Rio de Janeiro wird immer touristischer – doch ein Shoppingcenter und eine Zipline auf dem Zuckerhut, das geht vielen zu weitRios Postkartenmotiv steht unter Natur- und Denkmalschutz. Trotzdem plant der Betreiber der Seilbahnen den Ausbau der Bergstationen. Anwohner laufen gegen das Projekt Sturm – und konnten es vor Gericht stoppen.29.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBlick auf Rio vom Zuckerhut aus.Thomas MilzMit 30 Grad und blauem Himmel grüsst der brasilianische Winter in diesen Tagen die Touristen an der Seilbahnstation des Zuckerhuts. Wer auf den 396 Meter hohen Berg will, braucht aufgrund des grossen Andrangs Geduld. Doch dann eröffnet sich schon bei der Hochfahrt ein grandioser Blick auf Rio de Janeiro.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf dem Zuckerhut erblicken die Besucher allerdings erst einmal grüne Planen, Netze und Bauzäune. «Entschuldigen Sie, die Aussicht ist auf dieser Seite vorübergehend etwas eingeschränkt», sagt der Mitarbeiter der Seilbahnbetreiberin CCAPA. «Wir hoffen, dass bald schon alles fertig sein wird.»Geht es nach der CCAPA, steht den Besuchern bald schon eine Attraktion besonderer Art zur Verfügung. Über vier Ziplines soll es mit 100 Kilometern pro Stunde über eine Seilstrecke von 755 Metern hinab auf den 220 Meter hohen Urca-Berg gehen. Start- und Zielpunkt der Ziplines befinden sich jeweils dicht neben den Seilbahnstationen.Doch Schilder an den Bauzäunen verweisen darauf, dass die Arbeiten seit April per Gerichtsbeschluss gestoppt sind. Bürgerbewegungen hatten gegen die Arbeiten an dem Hügelkomplex geklagt, der unter Natur- und Denkmalschutz steht und Weltkulturerbe der Unesco ist.Es gehe ihnen nicht allein um die Ziplines, erklärt der Umweltaktivist André Ilha. Die Seilrutsche sei nur die «Speerspitze von etwas viel Schädlicherem, einem weiteren Angriff des Betreibers auf die beiden Hügel».Auch die Baustelle auf dem Urca-Berg ist mit Planen abgedeckt.Thomas MilzBaustelle auf dem Urca-Berg unterhalb des Zuckerhuts.Thomas MilzKonkret plant die CCAPA zusätzliche Besucherdecks, darunter auch einige aus Glas – sowohl rund um die Zwischenstation auf dem Urca-Berg als auch rund um die Station auf dem Zuckerhut. Dazu kommen an beiden Stationen neue Laufstege und Gebäude mit Geschäften und Gastronomie.An der Station des Urca-Berges sollen zudem ein Multifunktionstheater sowie ein Erlebnispark in den Wäldern entstehen, auf dem Zuckerhut eine Bar mit Disco-Bereich und ein Spiel- und Kletterpark in den Wäldern. Die bebaute Fläche rund um die beiden Seilbahnstationen würde um rund 50 Prozent wachsen, befürchten die Gegner.Rios weltbekanntes PostkartenmotivNach dem Corcovado-Berg mit der weltberühmten Christusstatue ist der Zuckerhut Rios zweitwichtigstes Postkartenmotiv. Planungen für eine Seilbahn begannen 1908, im Jahr 1912 wurde das erste Teilstück auf den Urca-Berg gebaut, 1913 war dann die Bahn auf den Zuckerhut fertig.Der Rundumblick ist atemberaubend: nördlich das Zentrum von Rio de Janeiro entlang der Guanabara-Bucht, östlich die Öffnung der Bucht zum Atlantik, der sich im Süden fortzieht, bis man westlich die Strände Praia Vermelha und Copacabana sieht. Seit der Eröffnung der Seilbahn bestaunten bereits mehr als 40 Millionen Besucher die Aussicht.Gegen Pläne, die Seilbahnstationen auszubauen, gab es immer wieder Opposition. Bürgerbewegungen verhinderten eine Verlängerung der Bahn bis zur Copacabana. Im Jahr 1991 wurde ein Helikopterlandeplatz auf dem Urca-Berg gebaut, mit der Begründung, ihn für Notfälle zu benötigen. Dies habe als Ausrede gedient, um eigentlich unter Naturschutz stehende Pflanzen und Bäume zu entfernen, sagt der Umweltschützer Ilha. Bald schon wurden von hier aus dann Rundflüge über Rio durchgeführt.Dass die CCAPA 2022 