Scherbenhaufen statt Revolution: Die Saudi wollten den Golfsport erobern – jetzt sind sie weg, und LIV Golf kämpft ums ÜberlebenAbgesagter Saisonfinal, unbezahlte Rechnungen und Spieler, die auf Prämien warten: Saudiarabien verabschiedet sich durch die Hintertür von seinem Golfprojekt. Dahinter steckt eine Botschaft auch für andere Sportarten.28.08.2026, 16.57 Uhr5 LeseminutenJon Rahm ist ein Aushängeschild von LIV Golf - der Spanier soll noch auf viel Geld warten und lässt offen, wie lange er noch auf der Tour bleibt.Jerod Ringwald / ImagoEigentlich haben es die Macher von LIV Golf ja immer krachen lassen, das war sozusagen ihre raison d'être, seit sie im Jahr 2021 in die Golfwelt stürmten, mit viel Lärm und viel Geld und einem grossen Versprechen: Den traditionsreichen, aber in ihren Augen auch etwas angestaubten Sport zu revolutionieren, mit neuen Ideen und Formaten. Der Slogan: «Golf, but louder».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gerade neigt sich die Saison ihrem Ende zu, die PGA Tour veranstaltet an diesem Wochenende ihren Saisonfinal. Parallel dazu war auch die Team Championship der LIV Tour angesetzt, in Plymouth, Michigan. Doch auf dem dortigen Golfplatz «The Cardinal» sind in diesen Tagen keine gigantischen Tribünen aufgebaut und auch keine Bühnen, von denen die Zuschauer mit Musik beschallt werden. Das Highlight der LIV-Saison fällt in diesem Jahr einfach weg – «cancelled», aus Geldnot.Es gab Zeiten, da legten weltberühmte DJs an den LIV-Turnieren auf. Lange hatten die Macher so viel Geld, dass sie gar nicht wussten, wohin damit. Es floss ihnen aus den Kassen des saudischen Public Investment Fonds PIF zu. Und LIV verteilte es in die Golfwelt und versetzte diese in Aufruhr.Ein «Golf-Bürgerkrieg» spaltet die SzeneDoch seit der PIF im April ankündigte, LIV Golf über diese Saison hinaus nicht mehr weiter zu finanzieren, sind die goldenen Zeiten vorbei. Und zuletzt jagte eine schlechte Nachricht die nächste, weil der PIF anscheinend auch dieses Versprechen nicht einhält. Diese Woche gab LIV Golf bekannt, dass ein Grossteil der Angestellten bereits Anfang September entlassen werde. Mehrere Unternehmen sind zuletzt vor Gericht gezogen wegen offener Rechnungen in Millionenhöhe, ein Broadcasting-Partner etwa oder die Firma, welche die LIV-App entwickelt hatte.Turniere mussten abgesagt werden, vor dem Saisonfinal auch bereits eines im Juni in New Orleans. Bei anderen wurde das Rahmenprogramm deutlich zurückgefahren oder das Preisgeld reduziert. Auch warten Spieler noch auf Zahlungen, Jon Rahm etwa, der mehrfache Major-Sieger. Zuletzt soll es wegen ausstehender Preisgeld-Überweisungen auch Boykottdrohungen gegeben haben.Der Spanier Rahm ist einer der Golfer, der sich von den saudischen Millionen verführen liess. Als LIV Golf 2022 auf den Plan trat und die traditionelle Golf-Ordnung herausforderte, entzweite das Projekt die Golfwelt in jene, die danach früher oder später dem Lockruf des Geldes folgten, Leute wie Rahm, Phil Mickelson, Bryson DeChambeau oder Cam Smith, Major-Sieger allesamt. Ihnen gegenüber standen die Traditionalisten, angeführt von Rory McIlroy, dem populären Nordiren, und der Überfigur Tiger Woods. Es brach ein Konflikt aus, der bald als «Golf-Bürgerkrieg» bezeichnete wurde. Wie das so ist in Kriegen, musste man sich für eine Seite entscheiden. Und wer sich für LIV entschied, wurde zum Paria.Dafür kamen die LIV-Rebellen in den Genuss der Millionen aus den Staatskassen von Saudiarabien. Allein Rahm soll mit 300 Millionen Dollar auf die neue