Maximal 160 000 Franken Lohn und keine Luxuskarossen: Natalie Rickli nimmt private Spitex-Firmen ins VisierDie Zürcher Gesundheitsdirektorin will unterbinden, dass teure Autos sowie hohe Werbeausgaben und Löhne in die Pflegekosten einfliessen. Private Spitex-Firmen kritisieren die Pläne als populistisch.29.08.2026, 21.45 Uhr4 LeseminutenDie Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli: Ihre Vorschläge sorgen weit über die Kantonsgrenzen hinaus für Aufregung.Ennio Leanza / KeystoneEs war ein Urteil, das den Markt für Pflegeleistungen auf den Kopf stellte: 2019 entschied das Bundesgericht, dass die Krankenkassen und Gemeinden auch die Pflegeleistungen vergüten müssen, die von Angehörigen erbracht werden. Seither erhalten Partner, Kinder oder Nachbarn, die Nahestehenden bei der täglichen Körperpflege, beim An- und Auskleiden oder beim Essen helfen, eine Vergütung von rund 30 bis 38 Franken pro Stunde. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Angehörigen von einer zugelassenen Spitex-Organisation anstellen lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für viele private Pflegeorganisationen war das neue Geschäftsmodell offenbar lukrativ. Zahlreiche neue Firmen wurden gegründet – und sorgten bei den Gemeinden, welche einen Teil der Pflegekosten übernehmen mussten, für einen Kostenschock. In den vergangenen Monaten versuchten die Kommunen deshalb in vielen Kantonen gegenzusteuern, genauso wie das Parlament in Bern.Vor wenigen Wochen hat nun auch Natalie Rickli, die Gesundheitsdirektorin des Kantons Zürich, ihre Vorschläge zur Eindämmung der Kostenexplosion in der Angehörigenpflege präsentiert. Von der breiten Öffentlichkeit bisher unbemerkt, schickte Rickli im Juli eine revidierte Verordnung über die Pflegeversorgung in die Vernehmlassung – und sorgte damit weit über die Kantonsgrenzen hinaus für Aufregung: «Der Vorschlag des Kantons Zürich ist ein populistischer Schnellschuss, der kein einziges Problem wirksam löst», sagt Katharina Hadorn, Vizepräsidentin des nationalen Verbands der privaten Spitex-Organisationen (ASPS). Die Organisation zählt 550 Mitglieder, von denen rund ein Drittel auch im Kanton Zürich tätig ist.Grund für den Ärger sind folgende Forderungen: Die Spitex-Firmen sollen Mitarbeiterlöhne, die 160 000 Franken übersteigen, in ihren Kostenrechnungen nicht mehr geltend machen können. Dasselbe gilt für Fahrzeuge, die mehr als 30 000 Franken gekostet haben. Auch die Werbeaktivitäten, die der zunehmende Wettbewerb in der Angehörigenpflege mit sich bringt, will Rickli eindämmen: Wer mehr als 1 Prozent seines Umsatzes in Werbung investiert, soll diese Kosten nicht als Ausgaben abrechnen können. Für die Vergütung der Angehörigen wiederum soll ein maximaler Stundenlohn von 32 Franken vorgeschrieben werden.Private fühlen sich benachteiligtDie Vertreter der privaten Spitex-Organisationen lassen an den Vorschlägen kein gutes Haar. Ein Lohndeckel sei generell ein Fehler, sagt Hadorn von der ASPS – und wenn man schon eine Limite einführen möchte, dann sei die nun vorgeschlagene Limite viel zu tief. Da die Limite nicht nur den Bruttolohn umfasse, sondern auch die Sozialversicherungskosten, verbleibe je nach Vorsorgelösung ein Bruttolohn von ungefähr 130 000 Franken. «Für Geschäftsleitungs- und anspruchsvolle Fachkaderfunktionen ist das im Zürcher Arbeitsmarkt keine realistische allgemeine Obergrenze.»Den vorgeschlagenen Preisdeckel bezüglich Autoanschaffungen hält Hadorn ebenfalls für «unsinnig». Eine starre Anschaffungslimite sage nichts aus über die Wirtschaftlichkeit während der gesamten Nutzungsdauer. «Elektrofahrzeuge, Spezialfahrzeuge oder