Absturzgefahr für Seilbahnen: Projekte zur Verkehrsentlastung der Städte haben es schwerIn Luzern sollen die Touristen statt in Reisecars mit einer innerstädtischen Luftseilbahn anreisen. Das Projekt hat einen schweren Stand, wie gescheiterte Projekte in anderen Städten zeigen.06.07.2026, 17.03 Uhr5 LeseminutenParis verfügt seit Januar 2025 über eine urbane Luftseilbahn, die für Verkehrsentlastung auf der Strasse sorgen soll. Mohamad Salaheldin Abdelg Alsayed / ImagoWer in Luzern Ferien macht, hat rund um die Stadt eine riesige Auswahl an Ausflugsmöglichkeiten mit Seilbahnen. Auf die Rigi, den Pilatus, den Titlis – um nur die bekanntesten zu nennen – führen Luft- und Standseilbahnen modernster Machart. Dazu kommen in der ganzen Innerschweiz diverse Kleinanlagen, mit denen sich ganze Bähnli-Safaris zusammenstellen lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch das ist offenbar nicht genug. Ab dem Jahr 2033 sollen die Touristen aus aller Welt nämlich bereits unmittelbar nach ihrer Ankunft mit einer Seilbahn in die Altstadt der Leuchtenstadt transportiert werden. So zumindest will es das Projekt «City-Link», das im November 2025 mit einer Volksinitiative angestossen wurde.Luftseilbahn kombiniert mit TunnelDie von einer Interessengemeinschaft aus rund zwanzig Privatunternehmen und Organisationen aus der Stadt und der Region Luzern verfolgten Pläne sollen gleich mehrere Verkehrsprobleme lösen. Darunter das Ärgernis Nummer eins: die Cars, die teilweise im Minutentakt Reisegruppen an die touristischen Hotspots bringen, sollen aus der grössten Stadt in der Innerschweiz verbannt werden.So soll die Seilbahn City-Link Luzern auf ihrer ersten Teilstrecke aussehen.PDDas bisher nur auf dem Reissbrett und in Visualisierungen existierende Projekt ist eine Kombination von Tunnel und Seilbahn. Starten soll der City-Link Luzern als oberirdische Luftseilbahn beim Industriegelände Ibach nordwestlich der Stadt. Dort soll ein grosser Parkplatz für Reise-, Fern- und Linienbusse entstehen. Nach rund einem Kilometer in der Luft sollen die Kabinen unter der Stadt Luzern verschwinden.Die Endstation der neuen Bahn liegt nach einem weiteren Kilometer Fahrt in der Altstadt, inmitten der Uhren- und Souvenirgeschäfte. Gewissermassen als Bonus für die Einheimischen soll unterhalb des Kantonsspitals Luzern eine Mittelstation gebaut werden, die das Spital unterirdisch mit dem öffentlichen Verkehr erschliesst. Pro Stunde und Richtung sollen rund 2500 Personen transportiert werden.«Die teilweise unterirdische Linienführung ist ein grosser Vorteil dieses Projekts», sagt Roger Sonderegger, der Präsident der IG City-Link Luzern. «Wir überqueren im Bereich der Innenstadt weder private Liegenschaften noch geschützte Baudenkmäler. Andere Seilbahnen im urbanen Raum sind gescheitert, weil es deswegen Einsprachen gab.» Der Initiant hofft, dass es deshalb weniger Widerstand aus der Bevölkerung geben wird.Sonderegger rechnet mit Gesamtkosten von 150 bis 190 Millionen Franken. Sowohl der Bau wie auch der Betrieb der futuristischen Bahn sollen privat finanziert werden. «Die Initianten möchten die finanzielle Belastung für Stadt und Kanton minimieren», heisst es dazu auf der Webseite der IG City-Link Luzern. Ohne die Unterstützung der Behörden wird die Bahn jedoch nicht abheben. So müsste die Stadt die rechtlichen Grundlagen schaffen, Bauland im Baurecht abgeben und ausserdem die Rechte für die Überfahrt erteilen.Doch diese Vision fällt bei der Stadtregierung durch. Der Luzerner Mobilitätsdirektor Marco Baumann (FDP) bezeichnete das Projekt an einer Medienkonferenz als «sehr verlockend» und «eine originelle Idee», aber auch als unnötig und nicht verhältnismässig. Die Stadtseilbahn sei mit zu grossen Risiken behaftet. Der Stadtrat empfiehlt die Initiative daher zur Ablehnung.Stadt befürchtet hohe BetriebskostenAm meisten Sorgen bereiten den Behörden die Finanzen. Die Stadt Luzern hält es zwar für machbar, dass der Bau tatsächlich privat finanziert