In Ihrer Bewerbung für „Deutschland spricht“ schreiben Sie, die Politik der deutschen Regierung bereite Ihnen Sorgen. Wie meinen Sie das?Damit meine ich zum Beispiel die neue Reform zur zivilen Seenotrettung, die härtere Kontrollen an europäischen Außengrenzen und Asylverfahren in zweifelhaften Drittstaaten vorsieht. Das tut mir persönlich im Herzen weh. Warum flüchten Menschen? Weil sie im Elend oder im Krieg leben, weil sie verfolgt werden oder weil sie in ihrem Land keine Zukunft mehr sehen. Kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat. Ich vertraue dem Bundeskanzler auch nicht, was den Umgang mit der AfD angeht. Bei der CDU habe ich manchmal den Eindruck, die AfD und deren Politik werden immer mehr akzeptiert, um Mehrheiten zu bekommen oder AfD-Wähler für sich zu gewinnen.Auf welchen Ausgang der Wahl in Sachsen-Anhalt hoffen Sie, und was halten Sie für realistisch?Der Rechtsruck und die steigende Tendenz der Leute, die AfD zu wählen, machen mir große Sorgen. Wenn man draußen mal bis drei zählt, im Supermarkt, in der Bahn oder im Theater, muss man davon ausgehen, dass jeder Dritte die AfD wählt. In Sachsen-Anhalt sind es sogar um die 40 Prozent. Was damit auch noch einhergeht, sind die Diffamierungen gegenüber Minderheiten. Wir sind ein Sozialstaat und haben ein Grundgesetz, auf das ich sehr stolz bin. Aber wenn das Grundgesetz mit Füßen getreten wird, macht mich das traurig.Womit verdienen Sie Ihr Geld, und was würden Sie an Ihrer Arbeitswoche ändern, wenn es an Ihnen läge?Ich bin seit 30 Jahren Kinderkrankenschwester für außerklinische Intensivpflege. Die Kinder sind nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause, sie sind aber schwer erkrankt. Ich bin mit meiner Arbeit total zufrieden, aber in Krankenhäusern und Pflegeheimen läuft das anders. Die andauernde Überlastung macht die Pflegekräfte dort kaputt. Es kommen einfach zu viele Patienten auf eine Arbeitskraft. Bei der Bezahlung hat sich durch die Gewerkschaften in den vergangenen Jahren zum Glück was geändert. Aber dafür, dass es jeden Tag um Leben und Tod geht, müssten Pflegekräfte eigentlich Vorstandsgehälter bekommen. Friedrich Merz sieht diese Realität nicht. Wo wird da zu wenig gearbeitet? Und wenn ich dann noch das Wort Remigration von der AfD höre, platzt mir der Kragen. Ohne ausländische Kräfte können Sie jedes Pflegeheim und jedes zweite Krankenhaus dichtmachen.Was haben Sie zuletzt eine Maschine erledigen lassen, das Sie selbst besser können?Das ist eine schwierige Frage. Künstlicher Intelligenz darf man nicht zu 100 Prozent vertrauen, finde ich. Aber wir kommen als Gesellschaft nicht drum herum, uns damit auseinanderzusetzen. Wir müssen uns mit den Technologien weiterentwickeln und nicht stehen bleiben, wo wir mal waren. Auf der Arbeit bin ich zum Beispiel umringt von Geräten zur Überwachung, von Beatmungs- und Ernährungsmaschinen. Wenn es die nicht gäbe, wären die Überlebenschancen der Patienten deutlich geringer.Sabine Gross wohnt seit 30 Jahren in Reutlingen.Verena MüllerAb welchem Alter würden Sie einem Kind in Ihrer Familie ein Smartphone in die Hand geben?Ich würde sagen, nicht vor zwölf. Da muss man sich langsam vortasten. Jugendlichen den Internetzugang zu verbieten, halte ich für Schwachsinn. Was verboten ist, reizt umso mehr, und das Verbot wird irgendwie umgangen. Leider erlebe ich aber bei vielen Familien, dass auch schon kleine Kinder freien Zugang zu Geräten haben. Das sehe ich oft im Bus oder im Zug. Damit das Kind ruhig ist, gibt man ihm ein Tablet, auch wenn es vielleicht erst drei oder vier Jahre alt ist. Das ist für die Entwicklung nicht gut. Die Kinder sollten draußen sein und die Natur erleben.Was hat sich in Ihrem Ort in den vergangenen zehn Jahren am stärksten verändert?Ich nehme wahr, dass sich einiges zum Positiven verändert hat. Die Stadt pflanzt ganz viele Bäume, früher wurden die alle abgesägt. Wir haben mittlerweile Trinkwasserbrunnen, und die Barrierefreiheit wird verbessert. Außerdem gibt es mehr Kindergartenplätze, und die Schüler in der Schule kriegen ein Mittagessen. Was mich sehr zuversichtlich stimmt, ist der Zusammenhalt in der Stadt. Die Schwaben sind einfach unheimlich engagiert gegen Rassismus und setzen sich für Diversität ein. Hier gibt es die Aktion „Reutlingen bleibt bunt“, wir gehen zusammen auf die Straße. Weil man in Deutschland Gott sei Dank noch seine Meinung kundtun kann, ohne dass man etwas zu befürchten hat.Würden Sie einer zwanzig Jahre alten Person heute raten, in Deutschland zu bleiben?Ich würde allen jungen Leuten sagen: „Bleibt hier und engagiert euch für unsere Demokratie.“ Neulich war ich in Tübingen unterwegs und bin ein paar Jungs auf dem Parkplatz begegnet. Einer meinte: „Ach, wenn ich Bundeskanzler wäre.“ Da habe ich gesagt: „Sofort kandidieren.“ Wir haben in Deutschland alle Möglichkeiten und müssen etwas daraus machen, nicht weglaufen. Je schlechter es Deutschland geht, desto besser ist das für die AfD.Sabine Gross ist 55 Jahre alt, hat drei erwachsene Kinder und lebt seit 30 Jahren in Reutlingen in Baden-Württemberg. Sie arbeitet als Kinderkrankenschwester, engagiert sich in der evangelischen Kirche in ihrer Gemeinde und ist Mitglied bei den Grünen. Für die Partei saß sie mehrere Jahre im Gemeinderat und im Kreistag. In der Interviewreihe „Sieben Fragen, sieben Antworten“ beantworten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Leserdebattenaktion „Deutschland spricht“ Fragen anlässlich der verschiedenen Landtagswahlen im September.
"Deutschland spricht": Sabine Gross über die AfD, Merz und Remigration
Sabine Gross aus Reutlingen fragt sich, wenn sie unterwegs unter Menschen ist, wer alles AfD wählt. Warum die Kinderkrankenpflegerin kein Vertrauen in den Bundeskanzler hat, erklärt sie in der Interviewreihe „Sieben Fragen, sieben Antworten“.









