Dafür, dass die LIV Tour immer laut sein wollte, wurde es am Ende ganz schön leise in Indianapolis. Die Lautsprecher, aus denen bei LIV-Turnieren auch Musik dröhnte, während Golf gespielt wurde, sie verstummten am Sonntagabend zum vorerst letzten Mal. Und mit ihnen ein einzigartiges Kapitel der langen Geschichte des Golfsports.„Golf, but louder“, mit diesem Motto hatte sich 2022 ein Sturm angekündigt, der vier Jahre lang eine ganze Sportart beschäftigte: Laute Musik, rauschende Stimmung und Milliarden für alle, das waren die Themen, mit denen das Golf-Start-up eine recht verschlafene, bisweilen elitäre Golfwelt aufweckte. Saudi-Arabien finanzierte den Exzess, als historisch womöglich eindrücklichste Form von Sportswashing und mit sogenanntem „funny money“: Geld, das einfach nur da war, um ausgegeben zu werden. Weltklassespielern (die in vielen Fällen allerdings ihren Zenit überschritten hatten) wurden teilweise dreistellige Millionenbeträge für einen Wechsel auf die LIV-Tour bezahlt, anfangs flog der Tross in einer gecharterten Boeing 747 um die Welt zu Turnieren, Medienberichte tauchten auf über sechsstellige Spesenrechnungen – allein für den Wein. LIV Golf war eine einzige wilde Party. Bis eben die Musik aufhörte zu spielen.Ein kanadischer Datendienstleister verklagte LIV Golf auf 1,1 Millionen US-DollarEs war natürlich nie geplant, dass „LIV Golf Indianapolis“ das Finale werden sollte, eigentlich sollte in der kommenden Woche noch ein Teamevent mit weiteren 40 Millionen US-Dollar Preisgeld ausgespielt werden, das allerdings abgesagt wurde. So fand die letzte Party auf einem unspektakulären Golfplatz inmitten einer Häusersiedlung in einem Vorort einer unspektakulären Stadt im Mittleren Westen der USA statt. Was aber auch irgendwie ins Bild passte: LIV Golf in seiner bisherigen Exzess-Form ist seit einigen Monaten bereits dem Untergang geweiht. Seit dem 15. April, um genau zu sein. Dem verhängnisvollen Tag, an dem der saudi-arabische Staatsfonds PIF beschloss, von einem Tag auf den anderen die Finanzierung einzustellen: Kolportierte fünf Milliarden US-Dollar investierte der PIF in sein Golf-Start-up. Dann endete die Geschichte damit, dass der Fonds-Vorsitzende Yasir Al-Rumayyan öffentlich eine Neuausrichtung zu mehr Investment-Seriosität verkündete und daher im Budget ab September 2026 kein einziger Dollar mehr für die Golf-Tour eingeplant war.Seit einigen Monaten spielen sich nun erneut wilde Geschichten im Hintergrund bei LIV Golf ab, die nichts mehr mit Exzess zu tun haben, dafür aber mit einer Art Abwicklung. Mehrere Verkäufer bei den Turnieren etwa meldeten sich im Magazin Front Office Sports zu Wort und berichteten, dass LIV Golf ihnen ausstehende Summen in Höhe von wenigen Tausend US-Dollar bis hin zu sechsstelligen Beträgen schuldet. Ein kanadischer Datendienstleister verklagte LIV Golf auf 1,1 Millionen US-Dollar, der Vorwurf lautet, dass es sich um eine ausstehende Zahlung handelt. Und dann ist da noch der Fall von Jon Rahm, in dem es um wesentlich mehr Geld geht.PGA Championship:DeChambeau, der Golf-InfluencerBryson DeChambeau wollte schon immer anders sein, und nirgends konnte er das besser als bei der saudischen LIV-Tour. Nun erfindet sich der Trump-Unterstützer wieder mal neu – als Content Creator und Gelegenheitsgolfer.Der Spanier war im Winter 2024 so etwas wie das Kronjuwel Saudi-Arabiens: Für die kolportiere Summe von 450 Millionen US-Dollar Handgeld wechselte die damalige Nummer eins der Weltrangliste die Seiten, verließ seine US-amerikanische Golfheimat, die PGA Tour, und schloss sich der LIV-Tour an. Zwei Saisons lang dominierte er die sportlich weiterhin schwachen LIV-Turniere nach Belieben, verdiente weitere 90 Millionen US-Dollar an Preisgeld dazu – doch laut übereinstimmenden Medienberichten wartet er nun immer noch auf 150 Millionen US-Dollar aus der ursprünglichen Zahlung. Laut dem renommierten LIV-Insider Alan Shipnuck arbeitet die Tour mit den (Ex-)Geldgebern aus Saudi-Arabien gerade an einer Art Abfindungszahlung, die weitaus geringer sein soll als die ursprünglich versprochenen Summen.Das alles, so vermuten Experten, könnte Teil einer Abwicklungsstrategie sein, die womöglich sogar in einen taktischen Konkurs führt. Auch das passt zum veränderten Ton: LIV Golf wird nicht mehr angeführt vom großspurigen ehemaligen Golfer Greg Norman, der mit Saudi-Arabien im Rücken eine persönliche Vendetta gegen das Establishment führt, aber sich schon vor einigen Jahren mit einem goldenen Fallschirm aus dem Projekt verabschiedete. Statt ihm ist nun Scott O’Neil am Werk, ein berechnender Manager, der seit Monaten die schwierige