werden kann. Sie setzt aber ein grosses Fragezeichen beim Betrieb. Da ein öffentlicher Businessplan fehlt, ist völlig unklar, wie die Seilbahn rentieren soll. Im schlimmsten Fall müsste die Stadt einspringen, die laufenden Kosten übernehmen oder für einen teuren Rückbau aufkommen.Die Stadtregierung ist ausserdem nicht überzeugt, dass die Seilbahn die Verkehrsprobleme löst. Ein neues Parkhaus am Stadtrand wäre allein noch keine Garantie, dass dieses von den Cars auch benutzt würde. Das von der Stadt eingeführte Regime mit Gebühren für Reisecars funktioniere und habe zu einer Abnahme der Fahrten geführt.Sonderegger ist enttäuscht über das schroffe Nein aus dem Rathaus. «Ich hatte gehofft, dass sich der Stadtrat ernsthaft mit unserer Idee auseinandersetzt und uns Auflagen macht, die wir dann erfüllen müssen. Doch nun will er das Projekt einfach abwürgen.» Vom Tisch ist die Luzerner Stadtseilbahn aber noch lange nicht. Da es sich um eine Volksinitiative handelt, werden die Stadtluzerner voraussichtlich im Februar 2027 darüber abstimmen. «Ich bin überzeugt, dass das Projekt in der Bevölkerung durchaus Sympathien hat», gibt sich der Initiant zuversichtlich.Die Talstation der geplanten Zooseilbahn Zürich soll in Stettbach stehen, wie diese Visualisierung zeigt.PDDie Initianten von Stadtseilbahnen mit Erschliessungsfunktion müssen in der Schweiz tatsächlich eine gesunde Portion Optimismus mitbringen. Und ausserdem einen langen Atem. Das gilt nicht zuletzt für ein Projekt in Zürich. Bereits im Oktober 2019 titelte die NZZ «Verkehrs- oder Vergnügungsprojekt? Die unendliche Geschichte der Zooseilbahn». Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 19 Jahre vergangen, seit der Zoo Zürich erstmals seine Vision einer Luftseilbahn vom Bahnhof Stettbach präsentiert hatte.Auch Mitte 2026 ist die Realisierung der Bahn nicht wesentlich nähergerückt. Die Zooseilbahn erlebt ein ähnliches Schicksal wie das Hardturmstadion. Ein Gerichtsurteil folgt dem nächsten, und der Baubeginn rückt immer weiter in die Zukunft. Gegenwärtig ist eine Beschwerde der Stadt Dübendorf, auf deren Gebiet die Talstation zu stehen kommen soll, beim Bundesgericht hängig. Im Stadtteil Stettbach befürchten viele Anwohner ein Verkehrschaos, wenn Autofahrer einen Parkplatz in Fussdistanz zur Talstation der Seilbahn suchen. Noch ist nicht absehbar, wann das oberste Gericht ein Urteil in dieser ewigen Geschichte fällen wird.Die Seilbahn Mi Teleferico ist eine Attraktion in der bolivianischen Hauptstadt La Paz.saiko3p via ImagoAus der Idee, eine Seilbahn über den Zürichsee zu bauen, ist definitiv nichts geworden. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hatte 2017 die Vision, die Landiwiese und das Zürichhorn mit einer 1,4 Kilometer langen Luftseilbahn zu verbinden. Mit dieser Jubiläumsbahn wollte die ZKB ihren 250. Geburtstag im Jahr 2020 feiern. Nach langem Hin und Her wurde das Projekt im Jahr 2022 endgültig begraben.Weltweites ErfolgsmodellNur noch minimal sind die Hoffnungen der Promotoren der Aaregondel. Sie wollen mit einer Luftseilbahn den Hauptbahnhof Solothurn über die Aare in Richtung Osten mit den wirtschaftlichen Entwicklungsfeldern in Zuchwil, Riedholz und Luterbach verbinden. Auch hier führten die Initianten in erster Linie die verkehrsmässige Entlastung ins Feld. Im Jahr 2023 versetzte die Solothurner Kantonsregierung dem Projekt praktisch den Todesstoss. Sie schätzte «den Nutzen der Projektidee als eher gering ein» und fand die «Nachteile würden überwiegen». Ganz aufgeben will der Initiant Reto Paul Grimm aber trotzdem noch nicht.Während in der Schweiz eine Vision nach der anderen scheitert, sind in den letzten Jahren in Paris, Toulouse, La Paz und Bogotá moderne urbane Luftseilbahnen entstanden. Sie dienen nicht dem Tourismus, sondern helfen die täglichen Verkehrsprobleme zu lösen. In Luzern wird nun erstmals das Volk darüber entscheiden, ob ein solches Projekt auch hierzulande eine ernsthafte Chance erhält.Passend zum Artikel