Herr Begrich, Sie schreiben in Ihrer Bewerbung für „Deutschland spricht“, dass Ihnen die zunehmende Nichtfähigkeit der Linken, andere Meinungen zu ertragen, Sorgen mache. Warum bei den Linken und nicht bei den Rechten?Weil ich mir von den Linken mehr erwarte und mehr erhoffe. Als Pfarrer in Havelberg am Dom, in Sachsen-Anhalt, initiiere ich auch Gesprächsreihen zu gesellschaftlichen Themen. Da wird immer wieder deutlich, dass viele Menschen andere Meinungen kaum noch aushalten. In den letzten Jahren habe ich festgestellt, dass an der Hufeisen-Theorie etwas dran ist – also, dass sich die Extreme links und rechts ähneln. Das ist schade, weil ich an sich finde, dass die politische Linke etwas Gutes ist. Mein Vorwurf ist, dass sie zu viel mit Moral arbeiten. Moral führt uns nicht zusammen. Wenn ich moralisch verurteilt werde, dann brauche ich nicht mehr zu antworten, dann habe ich schon verloren. Genau wie die Kirche sollte auch linke Politik kein Moralverein sein.Auf welchen Ausgang der Wahl in Sachsen-Anhalt hoffen Sie, und was halten Sie für realistisch?Ich hoffe, dass die ganzen Kleinparteien, die SPD – die inzwischen auch dazuzählt –, die Grünen und gerne auch die FDP, alle in den Landtag kommen. Nur so kann eine Alleinregierung der AfD in meinem Bundesland verhindert werden. In meiner Region ist die Zustimmung für die AfD und ihren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund sehr hoch. Ich kann den ganzen Ärger und den ganzen Frust verstehen. Aber für mich ist das kein Grund, die AfD zu wählen. Ich möchte nicht von einem Ministerpräsidenten regiert werden, der bei Wahlkampfveranstaltungen häufig anmoderiert wird, indem man „Sieg“ ruft und dann ruft die Gruppe „Mund“.Womit verdienen Sie Ihr Geld, und was würden Sie an Ihrer Arbeitswoche ändern, wenn es an Ihnen läge?Ich bin ein sehr zufriedener Pfarrer. Mein Beruf erfüllt mich, er ist sehr frei und vielseitig. In der Kirche selbst verbringe ich gar nicht so viel Zeit. Die Gottesdienste finden bei uns Protestanten nur einmal pro Woche statt. Manchmal gebe ich Domführungen für Touristen. Ich mache Besuche, das ist Seelsorge; Beerdigungen und Beerdigungsgespräche, Taufen oder Trauungen. Dann unterrichte ich noch im Gymnasium und gebe Konfirmandenunterricht. Und natürlich gibt es noch Verwaltungsaufgaben. Und wenn ich Glück habe, dann verbringe ich auch ein bisschen Zeit am Schreibtisch und denke nach. Das liebe ich auch sehr. Ich würde gar nichts verändern.Zufrieden: Pfarrer Teja Begrich liebt die Vielseitigkeit seines Berufs und seinen Wohnort Havelberg.Carlotta SteinkampWas haben Sie zuletzt eine Maschine erledigen lassen, das Sie selbst besser können?Natürlich nutze ich einen Computer. Und wenn ich Auto fahre, sage ich: „Hey Siri, spiele mir das Lied“ oder „navigiere mich nach XY“. Aber ansonsten nutze ich kaum technische Geräte. Ich habe nicht einmal Instagram. Ich bitte lieber andere Menschen, mir zu helfen, als etwa KI das machen zu lassen.Ab welchem Alter würden Sie einem Kind in Ihrer Familie ein Smartphone in die Hand geben?Im Gymnasium, in dem ich unterrichte, müssen Schüler ihre Smartphones am Anfang der Stunde abgeben. Unabhängig davon, dass das Smartphone Energie und Aufmerksamkeit frisst, macht es süchtig und ist auch gefährdend und verletzend. Beispielsweise, wenn junge Mädchen Schönheitsidealen von Tiktok nacheifern. Um da nicht verleitet zu werden, braucht man ein richtig gutes Selbstbewusstsein. Aber da muss man erst mal hinkommen. Das haben Kinder in der sechsten oder siebten Klasse noch nicht. Ich bin realistisch, die Entwicklung lässt sich schwer zurückdrehen. Deshalb brauchen wir statt Altersgrenzen eher mehr Medienbildung und müssen Jugendlichen helfen, Resilienz aufzubauen.Was hat sich in Ihrem Ort in den vergangenen zehn Jahren am stärksten verändert?Ich lebe seit fünf Jahren hier. Seitdem ist unglaublich viel passiert. Hier wurde enorm in Infrastruktur investiert. Dadurch hat sich sehr viel zum Positiven verändert. Der Wasserschutz läuft gut, die Havel wird renaturiert. Gleichzeitig gibt es eine enorme Abwanderung, gerade von gut ausgebildeten Leuten, weil es zu wenig berufliche Perspektiven hier für sie gibt.Würden Sie Ihren Konfirmanden und anderen jungen Menschen raten, in Ihrer Region oder allgemein in Deutschland zu bleiben?Unseren Kindern haben wir immer gesagt, ihr müsst nach dem Abitur raus. Ich bin in der DDR groß geworden und habe das als große Freiheit empfunden, dass ich nach dem Mauerfall mit 18 Jahren auf einmal reisen durfte. Gleichzeitig möchte ich jeden ermutigen, danach auch wieder zurückzukommen. Wir brauchen die jungen Leute, gerade die engagierten und gut ausgebildeten, in unserer Region. Bei allen Problemen, die es hier gibt, ist Deutschland trotzdem ein absolut lebenswertes Land. Nicht umsonst wollen so viele Menschen gerne hierherkommen.Teja Begrich ist 54 Jahre alt, verheiratet mit zwei inzwischen erwachsenen Kindern. Seit fünf Jahren leben er und seine Ehefrau in Havelberg (Sachsen-Anhalt), wo er als evangelischer Pfarrer arbeitet. In der Interviewreihe „Sieben Fragen, sieben Antworten“ beantworten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Leserdebattenaktion „Deutschland spricht“ Fragen anlässlich der verschiedenen Landtagswahlen im September.