Modelle mit tieferen Betriebs- und Unterhaltskosten können in der Anschaffung teurer, langfristig aber wirtschaftlicher sein.»Besonders unfair findet Hadorn aber die geplante Deckelung der Marketingkosten. Diese Grenze von 1 Prozent des Umsatzes betreffe private Spitex-Organisationen wesentlich stärker als öffentliche, da Letztere aufgrund ihrer von den Gemeinden erteilten Leistungsaufträge über «privilegierte Patientenströme» verfügten. Private müssten ihre Marktpräsenz und ihre Personalrekrutierung dagegen selbst finanzieren. «Im Kanton Zürich, wo Pflegefachpersonal sehr stark gefragt ist, reicht ein 1-Prozent-Budget nicht einmal aus, um die notwendigen Fachkräfte zu rekrutieren.»Eine «starre Lohnobergrenze» für Pflegende lehnt die ASPS ebenfalls ab. Zwar sei es grundsätzlich richtig, dass professionelle Pflegende und Angehörige unterschiedlich entlöhnt würden. Es brauche jedoch einen sachgerecht ermittelten Tarif, der Qualifikation, Erfahrung sowie Ferien-, Nacht- oder Wochenendentschädigungen mitberücksichtige.Die Pflege von Alten und Kranken ist ein Knochenjob – und die Kosten steigen Jahr für Jahr.Gian Ehrenzeller / KeystoneGemeinden unterstützen den KantonDer Kanton Zürich will das vernichtende Urteil der privaten Spitex-Organisationen nicht im Detail kommentieren. Da die Vernehmlassungsfrist noch bis am 11. September laufe, nehme man keine Stellung zu «einzelnen kritischen Stimmen», teilt die Gesundheitsdirektion mit.Die Behörde hält aber fest, dass die ambulanten Pflegekosten – und insbesondere die Kosten für pflegende Angehörige – die Gemeindebudgets in den letzten Jahren immer mehr belastet hätten. Dabei hätten Stichprobenprüfungen gezeigt, dass viele Spitex-Institutionen die im Kanton Zürich bestehenden Vorgaben zur Rechnungslegung nicht befolgten. «Ziel der Verordnungsänderung ist, dass Gemeinden und letztlich die Prämien- und Steuerzahler keine exorbitanten Löhne und Aufwände in der ambulanten Pflege mitfinanzieren.»Die privaten Spitex-Organisationen bezweifeln, dass diese Ziele mit der neuen Verordnung erreicht werden können. Schliesslich sei es schon heute so, dass die Restkosten, die von den Gemeinden finanziert werden müssten, aufgrund der Kosteneingaben aller Spitex-Anbieter im Kanton festgelegt würden. Es werde ein Mittelwert errechnet – und Spitex-Organisationen, die teurer wirtschafteten als der Durchschnitt, hätten ein Problem: «Wenn eine Spitex-Organisation mehr Geld als andere für Löhne, Autos oder Marketing ausgibt, dann bleibt sie auf diesen Kosten sitzen – die Gemeinden finanzieren sie nicht», sagt Katharina Hadorn von der ASPS.Die Gemeinden sehen das anders. Sie argumentieren, dass in den vergangenen Jahren viele private Spitex-Organisationen zu hohe Kosten deklariert hätten – und damit seien die Restkosten zu hoch angesetzt worden. Bei der Gesundheitskonferenz Kanton Zürich, die mehr als 130 Gemeinden vertritt, kommen die Vorschläge des Kantons deshalb gut an. «Wir haben festgestellt, dass sich viele private Spitex-Organisationen ohne Leistungsauftrag nicht an das Spitex-Finanzmanual halten und hohe, nicht sachgerechte Aufwände in ihre Pflegekosten eingerechnet haben. Deshalb braucht es nun verbindliche Vorschriften», sagt ihr Präsident Mark Wisskirchen, Finanzvorsteher der Stadt Kloten.So sei in einer Erhebung etwa festgestellt worden, dass ein Fünftel der privaten Pflegeorganisationen Cheflöhne von mehr als 300 000 Franken bezahle. Solche Auswüchse dürften nicht in die Pflegekosten zulasten der Prämien- und Steuerzahler eingerechnet werden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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