um die Aggressionen zu senken.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwölf Jahre später wirkt dieser Dialog visionär für die deutsche Politik. Der Gründer von damals ist heute Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt mit Zustimmungswerten von über 40 Prozent. Ulrich Siegmund, vom Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» zum «gefährlichsten Mann Deutschlands» geadelt, treibt das ohnmächtige Polit-Establishment vor sich her, allen voran die Kanzlerpartei CDU.Deren Mitgliederbeauftragter Philipp Amthor ätzt gegen die «Li-La-Laune-Videos des Duftkerzenverkäufers» und zeigt damit, dass er nichts verstanden hat – stellvertretend für viele in den Volksparteien a. D. der alten Bundesrepublik. Die zynisch-elitäre Einstellung zum Geschehen verstellt den Blick auf den Kern des Phänomens. Die AfD verpackt unangenehme Migrationswahrheiten, noch mehr wirtschaftlich ruinöse Vorhaben und ganz viel Rechtsextremismus in einer Wohlfühlwolke, die zuverlässig süss nach einer neuen alten Identität duftet.Ostdeutschland ist der perfekte Nährboden. Diesem durch Demokratie und Besserwessi-Wirtschaft kernsanierten Stück DDR-Diktatur. Geflutet mit Westmilliarden, fühlten sich die Eingeborenen zu Almosenempfängern in der freien Wildbahn degradiert, einer nach marktwirtschaftlichen Kriterien wertlosen Lebensleistung beraubt, sei es als Automechaniker chronisch undichter Trabis oder als Kellnerin in einer Pizzeria ohne Pizza. Einzig die sozialistische Bonzenbrause Rotkäppchen-Sekt überlebte im Kapitalismus.Ulrich Siegmund bedient dieses Verlustgefühl, das in den Familien weitervererbt und vom üppigen Versorgungsapparat für Flüchtlinge neu genährt wird. Als Kumpeltyp knattert er auf seinem Simson-Ostmoped durchs Land und verspricht an seinen antiwoken Wellness-Woodstocks das Parteiblaue vom Himmel – indem er sich «das Land zurückholen» will mithilfe der Demokratie, die er ausgerechnet dem CDU-Kanzler Helmut Kohl verdankt. Auf die Disruption von damals könnte nun die nächste folgen, nur in umgekehrter Richtung. Welche Ironie der Geschichte.Die Traditionsparteien attackieren zu Recht die Versprechen der AfD wie absurd hohe Renten oder den fatalen Euro-Exit. Doch erstens glaubt ihnen auch kaum jemand, und zweitens übersehen sie die Kraft des Gefühls, das sich durch die Brandmauer noch verstärkt. Ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer anderen, positiven Erzählung über die Zukunft – sei sie im Kern noch so menschenverachtend. Kanzler Friedrich Merz versucht ungelenk, «den weiterverbreiteten Missmut» abzuschütteln. Die Lernkurve von Manuela Schwesig, SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, ist da steiler. Sie verteilt im Wahlkampf Auto-Duftbäume.Passend zum Artikel