Frau Wouhbé, in Ihrer Bewerbung für „Deutschland spricht“ schreiben Sie von der Sorge darüber, dass immer mehr Menschen sich mit schlechten Zuständen abfinden und sich ins Private zurückziehen. Wie meinen Sie das?Mir kommt die Politik aktuell etwas visionslos vor. Es heißt zum Beispiel, wir müssen sparen, aber es wird nicht genau gesagt wofür. Dass die Wirtschaft angetrieben werden soll, reicht da nicht als Antwort – soll sie innovativer werden, nachhaltiger oder internationaler? Es fehlt eine gemeinsame Vision. Viele Menschen nehmen das einfach hin, anstatt sich selbst zu überlegen, wie sie ihren Teil zur Gesellschaft beitragen können. Ich kann ihnen das aber auch nicht übelnehmen, wenn es gar kein großes Ziel gibt, mit dem man sie überzeugen könnte. Auf welchen Ausgang der Wahl in Sachsen-Anhalt hoffen Sie und was halten Sie für realistisch?Wenn eine Partei wie die AfD an die Macht kommt, die vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird, dann werden sich viele Menschen in diesem Bundesland sehr unsicher fühlen. Deswegen hoffe ich, dass das nicht passieren wird. Und dass stattdessen eine Partei die Regierung stellt, die Migranten keine Angst macht. Laut den aktuellen Umfragen ist die AfD von einer absoluten Mehrheit aber nicht weit entfernt. Da muss man sich fragen, wie man damit umgeht. Ich verstehe auch, dass sich die Wähler irgendwann auf den Arm genommen fühlen, wenn alle anderen Parteien eine Koalition bilden, nur um diese eine Partei zu verhindern. Das eigentliche Problem ist dann aber, dass diese Menschen im Vorhinein politisch hängen gelassen wurden. Nicht die Tatsache, dass eine Koalition um eine Partei herumgebaut wird, die Minderheiten einschränkt.Womit verdienen Sie Ihr Geld, und was würden Sie an Ihrer Arbeitswoche ändern, wenn es an Ihnen läge?Ich habe gerade meine juristische Ausbildung abgeschlossen und werde mich jetzt auf Jobs bewerben. Aber in Bezug auf vergangene Erfahrungen würde ich sagen: Es muss nicht für alles ein Meeting geben. Manchmal arbeiten Menschen auch einfach besser und effizienter, wenn man sie in Ruhe lässt. Mich ärgert die pauschale Behauptung, die Deutschen würden nicht genug arbeiten. Erstens gibt es Menschen, die Angehörige pflegen – das ist auch Arbeit, wird wirtschaftlich aber gar nicht einberechnet. Und zweitens könnte man Menschen, die arbeiten wollen, viel besser unterstützen, zum Beispiel, indem die Kinderbetreuung ausgebaut wird. Wenn die Politik will, dass die Deutschen mehr arbeiten, dann soll sie die notwendigen Voraussetzungen schaffen, anstatt sie anzuklagen.Optimismus zieht Lilli Wouhbé aus ihrer Arbeit als Juristin.Maximilian MannWas haben Sie zuletzt eine Maschine erledigen lassen, das Sie selbst besser können?Im beruflichen Alltag versuche ich ganz bewusst, die KI nicht zu nutzen. Gerade bei juristischen Fragestellungen hätte ich Sorge, das Handwerkszeug zu verlernen. Wenn es aber zum Beispiel darum geht, große Textmengen zusammenzufassen, ist man mit ChatGPT einfach deutlich effizienter.Ab welchem Alter würden Sie einem Kind in Ihrer Familie ein Smartphone in die Hand geben?Wahrscheinlich ab 14 Jahren. Ein generelles Social-Media-Verbot finde ich aber nicht sinnvoll. Jedes Kind weiß doch, wie man einen VPN-Tunnel benutzt [eine verschlüsselte Verbindung zwischen Gerät und Internet, mit der sich ein anderer Standort vortäuschen lässt, Anm. d. Red.]. Dann nutzt es Instagram halt mit einem Zugang aus Asien, fertig. Ich finde es deshalb relevanter, Kindern beizubringen, was der Mehrwert davon ist, das Handy zuhause oder im Spind zu lassen und es auch einfach mal einen Tag lang nicht zu brauchen.Was hat sich in Ihrem Ort in den vergangenen zehn Jahren am stärksten verändert?Bochum hat sich stark zum Positiven gewandelt. Es sind in den letzten Jahren immer mehr größere Unternehmen hergekommen, dadurch sind neue Arbeitsplätze entstanden. Lange Zeit wurde die Region stark von der Industrie geprägt, in Bochum vor allem durch die Opel-Werke. Als die 2014 geschlossen wurden, war erstmal nicht klar, was mit dem Gelände passieren soll. Jetzt entsteht dort ein Uni-Campus mit einem Max-Planck-Institut. Es findet innovative Forschung statt, das gefällt den Leuten. Ich finde es toll, wie die Stadt es geschafft hat, dass die Schließung dieses riesigen Werks kein Trauma verursacht hat.Würden Sie einem Zwanzigjährigen raten, in Deutschland zu bleiben?Ja, weil man in Deutschland sehr viel erreichen kann. Abgesehen von der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit wüsste ich nicht, wieso man jemandem davon abraten sollte, in Deutschland zu wohnen. Auch, wenn ich mich darüber aufrege, dass Minderheiten nicht ausreichend wahrgenommen und geschützt werden, haben wir ja immer noch ein unglaublich tolles Grundgesetz. Ich habe Jura aus einem Grund studiert: Ich finde unser System gut und will es weiterentwickeln. Der eigene Antrieb gibt mir Zuversicht: Wie kann ich mithelfen, diese Gesellschaft zu verändern? Wie kann ich auch als Juristin den Staat besser machen? Ich glaube, noch mehr Zuversicht hätte ich, würde es diese Vision auch im Großen geben.Lilli Wouhbé ist 28 Jahre alt und hat gerade ihr zweites juristisches Staatsexamen absolviert. Aufgewachsen ist sie in Herne, seit acht Jahren lebt sie in Bochum. In der Interviewreihe „Sieben Fragen, sieben Antworten“ beantworten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Leserdebattenaktion „Deutschland spricht“ Fragen anlässlich der verschiedenen Landtagswahlen im September.