trotz Natur- und Denkmalschutz von der staatlichen Denkmalschutzbehörde Iphan sowie der Direktion des Nationalparks grünes Licht für die Ziplines erhielt, verschliefen die Bürgerbewegungen hingegen. Erst als es zu Bohrungen an den Felswänden kam, formierte sich der Widerstand von Umweltaktivisten und Anwohnern.Laut dem im April ergangenen Urteil muss die CCAPA die bereits getätigten Eingriffe zurückbauen. Gegen das Unternehmen und die Denkmalschutzbehörde Iphan wurde zudem eine Strafe von umgerechnet 4,7 Millionen Franken verhängt. Experten glauben jedoch, dass die Einsprüche des Unternehmens die Justiz noch lange beschäftigen werden.Blick von der Praia Vermelha auf den Urca-Berg (links) und den Zuckerhut (rechts).Thomas MilzTouristen-Hotspot Rio: Auch bei der Christusstatue auf dem Corcovado-Berg drängen sich die Besucher.Thomas MilzRio ist zum Touristen-Hotspot gewordenDie Zipline geniesst das Wohlwollen der Stadtregierung. Diese schätzt, dass die Attraktion dem Zuckerhut jährlich 100 000 Besucher und Rio 85 000 Touristen zusätzlich bescheren würde. Es ist damit ein Projekt ganz nach dem Geschmack des Bürgermeisters Eduardo Paes, der Rio in vier Amtszeiten zu einem Tourismus- und Event-Hotspot ausgebaut hat. Vor einigen Wochen trat er zurück, um für das Gouverneursamt zu kandidieren.Paes holte mit Steuergeldern Stars wie Lady Gaga und Madonna für Gratis-Shows an die Copacabana, übertrug die Verwaltung von Touristenattraktionen wie dem Zoo privaten Trägern und förderte den Bau von Gastronomie- und Shoppingbereichen an berühmten Orten der Stadt. Das Konzept ging auf. So besuchten 2025 rund 12,5 Millionen Touristen die Stadt, 2,1 Millionen von ihnen stammten aus dem Ausland. Das sind doppelt so viele Besucher wie 2016, als in Rio die Olympischen Sommerspiele ausgetragen wurden.Bewohner beklagen jedoch, dass durch die starke Zunahme von Kurzzeitvermietungen über Airbnb Wohnraum immer teurer wird. Die Mieten stiegen in den vergangenen drei Jahren im Durchschnitt um 42 Prozent. Jede dritte Wohnung wird mittlerweile von Ausländern gekauft.Seit 1999 ohne KonzessionDass sich die Stadtverwaltung für die Zipline ausspricht, findet die Architektin Paloma Yamagata von der Bürgerbewegung Zuckerhut ohne Zipline fragwürdig. Schliesslich handle es sich um eine illegale Konstruktion im öffentlichen Raum, sagt sie. Denn der Hügelkomplex untersteht dem brasilianischen Staat. Zudem weist Yamagata darauf hin, dass die Konzession zum Betrieb der Seilbahnen seit 1999 abgelaufen ist. «Überhaupt hatte die CCAPA nur eine Konzession für den Personentransport, nicht für die nun stattfindenden Events.»So nutze die CCAPA die Flächen auf den Bergen nach eigenem Gutdünken, veranstalte dort Konzerte oder stelle die Plattformen für private Events zur Verfügung, sagt Yamagata. Im September 2024 wurde der Zugang zum Zuckerhut für die Durchführung einer Hochzeit gesperrt. Auch die Musikveranstaltungen, die auf dem Urca-Berg stattfänden, seien nicht durch die Konzession zugelassen.Die CCAPA war 1999 gerichtlich gegen die städtische Neuausschreibung der abgelaufenen Konzession vorgegangen. Man sei kein Transportunternehmen, sondern ein im Tourismus tätiges Privatunternehmen und benötige deshalb keine Konzession für den Betrieb der Seilbahnen, lautete das Argument.Erst 2018 entschied Brasiliens Oberstes Gericht, dass es sich bei den Seilbahnen um ein öffentliches Transportmittel handle, und erlaubte die Neuausschreibung. Doch bisher ist die Stadtverwaltung nicht aktiv geworden. Über die Gründe schweigt sie.Fussball im Sand der Praia Vermelha.Thomas MilzDie Praia Vermelha neben dem Zuckerhut.Thomas MilzPassend zum Artikel
Shoppingcenter und Zipline auf Rios Zuckerhut? Projekt sorgt für Proteste
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