Tour gelockt worden sein, Mickelson mit 200 und weitere Spieler mit Beträgen von über 100 Millionen. Das alles passierte im Zug der Sportoffensive des staatlichen saudischen Staatsfonds PIF. Dieser investierte in den letzten Jahren in allerlei Projekte, etwa im Tennis, in der Formel 1 oder im Fussball. Das Land wollte damit die Wirtschaft diversifizieren und gleichzeitig den eigenen Ruf verbessern, Stichwort: Sportswashing.Saudiarabien überschüttete LIV Golf mit Geld, doch sein Rückzug zeigt, wie gefährlich Abhängigkeit sein kann.Magnus Wennman / ImagoMehr als fünf Milliarden Dollar sollen über die Jahre allein in das Golfprojekt geflossen sein. Den LIV-Beteiligten ermöglichte das ein Leben, das lange zu gut war, um wahr zu sein. Doch in diesem Frühling kehrte die Realität ein. Da beschloss Saudiarabien – auch wegen des Krieges im Nahen Osten – eine Abkehr von seiner bisherigen Investitionsstrategie. Zu den neuen Direktiven gehört seitdem unter anderem: Weniger Auslandinvestitionen und mehr im heimischen Markt. Und auch: mehr Fokus auf kommerzielle Selbständigkeit und Rendite.Für das LIV-Projekt waren das schlechte Nachrichten. Es soll laut Medienberichten bis zuletzt ein Fass ohne Boden gewesen sein. Das LIV-Konzept – 54 statt 72 Löcher, Golfer, die auch in Teams gegeneinander antreten statt nur für sich spielen – stiess auf wenig Resonanz.Künftig soll seriös gewirtschaftet werdenNun, da die Saudi sich verabschieden, kämpft LIV ums Überleben. Der CEO Scott O'Neil hat ein abgespecktes Konzept mit zehn statt vierzehn Turnieren entwickelt und zuletzt davon gesprochen, dass es künftig um «kommerzielle Disziplin» gehe. Ein Investor soll bereits gefunden sein, die Rede ist von 250 Millionen Dollar, doch finalisiert ist das Geschäft noch nicht.O'Neil ist in einen Teufelskreis geraten. Er braucht die Zusage von neuen Geldgebern, damit er seine Golf-Stars halten kann. Aber um Investoren zu finden, braucht er die Zusage von namhaften Spielern. Zuletzt hielten sich Spieler wie Jon Rahm mit konkreten Aussagen zu ihrer Zukunft zurück. Als Rahm beim vorgezogenen Saisonfinal in Indianapolis gefragt wurde, ob er im nächsten Jahr noch ein LIV-Golfer sein werde, sprach der Spanier lieber davon, dass er nun einen Haarschnitt brauche und heim zu seiner Frau wolle, die bald das vierte Kind erwartet.Wie die Golf-Welt in der neuen Saison aussehen wird, ist derzeit schwer abzusehen. Gibt es LIV noch? Und wenn ja: Dürfen Spieler einer neuen, abgespeckten LIV-Version auch Turniere auf anderen Touren bestreiten? Die europäische DP World Tour plant laut «The Athletic», ein aktuelles Arrangement nicht zu verlängern, das LIV-Golfern die Teilnahme an eigenen Events ermöglicht.Man kann das als Versuch sehen, die Gunst der Stunde zu nutzen und LIV endgültig zu beerdigen. Auf jeden Fall haben sich die Machtverhältnisse drastisch verschoben. Doch was auch immer die Zukunft bringt: LIV hat die Golfwelt nachhaltig verändert. Auch auf den traditionellen Turnierserien in Europa und den USA sind die Preisgelder in den vergangenen Jahren stark gewachsen, anders ging es wegen des Drucks durch LIV gar nicht. Zudem wurden den Spielern mehr Mitsprache gewährt und neue Turnier-Formate eingeführt.Die Ereignisse im Golf halten überdies für die gesamte Sportwelt eine Lektion bereit. Denn sie zeigen, wie schnell Geldflüsse von autokratischen Staaten versiegen können, wenn sich dort die strategischen Prioritäten verändern. Und damit auch, welches Klumpenrisiko eingeht, wer sich von ihnen abhängig macht.Passend zum Artikel