Aufgabe hat, eine Lösung für LIV 2.0 zu finden: Für den Neustart einer Golftour, deren ganze Identität auf saudi-arabischem Geld basierte. Und die nun nach alternativen Finanzierungsquellen sucht.Letztlich geht es für die Tour aber weiterhin vor allem darum, hungrige Münder füttern zu könnenDie New Yorker Private-Equity-Firma „BC Partners“ ist dafür seit einigen Wochen offenbar ein Kandidat, das berichtete unter anderem Bloomberg. Allerdings ist weiterhin unklar, ob es sich wirklich um ein Investment handeln würde oder nur um einen vorgestreckten Kredit, um die Tour im kommenden Jahr am Leben zu erhalten. So oder so geht es von vornherein gar nicht darum, Geld zu verdienen. Das scheint so unmöglich, dass LIV Golf in seinen Werbedokumenten für mögliche Investoren sogar damit wirbt, jedes Jahr große Verluste zu machen, wie die New York Times berichtete. Attraktiv ist das deshalb, weil Investoren diese Verluste steuerlich gegen Gewinne aus anderen, gewinnbringenden Investments aufrechnen können.Letztlich geht es für die Tour aber weiterhin vor allem darum, hungrige Münder füttern zu können: Die Golfspieler, die in den vergangenen Jahren mehr verdienten als jemals zuvor in der Geschichte ihres Sports, sind weiterhin nicht satt. Manche, wie Rahm, deuteten deshalb bereits mehr oder weniger deutlich ihren Abschied an. Andere, wie der Engländer Tyrrell Hatton, der noch den hoch dotierten Team-Wettbewerb gewann, flüchteten am Sonntag geradezu aus Indianapolis: „Ich habe einen Flug zu erwischen“, sagte Hatton und rannte sogar vor dem Champagner weg, der über seinem Kopf verspritzt wurde. Er ist nicht allein: Nur eine Minderheit hat bislang klar verlautbart, im nächsten Jahr weiter auf der LIV Tour 2.0 zu spielen. Laut Shipnuck zählt unter anderem auch Martin Kaymer – Kapitän des Teams „Cleeks Golf Club“ – zu den Spielern, die sich erst alle anderen Optionen für die Fortsetzung einer Karriere anhören möchten, bevor sie eine Entscheidung treffen.Dass diese Optionen wesentlich ertragreicher sind als noch im Jahr 2022, ist für den Sport das wahre Erbe der Unternehmung LIV Golf. Als Saudi-Arabien damals mit irrational hohen Summen die Bühne betrat, musste die alte Golfwelt in den USA auf einmal nachlegen und suchte ihrerseits nach frischem Geld: Die PGA Tour (und damit stets auch die Partnertour in Europa, die DP World Tour) ließ sich die massive Steigerung der Preisgelder der vergangenen Jahre nicht von einem Staatsfonds, sondern von einem Konsortium aus Investoren namens „SSG“ finanzieren: Bislang mit 1,5 Milliarden US-Dollar, aus denen in den kommenden Jahren bis zu drei Milliarden werden könnten. Das Geld findet jedenfalls einen unmittelbaren Weg in die Taschen der Spieler: Beim PGA-Tour-Saisonfinale am kommenden Wochenende in Atlanta wird nun um insgesamt 40 Millionen US-Dollar gespielt, eine Rekordsumme. Die allerdings auch nicht folgenlos bleibt.LIV Golf, die PGA Tour, die DP World Tour, selbst die kleinere, asiatische Tour: Mit Ausnahme der vier Major-Turniere ist der gesamte Golfsport inzwischen nicht mehr in den Händen der Sportexperten, sondern der großen Finanzwelt. Und so wie sich Saudi-Arabien einst einen sogenannten ROI, einen Return on Investment, in Form von Aufmerksamkeit erhoffte, so erhoffen sich die US-Investoren einen finanziell lukrativen Sport. Dem Beispiel der hochgradig profitorientierten American-Football-Liga NFL soll auch der Golfsport nachjagen und sich weitgehend im Sinne der Wall Street entwickeln. Die Financial Times berichtete, dass gar keine heilige Kuh mehr heilig ist und sogar die 50 Prozent des Ryder Cups, die nicht den Europäern gehören, aufgekauft werden könnten. Dabei ist der Ryder Cup derzeit eine Art letzte Bastion der gesamten Sportart Golf: Nur beim Länderkampf zwischen Europa und den USA geht es für die Spieler nicht um große Preisgelder, sondern um den Wettbewerb an sich.„Man merkt irgendwann, dass die (PGA) Tour eigentlich ganz gut war, bevor LIV aufgetreten ist“, sagte Rory McIlroy schon im Juni. Der Nordire war stets erklärter Gegner und ultimatives Feindbild der LIV-Spieler und hat doch wie die große Mehrheit der Golfspieler auf Umwegen vom Exzess profitiert, den die laute LIV Tour mit sich brachte. Ob die Stille, die nach dem Ende der Musik in Indianapolis erst einmal einkehrt, den Weg zurück zu der Normalität sein kann, der McIlroy und viele andere inzwischen sehnsüchtig hinterherblicken, ist allerdings offen.
LIV Golf: Die größte Blase im Weltsport ist geplatzt
Nach dem Saisonfinale in Indianapolis wird das aus Saudi-Arabien finanzierte und milliardenschwere Golf-Projekt abgewickelt.











